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12.1.2005
Eins in die Fresse
Warum Menschen prügeln
Von Christoph Spittler

Ist man ein Weichei, wenn man einer Prügelei aus dem Weg geht? (Bild: AP)
Ist man ein Weichei, wenn man einer Prügelei aus dem Weg geht? (Bild: AP)
Können Sie sich prügeln? Wenn Sie sich eine kritische Situation vorstellen, in der man sich mit jemandem schlagen müsste (um die Ehre, die Familie o.ä. zu verteidigen): kann man das überhaupt, als zivilisierter Mensch? Jemandem eine in die Fresse drücken? Man könnte ja jemanden verletzen! Kiefer ausrenken, Zahn ausschlagen! Wie schaffen es manche Menschen, genau diesen Moment des Zögerns zu überwinden? Gehört es zum "Mann sein", im entscheidenden Moment der körperlichen Auseinandersetzung eben nicht auszuweichen? Sich dem ehrlichen Faustkampf von Mann zu Mann zu stellen? Fühlt man(n) sich bei all den Peace- und Deeskalationsstrategien, zu denen man uns von Kindesbeinen ermahnt hat, nicht ganz innen drin irgendwie als Weichei?

Frank: ... Und ich bin wutentbrannt rausgesprungen und hab ihm sofort ohne Vorwarnung voll in die Fresse gehauen, irgendwie vier oder fünf Mal.

Hendrik: Das waren immer Situationen in denen es mir eigentlich nicht gut ging, in denen ich schon Hass empfunden habe, einen relativ unkonkreten, vereinfacht ausgedrückt auf die Welt, und da war das eigentlich auch vollkommen egal, wer einem da in die Fänge geriet, man hat eigentlich nur drauf gelauert dass jemand einem blöde kommt.

Frank: ... mit meiner Faust volle Kanne in die Fresse ...

Mit der Faust? Volle Kanne? In die Fresse? Au! Das tut doch weh? Wie geht das überhaupt? Was für Deppen sind das, die das zivilisatorische Gebot zum Gewaltverzicht einfach so - ignorieren? Was für Leute sind das, die sich prügeln?

Frank: Also ich achte schon den Wert des Lebens sehr hoch. Aber ich bin auch bereit, einfach jemandem Schmerz zuzufügen. Ich hab halt weniger Beißhemmung sagt man ja dazu. Ist mir halt abtrainiert worden.

Frank, 32, ein Meter 86 und 100 Kilo, von Beruf Türsteher.

Frank: Aber ich bin grundsätzlich kein aggressiver Mensch. Es ist halt manchmal so, dass ich die Notwendigkeit erkennen kann, Gewalt zu benutzen, um gewisse Ziele durchzusetzen. Aber halt nur, bei mir ist es ja so durch meinen Beruf, da ich ja Sicherheit mache in Clubs und Diskotheken, dass die Notwendigkeit ist andere zu schützen. Und das ist halt so für meinen Kopf `ne gute Begründung.

Mathias: Ich habe mich noch nie geprügelt. Doch ich hab mich einmal geprügelt, da war ich 12. Man nannte mich damals schon den Professor. Mein Spitzname war der Professor, ist das nicht total schockierend?

Mathias, heute immerhin Dr. Phil, ist 35 Jahre alt.

Mathias: Ich war irgendwie ungeschickt. Ich habe meinen Ranzen aufbehalten. Während mein Gegenüber - einen Kopf kleiner - sofort seinen Ranzen abgeschmissen hat, und mit der ihm eigenen Art sofort mich zu Boden riss ... Das schlimme war, ich hatte angefangen. Ich glaub es gibt nichts Schlimmeres als `ne Schlägerei anzufangen und sie zu verlieren.

Frank: Also ich hatte früher mehr Beißhemmung, das geb` ich zu.

Die Angst davor, jemandem wehzutun, kann man abbauen. Dafür gibt es Spezialisten.

