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14.12.2004
Die große Sehnsucht: Harre Krishna
Auf der Suche nach dem richtigen Weg?
Von Susanne Nessler

Harre Krishna Anhänger, so genannte Devotees, bei einer Friedensdemo in Bhubaneswar, Ostindien. (Bild: AP-Archiv)
Harre Krishna Anhänger, so genannte Devotees, bei einer Friedensdemo in Bhubaneswar, Ostindien. (Bild: AP-Archiv)
Wohin soll es gehen? Je größer die Stadt, desto intensiver die Suche nach dem Sinn des Lebens. In Berlin haben im Stadtteil Prenzlauer Berg innerhalb von sechs Monaten drei neue Krishna Zentren eröffnet. Geistig ist im Osten Berlins gerade ein bisschen Wildwest-Stimmung. Räucherstäbchen verkaufen sich gut, Yogakurse sind ausgebucht und junge Menschen in Orangefarbenen Gewänder verschenken Süßigkeiten auf der Straße. Was zieht die Menschen zu den indischen Tempeldienern?

Ich bin hier, um meiner Spiritualität Raum zu geben.

Berlin Prenzlauer Berg, Hinterhof, Souterrain. Hier treffen sich Menschen auf der Suche. Heute sind es knapp 40 Personen; sie singen indische Gotteslieder, zünden Räucherstäbchen an, läuten Glöckchen …

Es ist halb sieben am Abend mitten in der Woche. Die meisten tragen einfach Alltagskleidung, Jeans, T-Shirt, Pullover. Ein paar haben sich in weiße Tücher gehüllt. Vor der Tür stapeln sich die Schuhe, denn in den Tempel kommt man auf Socken oder barfuss.

Prediger: Ja, das bringt alles Glück, aber nur zeitweilig, weil alles dieses lenkt uns ab von der Wahrheit und der Realität. Wenn jemand reich ist, dann ist das eine Ablenkung.

Server Havenar ist indischer Geistlicher. Seit zwei Stunden redet er über Leben, Liebe, Reichtum, Leid, Geist und Glaube.

Wie lange können wir den Glück oder den Leid ausdehnen? Nicht den ganzen Leben, das geht nicht!

Die 40 Frauen und Männer sitzen auf Matten im Schneidersitz um ihn herum. Die meisten lächeln und hören aufmerksam zu.

Christiane: Es hat was Wahres, was Pures, was Menschliches nicht soviel Oberfläche - das zieht mich an. Außerdem sind die alle so nett.

Thomas: … Es war ein gewisser Durst, ein Durst nach einem Getränk, was ich noch nicht kannte und das ist Spiritualität.

Anne: Und da sucht man logisch weiter, weil man hat im Herzen so die Sehsucht nach der Wahrheit oder die Suche nach dem Absoluten.

Die Sehnsucht, ihr wahres Ich zu finden, hat die meisten hierher gebracht. Menschen mit ganz unterschiedlichen Lebenshintergründen, die nach einem neuen Bewusstsein suchen. Alle bisherigen Erfahrungen haben diese Sehnsucht nicht ausreichend befriedigen können. Wer hier ist, sucht nach einem Rezept für ein besseres, ein intensiveres, für ein anderes Leben. Um Religion geht es dabei nur am Rande.

Christiane: Ich bin total auf der Suche in den letzten Monaten und ich merke, dass es mich hier herzieht, weil ich noch nicht so viele Alternativen habe. Also ich habe auch schon noch andere Sachen mit Freunden, also ich mag eigentlich eher so die Indianische Richtung, aber ich finde es auch schön hierher zu kommen.

Christiane ist 23 Jahre alt. Hat eine kleine Tochter, lebt alleine und besucht seit einem halben Jahr regelmäßig den Krishna Tempel. Sie ist nicht unglücklich, hat viele Freunde, kommt finanziell gut über die Runden und trotzdem, irgendetwas fehlt, sagt sie.

Christiane: Ich kann es nicht genau definieren, es ist aber schon eine Suche nach Erfüllung, ich fühl mich schon oft leer. Früher habe ich geraucht und getrunken und das mache ich nicht mehr, seit ich eine Tochter habe, aber dadurch ist auch eine Leere entstanden. Und bin auf der Suche, auf der Suche nach dem Sinn des Lebens.

