Kompass
Kompass • Blicke in die Gesellschaft
Montag bis Freitag • 14:40
7.1.2005
"Ich weiß selber, was ich will"
Behinderte Menschen im Beruf
Von Gerald Beyrodt

Helen Keller (l.), mit ihrer Blindenlehrerin Anne Sullivan, erreichte als erster taubblinder Mensch 1904 den Hochschulabschluss (Bild: AP Archiv)
Helen Keller (l.), mit ihrer Blindenlehrerin Anne Sullivan, erreichte als erster taubblinder Mensch 1904 den Hochschulabschluss (Bild: AP Archiv)
Welcher Verlag stellt einen querschnittsgelähmten Reisejournalisten ein, welcher Elektronikhändler einen blinden Verkäufer und welcher Vertrieb einen Vertreter im Rollstuhl? Je tougher die Arbeitswelt wird, desto weniger passen körperlich eingeschränkte Menschen ins Bild. Der Kompass stellt Menschen vor, die sich den Weg zu ihrem Traumberuf frei geräumt haben, allen Hindernissen zum Trotz.

Beer: Bei Blinden ist das ein ganz klar vorgegebener Weg. (…) Man hat also die Möglichkeit, Masseur zu werden oder medizinischer Bademeister, irgendwas in diese Richtung. Wenn einem das nicht so wahnsinnig liegt, (…) dann hat man eben noch dieses typische Blindenhandwerk. Dann kann ich eben Körbe flechten oder so was .Das war auch nischt. Dann kann man im Endeffekt eben noch in die Richtung Telefonie gehen, das heißt inner Telefonzentrale sitzen und "Hallo schönen guten Tag, wen wollen Sie denn haben?" und weiter verbinden.

So wie der Blinde Jürgen Beer finden viele behinderte Menschen, ihr Berufsweg sei vorgegeben. Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes arbeiten Behinderte häufig im öffentlichen Dienst, in sozialen Berufen oder im Gesundheitswesen. Sie sind eher arbeitslos als andere Arbeitnehmer, und ihr Bildungsstand ist im Durchschnitt geringer. Das verwundert wenig: Der Zugang zu Gymnasien, Haupt- und Realschulen blieb ihnen in ihrer Jugend oft verwehrt, und sie mussten mit Sonderschulen vorlieb nehmen. Sie sind mit der Vorstellung aufgewachsen, nur für bestimmte Jobs zu taugen. Von Lehrern und Berufsberatern haben sie gehört, welche Berufe sie ergreifen könnten. Doch der Blinde Jürgen Beer hat den Rat in den Wind geschlagen und ist nicht Telefonist geworden:

Ich wollte dann eigentlich mir, aber eigentlich auch denen, die mir ständig vorgegeben haben, was ich denn werden soll, mit Sicherheit auch 'n bisschen beweisen, dass es anders geht.

Ein Geschäft für Unterhaltungselektronik hat Beer heute, Schwerpunkt Lautsprecher. Nach der Schule machte er eine Ausbildung zum Bürokaufmann, arbeitete eine Zeitlang angestellt in einer Firma, die Hilfsmittel für Blinde und Sehbehinderte verkauft. Zum Beispiel Geräte, die Texte in Punktschrift lesbar machen. Doch Beer fand, dass er selbst ein Unternehmen besser führen könnte. Er gründete einen Elektronikversand. Weil die Bank kein Geld gab, arbeitete er zunächst in seiner Wohnung in München. Nach vier Jahren nahm er sich dann Ladenräume in Berlin, wo die Mieten billiger sind. Angestellt wäre er nie an seinen Beruf als Hifi-Verkäufer gekommen.

Jürgen Beer: Kein Saturn-Hansa der Welt stellt sich einen blinden Verkäufer inne Abteilung rein, allein schon, weil er die Aufsichtspflicht über die Gerätschaften nicht ordnungsgemäß ausüben kann. Ich meine, wenn ich da jetzt auch noch blinde Verkäufer reinstelle bei den Ladendiebstählen, die es eh schon gibt, dann mache ich ja den Bock zum Gärtner.

