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22.12.2004
Familiengeschichten
Urlaub auf den Spuren der deutschen Vorfahren
Von Christiane Zwick

Erstes Ziel vieler Auswanderer: New York mit der Freiheitsstatue. (Bild: AP)
Erstes Ziel vieler Auswanderer: New York mit der Freiheitsstatue. (Bild: AP)
Immer mehr Amerikaner machen sich auf die Suche nach ihren deutschen Vorfahren. Dabei hilft die Datenbank "Link to your roots" der Stadt Hamburg. Die hat nämlich die amerikanischen Ahnenforscher als touristische Zielgruppe entdeckt. Schließlich begann die "Karriere" vieler deutscher Auswanderer auf einem Schiff im Hamburger Hafen…

Im Café in der Fußgängerzone sitzt an diesem grauen Vormittag ein amerikanisches Ehepaar und schmiedet Pläne. Sie sind vor drei Tagen aus Columbus, Ohio, nach Deutschland gekommen - und sie fühlen sich dem regnerischen Norddeutschland bereits sehr verbunden.

Harry und Elaine Jebsen sind die Nachfahren deutscher Auswanderer. In ihrem Urlaub wollen sie sich auf die Spur einer Urgroßmutter und vor allem Harrys Urgroßvaters Hans Jebsen begeben. Todesfälle in der Familie gaben den Anstoß.

Harry Jebsen: We had aunts and uncles die. They were getting at that age. My wifes aunt Irma - very german name -, in my family Frank, Marie, Ruth, were all getting into their eighties. And we were starting talking to their experiences. In fact we taped them. And got to understand more about them. And in all of that cases people who I asked, where they came from...well, from Germany. Where from Germany? ...Well, I don't know. And I guess I'm a person who wanted to know.

Übersetzung: Unsere Onkel und Tanten starben. Sie waren in dem Alter. Die Tante meiner Frau, Irma - ein sehr deutscher Name - , in meiner Familie Frank, Marie, Ruth, alle über achtzig. Wir begannen die Alten nach ihren Erlebnissen zu fragen - und alles auf Kassette aufzunehmen. Und immer, wenn ich nach unserer Herkunft fragte, hörte ich: Aus Deutschland. Woher? - Keine Ahnung. Und ich glaube, ich wollte es wissen.

Harry Jebsen lehrt an der Universität von Columbus Geschichte. Aber dies hier ist seine persönliche Suche. Der 61-Jährige spricht nur wenige Worte Deutsch, er ist Amerikaner in der vierten Generation. Trotzdem haben die deutschen Wurzeln bis heute Einfluss auf sein Leben.

Harry Jebsen: I grew up in a little town in the south end of Chicago, wich is called blue island. And it had a german american club. And my father was very actively involved in that organisation. So the german heritage was stressed. And we grew up with a lot of german food, learning to eat the kinds of german things. I passed on eating brains and things like that, my dad liked. So german heritage is in the family and I married a german girl.

Übersetzung: Ich bin in einer kleinen Stadt südlich von Chicago aufgewachsen, in Blue Island. Mein Vater war dort sehr aktiv im Deutsch-Amerikanischen-Klub. Das deutsche Erbe wurde sehr betont. Es gab viel deutsches Essen. Bei Hirn allerdings, das mein Vater sehr mochte, hörte es bei mir auf. Es gibt also das deutsche Familienerbe - und ich habe ein deutsches Mädchen geheiratet.

Elaine Jebsen: I became in marriage much closer to my german roots, in many ways, And thats why it's been interesting for me to come on this trip also. To trace his history as well, because I feel so much a part of the family.

Übersetzung: Durch meine Heirat bin ich meinen deutschen Wurzeln näher gekommen, in vielerlei Hinsicht. Weil ich mich sehr als Teil dieser Familie fühle, finde ich diese Spurensuche interessant.

Der Sache wohnt ein detektivischer Reiz inne. Die Ausgangsdaten sind mager: Hans Jebsen kam als 17-Jähriger im Juni 1872 auf Ellis Island an, das sagen die Dokumente der Einwanderungsbehörde. Sein Schiff hieß Hammonia.