Frank: Ich hab halt gedient bei der Bundeswehr, und ich hab zufällig halt so 'ne Ausbildung noch genossen, das ist so was wie ein deutscher Einzelkämpferlehrgang - in der Ausbildung geht's halt nur darum die Beißhemmung zu verlieren. Man wird halt ständig geschlagen in der Ausbildung, also man macht halt Übungen, also in Gruppen immer, wo dann eine Gruppe, wenn die Gruppe verliert, sie geschlagen wird von der anderen Gruppe. Also man macht halt so 'n Spießrutenlaufen, man bekommt halt so Holzstöcke, und man muss durch so 'n Spalier gehen und wird geschlagen mit Holzstöcken. Und der Ausbilder hat einen auch ins Gesicht geschlagen. Damit du halt siehst, du kannst nur dieser Erniedrigung entgehen, wenn du aggressiver bist als der andere.

Ines: Ich lass eine aufstellen mit 'nem Kissen, ich sag, hier, ich geb' dir nichts vor, schlag einfach drauf rein. Und dann guck ich erst mal was kommt. Und dann seh' ich schon die ersten so, hm, nicht so richtig fest und aua, tut ja weh, also dieses Kokettieren auch so 'n bisschen, ach ich kann ja gar nicht ... ist ja auch in der Rolle auch mit drin.

Prügeln ist Männersache, klar. Oder? Ines Strobel ist Trainerin für Frauenselbstverteidigung. Gerade Frauen und Mädchen können sich das nicht vorstellen: jemanden zu hauen. Selbst dann nicht, wenn's eng wird.

Ines: Bei Frauen ist es so, ich würd' sagen, dass die Hemmschwelle sich zu prügeln, wenn man sie trainiert, ganz ganz leicht herabzusetzen ist. Eigentlich nach 'ner Stunde Training schon. Jede Frau kann man an 'nem anderen Punkt abholen ... da fragst du sie einfach, gibt's ne Situation wo du gern was gemacht hättest. Hättest du gerne zugeschlagen? Wenn du dann nach und nach anfängst, ja, deine Körpersprache ist ja auch nicht so angelegt, dass du dich wehren kannst, du hast die Beine verknotet, deine Schultern sind oben, du stehst bucklig ... das sind alles so Sachen. Wenn du die nach und nach so auspackst und auspflückst, dann kommt irgendwann mal 'ne Frau raus, die wohl zutreten kann und auch ziemlich gut zuschlagen kann.

Hendrik:
In der Schule hatten wir boxen, und das hat mir auch ausgesprochen Spaß gemacht ... unangenehm wird's ja in dem Moment wenn du am nächsten Tag ein zugeklebtes Auge hast oder einen Zahn verlierst.

Hendrik, 34, Buchhalter.

Hendrik:
Mein Schlüsselerlebnis hatte ich in Karlsbad, in Tschechien. Da gab's halt 'nen Typen, der hatte offensichtlich einen Hass auf Deutsche, und der hat mir dann, ich war gerade beim Eingießen, so gegen die Flasche geboxt, so dass ich den ganzen Wein ins Gesicht bekommen habe. Das war so 'ne Situation wo ich mir im Nachhinein geschworen hab, das ist eigentlich, na ja, dass man sich so was eigentlich nicht bieten lassen kann. Und dass das eigentlich, so 'ne Frage ist, wo man seinem Ehrenkodex genüge tun muss. So 'ne Art Duell-Situation, wo man dann einfach auch die Fäuste sprechen lassen sollte, wenn man nicht als unmännlich dastehen und sich als unmännlich fühlen will.

Mathias:Ich hab' mich mal beim Thai-Boxen angemeldet. Das war nachdem ich mal im Bahnhof, da war ich auch irgendwie so 20, von irgendwelchen Halbstarken angepöbelt wurde, allerdings selbst verschuldet. Ich hab denen 'nen Mittelfinger gezeigt nach dem die hinter mir her gerufen hatten, ich wär' schwul und ein Hippie und was weiß ich. Darauf kamen sie dann irgendwann hinter mir her gelaufen und haben dann irgendwie auf mich eingeboxt. Ich hab mich natürlich nicht gewehrt, weil meine Brille gleich beim ersten Schlag weggeflogen ist und ich einfach auch keinen mehr gesehen hatte, den ich hätte schlagen können, und außerdem ne kreischende Freundin dabei hatte.

Hendrik: Später gab's mal Situationen, wo halt jemand meine weibliche Begleitung halt angepöbelt hat. Ach, er hat sich neben sie gestellt an die Bar und hat sich immer zu ihr runtergebeugt und hat zu ihr "Muschi" gesagt. Und ich stand auf der anderen Seite daneben und dachte, nee, das kannste dir jetzt eigentlich nicht bieten lassen. Und nach dem dritten Mal war mein Aggressionspotential so angewachsen, dass ich ihm halt ins Gesicht gefasst habe.

