Kompass
Kompass • Blicke in die Gesellschaft
Montag bis Freitag • 14:40
3.1.2005
Kein Wochenende in Sicht
Wie Menschen durch den Montag kommen
Von Gabriele Kammerer

Manche möchten lieber auch den Montag im Bett verbringen (Bild: AP)
Manche möchten lieber auch den Montag im Bett verbringen (Bild: AP)
Wir haben es schon fast geschafft: Der Montag geht dem Abend zu. Wieder nimmt eine Woche ihren Lauf. Viele finden den Montag zäh. Disziplin ist angesagt, das nächste Wochenende ist noch weit. Andere genießen den Tag, weil endlich wieder Alltag einkehrt. Was macht Menschen zu Montagsmuffeln? Warum starten andere fröhlich durch? Erkundungen zu einem besonderen Wochentag.

Immanuel: In der Regel ist es so, dass der Montag in der Tat der längste Tag in der Woche ist, so empfinde ich es jedenfalls.

Henrike: Jetzt kommen wieder alle und wollen was von einem, und man muss irgendwo hingehen und Termine wahrnehmen und so weiter.

Bianca: Den Kunden merkt man das an, dass sie auch nicht zufrieden mit dem Montag sind. Sind auch viele schlecht gelaunt oder lassen ihre schlechte Laune an mir oder den Kollegen ab und sehen müde, verschlafen aus.

Jacob: Die Wochenenden sind immer gleichermaßen anstrengend und schön, und der Montag ist dann eben nicht so schön.

Iris: Ist ne komische Stimmung an dem Tag. So ne hektische, arbeitsame, merkwürdige Stimmung. Ganz schwer zu fassen mit Worten.

Montag - das ist der Januar unter den Wochentagen. Mit bangen Hoffnungen beginnt jetzt eine neue Woche. Menschen reagieren verschieden auf diesen Tag. Lustlos und vollgefressen die einen, ausgeruht und voller Tatendrang die andern. Längst nicht für alle beginnt eine neue Arbeitswoche. Aber der Montag ist selbst für Arbeitslose oder Schichtdienstler kein Tag wie jeder andere.


Jacob: Zu Zeiten der Arbeitslosigkeit habe ich mich immer sehr auf das Wochenende gefreut, weil ich da Gleicher unter Gleichen war, da hat keiner was gemerkt, ob du arbeiten gehst oder nicht und am Montag war das dann nicht so, da musste man dann immer sehen, wie man sich am besten versteckt.

Imke: Montag insgesamt ist schon so ein Gefühl von: Jetzt geht die Woche wieder los. Also irgendwie bleibt das Gefühl, auch wenn meine Arbeitswoche da nicht losgeht. Also dieses Gefühl von: Jetzt fängt was an, das bleibt am Montag, selbst wenn ich sonntags gearbeitet habe, Montag früh von der Arbeit komme, mich dann gemütlich ins Bett lege und denke: So, jetzt erst mal ausruhen. Aber trotzdem ist Montag, und es bleibt ein Gefühl von anfangen und loslegen.

Ursula: Ich schlafe bei offenem Fenster. [...] Also der Sonntag, das ist ja so eine verordnete Ruhe, nicht für alle, aber für viele, und es ist einfach ein ganz anderer Geräuschpegel, am Montag, das fällt sofort auf, es flirrt in der Luft, es liegen viel mehr Geräusche in der Luft, die ganze Atmosphäre ist ganz anders aufgeladen.

Für viele piepst heute der Wecker besonders hämisch. Die neue Woche wirft ihre Schatten voraus. Disziplin ist angesagt nach dem Müßiggang am Wochenende. Und nicht nur Große, auch die ganz Kleinen haben ihre Anlaufschwierigkeiten.

Erzieherin: So lange wie's Wetter gut ist, nutzen wir unser tolles Außengelände. Ansonsten ist Montag unser Turntag, dass wirklich alle Kinder die Möglichkeit haben, sich richtig im Turnraum auszupowern und auszutoben. Das haben wir schon bewusst auf den Tag gelegt, dass jeder diesem Bewegungsdrang nachkommen kann. Wir setzen die dann nicht da hin und lassen die irgendwelche filigranen Sachen ausschneiden - da wären die gar nicht in der Lage zu.

Ursula: Das ist so wie wenn man erst mal einen Berg ersteigen muss. Man steht unten und guckt nach oben und muss da hoch. [...] Oft ist es so, da muss die Maschine wieder in Gang gesetzt werden, man muss wieder loslegen, am Wochenende hat man einfach einen ganz anderen Rhythmus, und dann fängt der Alltag wieder an.