In seiner eigenen Firma telefoniert Beer meist mit den Kunden, bevor sie in seinen Laden kommen. Außerdem bezahlt ihm das Integrationsamt eine sehende Assistentin. Sie nimmt ihm ab, was er als Blinder nicht oder nur mit großem Aufwand leisten kann: Briefe adressieren, Rechnungen schreiben, die Kartons der Ware kontrollieren und dafür sorgen, dass nichts gestohlen wird. Als Pluspunkt seiner Firma bezeichnet Beer die ausführliche Beratung. Großen Wert legt er darauf, dass die Kunden wirklich etwas bekommen, was zu ihnen passt:

Ich versuche halt, wenn jemand ein bestimmtes Budget hat, also zum Beispiel tausend Euro für 'ne komplette Heimkinoanlage haben, das dann auch umzusetzen, also nicht einfach zu sagen, gut, du musst erst mal von Haus aus mehr Geld haben, sonst kriegst du nichts Ordentliches, sondern das Bestmögliche hinzustellen. Das ist immer so mein Ehrgeiz, der mich dann packt, wenn jemand etwas vorgibt und sagt, da müssen wir ungefähr bleiben.

Stolz hebt er hervor, dass er alle auf dem Markt verfügbaren Lautsprecher anbieten kann. Oft führt er Kunden die Geräte vor und rät, den Testzeitschriften zu misstrauen. Entscheidend sei nicht, welches Gerät im Labor am besten abschneidet, sondern welches im Wohnzimmer gut klingt. Behr mag keine Standardlösungen: bei Lautsprechern so wenig wie im Beruf. Beim Kampf um den eigenen Weg hat er gelernt, dass sich Menschen entscheiden wollen.

Dominik Peter hat jahrelang als Reisejournalist und Reisefotograf gearbeitet. Ihn faszinierten ferne Länder und fremde Kulturen. Ihm gefiel die Herausforderung, in kurzer Zeit Informationen zu sammeln, Bilder zu machen und Texte zu schreiben. Dann hatte er einen Unfall.

Dominik Peter: Ich war auf einer Reise in die Dominikanische Republik (…) und während ich dort fotografiert habe, ist ein riesengroßer Ast, der 250 Kilo hatte, von einer Sekunde zur anderen abgebrochen. Ich stand direkt drunter und er ist mir von hinten also auf'm Kopf gefallen und deswegen bin ich seitdem querschnittsgelähmt. Hat also 'n Wirbel total zerfetzt. Im Nachhinein kann ich froh sein, dass ich diesen Unfall überlebt habe, weil die Versorgung in der Dominikanischen Republik natürlich alles andere als dem Standard entsprach und ich musste dann ausgeflogen werden nach Deutschland und hier ärztlich versorgt werden.

Dominik Peter hatte nie einen Zweifel: Er wollte wieder in seinen Beruf zurück. Sicher bringt die Tätigkeit des Reisejournalisten für Rollstuhlfahrer viele Schwierigkeiten mit sich. Kirchtürme, Kathedralen und andere alte Bauwerke sind häufig nicht zu befahren, und in malerischen Städten wimmelt es von Bordsteinkanten. Doch die Schwierigkeiten konnten Peter nicht schrecken. Die Hürden bewältigt er mit Hilfe eines Assistenten und bekommt außerdem Zuschüsse aus der Unfallversicherung. Bis Peter die Hilfen bekam, die er für seinen Beruf braucht, musste er viele Konflikte mit Behörden ausstehen, besonders mit der Berufsgenossenschaft.

Das Lustigste, was mir passiert ist, war eine Äußerung, dass man mich umschulen wollte, das war dann so'n Angebot hin zum Hausmeisterjob irgendwo innem Behindertenheim. Das jemand anzubieten, der als Chefredakteur schon wo gearbeitet hat, ist natürlich 'n Unding.

Jutta Rütter ist Supervisorin. Das bedeutet übersetzt: eine, die den Überblick hat. Sie hilft Menschen aus sozialen Berufen, über ihren Arbeitsalltag nachzudenken. Jutta Rütter ist blind und kann nur symbolisch den Überblick haben. Doch sie möchte auch wissen, was die Gruppenteilnehmer sehen:

Wenn ich in Supervision inne Gruppe gehe, in'n Team, dann möchte ich auch wissen, wie ist dort die Kultur. Ne, also wie gehen die mit sich um, miteinander, wie sehen die Räume aus, was haben die für Möbel, wie sind die gekleidet? Also, was Leute, die sehen eben auch wahrnehmen.

Was andere mit den Augen wahrnehmen, lässt sich Jutta Rütter von ihrer Assistentin erzählen. Die sagt auch Bescheid, wenn Teilnehmer gelangweilt sind oder sich gegenseitig Zettelchen zuschieben. Häufig macht Rütter den Blick zum Thema.

Also manche Gruppen können das, gerade wenn die jetzt länger mit mir arbeiten, wirklich gut nutzen, dass die sagen: Guckst du jetzt skeptisch. Sagt der andere: Ich bin nur müde oder so. Also, indem se sich Rückmeldung geben, verifizieren die ja ihre Kommunikation.

