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Kompass • Blicke in die Gesellschaft
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17.1.2005
"Die Höhe des Trinkgeldes richtet sich nach der Festigkeit des Charakters"
Von dem schwierigen Umgang mit einem gängigen Brauch
Von Susanne Burg

Mehr als ein kleiner Zuverdienst (Bild: AP)
Mehr als ein kleiner Zuverdienst (Bild: AP)
ein kleines finanzielles Dankeschön für ihre Leistung. Nach der Euro-Einführung war es mit dem Trinkgeld besonders schwierig. Wenn wir für eine Tasse Kaffee 2,50 Euro zahlen, wie viel Trinkgeld lassen wir liegen? Runden wir auf drei Euro auf und gäben damit zwanzig Prozent Trinkgeld statt der üblichen fünf Prozent? Geben wir 2,80 Euro und laufen Gefahr, knickrig zu wirken? Die Höhe des Trinkgeldes, richtet sich nach der Festigkeit des Charakters, das sagte schon Ephraim Kishon.

Stadtrundfahrt: So, dann wollen wir mal. Wunderschönen Morgen. Herzlich willkommen in Berlin. (...)

Vierzig Augenpaare richten sich auf die Stadtführerin, die neben dem Fahrer im Bus steht und die Reisegruppe begrüßt.

Stadtrundfahrt: Hier vorne der Gelenkrat, der Axel, der dreht am Rad und wird uns geschickt um die Ecke bringen. Mein Name ist Annika.

Annika und Axel werden den Besuchern aus Stuttgart die Hauptstadt zeigen. Drei Stunden lang. Vorbei geht's am Schloss Bellevue, an der Siegessäule, am Brandenburger Tor zum Regierungsviertel.

Stadtrundfahrt: Vor uns den Haupteingang zum Bundeskanzleramt. Vom Axel Schultes entworfen.

Am Ende der dreistündigen Fahrt wird Annika Kupsch ein Trinkgeld bekommen. Wie viel hängt davon ab, ob sie einen Draht zu der Gruppe bekommt, ob die Gäste die Sightseeingtour mochten. Aber in ihren 15 Jahren als Stadtführerin hat sie gelernt, es nicht persönlich zu nehmen, wenn die kleine finanzielle Anerkennung ausbleibt. Denn auf so manchen Trinkgeld-Faktor hat sie einfach keinen Einfluss.

Kupsch: Bei den Deutschen, wenn da keiner anfängt, Trinkgeld zu geben oder anfängt zu sammeln, wenn der Vorsitzende vom Kegelverein nicht dran denkt, dann gehen wir leer aus. Und da kann man sagen regional: von Nord nach Süd, vom Norden eher weniger, im Süden - auch Schwaben tatsächlich geben ganz gut Trinkgeld. Und die bayrischen Omis sind uns die liebsten.

Regelmäßig ist Annika Kupsch auch mit ausländischen Gruppen unterwegs. Ihre Erfahrung hat sie gelehrt: Amerikaner geben viel, Japaner wenig, Skandinavier nichts.

Kupsch: Die Norweger, Schweden, Dänen haben nicht mal ein Wort für Trinkgeld. Die haben das englische "tip", aber dass man da Taxi, Restaurant, Friseur, Reiseleitung, Busfahrer Trinkgeld gibt, überhaupt gar nicht.
Die kennen das nicht.
Sie haben die Leistung bezahlt und das ist damit abgegolten. Ob sie nun gut oder schlecht war, können sie mit Geld nicht ausdrücken. Sie sind völlig überschwenglich, völlig begeistert, aber dass dann mit Geld noch mal beschenkt wird, nein. Schlips für Fahrer, Tuch - das haben sie immer dabei.


Bei aller Kategorisierung nach Nationen: Manchmal gibt's dann doch Überraschungen:

Kupsch: Hatte ich eine Drei-Stunden-Tour mit Schotten und kam ein Riesenhaufen Geld. Sagte zum Fahrer: Schotten, gelten als geizig. Da sagt er: Er weiß das. Und es kostet sie ein Vermögen, das Gegenteil zu beweisen, dass die Schotten nicht geizig sind. Fand ich süß.

