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13.1.2005
Wir kaufen unsere Firma
Wie Angestellte versuchen, ihren Arbeitsplatz zu retten
Von Peter Podjavorsek

Arbeiterin am Fließband (Bild: AP)
Arbeiterin am Fließband (Bild: AP)
In Zeiten, wo immer mehr Firmen durch Missmanagement auffallen oder Konkurs anmelden, greifen die Angestellten zunehmend zur Selbsthilfe: Beim so genannten Mitarbeiter-Buy-Out kaufen die Beschäftigten ihre Firma und werden Gesellschafter. Das geht nicht immer ohne Schwierigkeiten vonstatten, verändert das Arbeitsklima aber nachhaltig.

Die Zahl der Arbeitslosen ist im Dezember angestiegen. Die Zahl der Insolvenzen ist nach wie vor auf hohem Niveau. Die Firma will viele Arbeitsplätze nach Osteuropa auslagern. Die Firma hat die größten Gewinne ihrer Geschichte gemacht und gleichzeitig mehrere tausend Stellen abgebaut.

Kaum eine Woche vergeht, in der nicht neue Hiobsbotschaften vom Wirtschaftsstandort Deutschland bekannt werden. Firmen gehen in Konkurs, Menschen verlieren ihren Arbeitsplatz oder müssen Einbußen beim Einkommen hinnehmen.

Auch bei der Firma Bosch Breitbandnetze macht sich Ende letzten Jahres Unruhe breit. Der Mutterkonzern gibt bekannt, den Kabelfernsehbereich aufgeben zu wollen. Versuche des Betriebsrats, mit der Geschäftsleitung einen Interessensausgleich und Sozialplan auszuhandeln, scheitern. Und die Firmen, die am Kauf der Kabelsparte interessiert sind, wollen den Mitarbeitern weder Lohn- noch Beschäftigungsgarantien geben. Martina Bauer.

Also, ich kann Ihnen nur sagen, ich bin ja mittlerweile seit 35 Jahren bei der Firma Bosch, und seit 27 Jahren Betriebsrätin. Und wir hatten 1990 3000 Mitarbeiter in Berlin. Von den 3000 Mitarbeitern sind genau bundesweit 220 Mitarbeiter übrig geblieben. Ich hab ja einiges hier mitbegleitet. Das heißt Outsourcing, Verkäufe, Abspaltungen. Diese sind aber immer sozial verträglich, wie man heute so sagt, abgewickelt worden.
Das, was heute hier passiert, hat eine ganz neue Dimension erreicht. Das hier wirklich gar nichts, aber auch gar nichts für die Mitarbeiter getan wird. Und das hat eine neue Qualität von der Firma Bosch. Mir fällt dazu nichts mehr ein.


Über die IG Metall kommt der Betriebsrat schließlich auf eine ungewöhnliche Idee: das Mitarbeiter-Buy-Out. Das Prinzip ist ganz einfach: Die Beschäftigten kaufen die Firma und werden ihre eigenen Herrn. Das Problem: Bosch Breitbandnetze ist über 300 Millionen Euro wert. Unmöglich, dass die Mitarbeiter diese Summe aufbringen.
Doch die Gewerkschaft hat eine Lösung parat - einen Investor. Er ist bereits in der Branche aktiv und würde den Großteil des Kaufpreises zahlen. Gleichzeitig verspricht er den Mitarbeitern eine Lohn- und Beschäftigungsgarantie.

Wir haben's relativ kurzfristig beschlossen, also wir haben's als Betriebsrat beschlossen, und haben's dann den Kollegen den übernächsten Tag erzählt. Und für die war's erstmal ein Schock. Aber nachdem die Kollegen das verdaut hatten, und sich informiert hatten, was man damit machen kann, was überhaupt auf sie zukommen würde, hat die große Mehrheit gesagt: das finden sie in Ordnung.

Rund 5000 Euro, so der Plan, könnte jeder Mitarbeiter in den Kauf einbringen. In bar, über vermögenswirksame Leistungen, oder als Einbehalt vom Lohn.

