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30.12.2004
Ziele setzen, Ziele erreichen
Von Peter Podjavorsek

Ziele setzen - auch in ferner Zukunft (Bild: AP)
Ziele setzen - auch in ferner Zukunft (Bild: AP)
Ziele sind das Entwickeln einer Vision, einer globalen Vorstellung davon, was man vom Leben erwartet. Den meisten Menschen fehlt das, so die Erkenntnis des Persönlichkeitsberaters Hans-Hermann Baertz. Sie verbringen zu viel Zeit mit Dingen, die sie nicht wirklich interessieren. Sie verzetteln sich in zahlreichen Wünschen und Träumen, ohne voranzukommen.

Frau: Im Moment habe ich das Ziel, Beruf und Freizeit unter einen Hut zu bringen, zum Beispiel. Nicht mehr permanent durchzuarbeiten, sondern zwischendrin auch Spaß an andern Dingen als an Arbeit zu haben.

Mann: Im Vergleich zu andern Menschen würde ich sagen, ich bin eher jemand, der seine Ziele auf eine so ruhige Weise verfolgt, dass man denken könnte, er ist faul. Ich lebe in einer Welt, in der es niemand gibt, der mir das ernsthaft vorhalten könnte. Weil ich selbstständig bin, und weil ich auch gelernt habe, meine Lebenshaltung rhetorisch gut zu untermauern. Und wenn dann mal jemand so was sagt, dann ist das für mich ein guter Anlass zu einem kleinen Vortrag. Der mir auch Spaß macht. (lacht)

Mit den Zielen ist es so eine Sache. Jeder, der es heutzutage zu etwas bringen will, ob beruflich oder privat, muss Ziele haben - so heißt es zumindest. Er soll Ehrgeiz besitzen, beharrlich sein, sein Leben selbst in die Hand nehmen, statt sich von äußeren Zwängen bestimmen zu lassen. Gleichzeitig scheint es immer schwieriger, Ziele zu setzen und zu erreichen. Zumindest wenn man den zahlreichen Büchern und Seminaren Glauben schenkt, die hier Hilfe bieten wollen. Einer der es wissen muss: Hans-Hermann Baertz, Persönlichkeitscoach und Anbieter von Selbstfindungskursen:

Der erste Schritt, zu sagen: Okay, das ist das, was ich will! Das ist das, wo viele Leute ein Problem haben. Wie kann ich zu eigenen Zielen finden. Ziele, die ich wirklich es für wert halte, zu erreichen. Das war mein Problem früher auch. Dann habe ich irgendwann gemerkt, dass du dich nicht wirklich für ein bestimmtes Ziel entscheiden kannst. Und habe festgestellt, dass offensichtlich die meisten, die ich kenne, die gelernt haben, dass Zielsetzung nützlich ist, es selber nicht tun.

Der Groschen war gefallen: Der einstige Nachrichtengerätemechaniker, Musiker, Berufssoldat und Heilpraktiker qualifizierte sich zum Persönlichkeitsberater. Baertz' zentrales Anliegen: das Entwickeln einer Vision, einer globalen Vorstellung davon, was man vom Leben erwartet. Den meisten Menschen fehlt das, so Baertz' Erkenntnis. Sie verbringen zu viel Zeit mit Dingen, die sie nicht wirklich interessieren. Sie verzetteln sich in zahlreichen Wünschen und Träumen, ohne voranzukommen. Strategien, sich seine Visionen und Ziele bewusst zu machen, gibt es zahlreiche. Etwa das Schreiben seiner eigenen Grabrede oder einer Laudatio auf sich selbst.

Hans-Hermann Baertz: Wenn ich jetzt eine solche Vision entwickelt schriftlich formuliert habe. Dann kann ich mir überlegen: Welche konkreten Ziele muss ich erreichen, um diese Vision zu verwirklichen. Und dann kommt man auf diese Ebene, wo ich immer sage: Wie isst man einen Elefanten? Stück für Stück. Das heißt, ich fange an, diese große Vision, die mir erst mal vielleicht gigantisch erscheinen mag, die fange ich an, erstmal in verschiedene Ziele zu unterteilen. Und so mache ich aus dem Traum, der Vision realistische, erreichbare Ziele.

Die 40-jährige Ute hat eine klare Vision - ganz ohne Kurse und Ratgeber. Die lebensfrohe Frau arbeitet seit vielen Jahren als Ingenieurin für Drucktechnik im Dreischichtbetrieb. Und dieser Job setzt ihr schon lange zu.

