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17.12.2004
Kindergarten für kleine Genies
Integrative Förderung von hochbegabten Kindern im Vorschulalter
Von Anke Spiess

Frühförderung in der Vorschule (Bild: AP-Archiv)
Frühförderung in der Vorschule (Bild: AP-Archiv)
Hilfe, mein Kind ist anstrengend und gar nicht so wie Altersgenossen, denken viele Eltern hochbegabter Kinder. Oft erkennen sie die besonderen Fähigkeiten ihrer Sprösslinge nicht. Dabei ist gerade das sehr wichtig, damit die Wunderkinder auch entsprechend gefördert werden können. So wie im nordrheinwestfälischem Remscheid, wo die Stadt einen integrativen Kindergarten für besonders schlaue, normal begabte und behinderte Kinder betreibt.

Laura ist erst fünf und sie liebt alles, was mit Musik zu tun hat. Sie spielt nicht nur Klavier und Geige, sie tanzt auch leidenschaftlich gerne Ballett und HipHop. Laura ist wissensdurstig und braucht ständig neues Futter für den Kopf. Schon früh wurde ihrer Mutter Karen Makowski klar, dass Laura anders ist als andere Kinder

Zunächst mal kam mir seltsam vor, dass sie Dinge tat, die andere Kinder in dem Alter nicht machten. Zum Beispiel konnte sie sehr früh sauber singen. Sie konnte den Ton halten und die Tonspanne von fünf Tönen hat sie sehr schnell überschritten.

Für uns war's am Anfang nicht einfach, zu erkennen, dass das Kind anders ist als andere Kinder, wir mussten uns darauf einstellen, dass sie viel Aufmerksamkeit braucht, viel Anregung, besonders, was den Kopf betrifft, und das hat uns natürlich Sorgen gemacht.^


Sorgen auch über die Fähigkeit der kleinen Laura, "weiterzudenken". Während andere Kinder sorglos dem Alltag begegnen, ohne an Folgen ihres Tuns zu denken, haben Hochbegabte wie Laura oft regelrechte Panikattacken.

Dass sie, wenn sie über die Strasse ging, Angst hatte, dass vielleicht ein Auto kommen könnte, auch wenn weit und breit keins zu sehen war. Sie stellte sich vor, was wäre wenn.

Zum Beispiel konnten wir sie kaum baden, sie fing dann an zu schreien wie am Spieß, wenn sie irgendeinen kleinen Fussel entdeckte oder ein Haar in der Badewanne. Sie meinte dann, es wären Ameisen oder Schlangen oder sie hatte Angst, runtergespült zu werden, obwohl der Stöpsel drinsteckte.

Oder die Angst einen Berg runter zu gehen. Da überlegte sie sich, dass sie vielleicht stolpern könnte, runterfallen könnte. Wir haben einen Bollerwagen gekauft, haben sie da rein gesetzt. Aber sie hat sich trotzdem nicht den Berg hochziehen lassen, denn sie hatte Angst, wir könnten den Wagen loslassen. Dann ist sie lieber den steilen Berg zu Fuß raufgegangen.


Doch damit nicht genug, auch Nachbarn, Verwandte oder andere Eltern reagieren oft nicht besonders freundlich auf hochbegabte Kinder. Sie glauben, dass die Kinder von ihren Erziehungsberechtigten regelrecht gedrillt werden, manche sind neidisch, andere eifersüchtig. Das macht einsam erinnert sich Lauras Mutter

Einfach weil dieses Unverständnis da ist, auch weil oft gesagt wird, das Kind ist hochbegabt, spiel lieber nicht mit ihr, such jemanden anderes.

Probleme, die Hanna Vock kennt. Sie hat das Institut für integrative Frühförderung von hochbegabten Kindern in Bonn gegründet und berät Kindergärten und Schulen. Im Remscheider Kindergarten schult sie die Kindergärtnerinnen im Umgang mit den kleinen Schlaumeiern. Sie weiß aus ihrer langjährigen Erfahrung, dass Hochbegabte, die nicht gefördert werden, im Leben scheitern können.

Wenn das nicht erkannt und nicht befriedigt wird, dann kann sehr viel schief laufen. Dann kann passieren, dass das Kind dauerfrustriert ist und es wird aggressiv oder depressiv. D.h., es zieht sich zurück, wird still, oft ist es bei Mädchen der Fall, die sich dann anpassen und ihre eigenen Ansprüche zurückschrauben. Das ist genauso traurig und schade, wie wenn ein Kind aggressiv wird und sich nur noch durch Stören und Kaspern bemerkbar machen.

Um das zu verhindern, läßt die Stadt Remscheid neun Erzieherinnen von Hanna Vock ausbilden. Der Ansatz ist die Integration. Im gemeinsamen Aufwachsen profitieren alle. Die Leiterin des Kindergartens, Kerstin Biedebach, ist begeistert von diesem Konzept.