Das die Sinnsuche sich zurzeit besonders stark im Bezirk Prenzlauer Berg ausbreitet, hat zum Teil mit der Bevölkerungsstruktur im Viertel zu tun. Die eine Hälfte der Menschen hier ist Single, die andere Hälfte sind junge Familien. In keinem anderen Bezirk Berlins gibt es mehr Ein-Personen-Haushalte und gleichzeitig eine so hohe Geburtenrate.

Wer hier lebt, ist Anfang bis Mitte 30, meist zugereist, hat studiert und war bei einem der vielen Startups mit dabei. Jetzt sind er oder sie oder sie und er arbeitslos. Die vielen Kinderwagen im Viertel sind eine Folge, die neuen Meditationszentren eine andere. Was kommt jetzt, wie geht es weiter?

Die Aufbruchstimmung ist verflogen, alle Partys irgendwie schon mal gefeiert. Das neue Jahrtausend ist kaum fünf Jahre alt, aber etwas wirklich Neues ist nicht passiert. Im Gegenteil. Nach jahrelangem Aktionismus und zahlreichen Pleiten erscheint die Suche nach etwas Tieferem, etwas Geistigem fast zwangsläufig.

Das ist zwar toll gewesen, dass wir das alles machen durften, aber es ist nicht das Wesentliche. Das ist einfach eine Übersättigung. Ich bin froh diese Erfahrung gemacht zu haben.

Denn es gibt in dem Nicht-materiellen bestimmte Erfahrungen, die einfach so befriedigend sind, was dir kein Fernseher, was weiß ich, Klamotten, kein Geld, kein Aktiendepot oder sonst was geben kann. Noch nicht mal Sex, wobei ich das auch gut finde …


Thomas ist 38 und ein klassischer Fall. Seit anderthalb Jahren schon besucht er zusammen mit seiner Freundin Tanja regelmäßig die Krishnas. Beide suchen nach einem neuen Lebensgefühl.

Sie sind ausgestiegen aus ihrem bisherigen Leben. Ganz bewusst und radikal haben sie die Stadt, die Wohnung, ihre Jobs und ihren Freundeskreis gewechselt.

Thomas: EDV, wir waren in der IT Branche, gutes Geld eigenen Dienstwagen, BMW, Freude am Fahren, Karriere gemacht, die klassische und die Freunde haben uns für verrückt erklärt, wie könnt ihr das jetzt alles aufgeben nach zehn Jahren, was habt ihr euch alles aufgebaut und das wollt ihr jetzt einfach aufgeben?

Irgendetwas hat klack gemacht, von einem Tag auf den anderen, sagt Tanja. Ganz plötzlich fand sie ihr altes Leben sinnlos, mit Mitte 30. Die Klassische Frage: Das soll schon alles gewesen sein?

Plötzlich war da der Krishna-Anhänger mit dem Buch auf der Straße und erzählte von dem anderen, dem echten Bewusstsein.

Tanja: … der hat da gesessen und Bücher verkauft und normalerweise halte ich da nie an, sondern lächle nur und gehe vorbei oder denk mir: "Na ja, der arme Kerl", aber irgendwie hat er meine Seele berührt, irgendwas ist passiert. Ja, so hat das angefangen.

Typisch für Berlin. Die Stadt war die letzten 100 Jahre schon oft der Ort für Aussteiger, Umsteiger und Sinnsucher. Das heißt nicht, dass es die nicht auch anderswo in Deutschland gibt, aber wer viele davon treffen will, muss nur nach Berlin fahren. Unter knapp vier Millionen Menschen finden sich immer ein paar Gleichgesinnte und den entsprechenden Kurs oder Tempel hat man schnell voll. Früher traf man sich dazu in Kreuzberg, heute findet die Selbstfindung ein paar Kilometer weiter am Prenzlauer Berg statt.

Prediger: Für eine Person, die ernsthaft ist und die tiefere Bedeutung des Lebens finden will, ist spirituelles Leben ein normales Leben.

In jeder Großstadt finden sich vermehrt Sekten und Glaubensgemeinschaften. London, Paris, New York, Berlin ist da keine Ausnahme. Wo viele Menschen leben, sind viele auf der Suche. Und wo viele Menschen leben, sind auch viele Menschen alleine.

Die Krishnas wohnen nebenan, sind nett, immer glücklich, und sie sagen, das kannst du auch. Komm vorbei, wir zeigen dir, wie das geht.

