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4.1.2005
Es jault und quietscht
Wer spielt heute noch Mundharmonika?
Von Irene Binal

Schrille Töne und quietschende Kadenzen, die bis an die Grenzen des Erträglichen gehen: Der Klang der Mundharmonika treibt so manchen Musikfreund in die Flucht. Tatsächlich aber kann die Mundharmonika weit mehr als jaulen und heulen. Bei regelmäßig ausgetragenen Mundharmonika-Weltmeisterschaften zeigen die besten Spieler der Welt, was alles in dem Instrument steckt.

Ich hatte als Kind eine Mundharmonika, habe dann irgendwann angefangen, auf ihr herumzukauen und sie dabei fast verschluckt und nachdem sie dann total auseinander gelullert war, war meine Mutter wahrscheinlich sehr froh, dass ich sie dann irgendwann weggeworfen habe. Also mir tun alle Eltern leid, deren Kindern irgendwann von Omas und Opas irgendwann mal eine Mundharmonika geschenkt wird.

Die Mundharmonika ist vielleicht nicht mein Klang... also ich mag den Sound nicht.

Man kann auch nicht viel falsch machen. Das ist noch das Schöne, wenn ich bei einer Flöte reinpuste, dann kann das erstmal richtig schrecklich klingen. Bei der Mundharmonika geht das immer. Selbst wenn man es nicht kann, klingt es nach irgendwas.

Ich hatte zwei Brüder und die hatten so ein Ding. Und ich kann mir schon vorstellen, warum viele das nicht so mögen, da eben auch sehr viele eben es ihren Kindern schenken und die nicht so sehr musikalische Sachen damit machen. Heißt schon sehr Nervensäge damit machen. Also sprich, da eben reinpusten, das schlimmste Geräusch, das man kriegen kann, rausziehen und allen richtig auf den Wecker fallen.

So kennt und so fürchtet man sie: die Mundharmonika. Ohrenqual für genervte Eltern, deren Sprösslinge das Instrument malträtieren, quietschende Tonlosigkeit in höchsten Höhen oder schunkelnde Begleitung alpenländischer Musikalität. Für viele Musikfreunde nichts weiter als ein Instrument-gewordener Alptraum.

Bei der Mundharmonika denke ich immer an Karl Moik und den Mutantenstadl, denn die Mundharmonika gehört für mich wie die Gitarre und die Quetsche zur Volksmusik.

Damals fand ich sie ganz schrecklich, weil das hat genau das widergespiegelt, was meine Eltern - oder ja, die Generation meiner Eltern wahrscheinlich unter der Mundharmonika verstanden haben, dass es eben so ein Alpeninstrument ist ...

Aber es geht auch anders - ganz anders. Nämlich so:

Auch das ist eine Mundharmonika, gespielt freilich von keinem Geringeren als einem ehemaligen Weltmeister auf dem Instrument: Der Österreicher Franz Chmel gilt als einer der besten klassischen Mundharmonikaspieler - und wenn er richtig loslegt, verliert die Mundharmonika ihren Schrecken.

Was mich an der Mundharmonika so wahnsinnig fasziniert ist eben diese Vielfalt der Tongestaltung. Also man hat wahnsinnige Möglichkeiten mit dem Kehlkopf, mit dem Mundraum, mit der Zunge, mit den Händen, den Ton zu formen, also von extrem hart zu extrem weich, oder überhaupt Möglichkeiten die es zum Beispiel auf einem Klavier nicht gibt.

Ein Instrument mit Tiefgang also, mit Variationsmöglichkeiten - und mit einer erstaunlich langen Geschichte. Schon 3000 vor Christus wurde in China das erste Instrument mit freischwingenden Zungen hergestellt - ein Prinzip, auf dem auch die heutige Mundharmonika basiert. Anfang des 19. Jahrhunderts begann die Firma Messner aus Trossingen mit der Produktion von Mundharmonikas, wenige Jahre später folgte ihr die Firma Hohner, heute noch einer der bekanntesten Hersteller der Instrumente. Das weiß auch Andreas Malliaris, Mundharmonika- und Akkordeonspieler in einer Band in Berlin:

Hohner hat sich durchgesetzt, weil erstaunlicherweise von dieser Firma bzw. vom Firmengründer Matthias Hohner so eine aggressive Marketingpolitik weltweit vorangetrieben wurde, es war ein gerissener Geschäftsmann, der es geschafft hatte, dieses Instrument auch in den USA zum Marktführer zu machen und deswegen war wirklich über Jahrzehnte Hohner war Synonym für Mundharmonika genauso wie Tempo für Taschentücher oder andere Markenartikel ...

