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21.12.2004
"Von daher bin ich so eigentlich ganz glücklich hier"
Die ersten Hafenarbeiterinnen in Hamburg
Von Anette Schneider

Ein so genannter "Van Carrier" fährt im Hafen Hamburg durch Reihen aus tausenden von Containern (Bild: AP)
Ein so genannter "Van Carrier" fährt im Hafen Hamburg durch Reihen aus tausenden von Containern (Bild: AP)
"Hafenarbeit ist nur was für Männer" - trotz dieses Vorurteils gibt es jetzt die ersten Frauen, die im Hamburger Hafen Container be- und entladen. Dabei schweben sie in ihrem Kran 45 Meter über dem Boden, um die Waren umzulagern - und sind trotzdem ganz bodenständig.

Ausbilder: "Hafen ist Männersache."

Hafenrundfahrt: "Hier an der Backbordseite ist reines Containergebiet, bis nach Waltershof. Flächenmäßig größer als das Fürstentum Monaco."

Diana: "Hafen ist immer noch so ein bisschen das Klischee: Wir werfen Kaffeesäcke und schleppen Bananenstauden..."

Ausbilder: "Frauen haben im Hafen nichts verloren!"

Diana Mertens arbeitet im Hafen.

Diana: "...Und dass wir hier einfach nur noch Container bewegen, dass es im Grunde genommen..., wie so eine große Legostadt sieht das aus. Und in den Containern, dass wir das nicht reinpacken, sondern dass wir wirklich nur noch Container umschlagen, das muss man immer erklären."

Hafenrundfahrt: "Was früher 150 Hafenarbeiter gemacht haben, machen heute zwölf. Nur schneller und billiger. ... Hier an der Steuerbordseite ist ein Schiff, das kann 6200 Behälter der 20-Fuß-Kisten mitnehmen. Hier schafft so ein Containerkran oder eine Containerbrücke 50 Container in der Stunde von und an Bord zu nehmen. "

Ausbilder: "Hafen ist Männersache."

Diana: "Das erste Mal als ich oben war hab ich auch gedacht: "Na ja, verdammt hoch der Vogel!" mittlerweile ist das überhaupt gar kein Problem mehr... "

Diana Mertens ist eine von zwei Containerbrückenfahrerinnen im Hamburger Hafen. Sie arbeitet in 45 Meter Höhe.

Diana: "... Wir fahren jetzt also zwei Stunden. Danach haben wir dann Pause, dann wieder zwei Stunden. Und das sind dann eben halt wirklich zwei Stunden, wo man aufpassen und sich konzentrieren muss, weil eben: Ein Fehler kann hier Leben kosten. Das ist einfach so. Das muss man sich immer wieder vor Augen halten und dementsprechend bewusst auch arbeiten."

Ausbilder: "Frauen gehören nicht in den Hafen. "

Diana: "Mein Vater ist seit Jahr und Tag hier Lascher, Containerbefestigung ist das. Und die fingen an, die ersten Frauen hier einzustellen. Und darauf haben wir uns dann eben entschlossen, 'ne Bewerbung zu schicken. Und dann hat's ja auch geklappt, 'ne?"

Nikole: "Ich seh' das so, dass das ein relativ zukunftssicherer Job ist, im Gegensatz zum Großhandel, wo ich rauskomme. Ich verdiene auch nicht viel anders als in meinem anderen Job..."

Seit kurzem arbeitet auch Nikole Rugenstein im Hafen.

Nikole: "...Und ja, war knapp ein Jahr arbeitslos. Im Kaufmännischen hab' ich, egal was, nichts gefunden, und hab' mich dann hier beworben, und bin glücklich, dass ich das hier geschafft habe."

Ausbilder: "Sollen zuhause am Herd bleiben und Kartoffeln schälen, Wäsche waschen."

