Kompass
Kompass • Blicke in die Gesellschaft
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10.1.2005
Ballaststoffe
Eine Reise durch die Rumpelkammer Gehirn
Von Ulla Starck und Thomas Klug

Was stört, schmeißt man weg. Dumm nur, wenn der Ballast nicht unter dem Bett oder in der Abstellkammer ist, sondern im Gehirn. Dreißigstrophige Gedichte schwirren da plötzlich herum, gelernt in früher Jugend, dabei sucht man gerade den Namen des Nachbarn von gegenüber - erfolglos natürlich. Und die Telefonnummer von Tante Erna? Einfach weg, die Nummer des Lieblingsradiosenders mit den regelmäßigen Gewinnspielen dagegen kann man im Schlaf wählen. Statt der wichtigen Formel für die Klausur weiß man plötzlich "Das neue Spee ist okay". Nicht immer, aber immer öfter.

Heiner Müller: Ich habe die Taubstummen um ihre Stille beneidet im Geschwätz der Akademien. Ich fange an, meinen Text zu vergessen. Ich bin ein Sieb. Immer mehr Worte fallen hindurch. Bald werde ich keine andere Stimme mehr hören, als meine Stimme, die nach vergessenen Worten fragt.

Simonides, ein Dichter, über den der römische Redner Cicero berichtete, wurde von dem Edelmann Scopas gebeten, bei einem Festbankett ein lyrisches Gedicht zu singen. Nachdem er das Gedicht vorgetragen hatte, ging er für einige Augenblicke hinaus. In diesem Moment stürzte die Festhalle ein, Scopas und seine Gäste wurden unter den Trümmern begraben. Simonides konnte sich danach genau an die Sitzordnung der Gäste erinnern und half den Verwandten, die Toten zu identifizieren.

Jacques Scarella heißt der Besitzer eines gut besuchten Restaurants in Washington, der in der Wissenschaftsliteratur Berühmtheit erlangte. Noch am Morgen nach geschäftigen Abend in seinem Restaurant kann er sich an die Bestellungen seiner Kunden und die genaue Tischordnung erinnern. Er kann sich Gesichter merken, allerdings keine Namen. Er scheitert schon bei der Bezeichnung der Straßenkreuzung vor seinem Haus.

Der Zahn der Zeit. Das Vergessen. Sie gehen Hand in Hand. Synchron. Unaufhaltsam. Und wieder ist etwas weg. Das Vergessen ist die wohlfeilste Methode, seine Vergangenheit zu bewältigen - meinte Theaterkritiker Friedrich Luft. Dann ist das Vergessen noch ein Prozess geistiger Müllabfuhr, ein Mangel an Treue, eine Gottesgabe, durch die Schuldner ihren Mangel an Gewissen wettmachen und eine Alterserscheinung, die sich mit Hilfe von Sigmund Freud in eine Jugendsünde verwandeln lässt. Auf alle Fälle ist auf die Vergesslichkeit ebenso wenig Verlass, wie auf das Gedächtnis der Leute. Jedenfalls haben genügend Berühmtheiten das Vergessen in mehr oder weniger intelligenten Sätzen festgehalten. Das Vergessen hat es weit gebracht. Offenbar weiter als die Erinnerung:

Ich wäre froh, wenn ich die ganze Bürgschaft könnte.

Die ganze Bürgschaft. Den ganzen Schiller. Den ganzen Goethe noch dazu. Den Heine, den Rilke. Und das alles in einem einzigen Kopf vereint. Die Bildung möchte ich nimmer missen. Doch wie sieht es aus, in Kopf und Hirn? Dort versammelt scheint nicht die geballte Bildung - der Bürger zum Entzücken? Sondern, das Hirn, das ganz und gar durchschnittliche, hat anderes im Kopf. Oder auch nicht.

Ich fänd's schlechter, wenn da nichts mehr wäre, weil lieber habe ich was im Kopf , was vielleicht nicht sinnvoll ist, als mich an gar nichts zu erinnern.

Also, ich glaube schon, dass keine überflüssigen Sachen in meinem Kopf sind. Ich kann mich zwar an Einzelheiten erinnern, also mein Gedächtnis ist relativ gut an so bestimmte Begebenheiten in meinem Leben, so an einzelne Sätze, die Freunde oder meine Eltern zu mir immer mal gesagt haben, das ja, so was kann ich mir alles sehr gut merken. Aber Sprüche oder so was nicht so. Also ich weiß, was in der ersten Klasse eine Schulfreundin mal zu mir gesagt hatte. Die hat gesagt, jetzt heult die Alte schon wieder, weil ich in der 1. Klasse meine Schulmappe nicht aufgekriegt habe. Und dann fing ich an zu heulen, weil ich eigentlich zum Unterrichtsbeginn fertig sein wollte.