Damit haben die Kinder die Möglichkeit, die anderen Kinder mit ihren Interessen und Fähigkeiten kennen zu lernen. In der Gesellschaft leben die immer auch mit anderen Menschen, unterschiedlichen Charakteren, Nationalitäten. Das sollen diese Kinder erfahren. Das ist ja nicht nur für Hochbegabte wichtig, das ist für alle wichtig.

Hochbegabte brauchen besondere Förderung (Bild: AP)
Hochbegabte brauchen besondere Förderung (Bild: AP)
Von der Forderung, Hochbegabte in Eliteeinrichtungen oder Internaten, getrennt von normal Begabten auszubilden, hält Hanna Vock nichts. Damit nehme man den Kindern einen Teil ihrer Kindheit, meint sie. In ihrem integrativen Konzept geht es eben nicht darum, einseitig Leistungen zu züchten, sondern darum, alle Möglichkeiten des Kindes zu fördern. Und dabei ist der gemeinsame Kindergartenalltag wichtig.

Die Kinder spornen sich gegenseitig an. Normal begabte Kinder lassen sich vom Wissensdurst und Ideen der Hochbegabten anstecken. Umgekehrt lernen auch sie von ihnen. Außerdem können sich Hochbegabte mit ebenbürtigen Kindern messen. Werden aber auch mit Altersgenossen konfrontiert, die eine geistige oder körperliche Behinderung haben. Heute haben sich Laura und andere Knirpse im Kindergarten Buchstaben gewünscht. Manche Kinder malen ein A und verzieren es mit bunten Farben.

Das interessiert Laura nicht. Sie ist eine regelrechte Buchstabensammlerin und schreibt schon lange komplette Wörter

Da hat die Mama mir mal einen Zettel gemacht und dann liest die mir vor, was ich schreiben und legen soll. Zum Beispiel die Mama sagt jetzt Elefant und dann mache ich das mit den Buchstaben.
Frage: Kannst Du auch schon lesen?
Ich übe gerade.

Auch der kleine Leo gilt als hochbegabt. Mit drei hat er den kindergarteneigenen Schachclub gegründet. Heute ist er sechs und nimmt es auch schon mal mit Älteren auf, Kerstin Biedebach hat die Anfänge der Schachkarriere miterlebt.

Die Milena hatte ein kleines Schachbrett mitgebracht und das hat die Kinder neugierig gestimmt, auch den Leo. Wir stellten fest, dass er schon Schachzüge nachvollziehen konnte. Damit hat alles angefangen, mit dem Schachclub für dreijährige, bzw. vierjährige Kinder in unserer Einrichtung. Daraus resultierte eine 5er Gruppe, die unbedingt einen Schachclub machen wollten.

Sie haben ein eigenes Schachbrett erstellt, Figuren erstellt - haben ihre Eltern eingeladen, einen offiziellen Schachclub besucht. Heute kommt jemand, der professionell Schach mit ihnen spielt.


Einmal in der Woche kommt seitdem ein richtiger Schachlehrer in den Remscheider Kindergarten Sedanstrasse. Und der gibt zu, dass er am Anfang ganz schön verblüfft war von den Strategien der Kleinen. Dass er auch mal eine Partie gegen einen Dreikäsehoch verliert, stört ihn nicht.

Schachbegeistert mit drei, mathematisch genial mit fünf oder wortgewandt mit vier ein halb. Im städtischen Kindergarten findet jedes Kind seinen Platz und seine spezielle Förderung. Kerstin Biedebach:

Die vorhanden Wissensgier der Hochbegabten verlangt gestillt zu werden (Bild: Wissenschaft im Dialog)
Die vorhanden Wissensgier der Hochbegabten verlangt gestillt zu werden (Bild: Wissenschaft im Dialog)
Eine kann besonders gut lesen und schreiben, die nächste kann sehr gut musizieren, spielt Geige und Klavier. Der Leo ist im sozialen Bereich sehr fit, übt sehr viel Gerechtigkeit aus und natürlich das Interesse für Schachspielen. Und ein dreijähriges Kind, das sich sehr mit Zahlen auseinandersetzt. Momentan sammelt das Kind Zahlen. Das Kind interessiert sich für Zahlen und geht auf Entdeckungsreisen: Wo finde ich Zahlen, im Geschäft, Zahlen auf dem Telefon, auf Nummernschildern. Die haben sich ein Detektivbüro eingerichtet, wo sie Zahlen lernen.

Wir möchten den Kindern die Stärke geben: Du bist richtig so, wie Du bist, wir akzeptieren Dich so, wie du bist. Wir schätzen Dich wert als hochbegabtes Kind und profitieren von Dir und Du profitierst von den anderen und von uns.


