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14.1.2005
Zwillinge!
Von Susanne Balthasar

Zwillinge und Drillinge, hier auf einem mexikanischen Zwillingsfest (Bild: AP Archiv)
Zwillinge und Drillinge, hier auf einem mexikanischen Zwillingsfest (Bild: AP Archiv)
Lebenshilfe für Zwillingseltern kann eine Selbsthilfegruppe bieten. Denn auf ein Kind sind werdende Eltern vorbereitet, bei einem zweiten gerät die Familienplanung plötzlich durcheinander. Wenn die Freude gesackt ist, kommen die Fragen. Was tatsächlich auf Doppeleltern zukommt, ist schwer einzuschätzen.

Daniela: Das war sehr überraschend, ein Wirrwarr von Gefühlen ...

Jens: Ich war völlig konsterniert, Dagmar lag da, und ich konnte den Arzt anschauen und die Kamera, die Bilder, auf denen ich kaum etwas erkannt habe (...) das war in einem Stadium, in dem ein Geschulter etwas erkennen konnte (...) der Blick war immer mehr konsterniert und er runzelte die Stirn und im Prinzip habe ich in dem Moment Angst bekommen.

Maren: 'N bisschen Angst hat man natürlich auch in der Situation, weil man nicht weiß, wie man das meistern wird.

Musik: "Mein Papa hat gesagt, ich hab doch nur eins bestellt. Ich bin ein Zwilling und das ist fein, da braucht man nie allein zu sein."

Daniela: Ich seh da zwei - wie zwei? Zwei Kinder? Und dann war das so ein Gemisch aus lachen und heulen.

Maren: Als ne Freundin von mir, die schon ein Kind hatte, zum Arzt kam, und dann dort erfuhr, dass sie Zwillinge bekommt, ist sie in ist Ohnmacht gefallen vor Schreck.

Ein Kind zu bekommen, ist ein Geschenk. Sind zwei Kinder auf einmal ein doppeltes Geschenk? Über 500 Paare bekommen allein in Berlin jedes Jahr die Diagnose: "Herzlichen Glückwunsch, Sie werden Zwillingseltern." So wie Bianca Hipsch, Mutter von Arnold und Charlene:

Bianca: Die Ärztin fragte: Sind das Schreck- oder Freudentränen. Und es waren Freudentränen.

Daniela: Die Freude: Zwei Kinder auf einmal.

Heute sind Darryl und Dustin, die Kinder von Daniela Henze, sechs Jahre alt. Die ersten sechs Jahre haben Dagmar und Jens Hüserich, werdende Zwillingseltern im dritten Monat, noch vor sich. Sie gehören zu den wenigen Paaren, die sich schon vorher ausrechnen konnten, dass aus ihrem Kind möglicherweise zwei werden:

Jens: Ein bisschen überraschend ist es immer, auf der anderen Seite sind wir da erblich vorbelastet. Dagmars Mutter erzählte mal, dass sich das von einer Generation auf die andere vererben würde - nein nicht von einer zur anderen, immer eine überspringend - und da das bei Dagmar in der Familie der Fall war und bei mir auch, war das "Risiko" groß - aber wir haben immer drauf gehofft.

Erhard: Es gibt drei Mal Zwillinge, die Schmeltz heißen. Die Cousine aus Frankfurt am Main hatte Zwillinge, dann unsere Kinder und mein Bruder und ich.

Erhard Schmeltz hat es gleich doppelt erwischt: Der Zwilling ist auch Zwillingsvater, es liegt in der Familie: Weibliche Verwandte ersten Grades von Zwillingsmüttern haben eine doppelt hohe Wahrscheinlichkeit selber welche zu bekommen - das gilt allerdings nur bei Zweieiigkeit. Die anderen sind eine Laune der Natur. Oder des Wohlstandes. Untersuchungen belegen, dass Faktoren wie Ernährung, Alter der Mütter, das Gesundheitswesen oder Fruchtbarkeitsbehandlungen eine Rolle spielen. Momentan stehen die Chancen gut für Zwillinge: In Schweden ist ihr Anteil seit den 70er Jahren von 0,87 auf 1,3 Prozent gestiegen.

Überdurchschnittlich oft treten Zwillinge in der Kinder- und Jugendliteratur auf. "Das doppelte Lottchen", "Hanni und Nanni" oder "Die Zwillinge vom Immenhof" sind Klassiker. Einen Bruder oder eine Schwester zu haben, bei dem man nicht genau weiß, wo das "Ich" aufhört und das "Du" anfängt, ist eine der kindlichen Lieblingsfantasien. Kinder finden die Vorstellung, einen Zwilling zu haben meistens toll.

Arnold: Weil, da kann man immer zusammen spielen, wenn man alleine ist nicht.

Dass bei Erwachsenen die Zwillingsgeburt eher Schreckphantasien auslöst, haben die Hüserichs erfahren:

Dagmar: Mich hat eigentlich im Endeffekt gewundert, dass fast jedem, dem wir das erzählen, die Leute halt eher fragen: Wie war denn der Schock und habt ihr euch beruhigt?