Mathias: Ich hatte immer Frauen, die eher stärker waren als ich, glaub ich!

Frank: Meine Freundin erzählte mir, dass irgendso'n Araber - ich will wirklich nicht rassistisch sein, ist nur ein Zufall - sie angespuckt hat und beleidigt hat. Und fünf Monate später ist der Typ zufällig wieder aufgetaucht, und ich bin wutentbrannt rausgesprungen und hab ihm sofort ohne Vorwarnung voll in die Fresse gehauen, irgendwie vier oder fünf mal, und dann sind zum Glück aber noch andere Männer aus der Disko gekommen, sind auf mich gesprungen und haben mich zurückgehalten, sonst hätte ich den wahrscheinlich umgebracht, so wütend war ich.

Hendrik: Ach, ich hab mich da auch mit Frauen drüber unterhalten und viele sehen das eigentlich so, dass ... Frauen stehen natürlich unter Emanzipationsdruck, und beanspruchen oft die Lösung dieser Situation für sich selber, also sie meinen wenn sie in so'ne Situation kommen, sind sie Frau genug, sich da zu wehren und benötigen nicht die Hilfe ihres Mannes, Freundes, Begleiters, wen auch immer.

Mathias: Das kennt man nun aus jedem schlechten Ami-Schinken, dass Frauen das natürlich überhaupt nicht beeindruckt, wenn man jemanden vermöbelt, außer sie werden direkt selbst bedroht, sondern dass derjenige, der geschlagen wird und umfällt, sofort das Mitleid auf sich zieht und dass dieses Mitleid unweigerlich in Liebe umschlägt.

Frank: ... mit meiner Faust volle Kanne in die Fresse ...

Hendrik: Das waren halt eher psychische Ausnahmezustände, wenn ich so was bewusst herbeigeführt oder provoziert habe. Ich glaube das war eher der Reiz, außerhalb der zivilen Spielregeln zu agieren. Auch diese Grenzüberschreitung macht in bestimmten Situationen einfach Spaß.

Hendrik:Ja, die haben sich beschwert dass ich zu laut lache und wollten sogar die Polizei holen. Das war natürlich für mich nur der Anlass um weiter laut zu lachen. Ja, und letztendlich hab ich dann den Leuten die sich beschwert haben Prügel angeboten ... der Mensch hinterm Tresen, und dann auch zwei oder drei jüngere Herren, so Modell blutarmer Student, für die dann auch klar war, dass die Regeln der verbalen Konfliktlösung nicht zu überschreiten sind. Und als sie gemerkt haben, dass diese Grenze in dem Moment für mich nicht gültig ist, haben sie dann halt den Rückzug angetreten.


Frank: ... mit meiner Faust volle Kanne in die Fresse ...

Und - wenn's dann losgeht: wie prügelt man sich eigentlich richtig? Effektiv?

Hendrik: Eigentlich ist es ein Fehler, ins Gesicht zu hauen, du solltest dir Körperstellen suchen, die empfindlicher sind. Es gibt eigentlich effektivere Stellen als das Gesicht, aber interessanterweise schlagen sich die Leute eigentlich am liebsten ins Gesicht. Weil da das Gesicht ist, was einen provoziert.

Wenn du unfair sein willst, auch die Geschlechtsteile ... ich glaube dass es so was gibt. Es gibt so bestimmte ungeschriebene Regeln. 'Ner fairen und 'ner unfairen Prügelei, klar. Unfair ist natürlich auch, wenn jemand auf dem Boden liegt, auf den noch einzutreten.

Frank:Ich benutz es nur als ultima ratio. Ich versuch ganz lange zu reden, ich geh auch nie als erstes in jemand rein und hau ihm direkt in die Fresse, sondern ich geh immer so mit erhobenen Händen auf jemand zu, wenn ich sehe, dass was passiert. Und man darf halt auch nie frontal auf 'nen Aggressor zugehen.