Den Übergang von der Entspannung zur Spannung zu meistern, das ist die Herausforderung des Montags, sagt der Berliner Psychologe und Coach Thomas Binder. Diese Umstellung ist nicht leicht, ein bisschen Montagsmuffel steckt deshalb in jedem von uns. Wer am Montag früh nicht immer freudig in den Alltag startet, muss sich also nicht gleich Sorgen machen, beruhigt der Experte in Sachen Motivation:

Binder: Es ist natürlich auch ein Zeichen von Genussfähigkeit möglicherweise, dass man sieht: Es gibt noch was jenseits der Arbeit und ich definiere mich nicht nur durch meine Arbeit. Schwierig wird es denke ich für die meisten Leute dann, wenn es so ein Ausmaß erreicht hat, dass sie mit absolutem Widerwillen aufstehen, dass sie keine Lust mehr empfinden, und dass das etwas ist, was prinzipiell da ist, was immer wieder da ist, jeden Montag, und mit hohem Maß an Unlustgefühlen und auch Unbefriedigung, wenn man daran denkt, verbunden ist.

Wenn die Beklemmung beim bloßen Gedanken an den Montag chronisch wird, hilft Thomas Binder den Betroffenen, nach den Hintergründen zu suchen. Schnell geht es dann um die Berufswahl, um die Menge an Arbeit und Verantwortung, um das kollegiale Umfeld - kurz: um grundsätzlichere Dinge als die Unlust am Montagvormittag.
Die kann also ein Symptom sein für schwerere berufliche Krisen - muss es aber nicht. In bestimmten Kreisen, so Psychologe Binder, gehört die Montagsmuffeligkeit einfach dazu. Und zwar gerade nicht bei den einfachen Angestellten, die montags wieder zu ihren klar definierten Arbeitsabläufen zurückkehren.

Binder: Das ist die Schwierigkeit jedes Freiberuflers, irgendwie, es trifft auf Fachkräfte im weitesten Sinne zu, die frei sind, weitgehend frei sind in ihrer Aufgabenerfüllung, und es trifft natürlich fast immer auf Führungskräfte zu. Da wartet ja kein Plan auf die, es warten vielleicht Termine, aber es wartet kein Plan, der so strukturiert ist, dass man das nacheinander abarbeiten kann, sondern den muss man auf eine Art selber entwickeln und finden: Was ist jetzt grade wichtig und was man in dem Moment auch leisten kann.

Eine solche Führungskraft ist Gaetano Foti. Er leitet ein Autohaus im Süden Berlins, einen mittelständischen Betrieb mit einem guten Dutzend Angestellter. Montags sei er besonders launisch, gesteht er. Denn am Montag gibt es weniger Routine als an anderen Tagen. Plötzlich ist da alles offen:

Foti: Weil man ja am Freitag versucht, alle Autos fertig zu bekommen und die Kunden ja am Wochenende mit ihrem eigenen Auto fahren möchten, ist es oft so, dass der Montag früh so ein bisschen Anlaufphase ist [...]. An den andern Tagen bleiben oft Autos in der Werkstatt stehen, die dann am nächsten Morgen weiter gemacht werden, das heißt, Sie haben von Montag auf Dienstag, von Dienstag auf Mittwoch, von Mittwoch auf Donnerstag immer noch Arbeit vom Tag vorher. [...] Und das ist am Montag früh meist anders. Da warten wir regelrecht, bis dann die Kunden eintrudeln, und da ist kaum Arbeit übrig vom Wochenende.

Dieses Warten auf Kunden ist nicht wirklich entspannt. Die Angestellten müssen sich vielmehr auf eine Predigt des Chefs einrichten. Montag ist Bilanztag, sagt Gaetano Foti.

Foti: Ich hab am Sonntag auch Zeit, über Dinge nachzudenken, über die ich sonst im Lauf der Woche nicht nachdenken kann, [...] und dann komme ich natürlich mit einer ganzen Menge guter Vorsätze dann am Montagmorgen in den Betrieb, und die Leidtragenden sind dann meist meine Mitarbeiter, die dann entweder, wenn die vorige Woche gut gelaufen ist, einen hoch motivierten und zufriedenen Chef vor sich haben, oder, wenn die Woche nicht so gut gelaufen ist, dann womöglich einen etwas belasteten und belastenden Chef dann vor der Nase haben. [...] Also ich schaffe es leider auch am Montagmorgen, meine Leute mit runter zu ziehen, statt dass ich sie nach oben bringe, das ist sicherlich eines der unangenehmen Effekte des Montagmorgens.

Imke: Also ich muss sagen, ich liebe den, mittlerweile.

Ja, auch hier geht es um den Montag.

Imke: Seitdem ich erstens ein Kind habe und zweitens zu Hause arbeite, nämlich an meiner Doktorarbeit, freue ich mich immer richtig, wenn es endlich wieder Montag ist. [...] Weil das Wochenende sehr intensiv der Familie gehört, [...] aber ich auch froh bin, wenn ich am Montag mal wieder zu mir selber, zu mir ganz allein und auch zu den Dingen, die mich halt sonst so beschäftigen, komme.