Freilich ist Mundharmonika nicht gleich Mundharmonika. Jenes Instrument, dem der ehemalige Weltmeister Franz Chmel so berückende Töne entlockt, ist eine so genannte chromatische Mundharmonika, die sich vom altbekannten Kinderinstrument, der diatonischen Harmonika, auf mehrfache Weise unterscheidet. Sie ist nicht nur größer und umfasst mehrere Tonarten, sondern erfordert auch eine andere Spieltechnik, da der Luftstrom von kleinen Ventilen geregelt wird.

Sie (...) erlernen gleichzeitig einen Blas-Ziehrhythmus. Ja. Und der ändert sich in jeder Tonart. Der ist in jeder Tonart verschieden, das heißt, in 12 verschiedenen Tonarten haben Sie 12 verschiedene Blas-Ziehrhythmen. Von nur wenig abweichend bis absolut das Gegenteil. Sie beginnen das, Sie nehmen die Mundharmonika in die Hand und spielen und wissen genau, Sie müssen hier in diesen Kanal reinblasen, um den Anfang zu haben. Wenn ich Ihnen das G gebe, da können Sie auch reinblasen, da kommt aber nicht der Ton. Da müssen Sie bei einem anderen, zum Beispiel einen Kanal höher oder tiefer, ziehen, dass Sie den Anfangston erreichen. Und das ist bei jeder Tonart anders.

Kompliziert wird es vor allem, wenn es um die richtige Stimmung geht. Denn um das chromatische Instrument zu stimmen, ist es notwendig, es zu zerlegen. Eine Arbeit, der sich Franz Chmel mit Begeisterung und Ausdauer widmet:

Wenn Sie jetzt sehen, so eine Stimmzunge (lässt sie leicht klingen): Wenn die zu hoch ist, dann wird - also das ist wirklich kinderleicht, wird nur untergelegt, da, dann haben wir einen Schleifer oder eine Feile oder sonst etwas und dann schleife ich hier eine Kleinigkeit weg. Das ist ganz wenig. Damit wird der Ton tiefer. Wenn es umgekehrt ist, wenn er zu tief ist, dann schleife ich an der Spitze etwas weg, dann wird er höher. Und das Ganze ist erledigt.

Kein Wunder also, dass die wahren Könner auf der Mundharmonika oft auf chromatischen Instrumenten spielen. Wie auch Wolfgang Schönbrunn, der sich im Gegensatz zu Franz Chmel der leichteren Muse verschrieben hat. Mehr als 10 Jahre lang spielte Schönbrunn mit dem Berliner Mundharmonikaorchester "Melodia" - Schlager, Tanzmusik und beliebte Hits.

Das Orchester hat sich mittlerweile aufgelöst und Wolfgang Schönbrunn spielt nur mehr ab und zu mit ein paar Kollegen. Nach wie vor faszinieren ihn jedoch die klanglichen Möglichkeiten des Instruments:

Also, kann man die dann spielen. Am liebsten habe ich immer mit der gespielt, weil die eben mehr Oktaven hat, nicht? Die ist auch tief.
Und da ist der Klang eben so gut. Aber ist sie auch teuer, wenn sie repariert werden muss. Da habe ich Gott sei Dank einen Kollegen, der die hin und wieder mal repariert hat. So eine Mundharmonika kostet ungefähr 60 Euro zu reparieren, da wird die auseinander genommen. (...) In der Anschaffung - da kostet die ungefähr 180 bis 200 Euro.


Und es geht noch teurer: Bis zu 700 Euro kann eine chromatische Mundharmonika kosten. Ein diatonisches Instrument hingegen ist schon ab drei bis vier Euro zu haben - dafür ist es in den Möglichkeiten auch beschränkter:

Also die diatonische Mundharmonika, da können Sie keinen Halbton spielen. Sie können auch, also zum Beispiel bei der Blues-Mundharmonika, da ist auch kein Halbton drin, aber die wird, sie wird überblasen. Overblowing, oder wie sich das nennt, nicht? Und da kriegen Sie eventuell manchmal den Halbton raus, durch dieses Überblasen von dem kleinen Instrument. Und diese hat dann eben den Schieber da, dass man eben den Halbton sich holt, der bei der diatonischen nicht da ist.