Ute: Meine Unzufriedenheit ist schon ziemlich krass. Früher konnte ich damit leben und habe gesagt. Okay, ich gehe arbeiten, um etwas zu erleben, zu reisen, um mir etwas zu leisten. Aber jetzt ist es so, dass ich denke, nur noch aus diesem Grunde arbeiten zu gehen. Reisen, das habe ich jahrelang gemacht. Und ich habe mir auch was geleistet. Aber jetzt denke ich, ich müsste noch 25 Jahre arbeiten und wenn ich jetzt nicht was Neues probiere, wann dann?

Ute ist nicht gerade die Schlankheit in Person. Die passende Kleidung zu finden, bereitete ihr schon immer Schwierigkeiten. So reifte die Idee heran, sich selbstständig zu machen und einen eigenen Laden zu eröffnen: mit Second-Hand-Kleidung für übergewichtige Frauen.

Ute: Ich hab das schon eingerichtet insgeheim. Ich bin schon mit Freunden dort gewesen, wo ich denke, dass es was werden könnte in dem Kreis, bin schon mal lang gelaufen und habe geguckt, was wäre da für ein Laden da. Ich habe mir einen Namen überlegt. Hab schon mal alle Freunde gefragt: Könntet Ihr mir helfen beim Malern oder so. Und alle waren begeistert und meinten: Ja, mach das!

Aber Angst, dass sie eine Bruchlandung erleben könnte, sie es einmal bereuen könnte, ihren sicheren Job hingeschmissen zu haben, hat sie nicht. Alles scheint ihr besser, als weiter zu machen wie bisher. Ihr Motto:

Entweder jetzt oder nie!

Nicht mehr so richtig voran geht es im Moment bei Claudia Büll. Eigentlich hat sich in ihrem Leben immer alles wie von selbst ergeben, konkrete Ziele hat sie nie systematisch verfolgt: Ausbildung als Buchhändlerin, geisteswissenschaftliches Studium, im Anschluss verschiedene befristete Stellen. Und dann: der Karriereknick.

Claudia: Ich bin dann eben Mutter geworden, habe zwei Kinder gekriegt, und dann war's mit der Berufskarriere erst mal vorbei. Ich habe viel im pädagogischen Bereich gearbeitet, Medienpädagogik. Das beinhaltete eben, dass ich viel nachmittags gearbeitet habe, nachts. Jetzt bin nicht mehr so verfügbar wie vorher. Und außerdem ist das ein Bereich, in dem es kaum noch Stellen gibt. (…) Und bin jetzt zum ersten Mal in meinem Leben in einer Situation, wo ich mich hinsetzen muss und mir überlegen muss: Was will ich überhaupt in meinem Leben.

Und das mit nicht mehr ganz jungen 41 Jahren. Um sich neu zu orientieren, besuchte Claudia erst mal diverse vom Arbeitsamt geförderte Kurse. Einer beschäftigte sich mit Zielsetzungen.

Claudia: Da habe ich eigentlich ganz viele Anregungen für mich gekriegt. Zum einen, dass man Ziele nicht so kurzfristig anlegen muss, auch gerade berufliche Ziele. Sondern dass man ein Ziel auch zwei, drei Jahre verfolgen kann. Klar, hätte man auch von alleine draufkommen können. Aber ich habe bei mir eine Tendenz gemerkt, dass ich Sachen, die ich bis zum Ende des Jahres oder Ende des nächsten Jahres nicht schaffen kann, gleich ad acta lege und denke, das schaffe ich sowieso nicht.

Es wurde aber auch ein Thema angesprochen, das bei Claudia im täglichen Leben immer wieder untergeht: die Unterscheidung zwischen dringenden und wichtigen Zielen.

Claudia: Und da habe ich noch mal gemerkt, wie wichtig es ist, dass man sich ab und zu mal zurücklehnt und sich Gedanken macht: Was ist mir denn wirklich wichtig. Man darf vor lauter dringlichen Sachen nicht das Wichtige aus den Augen verlieren.

Und das befolgst du jetzt auch?
Ich versuch's. (lacht) Im Moment habe ich vor lauter dringlichen Dingen die wichtigen Dinge wahrscheinlich wieder aus den Augen verloren.

