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Kompass • Blicke in die Gesellschaft
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6.1.2005
Ich tanke immer für eine glatte Summe
Über die Liebe zu Zahlen
Von Gerd Michalek

Schüler bei den Mathematikhausaufgaben (Bild: AP)
Schüler bei den Mathematikhausaufgaben (Bild: AP)
Telefonnummern und Geburtstage im Kopf behalten - kein Problem. Das kommt außerdem meist gut bei den Mitmenschen an. Andere lächeln jedoch über solche "Zahlenfetischisten". Auch im Leistungssport gibt es zahlenverliebte Athleten, die sich über Jahre ihre Bestleistungen auf Hundertstel beziehungsweise zentimetergenau merken können - so als wären sie ein Stück ihrer Identität. Über den Geist der Zahl im Alltag und anderswo.

Ich empfinde das jetzt am 9. August 2003 fast wie meinen zweiten Geburtstag, muss ich schon sagen.

Am 9. August 1983 wurde Willi Wülbeck Weltmeister im 800-Meter-Lauf. Klar, dass sich der Tag in sein Gedächtnis eingebrannt hat. Außergewöhnliche Tage prägen sich ein, gerade auch dann, wenn sie nichts Schönes zu bieten hatten:

Am 13. März 1973 musste ich zum Arbeitsamt gehen und mich als arbeitslos melden. Es sind meistens solche Ereignisse, die mich negativ berührt haben.

Zahlen müssen aber nicht immer an bedeutsame Stationen des Lebens gekoppelt sein. Es gibt Menschen, die sich einfach leicht tun mit Zahlen - sie spielen mit ihnen herum zum Zeitvertreib.

Milan (12): Einkaufen ist ja etwas Langweiliges. Da gibt es nichts Besseres als durch die Gegend zu schlendern und alle möglichen Zahlen zu addieren. (..) Wenn man im Supermarkt alle Preise addiert, die man kauft, und man hat die linke Seite und die rechte des Weges, und wenn man die von links und rechts addiert, dann kommt man auf Beträge. Und wenn die linke Seite mehr hat, dann hat man die Wette verloren - zum Beispiel. Da kommt man auf solche Spielchen.
Das kann man auch zu Hause machen, wenn man abends im Bett liegt, dann addiert man die geraden Buchseiten und die ungeraden Buchseiten zusammen, und dann guckt man, wer mehr hat.

Wenn es langweilig an der Glotze wird, muntert sich mancher durch Schätzspiele auf:

Ute: Und eine Sportart, die mir überhaupt nicht liegt, ... ist das Skispringen. Und wenn ich dann davor sitze, dann schätze ich, wie weit einer springt. Dann habe ich einen Sprung als Anhaltspunkt gesehen und kann sehr gut die anderen Sprünge einschätzen.

Andere machen das gleiche Spielchen im Stadion. Sie freuen sich diebisch, wenn sie auf drei Zentimeter genau geschätzt haben, wie weit der Diskus geworfen wurde. Mitunter lassen Zahlen feste Gewohnheiten entstehen:

Susi: Spätestens seit Einführung der Kreditkarte muss man doch nicht mehr auf runde Zahlen tanken. Mein Mann muss immer die Null voll machen, er muss für 50 Euro tanken. Aber nicht für 49,37 Mark tanken, das geht ihm völlig gegen den Strich.

Zahlen haben die Eigenart, auf andere Dinge hinzuweisen - auf Preise, sportliche Leistungen und auf Tankmengen. Sie lösen damit allerlei Grübeleien aus.

Ute: Also wenn ich die Zahlen sehe bei den Auto-Kennzeichen, dann ist das so, dass ich denke: Was hat das mit den Geburtsdaten zu tun? Ich überlege dann immer, wann könnte der Geburtstag haben. Ist es jetzt das Jahr, der Monat oder der Tag?

Anstatt die Zahlen als Spiel im Kopf hin und her zu drehen, lassen sie sich natürlich auch penibel aufschreiben. Gerade das tun Menschen, die Zahlen lieben, aber kein so gutes Gedächtnis dafür haben.

Rudi: Ich bin es gewohnt vom Beruf her als Buchhalter, über alles Notizen zu machen, worüber ich später mal Rückschau halten kann. Zum Beispiel die Urlaubsfahrten, die wir in den letzten 30 Jahren gemacht haben, Entfernungen, Kilometer und auch die Zeit, die wir dafür gebraucht haben. Dann sind auch alle Beträge fürs Tanken notiert, den Verbrauch rechne ich am Ende des Jahres aus - für die gefahrenen Kilometer.

Für manche haben Zahlen auch sinnliche Qualitäten - sie sind regelrecht ästhetische Gebilde.

