Kompass
Kompass • Blicke in die Gesellschaft
Montag bis Freitag • 14:40
5.1.2005
Schniefen, spucken, Nase bohren
Unappetitliche Zeitgenossen und der Verlust der Umgangsformen
Von Barbara Dobrick

Wer kennt das nicht: der Tischnachbar rülpst, Leute bohren in aller Öffentlichkeit in der Nase oder spucken auf die Straße. - Igitt, sagen oder denken da die meisten und empören sich darüber, dass "gute Manieren" scheinbar immer seltener werden.

Anton Schütt: Popeln ist gesund. Man dreht den Popel kugelrund und steckt ihn in den Mund.

Elke Krämer: Wenn ich so an der roten Ampel stehe und dann zum Nachbarn gucke und dann sitzt der da und popelt in der Nase und wenn er dann auch noch, oah, ich mag gar nicht drüber reden, wenn er die isst. Ahhh. Es ist so schrecklich. Ihhh. Widerlich. Furchtbar.

Christine Lenk: Besonders unappetitlich finde ich Leute, die Mundgeruch haben. Das ist für mich ganz grausam oder Leute, die sich während man vor ihnen steht, in den Zähnen pulen.

Elke Krämer: Schmatzen, schmatzen finde ich Äh. Schmatzen und wenn Essen aus dem Mund fällt. Mit offenem Mund essen finde ich auch furchtbar. Schmatzen, schlürfen, all solche Sachen.

Christine Lenk: Rülpsen finde ich sehr, sehr eklig. Sogar wenn ich bei McDonalds bin, da rülpst jemand am Nebentisch, wo man eigentlich nichts anderes erwartet. Ich finde das trotzdem unhöflich und ziemlich eklig auch.

Anton Schütt: Was mich ganz besonders abstößt sind ungepflegte Zähne und die zeigen sich einem relativ häufig im Alltag, dergestalt, dass sie entweder vorweisen, dass sie seit drei oder vier Tagen die Zähne nicht geputzt haben, weil der Zahnbelag so dick ist, dass man das einfach sieht, oder dass sie aufgrund in vergangener Zeit nicht durchgeführter Pflege so viele kariöse Stellen zeigen, dass man einfach merkt, dass diese Zähne nie oder selten eine Zahnbürste gesehen haben.

Regina Schütt: Ich finde es z.B. ziemlich eklig, wenn die Leute auf Toilette gehen und sich danach nicht die Hände waschen, und dann einfach so in ihren täglichen Sachen weitermachen, ob sie da nun grade Essen machen oder selber essen wolle. Das finde ich schon ziemlich unangenehm.

Die Liste von Verhaltensweisen, die uns bei anderen stören, ist lang.

Christine Lenk: Ganz, ganz eklig finde ich Leute, wie das an der Uni ganz häufig passiert, die einfach langgehen und dann auf einmal rotzen, dann spucken sie einfach da auf den Boden, und man denkt, igitt, das finde ich total widerlich, das Hochziehen und das dann ausspucken, das finde ich total widerlich.

Regina Schütt: Eine Frau mit der ich manchmal Sport mache, die kommt immer so direkt mit ihren Straßenklamotten ohne sich vorher zu waschen und Sportsachen anzuziehen kommt sie dann in die Sporthalle, ist völlig ungewaschen, durchgeschwitzt. Und das finde ich einfach so derartig abstoßend, das finde ich richtig eklig.

Anton Schütt: Was ich absolut unästhetisch und abstoßend finde, sind Zehennägel, die hervorlugen, nicht wirklich geschnitten sind und dann auch noch leicht schmutzig sind, das finde ich absolut abstoßend und eklig. Ich weiß nicht, ob man Rückschlüsse ziehen kann von der Fußpflege auf die Hygiene des restlichen Menschen, aber ich denke, da sind schon bestimmte Zusammenhänge, die man nicht von der Hand weisen kann.

Mitmenschen, die uns nah genug kommen, nehmen wir von Kopf bis Fuß wahr. Unsere Augen, Nase und Ohren signalisieren sofort Sympathie, Antipathie oder Gleichgültigkeit.

Anton Schütt: Ich finde es z.B. unappetitlich, wenn Menschen ein zu enges Verhältnis zu ihren Tieren haben. Es gibt immer wieder Situationen, in denen man bemerkt, dass Leute ihren Hund lieb haben, das ist bei mir ebenfalls so, ich hab unseren Hund auch lieb, ihn in den Arm nehmen und ihm dann aber - hündisch ganz korrekt - erlauben, die menschliche Schnauze zu lecken. Das finde ich extrem unappetitlich, und das passt überhaupt nicht zur Oralhygiene des Menschen.

Unsere Beobachtungen führen in Windeseile zu Bewertungen. Manchmal sind die, wie im letzten Beispiel vernünftig, manchmal sind sie es nicht, sagt der Biologe Anton Schütt:

Anton Schütt: Kürzlich hatten wir einen guten Freund bei uns zu Hause, der zu unseren Kindern sagte: Popeln ist gesund. Man dreht den Popel kugelrund und steckt ihn in den Mund. Und damit hat er im Grunde recht. Denn vom hygienischen Aspekt ist das völlig bedenkenlos. Das was wir dann in dem Moment in den Mund stecken, sind natürlich die Teile, die ohnehin vorher in uns waren. Das heißt die bakterielle oder viruelle Belastung bleibt gleich. Es kann nichts an Infekten dabei passieren. Es sieht nur nicht schön aus. Und es erweckt bei manchen Menschen, ich gehör dazu, auch einen gewissen Brechreiz.