Vor allem Lieder auch, Liedertexte, die sind auch noch drin. Da komm ich auch ganz schnell rein, besser als jetzt Gedichte. Lieder bedeuten Freude, Lieder bedeuten, in Gemeinschaft zu sein, und dann kommen die Ideen, aha, da sind wir über die Wiese gegangen, du saßt mit Freunden im Zug und hast gesungen oder im Bus - da bleibt es dann gut hängen.
Ich weiß, dass meiner Mutter in ihrem hohen Alter immer noch ein bisschen französisch konnte. Sie musste vom Gymnasium runter und hatte nur ein Jahr französisch. Aber sie konnte immer noch französisch, sie konnte immer noch Gedichte aufsagen von früher. Aber wenn man sie etwas gefragt hat, was gestern passiert ist, das hat sie dann nicht mehr gewusst…. Und jetzt muss ich, da ich ja nun auch nicht mehr die Jüngste bin, feststellen, dass es bei mir ähnlich ist.

In den 50er Jahren waren ja ganz nette Slogan und sehr schöne Werbefilme auch, wie zum Beispiel das HB-Männchen und dann kann ich mich an eine Wand erinnern vor irgendwelchen Wahlen, wo ganz groß drauf stand: Ochs und Kuh wählt CDU, Hirsch und Reh wählt SPD.


Morgens, halb zehn in Deutschland

Der Tag geht, Jonny


Meister Propper Citruskraft…

Mühe allein genügt nicht.

Da weiß man, was man hat.


Ach ja? Was hat man dann eigentlich? Gehirn-Diarrhoe? Werbesprüche purzeln aus den Gehirnregionen in ganz unverfängliche und eigentlich werbefreie Gespräche. Informationen halten sich im Kopf versteckt, um die wir nie gebeten hatten - und die wir uns auch bestimmt nie merken wollten. Aber sie sind da. Was die Frage erlaubt: Sind wir nicht alle ein bisschen bluna?

Stürmer: Wenn es um einzelne Slogans geht ist wahrscheinlich was, wo man sich gar nicht gegen wehren kann. Wenn sie einem einmal so aufgefallen sind, das ist so wie ein Ohrwurm vielleicht, kann man sich vorstellen.

Dr. Birgit Stürmer, Assistentin am Lehrstuhl biologische Psychologie der Humboldt-Universität

Stürmer: Warum wir jetzt einzelne, kurze Sachen, mit denen wir uns so viel Mühe gar nicht gegeben haben, gut erinnern können, kann damit zusammen hängen, dass da andere Faktoren dazu gekommen sind. Vielleicht fanden wir den Slogan in der Werbung besonders lustig und haben ihn wieder erzählt an Bekannte. Manchmal gibt es das ja auch, dass man eine kurze Zeit daraus immer wieder einen Witz macht, dann ist das ja gegeben, dass wir es über längere Zeit immer wiederholt haben. Oder es kann sein, dass er uns emotional sehr angesprochen hat. Dann kommen wieder andere Faktoren dazu, dass wir nicht nur einfach diesen Satz haben, sondern auch das emotionale Erleben dazu. Und von solchen Sachen weiß man, dass man die besser ins Gedächtnis einspeichert, wenn wir halt eine besondere emotionale Situation dazu erleben.

Ja, meistens dann welche, die ich besonders blöd fand, ehrlich gesagt. Dass ist ja immer schade, dass man sich nur die Sachen merkt, die man eigentlich nicht so gut fand, wie die Yogurette-Werbung, wo die Frau dann über Joghurette spricht, wie toll die schmeckt und dann diesen Satz sagt: Manchmal stehe ich sogar nachts auf und hole mir welche - also Schokolade. Und das fand ich dämlich, aber an den Spruch kann ich mich immer noch erinnern.

Das Gehirn arbeitet und das wirklich Tag und Nacht, Pausen kennt es nicht. Eindrücke, die tagsüber auf es einwirken, werden nachts im Schlaf sortiert.

Arbeit gibt es viel, denn die Sinneseindrücke werden immer mehr und vor allem, sie kommen immer schneller. Das Leben in einer Großstadt passt sich den schnell geschnittenen Musik-Clips auf MTV an, die Fähigkeit, einen Eindruck auf sich wirken zu lassen, scheint nicht mehr gefragt. Die Reizquellen vermehren sich sprunghaft: Musikberieselung beim Einkauf. Fernsehen während der U-Bahnfahrt. Ständig neue SMS auf dem Handy-Display. Der sicherste Weg zur Panik führt wohl über eine plötzliche Stille.

Es muss überall klingeln, schreien, blinken, leuchten, reden, brummen, hupen.

Nur, will man das überhaupt? Möchte beim Einkaufen das Tageshoroskop erfahren und will man in der U-Bahn wissen, welcher C-Promi gerade in Scheidung liegt? Nur leider kann man sich dem kaum entziehen. Dabei scheint im Hirn doch kein Platz mehr, sind doch andere Informationen verschwunden: Wie hieß die Schulfreundin in der vierten Klasse? Wie hieß der Mathelehrer? Wie war gleich die Adresse der ersten Wohnung. Was hab ich letzten Donnerstag gemacht? Und wie ging dieses blöde Gedicht gleich noch mal?

Die Glocke bimbim von Schiller.

Was wolltest du mit dem Dolche, sprich!