Clas: Anfangs war eigentlich nur Neugierde, wollte alles mal so kennen lernen, was es so gibt, und Indien hat mich interessiert und Harre Krishna, da hatte ich schon viele Kontakte, wusste aber nicht so wirklich, was da hinter steckt und ich hab mich halt für alles mögliche interessiert, Esoterik, Religion, Philosophie und bin dann irgendwann hier gelandet und habe einen Vortrag gehört und dann plötzlich gemerkt, das da eine innere Sehnsucht nach etwas da ist, was man nicht wirklich definieren konnte.

Das wurde dann klarer, es hat einem was gefehlt, Tief im Inneren habe ich mich immer sehr allein gefühlt, hatte zwar viele Freunde und auch eine Freundin, mit der ich sehr engen Kontakt hatte, tief im Herzen in letzter Instanz war ich aber immer ganz alleine. Bis ich hier gelandet bin und bei einem Vortrag gehört hatte, einen ganz prägnanten Punkt: Gott ist bei dir im Herzen. Da ganz tief drin da bin ich gar nicht allein, da ist immer noch jemand dabei. Das hat mein ganzes Leben verändert, dieser Punkt, das zum ersten Mal zu hören.


Clas ist einer der wenigen, für den aus der Sinnsuche eine neue Religion geworden ist. Er ist jetzt Mönch im Tempel. Seit 18 Monaten wohnt er mit 7 weiteren Mönchen neben den Gebetsräumen, trägt orange und beginnt morgen um 4.30 seinen Tag mit Meditation.

Am Anfang war ich natürlich geschockt, als der Clas sagte, du Nicole, ich zieh aus, in den Tempel. Aber dann haben wir geredet und ich habe mich für ihn gefreut. …… Und ich war auch mit den Devotees in Indien. Das war eine tolle Erfahrung.

Die Entscheidung kam überraschend, sagt Nicole. Sie ist Clas' Freundin, hat mit ihm zusammen nach neuen Bewusstseinserfahrungen gesucht. Soweit wäre sie persönlich sicher nicht gegangen.

Clas ist die Ausnahme. Er hat für das Gefühl von emotionaler Sicherheit sein Leben komplett umgekrempelt. Er hat seinen Weg gefunden, sagt er. Zumindest für die kommenden zwei Jahre, denn solange dauert seine Zeit im Tempel noch.

Für alle anderen ist die Sinnsuche im Tempel ein Teil oder Abschnitt ihres Lebens, in dem sie sich intensiver mit sich selbst beschäftigen. Das "Warum" oder "Was kommt danach", ist keine neue Frage, nur eine zurzeit intensiv gestellte, sagt Christiane.

Christiane: Ich denke, dass wir einfach in einer Zeit leben, wo wir nicht mit so vielen anderen Dingen beschäftigt sind, weder mit Krieg noch mit Überleben. Weil ich hab auch eine zeitlang auf dem Land gelebt, auf einem Bauerhof gearbeitet, und für die ist das schon noch anders, die arbeiten von Morgens bis abends und da bleibt nicht viel Zeit, das ist hier wirklich anders, obwohl die wirtschaftliche Lage schlechter wird, dennoch haben wir soviel Zeit und gerade auch junge Leute.

Nach vielen Süßigkeiten bekommt man Hunger auf etwas Salziges. Und die Antwort auf komplizierte Fragen wird gerne weit weg vom eigentlichen Geschehen gesucht. Das schafft zum einem Distanz, und macht es für den einzelnen leichter. Und zum anderen lässt es immer auch die Möglichkeit offen, keine Antwort auf seine Fragen zu finden.

Was haben wir gefunden? Vielleicht ein bisschen mehr Selbstliebe, Bewusstsein über mich selbst, wie ich reagiere, wie ich vielleicht auch Menschen verurteile, weil ich es einfach früher so gewohnt war oder war unsicher, unter Umständen vielleicht auch unreif, und das obwohl ich schon 38 bin.

Auch Großstadtkinder wollen irgendwann erwachsen werden. Nur wie genau, das müssen sie noch herausfinden.

Christiane: Also, ich bin eigentlich noch auf der Suche nach was anderem, was sich noch freier anfüllt, irgendwie finde ich es noch begrenzt.
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