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11.1.2005
Die Kunst des Konsums
Umweltaktivisten organisieren Shopping-Touren für Jugendliche
Von Sabine Eichhorst

Ausgefallene Kleidung für junge Leute (Bild: AP)
Ausgefallene Kleidung für junge Leute (Bild: AP)
Wer in eine fremde Stadt kommt, kann die üblichen Sehenswürdigkeiten abmarschieren. Wer beispielsweise nach Hannover kommt, kann eine Stadtführung der besonderen Art erleben: das Netzwerk "KonsuMensch" führt Besucher zu Filialen großer Konzerne und erklärt, warum diese für ökologische und soziale Missstände verantwortlich sind - obwohl sie doch eigentlich nur Hosen, Schuhe oder Buletten verkaufen. Die Kunst des Konsums - Bericht über eine Stadtführung der besonderen Art.

Chrissie: Ich fange ein paar Sätze an und ihr vervollständigt die: Konsum ist für mich... - Geld ausgeben!

In welchem Zusammenhang habt ihr Konsum schon mal gehört? - Alkohol. Drogen. - Wenn ich konsumiere, bin ich ...? - Drogenabhängig!


Hannover, 2002. Zwei Mädchen machen ein Freiwilliges Ökologischen Jahres beim Jugendumweltnetzwerk Niedersachsen, kurz Janun. Sie lesen ein Buch über die Arbeitsmethoden großer Markenfirmen - und sind empört. Und haben die Idee zu einer Stadtführung, die aufklärt über Hintergründe: über Monokulturen und die Abholzung von Regenwäldern, über Pestizidvergiftungen und Freihandelszonen, in denen Frauen bis zu 90 Stunden pro Woche in heißen, ungelüfteten Fabrikhallen schuften. Im Frühjahr 2003 findet das erste "Konsumtraining" statt; seither melden sich immer mehr Interessierte, vor allem Lehrer und Schulklassen, bundesweit.

Chrissie: Ich bin die Chrissie, und wir machen hier zusammen eine KonsuMensch-Stadtführung.

Ortstermin mit den Konsumtrainern Chrissie Bantle und Arne Brück. In der Fußgängerzone vor der H&M-Filiale baut sich die achte Klasse einer Gesamtschule auf.

Arne: Was braucht man für eine Jeans? - Baumwolle. - Wo wird die angebaut? - Pakistan... - Und kennt ihr die Probleme, die beim Baumwollanbau entstehen? - Ja, zu wenig Wasser. - Welche Chemikalien werden da benutzt? - Pestizide und Düngemittel. - Düngemittel gehen ins Trinkwasser und die Pestizide sind noch schlimmer. Die vergiften nämlich nicht nur die Käfer, auch die Menschen. Da werden jedes Jahr nach WHO-Angaben zwei Millionen Menschen vergiftet. Das ist ungefähr so viel wie ganz Hannover und Leipzig und Dresden und Stuttgart.

Monica: Da kann ich ja eigentlich theoretisch nichts für!

Arne: Man kann zum Beispiel Second Hand kaufen. Dann trägt man die Jeans zwei Mal. Oder man kann Bio kaufen, da gibt's auch einen geringeren Pestizidanteil. Ist ein bisschen teurer.

Jugendliche sind heiß umworbene Kunden: 1617 Euro hat jedes Mädchen, jeder Junge - statistisch - im Jahr zur Verfügung. Und sie konsumieren gern - "shoppen" steht auf der Liste der wichtigen Dinge ganz oben.

Chrissie: Wir versuchen rüberzubringen: Es ist nicht alles scheiße. Wenn ihr da kauft: ist okay. Es gibt einfach im Moment wenig Alternativen. Macht euch mal Gedanken, ob ihr vielleicht mal weniger kaufen möchtet, einfach wegen des Ressourcenverbrauchs. Alles Scheiße und bitte komplett zurück zur Natur und nur noch bayerische Lederhosen (lacht) - ich glaube, das würde nicht erfolgreich sein.