Aber auch die einfachere, diatonische Mundharmonika kann mehr, als man ihr zutrauen würde. Wohl umfasst jedes Instrument nur eine einzige Tonart, sodass der Musiker im Bedarfsfall die Mundharmonika wechseln muss. Vor allem im Jazz und im Blues aber sorgt sie für schräge Läufe und harmonisch-disharmonische Kadenzen:

Zur Mundharmonika fällt mir ein, Westernfilme, richtig alte Westernfilme, wie du schon gesagt hast, dann Romantik fällt mir dazu auch ein, also verbinde ich irgendwie, eine Mundharmonika verbinde ich mit Romantik.

Also ich verbinde es (...) mit der amerikanischen, also mit Bob Dylan oder dieser Art von Musik, und da wird sie ja auch, oder eben Blues zum Beispiel, da wird sie ja auch als vollwertiges Instrument durchaus benutzt und ich finde, man hört das auch sehr genau, wenn jetzt gerade irgendwelche Rockbands die Mundharmonika einsetzen, ob das jemand kann oder nicht. Und ich glaube das ist, ich glaube, dass es sehr viele halt nicht können, es trotzdem einsetzen, und es deshalb auch ein bisschen diesen Larifari-Ruf hat, so nach dem Motto, na, so wie das klingt, kann es nicht schwer sein.

Es hat sicherlich viele Facetten in der Richtung, dass man ja also verschiedene Techniken anwenden kann, um ja ich sag mal jaulende, heulende Töne aus dem Instrument herauszubringen, die auch eben sehr gut zum Gefühl des Blues passen und die genauso auch mit einer Gitarre sicherlich erzeugt werden können, auf eine andere Art und Weise, also eine Saite lässt man auch klingen, genauso lässt man den Ton der Mundharmonika auch erklingen, man kann ihn so verzerren, dass er auch Gefühlsmomente wiedergibt, die ja im Blues sehr wichtig sind.

Man saß am Strand, ja, einer hatte eine Gitarre, der andere spiele Bongos, also diese Trommeln, das fand ich zu blöde irgendwie, wie so ein dilettantischer Indianer dort zu hocken und Bongos zu spielen, und mit einer Mundharmonika kann man auch schön einen Rhythmus spielen und Bob Dylan hatte so einen ganzen Patronengurt mit verschieden Tonlagen, den hatte ich damals auch, alle natürlich mit irgendwelchen Tabakkrümeln verstopft, aber auch gerade wenn die so richtig eingeranzt waren, dann waren die eigentlich noch wertvoller, wie Gold, so ganz leichte, schräge Töne ...

Wohl klingt das recht einfach - aber das richtige Spielen der Mundharmonika erfordert einigen Aufwand. Nicht umsonst wird an Musikhochschulen etwa in Trossingen Mundharmonika gelehrt.

Das ist auf jeden Fall ein richtiges Instrument, das auch richtig schwer zu spielen ist, also ich habe das natürlich, als Kind habe ich auch eine bekommen, ich war als Kind sehr musikalisch, habe mehrere Instrumente gespielt und ich weiß gar nicht mehr wie, irgendwann habe ich eben auch eine Mundharmonika bekommen und habe das versucht, und ich kann mich erinnern, das wart ein ganz, ganz harter Weg, also ich bin da auch nicht sonderlich weit gekommen, da fehlte mir im wahrsten Sinne des Wortes ein bisschen der Atem, aber wenn das jemand wirklich gut kann, dann steckt da eine Menge Arbeit auf jeden Fall dahinter.

Das ist ein Instrument, das vermeintlich leicht zu spielen ist, aber bestimmt sehr schwer, denn man muss ja eine spitze Lippe riskieren, um genau den richtigen Ton zur richtigen Zeit zu treffen, denn die Töne liegen ja so nah nebeneinander, dass das größte Problem bei der Mundharmonika möglicherweise ist, dass man möglicherweise den Nebenton noch mit bläst. Und dadurch gibt es Disharmonien.

