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Kompass • Blicke in die Gesellschaft
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20.12.2004
Schon ein Stück macht happy
Die ach so große Lust auf Schokolade
Von Marlene Küster

Schokolade (Bild: AP)
Schokolade (Bild: AP)
RITUALE

Christoph: "Es wird hier in der Familie zelebriert, das Nutellaglas zu öffnen, man sieht schon, es ist noch jungfräulich, es ist noch zu, der Deckel sitzt noch ganz drauf. Wenn es aufgedreht wird, dann entsteht erst mal der befreiende, klackende Ton durch das Aufschnalzen. Es klackt auf, die Blicke werden freundlicher, der Nutelladeckel wird weggelegt, dieses Jungfernhäutchen vom Nutellaglas wird abgepellt, dann mit dem Messer noch mal nachgeschabt und dann dick mit dem Löffel rein gestrichen und möglichst viel, am besten direkt in den Mund, feist, 'n halbes Nutellaglas direkt weg."

Frank: "Das Duplo-Ding machst du der Länge nach auf, es gibt verschiedene Methoden, diese Duplopackung zu öffnen oder das Hanuta mit diesem sinnlosen Einlegepapier, wo man sich die ganze Zeit fragt, warum hat das Hanuta nicht nur ein Papier, sondern zwei. Dieses Knacken bei der Rittersportschokolade, das heißt, das ist so ein Ritual bei den verschiedenen Schokoladensorten."


INHALTSSTOFFE UND WIRKUNG

Dr. Maren Gehring: "In der Schokolade sind bis zu 600 verschiedene Substanzen enthalten, insbesondere in dem Kakaopulver. Der Bestandteil der Schokolade, der diese wertvollen Substanzen beinhaltet, ist das Kakaopulver, der zweite Anteil ist die Kakaomasse, die Kakaobutter, die vorwiegend Fett enthält. In dem Kakaopulver selber enthalten sind zum Beispiel gefäßschützende Substanzen, das ist das Gleiche, weswegen wir ein Glas Rotwein pro Tag trinken, um unsere Innentapete der Gefäße zu schützen. Es entspricht eine halbe Schokolade ungefähr einem Glas Rotwein in der Wirkung.

Das Weitere sind belebende Substanzen, in der Schokolade ist Koffein enthalten, das kennen wir alle aus dem Morgenkaffee oder aus dem Tee, da entspricht eine Tafel Schokolade einer Drittel Tasse Kaffee von der Koffeinmenge und es sind noch andere, ähnliche Substanzen drin: Teopromin, nur in der Schokolade enthalten, auch eine Substanz, die belebend wirkt, die uns anregt, uns munter macht und die ist in der vierfachen Menge vom Koffein enthalten und hat möglicherweise auch direkte Auswirkungen auf unser Wachheitsempfinden."

Kunde Schokoladenladen: "Wenn ich zum Beispiel ein bisschen empfindlich grad bin und ich esse abends vor dem Schlafen Schokolade, dann bin ich erst mal wach oder wenn es mir schlecht geht und ich traurig bin oder so oder Liebeskummer habe, dann esse ich Schokolade und ich bin dann glücklich. Das merkt man schon, das macht schon Spaß. Wenn man sieht, wie verrückt die Kinder drauf sind, das ist schon verrückt. Warum wohl?"

Eliane (Kind): "Der Geschmack ist so lecker, so schön und da ist manchmal Milch drin und das mag ich eben so richtig gerne. Ich weiß, die ist zwar ungesund, aber ich könnte mir wirklich den ganzen Bauch voll schlagen, richtig bis mir schlecht wird."

Birte: "Wo man das ganz gut sehen kann mit diesem Glücksgefühl, das ist bei Kindern, wenn die das erste Mal Schokolade kriegen. Das ist mir bei meinen beiden Kindern aufgefallen, denen sind die Augen übergelaufen: "Oh! Was ist das!" Der Inbegriff von Lust und Genuss."