Harry Jebsen: We've been tracing the Jebsen-family for quite some time and in the end we could not find where Hans came from. "Link to your roots” was really the critical entity in there.

Übersetzung: Wir suchen jetzt schon länger nach Spuren der Jebsen-Familie, konnten aber nicht herausfinden, woher Hans kam. "Link to your roots" brachte den Durchbruch.

Hier beginnen viele Auswanderergeschichten: Hamburger Hafen (Bild: AP)
Hier beginnen viele Auswanderergeschichten: Hamburger Hafen (Bild: AP)
"Link to your Roots" heißt eine gewaltige Datenbank, die per klick und Mail weltweit erreichbar ist: über die Webseite "hamburg.de". Mehr als fünf Millionen Auswanderer verließen Deutschland zwischen 1850 und 1934 über den Hamburger Hafen. Die Schiffslisten wurden im Krieg gerettet. Aus ihnen lesen heute die Rechercheure Barbara Günther und Mark Rosen, welchen Beruf jemand hatte, woher er kam. Und manchmal noch etwas mehr.

Barbara Günther: Wir haben das Verzeichnis der Hammonia herausgesucht und den Eintrag von Hans Jebsen gesucht und ihn auch gefunden.

Mark Rosen: Herr Jebsen ist nach Amerika gegangen auf einem Dampfer der Hapag, der großen Reederei. In dieser Zeit haben die Dampfschiffe ihre Entwicklung beschleunigt. Und die Fahrkarten wurden ständig billiger.

Barbara Günther: Er ist im Zwischendeck gereist, er war 17 und er gibt an, Landmann zu sein. Und dass er aus Friedrichstadt kommt.

Diese Information führte die Jebsens nach Norddeutschland. Rund ein Dutzend Anfragen beantworten die Dienstleister von "Link to your roots" jede Woche. Es könnten mehr werden. Urlauber auf Besuch in der Heimat der Vorfahren sind als touristische Zielgruppe entdeckt.

Mark Rosen: Ahnenforschung in den Vereinigten Staaten ist Volkssport, es betrifft Millionen von Menschen. Sie sind sehr interessiert daran, ihre Ahnen zu finden. Und es ist z.B. die Ansicht der Kulturbehörde, dass es gut für das Image dieser Stadt ist, solche Forschungen zu fördern.

Die Stadt geht sogar noch weiter. Auf der Veddel, wo früher die Emigranten in der so genannten Ballinstadt auf ihre Ausreise warteten, soll unter gleichem Namen für 7 Millionen Euro ein Museum entstehen. 2006 könnte es, wenn noch ein paar amerikanische Sponsoren einsteigen, eröffnet werden. Hamburg rechnet mit 200.000 Besuchern pro Jahr. Zurück nach Friedrichstadt. Harry Jebsens Zuversicht schwindet.

Harry Jebsen: I've would have liked somebody saying "Yes, they lived at Mittelstadter Wall and here was the house they have lived in". That would be wonderfull to take pictures and see the place where he came from. But it's not there. Perhaps we go over to the Rathaus and see if there is something else there, that might be of help.

Übersetzung: Ich wünschte mir jemanden, der sagt: "Ja, sie lebten am Mittelstädter Wall und das war ihr Haus." Es wäre schön, Fotos davon zu machen und das Haus zu besuchen. Aber da ist nichts. Vielleicht gehen wir ins Rathaus und schauen, ob uns dort jemand helfen kann.

Harry Jebsen: Good morning...I...do you speak english?....I'm trying to check some records , to see if there are some family members named Jebsen. J E B S E N ….my greatgrandfather came from Friedrichstadt in 1872....ok? Can we do that here?

Das Rathaus ist der letzte Versuch. Auf dem Friedhof verzeichnete kein Grabstein den Namen Jebsen, auch die Kirchenbücher haben geschwiegen.