Es gibt sie tatsächlich: Menschen, die sich auf den Montag freuen. Manche freilich eher gezwungenermaßen. Sie trauen sich nicht mehr, Montagsfrust zu zeigen - angesichts der bedrohlichen Lage auf dem Arbeitsmarkt. Früher gaben sie ihrer Unlust gelegentlich nach und verlängerten das Wochenende durch angebliche Krankheit. Dieses Phänomen, der "blaue Montag", ist inzwischen kaum noch zu beobachten, sagen die Krankenkassen.
Tapfer beißen sich heute auch Montagsmuffel durch den Morgen aller Morgen.
Es soll aber auch Menschen geben, bei denen der fröhliche Wochenstart durchaus von Herzen kommt.

Henrike: Ich steh auf nach dem Radioprogramm, und da bin ich eigentlich eher froh, dass Montag wieder das normale Radioprogramm ist, das finde ich gut.

Constanze: Wenn ich viel zu tun habe, dann bin ich froh, dass wieder Montag ist, weil ich zum Beispiel freitags es nicht mehr geschafft habe, bei Behörden oder Institutionen oder Einrichtungen rechtzeitig anzurufen, weil die ja schon früh Feierabend machen, und dann versuche ich hektisch zumeist, die nicht erledigten Hausaufgaben auf die Reihe zu kriegen.

Immanuel: Es gibt natürlich auch Wochenenden, die sehr stressig waren, wo man sich vielleicht aus dem Grund auf den Arbeitstag wieder und auf den Montag freut, weil in gewisser Weise ist das Arbeitsleben ja sehr geregelt.

Henrike: Wenn gar nix los war, dann freut man sich auch, wenn am Montag wieder was passiert. Also immer Sonntag wär auch furchtbar.

Der Montag ist der Tag des Wechsels, der Umstellung. Das macht skeptisch. Früher wurden montags keine Reisen begonnen, es wurde davon abgeraten, an diesem Tag Dinge zu verleihen oder Wäsche zu waschen. Dienstboten hatten ihren Einstand nicht am Montag, sondern einen Tag später - am Dienstag eben. Was der Montag brachte, galt als provisorisch, launisch, unkonzentriert. Nicht einmal das Wetter vom Montag hat Bestand, behauptet die Volksweisheit. Und bis heute geht die Rede von der "Montagsware", dem fehlerhaften Ertrag des ersten Wochentages.
Ein heikler Tag also, eine kollektive Achillesferse. Zum Glück gibt es Tricks und Kniffe.

Immanuel: Das ist auch ein Montagsphänomen, dass der eine oder andere extra früh kommt. Ich gehöre zu den Leuten, die extra früh kommen, weil ich das Gefühl habe, ich brauch die Zeit, bevor alle da sind, und bevor die Telefone heiß klingeln, und gut vorbereitet bin, es gibt aber auch welche, die kommen extra später, weil sie wissen: Das wird eh ein langer Tag, dann kann ich auch mal um halb zehn aufschlagen, oder weil sie einfach länger brauchen, bis sie wieder in Tritt kommen. Das kann man so halbe-halbe beobachten bei uns.

Ursula: Sonntagabend ist man immer schon leicht in so einem inneren Aufruhr, die Woche geht wieder los, häufig mache ich es so, dass ich mich abends hinsetze, und schon mal gucke, was erwartet mich eigentlich, was muss ich eigentlich vorbereiten, ich muss mich wieder auf mein Arbeitsleben und den Alltag einstellen.

Foti: Natürlich ist der Montag ein Tag, der ganz klar in Abhängigkeit zum Wochenende steht. [...] Und da ist ganz eindeutig die Konstitution einer Ehe gefragt. [...] Wenn die Tage, die man als Unternehmer mit der Familie verbringt, natürlich vor allen Dingen am Wochenende abspielen, dann hängt der Montag ganz klar vom Eheglück des Unternehmers ab. Wenn es in der Familie klappt, dann klappt's auch in der Firma, klar.

Aller Anfang ist schwer, das gilt offensichtlich auch für die Woche. 52 Mal im Jahr heißt es den Montag meistern. Ein Trost gilt allerdings allen, den tapferen Wochenstartern wie den muffeligen Montagshassern: Der Montag geht so schnell vorbei, wie er gekommen ist.

Iris: Wenn der Montag erst mal da ist, dann ist es schon nicht mehr so schlimm. Weil dann ist er ja da, und nachdem das Aufstehen überwunden ist, ist es dann halt Montag und die Woche fängt wieder an.

Ursula: Irgendwie gewöhnt man sich ganz schnell dran. Wenn ich dann aufgestanden bin, und der Alltag hier weitergeht, dann bin ich eigentlich ganz schnell wieder da.

Immanuel: Wenn ich abends nach Hause komme, dann ist ein Stück weit was geschafft. Das ist wie so ne Hürde genommen, dann sind es ja auch nur noch vier Tage, die einem bevorstehen.
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