Daniela: Ein Teil hat gleich Hilfe angeboten, wenn was ist, sind wir da, die anderen ein Teil haben gesagt: Oh Gott, was da auf dich zukommt, wie willst du das schaffen.

Erhard: Meine Frau ist nicht gerade von kräftiger Gestalt, wir wurden da schon nicht gerade beneidet (...) also Wegwerfwindeln, die gab es damals nicht, die Stoffwindeln, die mussten gekocht werden, die mussten gewaschen werden, das war schon ein riesiger Aufwand.

Bianca: Ich bin dann Freude strahlend zu meiner Mutter und die hat gesagt: Ohgottohgott, du Ärmste. Und dann hat sie mir gleich gesagt, was das bedeutet. Und dann bin ich in den Laden und habe mir das Buch von der Gotzkowsky gekauft, den berühmten Zwillingsratgeber. Und dann saß ich Tränen überströmt am Küchentisch, weil es gibt ja schon einen Haufen Probleme: Gibt das Auto das her, die Wohnung, was ist mit dem Kaiserschnitt, man muss seine ganze Lebenssituation überdenken, so viele Fragezeichen stürzen auf dich ein, dass ich das Buch erst mal für die nächsten neun Monate weggelegt habe.

Lebenshilfe für Zwillingseltern. Auf ein Kind sind werdende Eltern vorbereitet, aber wenn plötzlich noch ein zweites auftaucht, dann gerät die Familienplanung genauso plötzlich durcheinander.

Erhard: Ich kann das gut nachfühlen, bin der Zweitgeborene, das wusste also niemand, auch meine Mutter nicht, und für mich hatten sie keinen Namen, keine Windeln, nichts anzuziehen, nischt.

Als Erhard Schmeltz vor 66 Jahren geboren wurde, gab es noch kein Ultraschallbild, das auf das Zweitkind vorbereitete. Heute ist das anders:

Dagmar: Beim Kinderwagen haben wir schon mal gekuckt und da ist es wirklich schwierig, einen zu finden, da gibt es ja die Alternative neben- oder hintereinander, und da haben wir gedacht, es ist ja nett, wenn die Kinder nebeneinander sitzen, weil die sich dann ankucken können. Aber dann haben wir festgestellt, dass der ja gar nicht bei uns durch die Haustür geht.

Maren: Wir mussten umziehen, weil wir im 5. Stock wohnten. Die habe ich nicht mehr hoch geschleppt bekommen in die fünfte Etage in ihren Babyschalen.

Daniela: Das waren Fragen wie, ob die Wohnung groß genug ist, ob wir zwei Kinderzimmer brauchen, ob man die Kinder beide gleich lieben wird, also wirklich hundertprozentig, davor hat man schon Angst als Mutter.

Wenn die Freude gesackt ist, kommen die Fragen. Zumindest die nahe liegenden. Was tatsächlich auf Doppeleltern zukommt, ist schwer einzuschätzen:

Jens: Ich bin der Ansicht, dass der Abwasch in einem in der Summation einfacher ist, als zwei Kinder hintereinander zu bekommen. Bei zweien hintereinander wäre es so: Ich habe einmal die hundertprozentige Arbeit und ich glaube nicht, dass bei uns 100 + 100 Prozent gleich 200 Prozent sind.

Erfahrene Zwillingseltern kommen allerdings zu anderen Ergebnissen:

Maren: Das würde ich sagen, dass zwei Kinder die doppelte Arbeit machen.

Bianca: Man muss halt nur aufpassen, mit seinen Kräften nicht zu großzügig zu sein, das ist die Gefahr bei allen Zwillingsmüttern. Dass sie nicht auf der Strecke bleiben, weil sie permanent gefordert sind, dass sie sich auch um sich kümmern. Also das ist ein Ausrufezeichen an werdende Mütter.

Dagmar: Erst mal, denke ich, müssen sie heranwachsen, auf die Welt kommen und dann sehen wir weiter.

Daniela: Man kann gar nicht so vielschichtig denken, sich vorzustellen, was man im wirklichen Leben dann erlebt, nee.

Maren: ... wie schwierig, wie anstrengend das ist, wie sich die Grenzen immer weiter nach hinten verschieben. Wenn mir einer gesagt, dass ich nach der Geburt eine Woche nicht schlafen würde, das hätte ich mir nicht vorstellen können.

Maren: Am Anfang ist zum Beispiel ganz schlimm, wenn Babies beide trinken wollen - wie stillt man beide auf einmal (...) Es gibt da Anlegetechniken, dass man ein Kind unter den einen Arm klemmt und das andere unter den anderen Arm und dann die Brüste so ranhält. Oder mit der Flasche, die man bei beiden gleichzeitig 'ranhält, bei dem einen dann ein bisschen mehr, bis dann der gröbste Hunger vorbei ist, und dann macht man's noch mal ordentlich und nimmt die auf den Arm und gibt dann die Flasche.

Heute weiß Maren Ahrens, was zu tun ist. Wie Daniela Kunze und Birgit Hipsch ist sie in eine Selbsthilfegruppe für Zwillingseltern gegangen:

Bianca: Eines der Hauptthemen ist, dass du immer das Gefühl hast, hin und her gerissen zu sein und unterschwellig das Gefühl hast, keinem gerecht zu werden.