Pförtnerin: You must look at the Standesamt and ask my...my...Frau Kunde.

Erstes Zimmer links. Es ist zehn vor zwölf, gerade noch vor der Mittagspause.

Petra Kunde: Ich guck nach, was ich in meinem Register finde...nehmen Sie Platz. Hier geboren? …1855. One eight five five… So richtig geschrieben? Mal suchen lassen. Ist alles registriert bei uns, alles im Computer …

Die Jebsens haben sich vor Aufregung nicht einmal hingesetzt.

Petra Kunde: Ha! Einen Jakob habe ich. 62 Jahre alt, 75 verstorben. Der ist 1813 geboren. Und der Jakob ist in Rantrum geboren. War verheiratet Maria Christina, geborene Peters. Sohn des verstorbenen Arbeiters Hinrich Jebsen, dessen Ehefrau nicht zu ermitteln war.

… Ich mach so was immer gerne, Ahnenforschung.


Jakob könnte der Ururgroßvater sein, eine neue Spur ist gefunden.

Petra Kunde: Er hat in Witzwort gewohnt… Ist eine Stadt? … Nein ein Dorf …I caught that (lacht) … ein Dorf? Ja, aber ein kleines hübsches Dorf. Er ist garantiert auch da beerdigt … die Kirche sehen Sie schon von der Straße aus. Richtung St. Peter und dann können Sie abbiegen nach rechts.

Eben noch erschien Friedrichstadt als alte Heimat, über deren Kopfsteinpflaster Hans einmal gegangen sein mochte, seit einer Viertelstunde ist er Dörfler. Aber auch hier lassen sich Anknüpfungspunkte finden:

Elaine Jebsen: It's very similar to Ohio, it's pretty flat and Ohio is pretty flat also. In Chicago, where the Jebsen family settled, that would have been very different to here, that would have been going from the countryside to a city. A large city.

Übersetzung: Hier sieht's so ähnlich aus wie in Ohio, ziemlich flach. Chicago, wohin die Jebsens zogen, war allerdings eine große Stadt. Also eine große Umstellung.

Harry Jebsen: But Hans would have moved in a rural setting! He initially was a farmer. Who lived in farm settings. So it was not very different.

Übersetzung: Aber Hans ist aufs Land gegangen! Er war Bauer, der vom Land kam, eigentlich kein Unterschied.

Klopfen am Pfarrhaus. Guten Tag. Sprechen Sie Englisch.

Das Pfarrhaus liegt gleich gegenüber der Kirche. Pastor Christian Fritsch wird beim Mittagessen gestört. Sonderlich überrascht ist er allerdings nicht. Als Pfarrer ist er selbst im abgelegenen Witzwort immer wieder Mittelsmann in die Vergangenheit.

...Harry Jebsen and Elaine Jebsen from America, from Ohio, and we're looking for … my greatgrandfather. We were in the Rathaus in Friedrichstadt this morning... Come to the door on the right and we'll look in the books...

Pastor Christian Fritsch: Häufig ist das so, dass das Menschen sind, die in Ruhestand gegangen sind, Zeit haben. und das ein bisschen als ihr Hobby entdecken, Ahnenforschung zu betreiben. Und ich kann mir auch vorstellen, dass es so was sein kann wie eine Sucht, wenn man eben beginnt, und man hat so einen kleinen Faden und zieht daran und merkt, dass da auf einmal ganz viele Fäden sind.

Und die Tauf- und Sterberegister der Kirchen geben Auskunft. Mit etwas Glück - und wenn man sich auf alte Handschriften versteht.

Christian Fritsch: Jakob Jebsen, 62 Jahre, wann ist er geboren, ja dann ist er geboren in eighteenthirteen. Und jetzt steht hier was, aber das kann ich auch nicht lesen, was hier steht. Da steht: Ehefrau und fünf Kinder.

Elaine Jebsen: Oh! Five Children.

Christian Fritsch: Von denen vier in Amerika.
Harry Jebsen: Four in America.