SCHON MIT DEM GERUCH BEGINNT DER GENUSS

Dr. Maren Gehring: "Ein ganz wichtiger Anteil ist einfach die Lust an dem Genuss der Schokolade. Das ist sicherlich ein ganz gehöriger Anteil. Es gibt die Effekte im Sinne von Glückshormonen, Man weiß, dass allein schon der Geruch von Schokolade stimulierend wirkt, das heißt nicht nur die Substanzaufnahme direkt ins Blut, sondern schon allein der Geruch bewirkt im Gegensatz zu künstlichem Schokoladenaroma Stimulation von Gehirnströmen."

Georg: "Es ist schon ein Genuss, vor allem bei der Weißen jetzt direkt, die find ich schon dermaßen lecker. Da freu ich mich drüber, da geht es meinem Magen gut, meinem Gaumen geht es gut und ich bin richtig glücklich."

Sandrine (Französin): "Das ist immer ein Genuss und das ist sehr gemütlich, weil die Schokolade, wenn sie schmilzt im Mund - überall - das ist warm und gemütlich, so ein Gefühl von Sicherheit, von Zärtlichkeit irgendwie. Ganz am Anfang, als ich hier in Berlin war, als ich natürlich kein Wort verstand, da hatte ich so ein Problemchen und hatte jemand gefragt und er hatte mir nicht sehr höflich geantwortet. Ich fühlte mich so frustriert, dass ich sofort Schokolade gekauft, das gegessen habe und habe ich mich dann besser gefühlt. Einfach so Wärme, gemütlicher, wieder in Sicherheit, fast wie, wenn man zur Mutter kommt und kuscheln - das macht die Schokolade jetzt für mich."

"Berliner Mauer" aus Schokolade - UNICEF-Aktion, 1999 (Bild: AP)
"Berliner Mauer" aus Schokolade - UNICEF-Aktion, 1999 (Bild: AP)
Dr. Maren Gehring: "Wir unterliegen vielen Stressoren, das heißt Schokolade, dieses Glücksempfinden, das wir von Schokolade haben, den Geschmack, den wir empfinden, wenn sie im Mund schmilzt - allein das macht schon ein Glücksgefühl. Deswegen denke ich, dass wir aufgrund unserer Gesellschaftsstruktur sicherlich empfänglicher sind für diese "Glücklichmachung" durch die Schokolade."

Christoph: "Ja, wenn man sich unausgeglichen fühlt, wenn man sich unbefriedigt fühlt, wenn man das Gefühl hat, man hat nicht viel erreicht, man braucht jetzt noch mal so ne kurze Befriedigung für den Tag, dann beglückt man sich in dieser Sekunde mit einer Tafel, ne halbe reicht ja dann auch schon, ne halbe Tafel Schokolade, ein Stückchen, was halt da ist oder was noch übrig bleibt oder man streunt irgendwie sehnend durch die Wohnung und sucht irgendwelche Reste."

Birte: "Sicherlich ganz klar psychische Anspannungssituationen. Zu Prüfungszeiten hab ich sehr viel Schokolade gegessen, nach sportlicher Anstrengung, da ess ich auch ganz gern, auf Fahrradtouren, wenn man so ne Strecke gemeistert hat, dann so ne schöne Schokolade, dass man einen Flash kriegt, einen Energieschub bekommt."

Claudia: "Wenn ich Stress habe, esse ich ganz deutlich mehr Schokolade, definitiv. Dann ist der Griff zum Schrank eigentlich permanent. Man steht immer wieder auf, läuft dahin, setzt sich wieder hin, arbeitet wieder weiter, steht wieder auf, läuft wieder hin, wenn man nervös ist und so, dann ist es schon ganz stark und ganz extrem. Mich befriedigt es auch, Schokolade zu essen. Wenn ich so ne Tafel gegessen habe, bin ich nachher durchaus zufrieden. Ganz eindeutig."

Dr. Maren Gehring: "Wir leben hier in Deutschland in einem Bereich, wo wir ja nicht gerade sonnenverwöhnt sind. Wir alle wissen, dass Lichteinstrahlung in unsere Augen auch diesen Botenstoff Serotonin, der das Glückshormon macht, bewirkt und Schokolade das Gleiche macht. Das heißt wenn wir weniger Licht haben, dann steigt auch unser Wunsch nach den Glücklichkeitshormonen und wir nehmen Schokolade zu uns und wir sind sicherlich aufgrund des Mangels an Sonnenstrahlen gerade in den Herbst- und Wintermonaten gute Schokoladenesser."