Zwar dauert es meist nicht lang, bis auch der Laie eine einfache Melodie hervorbringt - bis zum gekonnten Spiel mit den Tönen ist es aber doch ein weiter Weg. Mundharmonikaspieler Andreas Malliaris kennt die Schwierigkeiten des Instruments:

Na ja, die Feinheiten sind ja die, dass man auf sehr engem Raum gewissermaßen den Ton treffen muss und immer darauf achten muss, genau wie bei einer Ziehharmonika, ob man zieht oder den Ton bläst, weil ja dann im Grunde genommen die Tonleiter dadurch entsteht, dass man abwechselnd zieht und bläst. Und das eben auf so kleinen Vorrichtungen, mit so kleinen Löchern da den richtigen Ton einzeln zu treffen ist eigentlich die Schwierigkeit und das Können. Wenn jetzt ein Könner wie Toots Thielemans, der anerkannteste Jazz-Mundharmonikaspieler, wenn der die einzelnen Töne sauber in einer Tonleiter wie so eine Perlenschnur rauf und runter spielen kann, dann ist das die eigentliche Kunst, den Ton zu treffen, obwohl ja im Grunde genommen eben so eine Mundharmonika sehr schnell dann auch mit mehreren Tönen auch gespielt wurde, weil wenn man nicht den richtigen Ton trifft, dann artet das schnell so eben wirklich in den so verwaschenen Ton aus, den man eigentlich von der Mundharmonika kennt und ja, das Schwierige ist sicher eben auch die Größe, es ist einfach irgendwie nicht einfach, so wirklich sauber zu spielen, da muss man schon ein bisschen was üben,

Und auch für die Meister auf der Mundharmonika, wie etwa Franz Chmel oder Wolfgang Schönbrunn, gibt es immer wieder neue Herausforderungen:

Es gibt wie auf jedem Instrument gewisse Tonfolgen, die extrem schwierig sind, und zwar aus verschiedenen Gründen. Zum Beispiel ist extrem schwierig, ein Arpeggio in D-Dur zu spielen, weil es sind lauter Ziehtöne. Und wenn man diese Ziehtöne ohne Unterbrechung spielen will, muss man immer mit dem Kehlkopf den Luftstrom unterbrechen. Das heißt, der Kehlkopf muss so geschult werden, dass er auf Hundertstel Sekunden genau schließt und wieder aufmacht. Und da gibt es natürlich Grenzen, da sind - ab gewisse Tempis ist da einfach nichts mehr zu machen.

Ich habe eigentlich keine Schwierigkeit gehabt. Das ist genauso wie Leute, die jetzt Gitarre spielen, ohne - die Zigeuner und so was alles, die Leute, die können das einfach, die setzen sich ran und dann spielen sie. Und so ist es auch bei der Mundharmonika. Also Schwieriges war hier nicht bei. Es ist nur - schwierig ist nur, wenn man zum Beispiel, was ich nicht kann, das ist auf einer Mundharmonika alle Duren spielen. Das kann ich nicht, Da gibt es welch, die können das. Wie der Toots Thieleman oder Larry Adler oder die ganz Großen. Das waren wirklich die Größten. Und Vorbilder von mir.

Und so spielt Wolfgang Schönbrunn auch gern daheim auf der Mundharmonika, umringt von den Bildern seiner Idole:

As Time Goes By zum Beispiel, das spiele ich auch ganz gerne. Das war es so ungefähr, man spielt es ja sonst besser, aber wenn man weiß, da hat jemand ein Mikrophon hingestellt ...

Auch der ehemalige Weltmeister Franz Chmel hat sich ganz der Mundharmonika verschrieben. Mehrere CDs mit seiner Musik sind auf dem Markt und nach wie vor verbringt er viel Zeit in seinem Studio. An der nächsten Weltmeisterschaft im kommenden Jahr will Chmel freilich nicht teilnehmen:

Ich werde nie mehr an einem Wettbewerb teilnehmen, der sich Weltmeisterschaft schimpft. (...) Der Ausdruck passt einfach nicht. Das passt einfach nicht. In der Musik kann es keinen Weltmeister geben. Es kann einen Sieger dieses und dieses Wettbewerbs geben, aber nie einen Weltmeister.

Aber es ist - möchte ich nur so nebenbei sagen - es ist sehr gesund. Weil man einen wahnsinnigen Luftaustausch hat. Mir hat ein Internist mal gesagt, gell, Sie sind nicht sehr oft verkühlt. Sag ich, das ist richtig, sagt er, ganz klar, Sie haben so viel Luftaustausch, also es haben diese Schädlinge gar keine Zeit zum Einnisten. (...) Ich bin nur einmal im Jahr verkühlt. Ein einziges Mal.

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