Nee, eigentlich weiß ich davon kein einziges mehr, so richtig gar nicht.

Stürmer: Das Beispiel Gedicht, das kennen wir ja alle; dass wir das halt immer wieder durchgehen müssen, bis wir es dann auswendig können. Und auch dann gehen wir es halt immer noch mal wieder durch, d.h., man braucht viele Lerndurchgänge, bis es sich dann irgendwann so verfestigt hat, dass wir auch nach langer Zeit noch darauf zu greifen können. Also, die Einspeicherung ist nicht mit einem Mal getan, sondern mit vielen Durchgängen.

Das menschliche Hirn also birgt viele Rätsel. Der Sinn, der Dinge, die dort hausen, liegt mitunter im Verborgenen. Nur die Dinge selbst, die schwirren herum - ungebeten:

Stürmer: Ich erinnere immer noch den Spruch: Gilette - für das Beste im Mann. Und niemand hat je verstanden, was das bedeutet. Aber sehr viele Menschen haben genau diesen Slogan immer noch im Ohr, und ich glaube nicht, dass ihn viele besonders positiv fanden, aber er hat einfach irritiert.

Ja, da schwirrt noch einiges Unnützes rum.
Zum Beispiel ein blödes, russisches Märchen, was ich mal auswendig gelernt habe, das ist mir hängen geblieben.

Stürmer: Also, nebensächliche Informationen, die einem vielleicht nicht interessieren - das mag man vielleicht manchmal als Müll empfinden, aber eigentlich ist es so, dass je mehr man in seinem Leben gelernt hat, und sich aktiv ins Gedächtnis eingespeichert hat, desto besser ist es dann auch, im Erwachsenenalter weiter zu lernen…

Festgeklebt im Hirn, ein Brei von Werbesprüchen, Musikfetzen, coolen Sprüchen. Etwas ist da, was nicht willkommen ist.

Stürmer: Vielleicht ist es eine Musik, die uns besonders gut gefällt oder die wir sehr unpassend dazu finden, das kann auch sein. Es muss irgend etwas sein, was wir daran jetzt besonders wahrnehmen, was sozusagen noch zusätzliche Informationen zu diesem Satz liefert, was sozusagen das Erleben bunt macht, es spickt, was dann dazu führen kann, dass man es tatsächlich über so lange Zeit wieder erinnert.

Ein kleiner Reiz und der lange vergessene Satz ist wieder da, zu oft hat man ihn unfreiwillig gehört. Eine Verbannung aus dem Gehirn ist kaum möglich:

Stürmer: Aber das jetzt wirklich für immer zu vergessen, ist sicherlich auch schwierig. Es ist sicher auch die Frage, ob man das muss, denn die stören ja nicht weiter. Es ist ja nicht so, nur weil man jetzt ein paar Sachen erinnert, die man nicht unbedingt im Gedächtnis gespeichert haben muss, dass die einem stören, neue Sachen zu lernen.

Die Wissenschaft hat sich zu verschiedenen Zeiten verschieden vorgestellt. Einmal als eine Bibliothek mit Hunderttausenden von Büchern, aus denen man nur das richtige auswählen müsse, um sich erinnern zu können. Inzwischen ist eher von Proteinen, Zellmembranen Schläfenlappen und elektrischen Impulsen die Rede. Und von Netzwerken:

Stürmer: In diese Netzwerke, wenn neue Informationen kommen, wird sie da eingebettet und wenn sie auf alte Informationen trifft, also, wenn Teile schon bekannt sind, wird sie mit diesen Informationen in diesem Netzwerk wieder verknüpft. Das dieses Netzwerke sich irgendwann nicht mehr umbilden können, ist bei einem gesunden Alter nicht mehr zu erwarten. Da hat man noch nie raus gefunden, dass man da tatsächlich an Speichergrenzen stößt.

Ich habe also doch das Gefühl, dass man vieles aus der Jugendzeit nicht mehr komplett weiß, das ist mir aufgefallen.

Alles hat Platz im Kopf. Und dennoch bleibt nicht alles drin. Informationen gehen verloren, verschwinden in einem Nirwana - unmöglich sie wieder aufzufinden.

Zum Beispiel hatten wir letztens Klassentreffen, das 47. Da kamen auch so Geschichten auf, an manche konnte ich mich erinnern, aber an manche? Weg, weg, pfutsch, total weg.

Wann Informationen verloren gehen, ist kaum vorherzusagen. Ebenso nicht, welche Informationen es sein werden. Sicher ist nur - das Gedächtnis unterliegt Schwankungen. Das Gehirn als ein Ort der Unendlichkeit, ein Universum von gut drei Pfund, ein Rätsel. So ganz begreifen freilich werden Menschen das Gehirn nie, denn das hieße, ein Dinge müsse sich selbst begreifen.

Und das kannste vergessen.

Bald werde ich keine andere Stimme mehr hören, als meine Stimme, die nach vergessenen Worten fragt.


Das sind meine Freunde. Seit einiger Zeit fange ich an, ihre Namen zu vergessen. Vergessen ist Weisheit.
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