Christian Fritsch: Five Children and four in America.

Noch immer nirgends der Name Hans. Aber vier von fünf Kindern sind nach Amerika ausgewandert. Das passt. Harry Jebsen möchte die Kirche sehen, in die sein Ururgroßvater ging. Jebsens sind praktizierende Lutheraner. Christian Fritsch knipst die Lampen an, die das fein geschnitzte, goldene Altarrelief aufleuchten lassen.

Elaine Jebsen: Very pretty church. May I take a photograph?

Yes.

Die Kirche steht auf einer Warft, die Sturmflut hat diesen Landstrich immer wieder heimgesucht. Vielleicht ein Grund, auszuwandern. Gutes Geld verdienen aber auch heute nur diejenigen, die woanders Arbeit finden.

Christian Fritsch: Teilweise fahren die Leute von hier, von Witzwort, bis nach Hamburg, um dort zu arbeiten. Es arbeiten viele in Husum, in anderen Städten, nein, in so einem Dorf gibt's nicht so viele Arbeitsplätze.

Harry Jebsen: It's moving, feels rewarding. And I feel able to go back and to communicate this to my students. Encouraging them to do such search, wether they are doing it, in Germany or Mexico or Poland or wherever in the world they came from.

Übersetzung: Das ist bewegend, endlich der Lohn der Mühe. Jetzt kann ich nach Hause fahren und meinen Studenten erzählen, dass so eine Suche sich lohnt, ob in Deutschland, Mexiko oder Polen, wo immer sie herkommen.

Der Geschichtsprofessor fördert die Beschäftigung seiner Studenten mit ihrer familiären Herkunft, um sie so für das Thema Immigration zu sensibilisieren. Denn auch in den USA kursiert der Spruch von den Einwanderern, die einem "die Arbeit wegnehmen", und stiftet Unfrieden.

Harry Jebsen: People need to think about what jobs immigrants are doing.Germans came in in the nineteenth century, Turks coming to Germany. Or Iranians coming to the United States in the 1990s. These People are doing jobs below the standard of the economic market of the time.

Übersetzung: Die Leute sollten darüber nachdenken, welche Jobs Einwanderer machen. Deutsche kamen im 19. Jahrhundert, Türken kommen nach Deutschland, Iraner kamen in den Neunzigern in die USA. All diese Menschen machen Jobs unter dem wirtschaftlichen Standard ihrer Zeit.

Hans Jebsen verdingte sich in der neuen Heimat als Arbeiter, sein Sohn wurde Aufseher in einer Ziegelfabrik, dessen Sohn wiederum erarbeitete sich ein Restaurant. Harry junior, der Professor, fährt zur letzten Station seiner Suche: Dem Kirchenkreis-Archiv in Garding. Vielleicht gibt es hier eine Geburtsurkunde von Hans.

Welches Jahr war das?
...1813 and 1855.


Karen Lüdtke: Sophia Jebsen, Geburt 30. Januar 1856 … und 2. März die Taufe… Christine geborene Peters, Sophia eheliche Tochter.

Elaine Jebsen: Maybe it's Hanses sister.

Hans hat jetzt eine mutmaßliche Schwester und vielleicht sind Jakob und Christine seine Eltern. Er selbst hat keine Spur hinterlassen. Sein Urenkel wird weitersuchen. Harry Jebsen ist überzeugt davon, dass er die Chancen, die er im Leben hatte, auch Urgroßvater Hans verdankt.

Harry Jebsen: I think people should have the right to seek a better place in the world. There is no denying, that each country can determine, what its barriers are going to be for keeping people out. As a believer in individual freedom as I am, I'd like to see the individual have as much opportunity to make these decisions as possible.

Übersetzung: Ich denke, jeder sollte nach einem besseren Platz auf dieser Welt suchen dürfen. Jedes Land kann ja bestimmen, wie hoch seine Grenzzäune sind. Ich glaube an die persönliche Freiheit und wünsche jedem viele Möglichkeiten, seine Wahl zu treffen.


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