FRAUEN UND DIE SCHOKOLADE

Claudia: "Das Tückische ist natürlich auch, wenn man sich dahinsetzt und man hat das Nutellaglas geöffnet und man denkt sich: "Ach jetzt ein Löffelchen." Und dann nimmt man dieses Löffelchen, diesen vollen Löffel, und genießt es so richtig schön und wenn man dann fertig ist, ach so schön, dann denkt man sich: "Ach noch ein Löffelchen." Und dann sticht man wieder rein und nimmt sich wieder einen Löffel, das ist toll und dann wenn es aufgelutscht ist, denkt man sich: "Jetzt aber das letzte Löffelchen." Und so kann man wirklich dranbleiben und das ist dann durchaus schon wie beim Orgasmus. Man kommt nicht weg davon."

Dr. Maren Gehring: "Besonders lustanfällig, was Schokolade angeht, sind Frauen. Hier hat man Untersuchungen gemacht und gefunden, dass das Östrogen, was bei uns Frauen ja mehr im Körper vorkommt, doch auch Interaktion mit Schokoladewirkstoffen hat, und hier kommen diese Glückshormone mit ins Spiel. Es gibt sogar viele Frauen in den USA, die sagen, sie würden lieber auf Sex verzichten als auf Schokolade. Das sind wohl 30 bis 50 Prozent. "

Marlene: "Ich hätte gerne beides. Schokolade und Sex. Da kann man dann überlegen, ob vorher oder nachher, aber Schokolade ist schon ziemlich wichtig. Schokolade liebe ich seit meiner Kindheit. Für Schokolade habe ich immer alles getan. Ich kenne Zeiten, da brauch ich dringend Schokolade, wenn ich keine Schokolade bekomme, geht es mir körperlich richtig schlecht."

Dr. Maren Gehring: "In Schokolade ist ein Eiweiß enthalten und mit Zucker zusammen wird es zu Serotonin verstoffwechselt, das ist ein Botenstoff im Gehirn und der bewirkt im Glückszentrum dieses Wohlgefühl. Das ist also gewissermaßen dieses Glückshormon. Man weiß, dass Östrogene mit dem Serotonin zusammen eine verstärkende Wirkung auf unser Glückszentrum haben. Und deswegen sind möglicherweise gerade wir Frauen besonders süchtig - in Anführungsstrichen - nach Schokolade, weil wir einen stärkeren Effekt in unserem Gehirn verspüren."

VON DER SUCHT UND DEN GEHEIMNISSEN DER SCHOKOLADE

Claudia: "Schlimm ist es, wenn die Sucht kommt und man ist im Haus. Warum muss es jetzt unbedingt diese eine Tafel Schokolade in einer Minute sein, die ich mir da herunter geschlungen habe.


Frank: "Es ist wie ne Lücke, die gefüllt wird, ein Bedürfnis, das gestillt wird, ein Drang, der erfüllt wird. Ich glaub, ich bin nicht so ein riesiger Genussschokoladeesser, sondern jemand, der es sehr viel und sehr oft macht und deswegen würde ich nicht sagen, dass es ein riesenekstatischer Moment ist, wenn ich Schokolade esse, sondern es ist komplette Bedürfnisbefriedigung... "

Sandrine: "Wenn man das nicht mehr kontrollieren kann, man muss Schokolade essen und man ist schon bereit, auch in der Nacht raus zu gehen, um sich eine Tafel Schokolade zu holen."

Christoph: "Wenn es ganz schlimm ist und richtig weh tut, dann muss ich noch mal los, weil alle Geschäfte zu haben, muss ich zur Tankstelle fahren."

Dr. Maren Gehring: "Es sind Substanzen enthalten, von denen wir wissen, dass sie zum Beispiel auch in Marihuana oder Morphinen enthalten sind, die sind aber in geringen Spuren enthalten, um auf eine Menge zu kommen, wie sie zum Beispiel in einer Haschischzigarette enthalten sind, müssten wir 20 kg Schokolade essen. Aber diese Substanzen sind auch darin enthalten, wir wissen von einigen noch gar nicht, wie sie heißen und wie sie wirken und möglicherweise sind das noch Geheimnisse der Schokolade."
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