Viele hatten schon überlegt, nach dem Motto: verreise ich dieses Jahr noch oder behalte ich das Geld schon mal, um zu sagen: ich investier's in meinen Arbeitsplatz.

Einige Kilometer entfernt, im Nordosten Berlins. Hier, bei der Firma Stabotec ist bereits Realität, wovon die Mitarbeiter der Bosch Breitbandnetze noch träumen. 1997 musste der mittelständische, Metall verarbeitende Betrieb Konkurs anmelden. Die seit 1906 existierende Firma war nicht mehr in der Lage, sich den Erfordernissen des Marktes anzupassen.

Als ich hier angefangen habe, da war es eben gang und gäbe, dass am Ultimo die Gehaltszahlung in bar erfolgte. Wobei jemand mit der Pistole zur Bank gegangen ist und einen riesigen Geldkoffer abgeholt hat und dann die Leute ausbezahlt hat. Solche Aufgaben haben einfach in einem modernen Unternehmen keinen Platz.

Im Grunde hätten sich die Führungskräfte selbst entlassen müssen. Stattdessen kommt es zum worst case - alle Arbeitsplätze drohen zu verschwinden. Bettina Kerwien und sieben weitere Sachbearbeiter beschließen, ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen. Sie konsultieren einen Unternehmensberater, erarbeiten einen Geschäftsplan, und tatsächlich gelingt es ihnen, eine Bank zu überzeugen, den Kauf ihrer Firma zu finanzieren.

Die erste Tat nach der erfolgten Übernahme: Die ersatzlose Streichung der obersten drei Führungsebenen. Stattdessen ernennen die acht Gesellschafter einen von ihnen zum neuen Geschäftsführer. Durch ein ausgetüfteltes System der Stimmenverteilung werden aber alle an Entscheidungen beteiligt. Seitdem ist in dem traditionsreichen Unternehmen kaum mehr etwas, wie es vorher war.

Das war dann eine sehr schwierige Aufgabe, die wir dann zu bewältigen hatten. Weil die Leute haben wir ja nicht ausgetauscht. Aber sie mussten sich an die neuen Organisationsformen anpassen.
Die Aufgabenbereiche waren früher eben so, dass man einen Statiker hatte. Heute hat man einen Projektleiter: Der kann nicht zu einem Mitarbeiter gehen, sondern muss sich halt ein Statikbüro suchen.


Die Arbeitsplätze sind gerettet, ein frischer Wind weht durchs Unternehmen.
Die Gesellschafter durchforsten einige Sachbücher zum Thema Management, die Arbeit in Teams wird eingeführt, die Kommunikationsstrukturen verbessert. Entscheidungen treffen die neuen Firmenbesitzer quasi basisdemokratisch.

Ich finde es eine gute Sache. Es ist eben nicht so wie bei Aufsichtsrat xy, der nur seine Unterschrift druntersetzt, und sich vielleicht inhaltlich gar nicht damit auseinandersetzt mit den Dingen, die er verursacht.
Die Nachteile sind natürlich, dass man die acht Leute immer an einen Tisch bringen muss und auch überzeugen muss von Vorhaben. Und da ist eben manchmal viel Überzeugungsarbeit gefragt, und man muss auch immer gut vorbereitet sein auf eine Gesellschafterversammlung.


Die neuen Strukturen bringen aber nicht nur Vorteile. Denn die Straffung und Neuverteilung der Aufgabenbereiche bedeutet auch zusätzliche Verantwortung und zusätzlichen Stress - für alle Beschäftigten. Ging man es früher mitunter mal ruhig an, hielt das ein oder andere Pläuschchen, so löst nun solch Verhalten eher Unmut aus. Und wer um 15 Uhr seinen Stift fallen lassen will, obwohl noch Dringliches ansteht, gerät schnell in Bedrängnis.

Wir haben, das muss ich ehrlich sagen, da auch Schwierigkeiten gehabt in einer Dimension, die ich mir nicht vorgestellt hatte. Das ging bis zur Befehlsverweigerung. Und es ist natürlich so, dass sich eine Firma dann nicht für einen Mitarbeiter entscheiden kann, der sich nicht anpassen kann.