Wird eine Hochbegabung nicht erkannt oder nicht gefördert, kann es später zu schweren Störungen kommen. Die Kinder werden verhaltensauffällig, kommen mit Altersgenossen nicht klar, isolieren sich, sacken in ihren schulischen Leistungen ab, landen möglicherweise sogar auf einer Sonderschule, weiß Hanna Vock:

Die ständige andauernde Unterforderung kann zu Problemen des Kindes führen. Das kann sich so äußern, dass das Kind aggressiv wird, kaspert oder sich zurückzieht und depressive Verstimmungen erleidet. Und damit das erst gar nicht passiert, ist es wichtig, Unterforderung erst gar nicht zuzulassen.

Dafür ist die Schulung der Mitarbeiterinnen natürlich eine wichtige Voraussetzung. Drei Jahre dauert diese spezielle berufsbegleitende Ausbildung, die Hanna Vock anbietet. Neun Remscheider Erzieherinnen nehmen an den Kursen des Bonner Institutes teil. Neben der Theorie spielen natürlich der praktische Umgang mit den unterschiedlichen Begabungen und die Arbeit mit den Eltern eine wichtige Rolle.

Nach drei Jahren erhalten die Remscheiderinnen ein Zertifikat und dürfen sich "Fachkraft zur Hochbegabten-Erzieherin im Vorschulbereich" nennen. Zum Teil finden die Seminare im Kindergarten statt. So kann sich Hanna Vock vor Ort ein Bild machen und die Erzieherinnen gezielt beraten.

Frau Vock malt eine Skizze, sie erklärt, wie man das Kind fördert, wenn es sich langweilt. Das Kind macht nicht mit, macht Quatsch dann sagen wir, okay, dann beschäftigen wir uns mit dem Kind mit anspruchsvolleren Dingen, damit wir die besonders begabten Kinder noch erreichen.

Eliteförderung, damit hat das, was wir hier machen nichts zu tun. Es hat damit zu tun, den Kindern die anders sind, andere Bedürfnisse haben gerecht zu werden. D.h., deren Interessen, Erkenntnisinteressen, Lerninteressen, andersartigen Spielinteressen aufzugreifen und entsprechend Bedingungen zu schaffen, damit sie das lernen können.


Bei Hochbegabten muss die Förderung schon im Kindergarten beginnen. (Bild: AP)
Bei Hochbegabten muss die Förderung schon im Kindergarten beginnen. (Bild: AP)
Die Stadt Remscheid hat erkannt, dass Hochbegabung nicht erst in der Schule anfängt, dass die Weichen schon im frühstem Kinderalter gestellt werden. 14.000 Euro lässt sich die Stadtverwaltung die besondere Ausbildung ihrer Erzieher kosten. Für Peter Nowack, zuständig für städtische Kindertagesstätten, eine große Herausforderung:

Wir hier in Remscheid, genauso wie bundesweit, denken nach Pisa ein bisschen anders und haben uns entschlossen die Situation, die in Pisa deutlich wurde, dem etwas entgegenzustellen und unterschiedliche Förderbedarf unterschiedlich aufzugreifen. Hochbegabte Kinder brauchen ein speziellen Förderbedarf und wir schätzen, dass in Remscheid ca. 70 Kinder mit Hochbegabung erkannt oder noch nicht erkannt sind und wir wollen uns dieser Herausforderung stellen.

Wir versuchen hier mit unserem viergruppigen Kindergarten in der Sedanstraße einen integrativen Standort für Hochbegabung zu schaffen. Wenn Kinder in anderen Einrichtungen untergebracht sind, werden wir von hier aus in die anderen Einrichtungen vermittelnd und beratend tätig werden, um die Kinder auch dort in ihrem sozialen Gefüge belassen, wo sie sich eingelebt haben.


Lauras Mutter ist froh, dass sie diesen Kindergarten für ihre Tochter gefunden hat

Hier geht es ihr jetzt sehr gut. Sie hat sich an die vielen Kinder gewöhnt und hat ja auch eine Freundin, die gleich stark ist vom Kopf her. Es ist natürlich 'ne große Konkurrenz, die gucken immer, was kann der ein oder andere besser und sie schimpft auch wie ein Rohrspatz. Aber sie fühlt sich trotzdem sehr wohl. Denn die Erziehrinnen arbeiten sehr gut mit ihr, dass sie sie vom Kopf her richtig ansprechen.

Sie hat kaum noch Ängste, sie geht auf andere Kinder zu. Sie bestimmt zwar meist das Spiel, aber kann sich auch in die Gruppe sehr gut einfinden.


Doch bald wird Laura ihren Kindergarten verlassen müssen und wieder stellt sich die Frage für Karen Makowski, welche Schule wohl für ihre Tochter in Frage kommt. Denn nur wenige deutsche Gymnasien und noch weniger Grundschulen bieten eine besondere Förderung für Hochbegabte.

Peter Nowack von der Stadt Remscheid hat der Familie versprochen, sie zu unterstützen. Für ihn ist es eine logische Weiterführung, dass es in Sachen Hochbegabte auch nach dem integrativen Kindergarten weitergehen muss. Gespräche mit Direktoren hat er bereits geführt.



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