Globalisierung: Eine einfache Jeans hat, wenn sie in den Laden kommt, eine Weltreise hinter sich. Baumwolle aus Indien, gesponnen in China, gefärbt in Taiwan. Gewoben in Polen, Reißverschluss und Waschanleitung aus Frankreich, Schnittmuster aus Schweden.

Arne: Jetzt kann genäht werden. Wo passiert das? - Phillipinen! - Weil es da sehr billig ist. - Da ist es billig, weil die Kinderarbeit machen. Weil Kinder billigere Kräfte als Erwachsene sind. Da kann man weniger Geld geben. - Da bekommen sie für 14 Stunden nur zwei Euro. - Gut! Ihr seid gut.

Freundliche Gutmenschen, die Jugendlichen erklären, wie sie die Welt verbessern können? Ein Junge steht abseits...

Junge: Mich interessiert es irgendwie nicht so. Irgendwie gar nicht. Mir ist es irgendwie egal, wo die Hosen herkommen oder wie die gemacht werden.

Ein Mädchen kaut Kaugummi...

Monica: Wenn sie mir gefällt, kaufe ich sie mir!

Die Lehrerin hat Verständnis...

Lehrerin: Dass ist ja auch nicht einfach für Jugendliche, für die Mode im Bewusstsein unglaublich wichtig ist, irgendwie Kleidung zu finden, die fair gehandelt ist und trotzdem in ihrem Sinne akzeptabel.

Der Konsumtrainer hält dagegen.

Arne: H&M hat zum Beispiel auf der website schon eine Umfrage: Ob man an fairer Kleidung interessiert ist. Und das heißt, die Konzerne haben Interesse daran, dass man sich äußert. Und ihr könnt zum Beispiel auf die website von H&M gehen und abstimmen, ob ihr faire Kleidung haben wollt.

www.hm.com. Klick auf Deutschland, Klick auf Über H&M, Klick auf Unsere Verantwortung. "Ihre Stimme zählt: H&M nimmt die Umweltbelastung, die im Zusammenhang mit verschiedenen Geschäftsbereichen steht, sehr ernst. Wenn Sie wählen müssten: Auf welchen der unten stehenden Umweltaspekte sollte H&M seinen Schwerpunkt legen?" Es folgt eine entsprechende Liste. Die Unternehmen spüren den Druck von unten. Chrissie Bantle:

Chrissie: Einer, der bei uns mitgearbeitet hat, hat ‘ne Führung bei Karstadt gemacht. Hat daraufhin ‘ne Anzeige wegen Hausfriedensbruch bekommen. Und ist öffentlichkeitswirksam verarbeitet worden von unserer Seite. Daraufhin hat Karstadt die Anzeige zurückgezogen und hat auch noch mal selbst ‘ne Erklärung gemacht, dass sie sich ja auch für die Belange der Arbeiter interessieren und es ja gar nicht um die inhaltliche Aktion bei der Stadtführung ging. Da merkt man halt, dass die einfach reagieren müssen. Dass selbst kleine Aktionen tatsächlich was bewirken.

Kinderarbeit in asiatischen Textilfabriken. Fabrikarbeiter, die nur zwei Mal während einer Zwölf-Stunden-Schicht zur Toilette dürfen in Mittelamerika. Pestizideinsatz ohne Schutzkleidung auf den Kaffeeplantagen dieser Welt. Es ist der Nord-Süd-Konflikt, der hier auf Alltagsbeispiele herunter gebrochen wird. Die Stadtführer steuern Unternehmen an, die in allen bundesdeutschen Fußgängerzonen zu finden sind - große Kaffeeröstereien, international operierende Bulettenbratereien, Sportgeschäfte.

Arne: Wie viel verdient eigentlich wer am Turnschuh. Erstmal vorweg: Was für Turnschuhe, was für Marken habt ihr so? - Adidas! Esprit! Puma! Graceland... - Was kosten die? - 40 Euro! Meine haben mal 50 gekostet. Meine 20! 80!