Jede Gesellschaft verabredet, was gutes, was schlechtes Benehmen ist. Aber diese Regeln werden nicht von allen akzeptiert, von manchen auch gar nicht erlernt. Darauf verweist das altmodische Wort von der "guten Kinderstube". Der 13-jährige Silvan spürt, dass es ihm in vielen Situationen hilft, wichtige Umgangsformen zu kennen.

Es hilft mir schon manchmal. Wenn ich mich benehmen muss, dann fühle ich mich irgendwie auch vernünftiger und kann überlegter handeln. Man fühlt sich auch wohler dabei, weil man dann als vernünftiger gilt, vor allen Dingen bei den Erwachsenen, und dass man dann nicht so als kleines Kind eingestuft wird.

Sein zehnjähriger Bruder Vincent kennt sogar schon einige sehr subtile Benimmregeln und merkt deshalb, wann Erwachsene sich daneben benehmen:

Wenn sie z.B., wenn sie im Restaurant sind über Sachen reden, wo man nur zu Hause drüber redet.

Vincent hat gelernt, dass man Verhaltensregeln je nach Situation mal strenger, mal lockerer sehen kann:

Wichtig ist es z.B., wenn man über eine Sache ernst spricht oder irgendwo in der Schule ein Gespräch hat. Das ist ja was Wichtiges, und da muss man sich auch gut benehmen, sonst kommt das nicht gut an. Nicht so wichtig ist, wenn man mit Freunden spielt oder beim normalen Mittagessen, wenn man normal zu Hause sitzt, allein mit der Familie, ist es zwar auch ein bisschen wichtig, aber nicht so wichtig.

Umgangsformen sind soziale Visitenkarten, auf denen steht, was wir gelernt haben und wie viel Respekt wir anderen entgegenbringen, wie wichtig es uns ist, dass sich andere in unserer Gegenwart wohl fühlen, niemanden zu kränken. All das bestimmt die Atmosphäre, sagt Elke Krämer:

Die ganz schlichten Rücksichten, die sind auch ganz wichtig, all die kleinen Höflichkeiten, die irgendwie das Leben angenehm machen und einem auch das Gefühl vermitteln, dass man jemand von Wert ist und nicht total egal.

Die Mittfünfzigerin kann sich gut an die von den 68ern geprägte Zeit erinnern, an die Hochzeit der antiautoritären Erziehung:

Ich war ein großer Fan davon. Ich erinnere eine Situation, da waren wir in München in einem Biergarten und mein Sohn war zwei Jahre alt und lief über die Tische. Und so eine richtige dicke bayerische Kellnerin kam voller Empörung schnaufend an und sagte, das wäre jetzt wirklich zu viel und ich sollte sofort dafür sorgen, dass mein Kind von den Tischen runterkommt, und ich überhaupt keinerlei Einsicht hatte und sagte, nein, er findet das toll und es würde ja niemanden stören. Wenn ich heute daran denke, also es waren viele Fehler, die wir gemacht haben in unserer großen Begeisterung, und er hatte bestimmt auch später seine Schwierigkeiten damit.

Den eigenen Bedürfnissen gerecht zu werden, war vor 30 Jahren ein Ziel der gesellschaftlichen Avantgarde, Konventionen wurden in ihr Gegenteil verkehrt:

Dazu gehörte auch, all dieses, was angeblich zur herrschenden Klasse gehört, wie Formen, Umgangsformen eben wegzuwerfen und zu sagen, nein, das nicht, sondern wir sind solidarisch mit der Arbeiterklasse und wenn die eben diese Formen nicht gelernt haben, dann nehmen wir sie auch nicht wahr.

Rudimente davon gibt es unter ihren Kommilitonen immer noch, sagt die Studentin Christine Lenk:

Ganz viele Leute, mit denen ich studiere, für die ist gutes Benehmen dann quasi sich der Konditionierung des Establishments zu unterwerfen und daher ist das ja vollkommen unmöglich, dass man so was macht. Das ist ja fast in Bremen schon so weit, dass wenn man einem Behinderten die Tür aufhält, dass man ihm damit quasi seine Rechte abspricht, sich als selbstständiges Individuum zu fühlen. Das finde ich einfach komplett an den Haaren herbeigezogen.

Es kommt also auf die Interpretation von Verhaltensweisen an. Und darauf, zu welcher gesellschaftlichen Gruppe man gehören möchte. Umgangsformen können gleichzeitig mit einer Gruppe verbinden und von einer anderen trennen. Anders gesagt: Wo kein Konsens herrscht droht der Eklat. Eine solche Situation hat Christiane Reißmann erlebt, als sie mit einem Freund gemeinsam zum Essen bei ihrer Familie eingeladen war:

Der hat sich in einer Weise daneben benommen, dass ich dachte, ich müsste in den Erdboden versinken. Der hat mit den Fingern gegessen, er hat gerülpst und gepupst, hat alles getan, was irgendwie nicht richtig war. Ich denke, das hat er getan, weil er wusste, die Leute würden es schrecklich finden. Und er war einfach Opposition.

Das Ereignis liegt Jahrzehnte zurück. Aber Christiane Reißmann ist immer noch empört. Über das Verhalten ihrer Familie, nicht über das schlechte Benehmen ihres Begleiters.

Ich habe ihn sogar geheiratet. Und ich denke, ich habe erst richtig im Nachhinein verstanden, was es war, was ihn dazu getrieben hat. Ich bin natürlich damals wirklich im Erdboden versunken, aber ich hab hinterher gewusst, dass das schon ganz in Ordnung war, denn meine Familie war außerordentlich arrogant und eigentlich hat mich das eher noch in seine Arme getrieben.
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