Ulf Mailänder braucht die große Vision nicht mehr zu suchen - er lebt sie schon. Zurzeit schreibt der Lebenskünstler als Ghostwriter die Autobiografie eines Millionenbetrügers. Dieser Auftrag verschafft ihm wieder für mehrere Monate Geld und Zeit, seinen Interessen und Bedürfnissen nachzugehen.

Ulf: Gerade solche Ziele, also alles was sich konkretisieren lässt, wenn man es denn dann erreicht hat, dann stellt sich das alles ganz anders dar: den Posten, den man angestrebt hat, oder das Auto, das man fahren will, oder die Wohnung, in der man leben will. Wenn man sie denn hat, werden sie ja ganz schnell zu einer Alltäglichkeit, und sie sind ja nur so lange eine Verheißung, wie man sie nicht erreicht hat. Also ich würde sagen, meine Ziele bestehen eher darin, in bestimmten inneren guten Zuständen zu bleiben und nicht das Gleichgewicht zu verlieren und mit meiner Kraft in Verbindung zu stehen, und das auch in schwierigen Situationen.

Ganz ziellos lebt aber auch Ulf nicht in den Tag hinein. Er entwickelt Konzepte für neue Bücher, hat feste Abgabetermine für Manuskripte, und dann hat er auch noch eine Tochter. Dinge, die zu erledigen sind, schiebt er nicht lange vor sich her. Denn nichts hasst er mehr als lange "to-do-Listen".

Ulf: Wenn ich den Eindruck gewönne, dass ich nur noch irgendwelche Listen abarbeite, dann hätte ich das Gefühl, ich müsste in meinem Leben grundlegend etwas ändern. Weil ich dann dieses, was ich als das Wesentliche bezeichne, aus den Augen verlieren würde, und das Gefühl hätte: Ich bin nur noch in einem Hamsterrad, wo ich versuche, die Bedürfnisse anderer Menschen zu befriedigen. Und der andere Punkt ist natürlich, dass ich nur deshalb so leben kann, weil ich sehr wenig materielle Ziele habe. Kein Problem damit habe, dass mein Auto etwas alt ist und dass ich es mit anderen Leuten teile. Und dafür auf der anderen Seite genieße ich aber auch den Luxus, so scheinbar ziellos in den Tag hinein zu leben. Und deshalb habe ich auch Zeit für so ein Interview. (lacht)

Ruth: Gesund sein. Gute Freunde haben. Zeit für die schönen Dinge des Lebens haben. Spaß an der Arbeit haben. Immer wieder geistige Anregung finden, dass es mir nicht langweilig wird. Netten Wein trinken.

Auch Ruth Müller versucht, es sich gut gehen zu lassen. Nach einer Schauspielausbildung hatte sie sich zunächst einige Jahre als Sängerin versucht - ambitioniert zwar, aber wirtschaftlich nicht immer erfolgreich. Sie fand eine Anstellung im PR-Bereich, stellte dabei fest, dass das ihr Ding ist, und machte sich schließlich selbstständig: als PR-Managerin für Künstler und kulturelle Einrichtungen. Inzwischen brummt das Geschäft. Am Ziel sieht sich die 34-Jährige gleichwohl nicht.

Ruth: Ich glaube, dass das nie passiert. Also ich habe nie das Gefühl, jetzt ist mein Leben fertig, und dann habe ich das Ziel erreicht. Punkt. Aus. Vorbei. Das ist eigentlich eine permanente Bewegung, ein permanenter Fluss. Und alles andere fände ich ziemlich traurig.

Strategische Ziele, taktische und operative Ziele, 'Von-Weg'- und 'Hin-zu'-Ziele. Mit solch analytischen Begrifflichkeiten hält Ruth sich nicht auf. Und nichts hasst sie mehr als Listen, die ihren Alltag und ihr Leben strukturieren sollen. Gleichwohl ist sie immer in Aktion, ein Termin jagt den andern, für Privates bleibt immer zu wenig Zeit. Und wohin es sie dereinst verschlagen wird, an welchem Punkt sie in zehn Jahren stehen will, vermag sie nicht zu sagen.

Ruth: Es kann wirklich sein, dass ich immer noch hier sitze und das mache, was ich jetzt tue. Es kann genauso sein, dass ich mit Mann und einem Haufen Kindern an der Nordsee sitze. Da habe ich überhaupt keine Ahnung. Aber das will ich auch gar nicht festlegen. Da lass ich mich schon ein bisschen treiben.

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