Ladenpreis für ein Paar Turnschuhe: 100 Euro. Davon gehen 50 Euro an den Händler. 33 Euro an den Hersteller. Elf Euro fließen in Forschung und Entwicklung. Acht Euro kostet das Material. Abzüglich Transport- und Verpackungskosten bleiben für die Fabrikarbeiterin: 36 Cent. Kann die wohl ihre Familie ernähren und ihre Kinder zur Schule schicken?

Arne: Das ist die Aktion der Clean Clothes Campaign, oder Saubere Kleidung auf Deutsch. Das hier sind lauter Visistenkarten - und wenn ihr Kleidung kauft oder Schuhe, könnt ihr eine von diesen Visitenkarten abreißen. Da stehen Forderungen drauf: zum Beispiel ein existenzsichernder Lohn... - Soll man denen das geben? - Das soll man denen geben und sagen: Reichen Sie es bitte an den Geschäftsleiter weiter. Die reichen wir rum, die könnt ihr abreißen... - Ich auch! Gib mir auch ein.

Mädchen: Wenn es nützt. Wenn das wirklich was nützt, wenn die das nicht nur so machen... - Das ist auch... das kann man gar nicht richtig nachvollziehen! - Ja, aber die leben in ganz anderen Verhältnissen... - Für ‘ne Stunde bekommen wir hier 7.50 Euro. Und die bekommen für einen ganzen Tag weniger.

Junge: Das interessiert mich gar nicht! Weil, was soll man damit? Ist doch egal, wo die Klamotten herkommen. Ich zieh sie ja nur an.

Mädchen: Wegen den Menschen vergeht mir schon die Lust an Markenklamotten. Aber ich finde trotzdem, die sehen gut aus.

Mädchen: So lange es nicht so teuer ist und meine Mutter es bezahlt, kann ich locker diese paar Euro noch drauf geben.

Junge: Wir wollten zuerst ins Landheim. Wäre bestimmt interessanter gewesen, im Landheim...

Chrissie: Ist häufig so, dass die Mädels interessierter sind. Es gibt Ausnahmen, sind auch mal fittere Jungs dabei - aber die sind oft zu cool, um sich da zu beteiligen.

Lehrerin: Ich glaube, dass es bei einigen gar nichts ändern wird. Und dass einige dieses Problem schon als längerfristiges Problem im Hinterkopf behalten. Und für die lohnt es sich sicherlich, das zu machen.

In Lüneburg, Chemnitz, Göttingen, Giessen, Neuss, Freiburg gibt es bereits Nachahmer. Die Globalisierungskritiker von "attac" haben die Idee aufgegriffen - nachdem das Konzept im November 2003 vom damaligen Bundespräsidenten Johannes Rau mit dem "Fit for fair"-Umweltpreis der Otto-Brenner-Stiftung ausgezeichnet wurde.

Letzte Station: ein Weltladen. Hängematten, Keramikkerzenständer, Spielzeugautos aus Altmetall, fair gehandelte Schokolade, Bananen.

Sophia: Ich wusste gar nicht, dass es solche Weltläden gibt (lacht). Ich find das voll interessant zu gucken, was es hier so gibt.

Mädchen: Sachen aus anderen Ländern, aus Afrika. - So was gibt's ja jetzt nicht bei Karstadt. - Da hat man auch kein schlechtes Gewissen, wenn man das kauft.

Nach eineinhalb Stunden endet das Konsumtraining. Die meisten Schüler sind längst verschwunden. Ein paar Mädchen schauen sich noch im Weltladen um.

Chrissie: Ich möchte, dass die mit einer positiven Einstellung da rangehen. Es geht ja nicht darum, Konsum zu vermiesen, sondern es geht ums bessere Konsumieren, womit man auch besser leben kann.

Nadine: Gestern Abend hab ich mich hingesetzt und nachgeguckt: meine ganzen Hosen, woher die so kommen. Bei manchen steht es gar nicht dran. Ich werde jetzt immer gucken, woher die kommen - aber ich weiß nicht, ob ich sie mir dann nicht kaufen würde. Kann man nicht so richtig sagen. Weil - ist ja bei fast jeder Marke so, dass die unfair sind.
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