Dagmar: Ich war letztens auf einem Geburtstag, wo auch eine Zwillingsmama war, die sagte, sie hätte das Erlebnis gehabt, dass sie zwischen ihren Kindern gesessen hat, die haben beide losgeheult und sie wusste nicht, zu wem sie als Erstes gehen sollte. Dann hat sie sich in die Mitte gesetzt und auch losgeheult.

Bianca: Für mich ist auch diese Konkurrenzgeschichte der Dauerbrenner, dass wenn ich Charlene auf dem Schoß habe und mit ihr kuschle, dann kommt Arnold und will auch. Oder beim Gutenachtküssen, dann bekommt Arnold einen, und dann will Charlene auch einen, und dann kommt: Der war aber länger! (..) das ist auch so ein Buhlen um die Aufmerksamkeit.

O-Ton RTL: "Valerie und Julia sind unter Deutschlands fünf ähnlichsten Zwillingen. In der RTL-Show waren sich die Zwillingsforscher einig: Die beiden bewegen sich sogar gleich. Und während andere Choreografie mit ihrem Tanzpartner stundenlang üben müssen, fällt es diesen beiden total leicht: Gleiches Taktgefühl, gleicher Ausdruck - gelernt innerhalb von Minuten. Ein Traum für jeden Tanzlehrer.

Mit Aufmerksamkeit werden die meisten Zwillinge - zumindest die Eineiigen verwöhnt: Werbung, Modelagenturen und Fernsehsender nutzen das Interesse an Zwillingen, das so alt ist wie die Menschheit. In alten Kulturen wurden allerdings eher die Gegensätze betont. Ob Castor und Pollux, Apollon und Artemis, oder Romulus und Remus - weil man sich das Mehrlingsphänomen nicht erklären konnte, machten Sagen Zwillinge zu Urhebern von Glück und Unglück, zu Göttern und Teufeln. Die Ähnlichkeit, die äußere, aber auch die innere, bringt selbst Zwillinge zum Staunen:

Erhard: Mein Bruder, da kann ich also so viele Parallelen feststellen, dass wir oft die gleichen Gedanken haben und auch Zufälle, die nicht verabredet sind. Meine Frau und ich, wir fahren zum Potsdamer Platz und denken: Kucken wir uns mal einen Film an, gehen wir mal ins Kino, auf einmal treffe ich meinen Bruder. Und wo treffe ich ihn? In der Toilette. Das ist doch eine komische Sache: Warum ist mein Bruder zur gleichen Zeit am gleichen Ort und dann noch auf der Toilette? So ne Begegnungen haben wir öfter.

Zwillingen geben auch der Forschung Rätsel auf. Seit die Gene zum vorherrschenden Erklärungsmodell für den Menschen geworden sind, werden sie in wissenschaftlichen Instituten beobachtet. Denn die Umwelt der Kinder ist so gleich wie sonst nur unter Laborbedingungen:

Erhard:
Da sie zur gleichen Stunde geboren wurden, die gleichen häuslichen Bedingungen haben, konnte man feststellen, dass das Mädchen in vielen Dingen schneller war: das ging los mit dem Sprechen, mit dem Laufen, da hat der Junge hinterher gehangen.

Die Schmeltz-Zwillinge sind zweieiig, was Rückschlüsse auf ihre Anlagen erlaubt. Eineiige Zwillingen dagegen sind für die Wissenschaft eine riesige Chance zur Erforschung genetischer Krankheiten. Zwillingseltern sehen in der Ähnlichkeit oft ein Risiko:

Jens:
Wo man drauf achten muss ist, dass es zwei getrennte Individuen sind, die sind ja nicht nur auf Grund der Tatsache, dass sie zur selben Zeit im Bauch gewachsen sind, absolut gleich, deshalb muss man schon darauf achten, dass man auf die Bedürfnisse des Einzelnen eingeht.

Dagmar:
Für mich als Lehrerin ist klar, dass ich die Kinder spätestens in der Schule in zwei getrennte Klassen geben würde, damit die sich getrennt entwickeln können.

Bei allen Gedanken und aller Arbeit, die sich Eltern um und mit ihren Zwillingen machen müssen: Die, die welche haben, sind am Ende froh, dass aus einem zwei geworden sind:

Maren:
Ich würde sagen, mit einem Jahr ist das Schlimmste vorbei, und dann beginnt ne richtig schöne Zeit.

Bianca:
So viel wie du geben musst, kommt auch zurück (...) wenn die zu dir gelaufen kommen und sagen: Mama, ich habe dich lieb, und das bekommst du zwei mal, das ist sehr schön.

Daniela:
Ein Kind zum Genießen haben wir alle schon mal gesagt. Das wäre vielleicht nicht schlecht, ein Kind hinten ran.

Maren:
Wir wollen auch noch ein Kind, aber am Liebsten nur eins (...) am liebsten eines oder zwei hintereinander, aber nicht auf einmal.

Daniela:
Ein Kind ist wie kein Kind. //

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