Oft hat Jutta Rütter mit Behindertengruppen zu tun oder mit deren Betreuern. Eine Blinde als Dozentin: Das ist für manche immer noch ungewohnt.

Ich war mit einer Klasse inner Einrichtung, große Behinderteneinrichtung hier, und da hat uns der Heimleiter erzählt, wie toll das da alles ist und wie wichtig das ist, dass man sich gut präsentiert. Und da hab ich gesagt: Na, alles gut und schön, aber wie ist denn das bei Ihnen mit der Selbstvertretung? Nach'm Heimgesetz ist ja vorgesehen, dass es 'n Heimbeirat gibt. Und da hat der gesagt: Als Schülerin stellen Sie sich das so leicht vor. Aber so einfach ist das mit unseren Behinderten nicht. Und da hab ich gesagt: Nein, als Dozentin weiß ich aber, dass das im Gesetz steht.

Martin Theben: Ich hab dann nach dem Abitur eben Sozialpädagogik studiert. Und das war zu 'ner Zeit, wo man Behinderten, wenn die sich so an Berufsberatungen gewandt haben, (…) dann ist ihnen damals noch gesagt worden oder ist ihnen geraten worden, so in die Bereiche Soziales, Sozialpädagogik oder auch Psychologie zu gehen, so mit dem Hintergedanken, da könne man ja seine eigene Situation so wunderbar einbringen, und (…) so ist es auch bei mir ein bisschen gekommen. Und ich hab eigentlich ja sozusagen erst während des Studiums gemerkt, worauf ich mich da auch eingelassen habe, und als ich mit dem Studium fast am Ende war, war mir auch ziemlich klar, dass ich alles machen will, aber nicht Sozialpädagogik.

Für Martin Theben war das Studium der Sozialpädagogik dennoch eine wichtige Zeit. Der Rollstuhlfahrer fing an, für seine Rechte zu kämpfen. Er setzte sich dafür ein, dass Behinderte dieselben Möglichkeiten haben wie andere Bürger auch. Das begann schon bei der Wahl der Fachhochschule.

Martin Theben: An der evangelischen Fachhochschule hatte ich, was die Zugänglichkeit angeht, keine Schwierigkeiten gehabt, aber da hat mir die inhaltliche Ausrichtung nicht so gefallen. Ich wollte eher an die staatliche, und da war's so, dass die nicht zugänglich war, und man Behinderten bis dato mehr oder weniger, nicht offiziell, aber unter der Hand so'n bisschen geraten hat, sich doch gar nicht zu bewerben. Die Fachhochschule selber hat bis dato nie eigene Initiativen ergriffen um an ihrem Zustand mal was zu ändern, und hatte also demzufolge auch gar kein Interesse, behinderte Studierende auszubilden, und das haben wir an anderen Hochschulen ähnlich erlebt.

Martin Theben nahm den Platz an der staatlichen Fachhochschule und kämpfte zusammen mit anderen Behinderten für Aufzüge und Rampen, für Geländer und Hörhilfen. Immer stärker wurde sein Interesse an rechtlichen Fragen: Würde ein Antidiskrimierungsgesetz Verbesserungen bringen? Sollte der Grundsatz der Gleichstellung in Verfassung stehen? Auch im Studium der Sozialpädagogik interessierten ihn die Paragraphen, und er kam zu der Überzeugung, vielen Klienten von Sozialarbeitern sei besser mit rechtlicher Beratung zu helfen. Gemeinsam mit der Freundin, die er in der Behindertenbewegung kennen gelernt hatte, entschloss er sich, Jura zu studieren. Keine leichte Entscheidung, denn am Jurastudium scheitern viele.

Martin Theben: Gemeinsam ist man stark und gemeinsam steht man das eher durch. (…) Gerade im Gegensatz zu dem, was wir vorher gemacht haben, was ich vorher gemacht hab, waren das nun wirklich Welten und ne große Umorientierung. Ich hab auch nach so zwei, drei Semestern, das geht aber vielen Jurastudenten so, überlegt, ob ich nicht wieder aufhöre. Und wenn da nicht sozusagen der Partner gewesen wäre, dann hätte ich das auch gemacht.

Inzwischen hat Martin Theben zwei juristische Staatsexamen und einen Doktortitel. Mit der Freundin, die jetzt seine Frau ist, hat er eine Rechtsanwaltskanzlei eröffnet. Beruflich sein eigener Herr zu sein, ist ihm wichtig.

Das, denk' ich, ist sogar 'ne ganz starke Motivation, dass du vorher immer irgendwie an Leute geraten bist, die es sozusagen besser für dich wussten und die irgendwie meinten, besser zu wissen, was du eigentlich brauchst, willst, kannst, darfst als man selber.




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