Roland: Ich weiß, dass Zahlen für mich nichts Trockenes und Kaltes sind, sondern Zahlen haben für mich auch unheimlich viel Gefühl. Genauso wie ich Farben Gefühle zuordnen kann, kann ich Zahlen Gefühle zuordnen. Es wäre jetzt zu banal zu sagen, ne 2 ist für mich rot, oder ne 5 ist für mich grün, ne 6 ist für mich gelb. Die 8 ist für mich braun. Die ist für mich ne ganz starke Zahl.
Ute: Was für mich ganz wichtig ist, ist das Faible für ungerade Zahlen, ich find ganz spannend die 7, die 13, und die 17, also Primzahlen. Ne ganz öde langweilige Zahl ist für mich die 4. Das kann ich spontan sagen (Lachen), die ist völlig nichts sagend, die ist auch beige-gelb für mich.

Wen Zahlen in Gefühlswallungen versetzen, dem fällt das Behalten leichter, bestätigt Gedächtnisforscher Professor Jürgen Bredenkamp von der Uni Bonn:

Wir haben mal einen Rechenkünstler untersucht, der von sich gesagt hat, jede Zahl habe für ihn eine emotionale Bedeutung. Zahlen, die er liebt, Zahlen, die er hasst, kaum eine Zahl sei ihm gleichgültig. Und er sah es so, dass die Zahlen wegen dieser emotionalen Bedeutung gut erinnerbar seien. Und wir haben getestet, ob sein Zahlengedächtnis langfristig sehr gut ist, und das haben wir bestätigt.

Auch beim Zahlengedächtnis lebt sich's mit Eselsbrücken leichter:

Bärbel: Von den Zahlenkombinationen habe ich gerne, wenn sich Geburtsdaten addieren. Also Beispiel Valery Borsow, der lief in München 10,14 auf 100 Meter. Und 24 ist meine Geburtstagszahl. Und anhand solcher Zahlenkombinationen merke ich mir für mich wichtige Daten.

Eselsbrücken helfen uns im Alltag - gerade bei den unverzichtbaren Ziffern.

Professor Bredenkamp: Welche Nummer muss ich wählen, wenn ich meine Kreditkarte verloren habe, es ist ja sinnvoll, diese Nummer unabhängig von der Kreditkarte aufzubewahren. Ich merke mir sie so: Vorwahl Frankfurt, dann kommt die 79, das ist das Alter meines Vaters gewesen, als er starb. Drei drei, das war das Alter, als ich meine erste Professur übernahm, 1910, das Geburtsjahr meines Vaters plus 1. Und damit habe ich die Nummer.

Auf Zahlen orientierte Leute reagieren ihre Mitmenschen, die nicht dieses Faible besitzen, ganz unterschiedlich:

Milan: Denn meisten, denen ich begegnet bin, ist es egal. Meine Mutter findet es witzig. Und es ist ja auch witzig. Und mein Mathelehrer findet es gut.
Susi: Mein Mann fällt mir dazu ein, der kennt sämtliche Telefonnummern und sämtlich Geburtstage. Aber das führt dazu, dass ich meinen Kopf völlig ausschalte, weil ich weiß, er weiß es. Und im Übrigen kriegt er die Kloppe, wenn er die Geburtstage vergessen hat. Dann hör ich natürlich öfters die Frage: "Sag mal, weißt du noch, was heute vor 25 Jahren war? Und mir stehen jedes Mal die Haare zu Berge. Das war dann wohl die erste Pizza, oder der erste Speerwurf von 55,37 Metern.

Zahlen-Freaks fühlen sich oft in die Pflicht genommen:

Bärbel: Dass ich ständig nach Telefonnummern gefragt werde, und vor allem, dass jeder sagt: "Du weißt doch sicher, was dann und dann war." Gefragt wird man schon. ...Du hast es ja mit Zahlen, so. Aber Lob? Ne!

Wer viele Zahlen im Kopf behält, ist noch lange nicht gefeit vor peinlichem Vergessen anderer Daten:

Susi: Eigentlich ist es ja ganz hilfreich, wenn der Partner alle Daten kennt, aber wenn er dann am Hochzeitstag, den er selbstverständlich kennt, die Blumen vergisst, was nutzt dann das ganze Wissen?

Der moderne Mensch wird im Grunde immer vergesslicher. Der Trend ist abzusehen.

Professor Bredenkamp: Kopfrechnen müssen wir gar nicht mehr häufig, insofern ist unser Gedächtnis entlastet. Wenn solche Gedächtnisleistungen für Zahlen auch abhängen vom Grad der Übung, was wir getestet haben, dann lässt sich prognostizieren, dass spätere Generationen mal über weniger gute Gedächtnisleistungen für Zahlen verfügen werden als wir.

Gegenwärtig jedoch greift so mancher Zeitgenosse doch noch gern auf seinen Zahlenspeicher im Gehirn zurück: und das in unglaublichen Situationen.

Roland: Das war in den jüngeren Jahren. Wenn man mit seiner Frau zusammen war, und man hat etwas zusammen gemacht. Wenn ich dann gemerkt habe, dass der Orgasmus zu schnell kam, da hab ich ein paar Zahlen zu Hilfe genommen, ne Rechenaufgabe und hab mich dann so hineingekniet, um den Orgasmus zu verzögern. Und es hat auch geklappt.
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