Diana: "Man durchläuft so einige Testphasen, wo auch Höhenangst, Sprachproben über Funk etc. enthalten sind. Und dann also..., so Zugmaschinen wird da ausgebildet. Dann eben halt Decksmann... "

Ausbilder: "Muss ich mal so sagen: Frauen gehören nicht "

Diana: "... Und so langsam wird das dann so gestaffelt, dass man das eine oder andere Gerät dazu bekommt. Eben halt den Van-Carrier oder die Containerbrücke. "

Ausbilder: "Frauen gehören nicht in den Hafen."

Container-Terminal (Bild: AP)
Container-Terminal (Bild: AP)
Diana Mertens ist so genannte Fach-Container-Umschlagskraft für eine der größten Containerumschlagsfirmen Europas. Der einzigen, die bisher Frauen einstellt. Diana Mertens hat 860 Kollegen und...

Diana: "Äh ja, die Mischung Jungs Mädchen... Wir sind jetzt insgesamt - Moment, ich muss jetzt eben mal spinnen - wir waren zehn Frauen. Eine Frau ist jetzt von draußen ins Büro gegangen. Also sind wir jetzt neun draußen."

Mann: "Ich sag mal so: Mich stört das nicht. "

Sagt - mal so - der Ausbilder.

Ausbilder: "Das gibt andere, die sind dagegen. Die sagen: "Hafen ist Männersache!". Aber mich stört das nicht. "

Ansonsten aber, so der Ausbilder, seien die Reaktionen...

Ausbilder: "Überwiegend negativ. Muss ich mal so sagen. "Sollen zuhause am Herd bleiben und Kartoffeln schälen, Wäsche waschen." Und all so was. "Frauen gehören nicht in den Hafen". "

Diana: "Ich hab Hotelfach gelernt und hab' auch im Hotelfach gearbeitet. Nur der Markt ist da ja nicht so berauschend, auch so vom Verdienst her. Und von daher war das so 'ne ganz interessante Sache. Und dann abwechslungsreiche Arbeit... "

Ausbilder: "Sollen zuhause am Herd bleiben und "

Diana: "... Das ist eben auch ein großer Punkt. Nicht jede Frau mag ja im Büro arbeiten oder so etwas. Ich mag das auch nicht. Und von daher bin ich auch ganz froh, dass ich die Möglichkeit habe, viel draußen zu sein. "

Neun Frauen in einer der letzten Männerdomäne. Möglich geworden ist dies, weil der Hafen boomt, die Firmen Fachkräfte brauchen und das Arbeitsamt arbeitslosen Frauen die Umschulung zur so genannten "Fach-Container-Umschlagskraft" finanziert - die Unternehmen also Ausbildungskosten sparen. Und so geschieht, was hierzulande seit Jahrhunderten undenkbar war:

Ausbilder: "Frauen "

Im Hafen. Diana Mertens war vor vier Jahren eine der ersten.

Diana: "Zu Anfang war es ungewohnt. Die Sprache ist hier ein bisschen rauer. Es ist nichts Persönliches, von daher muss man da ein bisschen lernen, damit umzugehen. Aber ich sag mal, das ist so ein bisschen harte Schale - weicher Kern. Von daher bin ich eigentlich ganz glücklich hier."

Ausbilder: "Muss ich mal so sagen. Sollen zuhause am Herd bleiben und-"

Hamburger Hafen (Bild: AP)
Hamburger Hafen (Bild: AP)
Nikole: " Ja, das kommen immer Sprüche. Aber ich sag mal: Man muss abwägen, was für ein Spruch welche Bedeutung hat. Man darf nicht immer nur den Mund halten, das ist klar, aber man muss wissen, auf welche Sprüche man was sagt. Oder ob man überhaupt antwortet. Ich dreh mich auch teilweise einfach nur um und geh. Weil: auf alles muss ich nicht antworten. Das lohnt sich nicht!"