Gleichwohl hat sich das Arbeitsklima deutlich verbessert. Die Wirtschaftsflaute der letzen Jahre ist zwar auch an Stabotec nicht spurlos vorbeigegangen. Doch die neuen Firmenbesitzer versuchen, jeden möglichen Arbeitsplatz zu halten. Und das ist nicht immer einfach. Denn gerade im Metall- und Schlosserbereich werden immer mehr Aufträge nach Osteuropa ausgelagert.
Generell geht es den Gesellschaftern nicht nur um pures Gewinnstreben.

Unser allererstes Projekt, durch den Betriebsrat initiiert, war halt, dass wir gesagt haben: okay, uns ist die große Gnade widerfahren, dass unsere Jobs durch unsere eigene Initiative nun erhalten worden sind. Und davon wollen wir jetzt auch ein bisschen abgeben. Und seitdem haben wir zwei Patenkinder in Vietnam. Wo wir bei der Belegschaft jeden Monat geringe Beträge sammeln und dann dort vor Ort auch Projekte unterstützen, die Hilfe zur Selbsthilfe bieten.

Außerdem haben die Gesellschafter ein Umweltzertifikat für den Betrieb erworben und eine Kooperation mit einer Schule aus der Nachbarschaft für schwer erziehbare Kinder ins Leben gerufen.

Das Belegschafts-Buy-Out - ein Heilmittel gegen den Ausverkauf von Arbeitsplätzen, ein Modell für verantwortungsbewussteres Unternehmertum? In der Theorie womöglich schon. In der Praxis gelingt es allerdings nur selten. Denn das Buy-Out wird immer erst zum Thema, wenn ein Betrieb schon tief in der Krise ist.

Bis es zu einer Unternehmenspleite kommt, sind die Mitarbeiter schon durch einen Scheuersack gegangen. Sie haben also einen Weg nach unten in dem Betrieb mitbekommen. Und nur in den seltensten Fällen sind die Beschäftigten davon überzeugt, dass ihr Produkt am Markt auch marktfähig.
Und dann müssen sie die Menschen überzeugen, dass sie ein Risiko eingehen. Und dieses Risiko haben sie bereits durch Verzicht von Lohn, durch Verzicht von Weihnachtsgeld bereits getragen. Und dann sollen sie obendrein noch sauer Erspartes in einen Betrieb investieren.


Selbst wenn es zur Übernahme durch die Arbeitnehmer kommt. Peter Senft von der IG Metall kennt etliche Firmen, die nach kurzer Zeit trotzdem vom Markt verschwunden sind. Meist sind die Phasen der Unternehmensschwierigkeiten und der Übernahme so lang, dass in dieser Zeit nichts Neues gestaltet wird. Zudem fehlt es häufig an finanziellen Rücklagen, um Durststrecken zu überwinden.

Dann haben wir ein Problem mit den Banken. Die Banken sind aufgrund der Basel2-Richtlinie angehalten, Kredite nach ganz strengen Kriterien zu vergeben. Die wir als Gewerkschaften immer verlangt haben, weil wir gesagt haben, es sind dazu viele unsichere Kredite ausgehändigt worden. Aus dem Grund sind viele Betriebe durch Managementfehler in Schwierigkeiten geraten.
Wir brauchen aber gerade für diese Arbeitnehmerübernahmen eine lange Begleitung. Das ist nur möglich in den Bundesländern, wo es Sanierungsbeteiligungsgesellschaften gibt. Wie zum Beispiel in NRW. Dort gibt es die Möglichkeit, dass in der Startphase durch Beteiligung des Landes eine längere Durststrecke überwunden wird.


Auch bei Bosch Breitbandnetze ist es den Mitarbeitern letztlich nicht gelungen, in ihr Unternehmen einzusteigen. Der Mutterkonzern wollte nicht an den Investor verkaufen, der mit den Beschäftigten kooperieren wollte. Dennoch ist das Schlimmste vorerst abgewendet. Der jetzige neue Eigentümer hat zugesagt, bis auf weiteres keine Mitarbeiter zu entlassen und die Tariflöhne nicht anzugreifen.
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