Mathias: Von meinem Vater weiß ich, der in seiner Studentenzeit als der Schläger von Göttingen bekannt war, und der hat mir jedenfalls mal gezeigt dass das ganz kompliziert ist und dass man richtig schlagen muss, dass das auf jeden Fall höchst ineffektiv sein kann einfach zuzuschlagen, wenn man nicht weiß wie. Ich hab auf jeden Fall höchsten Respekt vor Leuten, die zuschlagen können, ohne sich selbst mehr wehzutun als demjenigen, dem sie eine reinhauen. Vielleicht ne Kompetenzlücke die man mal schließen sollte.

Ines: Das Problem, warum viele nicht zuschlagen können, ist, dass man es glaub ich schon mal durchgespielt haben muss. Also es gibt viele Leute, die brauchen ein Bild dafür. Wie sieht das aus, wie fühlt sich das an, wie fühl ich mich dabei? Schwitze ich dabei, komm ich außer Atem, tu ich mir selber weh? Bei jedem Kampf muss man auch wissen, dass man einstecken muss. Wenn das erst mal klar ist, und wenn diese Bereitschaft auch da ist, ja klar, ich möchte mich ja auch wehren - dann ist das Zuschlagen auch möglich.

Frank: Und dann wenn's dann so weit ist, dann zwiebel ich ihm halt eine rein, also meistens erst mal in den Bauch, weil der ist halt am wenigsten angespannt - das Gesicht hält viel mehr Schläge aus als der Bauch.

Obwohl, Gewalt ist immer falsch. Immer. Ich find Gewalt scheiße. Es muss immer 'nen anderen Weg geben. Aber, soviel Disziplin zu haben sie gar nicht anzuwenden, ist sehr sehr schwer, für mich jetzt. Man kommt halt ganz leicht in Versuchung. Und das ist 'ne Art von Machtausübung und klar auch immer ein Rausch.

Mathias: Letztes Jahr hab ich mal an so 'ner Pommesbude gestanden, und da hat sich so 'n großer, also Kopf größer, zwei Schultern breiter Proll, sich vor mich gestellt und hat mir da sozusagen den Platz in der Schlange streitig gemacht, und trotzdem hab ich ihn dann angepöbelt. Es war so 'n Ding, wo ich auch irgendwie riskiert habe durchaus, dass der handgreiflich wird. Und einfach wusste, dass ich ihm intellektuell überlegen bin, und dass ich ihn sprachlich im Griff halten kann. Dass selbst, wenn er handgreiflich geworden wäre, dass ich einfach durch ne intellektuelle Überlegenheit es hätte garantieren können, dass er hinterher durch die Polizei oder so stärkere Sanktionen zurückbekommt, als er mir sozusagen in der Situation beifügen konnte. Und das war für mich so 'n Spiel, so 'n Test, ob ich mich als Intellektueller mit meinen eigenen Waffen so jemandem, der mir körperlich überlegen ist, ob ich mich dem erwehren kann.

Hendrik: Es gibt Situationen, wo es einfach notwendig ist, dass man auch mal zulangt, wo genau diese Idee des zivilen Zusammenlebens und der verbalen Konfliktlösung fehl am Platz ist.

Ines: Das klassische Prügeln würd' ich sagen ist einfach Deppenkampf. Es gibt ja das schöne Sprichwort, der Klügere gibt nach - dafür ist mir mein Gegenüber zu doof. Ich glaube wenn man klug genug ist und gut genug ist, kann man 'ner Prügelei ausweichen.

Mathias: Mit dem ehrlichen Kampf hab ich natürlich ein Problem. Das ist natürlich in der Tat ne verdrängte Sehnsucht, auch ohne Waffen, zu denen ich jetzt mal die Polizei dazu rechne, also ohne verlängerten Arm, sondern mit dem blanken Arm sich zu wehren, seine Familie zu verteidigen, sein Hab, sein Gut.

Ein Trost bleibt uns, uns blutarmen Weicheiern, die wir uns nicht prügeln können: irgendwann ist die Phase der pubertären Machtspielchen dann auch vorbei.

Frank: Im Alter wird das auch weniger, die schlimmste Phase ist zwischen 15 und 25.

Mathias: Das ist überhaupt der große Segen des Älterwerdens, dass man aus dem Gesichtsfeld von jüngeren Halbstarken rückt. Dass man in so 'ne Kategorie fällt von denjenigen, mit denen man sich nicht anlegt. Weil man sich mit denen gar nicht vergleicht.
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