Ausbilder: "Muss ich mal so sagen: Frauen gehören nicht-"

Diana: "Einige von denen, ich sag mal in Anführungsstrichen "Alten Hafenbären", die fanden das eigentlich nicht so gut. Manche tun sich auch heute noch ein bisschen schwer damit, weil es eben immer eine Männerdomäne war und im Grunde genommen ja auch noch ist, weil wir sind ja relativ wenig Frauen im Gegensatz zu den Männern. Aber ich sag mal so: Im Großen und Ganzen haben wir eigentlich alle keine Probleme und kommen gut mit denen klar. "

Ausbilder: "Sollen zuhause am Herd bleiben, Wäsche waschen-"

Diana: "Es wird immer mehr, dass wir eigentlich akzeptiert werden und auch eingerechnet werden in 'nen normalen Gang. Zu Anfang war das immer so: 'Oh Gott, das ist ja nur ein halber Gang, da sind ja zwei Frauen bei!'. Aber mittlerweile ist das nicht mehr so. Mittlerweile werden wir für voll genommen."

Ausbilder: "Frauen gehören nicht-"

Diana: "Und wichtig ist hier eben, das man nicht die Frau in dem Sinne betont, dass man nicht mit anfasst, oder eben halt die Männer das machen lässt, nur weil das mal ein bisschen anstrengend werden könnte oder so. "

An dem zwei Kilometer langen Kai sind die bis zu 60 Meter hohen Kräne ununterbrochen dabei, riesige Schiffe aus aller Welt zu be- oder entladen.

Helena: "Wir werden jetzt in den Fahrstuhl steigen von der Containerbrücke. Und dann oben in die Krankatze und das ganze Spiel uns mal von oben angucken.

Ja das ist so typisch männlich: Überall irgendwelche Beschmierungen. Das ist also in jedem Fahrstuhl zu sehen. Weil also diese eineinhalb Minuten, die sind dann wohl für so manchen Mann ein bisschen langweilig scheinbar..."

Container-Hafen (Bild: AP)
Container-Hafen (Bild: AP)
45 Meter über dem Erdboden sitzt Helena. Sitzt? Wer hier oben Dienst hat, muss vor allem eines: durch den gläsernen Boden der Kabine nach unten gucken. Für Blicke auf Hamburg und die Elbe bleibt da keine Zeit. Im rechten Winkel vornüber geklappt beobachtet Helena den unter ihr an Seilen hängenden Container...

Helena: " Man muss schon Rückentraining machen. Jeder der das nicht macht, kriegt nach zehn Jahren Bandscheibenvorfall. "

Gleichzeitig bedient Helena die Joysticks links und rechts ihres Sitzes - bis sie den Container zentimetergenau dorthin dirigiert hat, wo er stehen soll, und Helena sich kurz aufrichtet.

Helena: "Ich komme aus Kasachstan. Und da habe ich auch als Brückenkranführerin gearbeitet. Und das war immer so mein Traum: wieder Brücke fahren. Deswegen bin ich hier... Wenn das hier gut klappt, dann freue ich mich wie ein Kind. Wirklich! Das bringt Spaß! Manchmal klappt (es) nicht so gut, irgendwelche Haken kann man kommen, ich kann das nicht so gut erklären..."

Diana: "Manchmal steht man morgens auf und hat 'nen Klinken im Auge. Da kann man anfassen, was man will und das funktioniert einfach nicht."

Helena: "Ja!"

Diana: "Denn wenn der Brückenfahrer einen schlechten Tag hat, dann müssen das alle mit ausbaden, dann ist die ganze Kette gestört. Wenn das ein VC-Fahrer mal ein Tag nicht so gut macht, da sind immer noch zwei andere, die das ein bisschen ausgleichen können. Aber so sind natürlich alle Augen auf einen gerichtet und bei uns Frauen natürlich sowieso doppelt verstärkt..."

Helena: "Ja!"

Diana: "... Und von daher versucht man dann gerade als Frau hier Leistung auch zu bringen. Oder zumindest 'ne gleich bleibende vernünftige Leistung. Das ist natürlich auch immer, wo man sich selber immer auch so ein bisschen unter Druck setzt und was dann auch schon mal so in Stress ausarten kann."

Arbeit rund um die Uhr. In der Woche in drei Schichten. Am Wochenende in zweien. Das ganze im Akkord.

Nikole: "Ich hatte in der ersten Zeit hier schon ein bisschen Schlafdefizit und man hat ein bisschen geknabbert. Jetzt zum Beispiel, diese Woche, hatte ich die Mittelschicht. Dann gehe ich abends nach der Schicht um zwei ins Bett, schlafe morgens bis um elf, stehe dann langsam auf, mach' mich fertig, mach dann irgendwie noch 'ne Kleinigkeit und fahr dann irgendwann zur Arbeit..."

"Hafen ist Männersache."

Container-Terminal im Hamburger Hafen (Bild: AP)
Container-Terminal im Hamburger Hafen (Bild: AP)
Nikole: "... Und wenn man dann Nachtschicht hat, sollte man, so versuche ich das wenigstens, wenn man um sieben nach Hause kommt, das ich bis elf, zwölf schlafe, dann noch irgend etwas unternehme und mich abends noch ein, zwei Stunden hinlege. Dann ist man nicht ganz so kaputt, als wenn man dann morgens um eins aufsteht und den ganzen Abend und die Nacht wach ist. Das hält der Körper nicht durch auf Dauer."

Auch viele Familien und Freundschaften nicht: Die Scheidungsrate im Hafen ist extrem hoch.

Nikole: "Ich bin glücklich, wieder eine Arbeit zu haben. Muss man ja heutzutage. "

"Hafen ist Männersache."

Diana: "Mit der Hotelgeschichte, das war eigentlich nicht ich selbst...
... Da, wenn es einem noch so schlecht geht, muss man immer lächeln. Und das ist eben hier nicht. Da zieht man sich dann irgendwo zurück, macht seine Arbeit und dann hat sich die Sache erledigt. Das ist ein bisschen... freier. Also ich fühle mich hier auf jeden Fall freier. Ich kann sein wie ich will und muss nicht aufpassen, dass ich mich irgendwo schmutzig mache. Dafür bin ich hier, dass ich mich schmutzig mache."

"Frauen gehören nicht in den Hafen. "

Gerade hat eine neue Umschulungsmaßnahme begonnen. Teilnehmer sind ausschließlich - Männer.

Ausbilder: "Verstehe ich eigentlich nicht. Anhand der hohen Arbeitslosigkeit gerade von jungen Menschen verstehe ich das nicht, dass eben halt junge Frauen oder Mädchen kein Interesse daran haben, hier zu landen. Zumindest sollte man sich das mal angucken. Danach kann man immer noch sagen "Nee, gefällt mir nicht". Denk mal, der Job ist in Ordnung. Man kann sein Geld verdienen. Und das ist noch 'ne Branche, die expandiert: Containerumschlag."

Nikole: "Das trauen sich wahrscheinlich nicht so viele, sich zu bewerben. Ich bin nun halbwegs in so einer Männerwelt, Spedition und so, groß geworden. Mit vielen LKW-Fahrern und so. Das ist halt etwas anderes, als wenn jemand aus 'nem wohlbehüteten Haushalt kommt und dann hier anfangen soll. Das klappt nicht."

Diana: "Ja, doch! Irgendwo bin ich selbstbewusster. Eben halt auch schon allein durch den Umgang mit den ganzen Männern, sag' ich mal. Man muss schon eben halt kontra geben können. Und man darf sich hier nicht alles sagen lassen oder gefallen lassen. Und das schult schon in gewisser Weise auch im Privatleben, dass man da, wenn man da irgendwo mal angesprochen wird, das man da weiß Gott nicht mehr auf den Mund gefallen ist. Und das empfinden die anderen Frauen mit Sicherheit auch nicht anders."

Helena: "Meine Tochter findet das auch schön. Und sie sagt: 'Ja, ich fahre auch Brücke!'..."

Ausbilder: "Hafen ist Männer… "

Helena: "... Ich sagte: 'Nee, das geht nicht so, wie du meinst.' - 'Ach Mama, du hast doch das geschafft! Ich schaffe das auch!' Ich sagte: 'Ja, das ist gut, wenn du so denkst!' "

Diana: "Damit ist doch die Hafendomäne schon wieder gesichert!"
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