Welchen historischen Ursprung das Trinkgeld hat, ist unklar. Eine Theorie besagt, dass Feudalherren im 17. Jahrhundert den Bauern am Wegesrand Goldstücke zuwarfen, um eine sichere Durchreise zu gewährleisten. Eine andere Theorie, dass Gäste im 16. Jahrhundert der Bedienung in englischen Kaffeehäusern Geld gaben, damit diese sich später ebenfalls ein Getränk kaufen konnte. Einig sind sich die Historiker: Trinkgeld zu geben war in jenen Ländern weiter verbreitet, in denen es ein ausgeprägtes Diener-Herren-Verhältnis gab. Das führt dazu, dass sich heute einige Menschen etwas unwohl fühlen mit dem Brauch.

Die Britinnen Lisa Gornick und Jennifer Gallagher sitzen in einem Café in Berlin Kreuzberg.

Britin 1: No in England it's a very untipping... In a way tipping might represent this kind of Lord of the Manner, "hello my dear, thank you very much", because of the class system, it'll be seen as I am better than you. I am more in power if I tip you. I bet tipping was much bigger in the past in Britain. And now less and less because you don't want to be seen as this upper class tipper.
Wer in England Trinkgeld gibt, wirkt ein bisschen wie ein Gutsherr. Das sieht so aus, als würde ich mich besser fühlen und mächtiger sein als du. Das liegt wohl am alten Klassensystem. Früher war das mit dem Trinkgeld sicher viel stärker verbreitet. Jetzt ist es nicht mehr so, weil man nicht als Upper-Class-Schnösel da stehen will.

Britin 2: But I must say taxis in England they get so angry because they get so spoiled by American tourists. Once I offered a driver a tip and he said: What is this all I get?
Aber ich muss schon sagen, Taxifahrer in England werden von amerikanischen Touristen sehr verwöhnt. Ich habe mal einem Fahrer Trinkgeld gegeben und der sagte dann zu mir: 'Was, ist das alles?'

Was ist übrig geblieben vom Diener-Herrscher-Verhältnis beim Trinkgeld? Ist es ein Zeichen der Überlegenheit, zusätzliches Geld zu geben oder lediglich eine Anerkennung der Dienstleistung? Für den Berliner Kellner Matthias keine Frage.

Kellner: Das gehört ganz normal zum Gehalt dazu. Und das kann man ganz normal einplanen, weil es eben mehr oder weniger immer so um die sieben bis sechs Prozent mittlerweile, egal ob's schlecht läuft oder nicht.

Wir kennen die Situation in einem Restaurant: Der Kellner tritt an den Tisch, nennt die Summe der Rechnung. Der Gast rechnet das Trinkgeld hinzu und nennt den neuen Betrag. Was uns ganz normal erscheint, ist ein Gräuel für Zugezogene wie Jennifer Gallagher:

Gallagher: It's different in England, isn't it? Because you leave it under the plate… And if you only left something that is too modest you can run out and no one will know. Here it's face to face. It terrifies me this face to face.
Es ist anders in England. Da gibt es nicht diese Konfrontation wie hier. Hier musst du blitzschnell ausrechnen, was du gibst. In England schiebst du diskret ein paar Pennies unter den Teller. Und wenn es zu wenig ist, verlässt du schnell das Restaurant und keiner kriegt's mit. Hier musst du das alles von Angesicht zu Angesicht austragen. Das macht mir jedes Mal Angst.

Im Café einen Tisch weiter: Zwei Gäste warten auf den Kellner.

Gast: Ich würde gerne bestellen, aber die Chancen sind nicht so wahnsinnig groß, dass es in der nächsten Stunde noch passieren wird.

Die Überreste von Käse, Butter und Brot des Vorgängers stehen noch auf dem Tisch. Vom Kellner bisher keine Spur.

Gast: Man kennt das ja, man ist ja Kummer gewöhnt. Obwohl ich mich jedes Mal wieder genauso aufrege.

Die beiden sind guter Dinge, dass sie ihre Bestellung irgendwann aufgeben können. Für sie stellt sich nicht die Frage, ob sie hinterher Trinkgeld da lassen, sondern nur wie viel. Und ob sie die Summe aufrunden oder zehn Prozent ausrechnen.

Gast: Aufrunden auf den vollen Euro.
Nee, vom Gefühl her, bei 8,50 Euro dann ist neun vielleicht manchmal zu wenig vom Gefühl, manchmal vielleicht aber okay. Dann sagt man zehn. Und dann denkt man sich: verdammte Tat. Das waren jetzt gerade drei Mark. Aber egal, geht schon.
Nachdem mir das einige Male passiert ist, dass ich so fast fünfzig Prozent Trinkgeld gegeben habe und zwar durch die Euro-Umstellung, dass ich kein Gefühl dafür hatte, wie viel was wert ist, habe ich dann angefangen, mir das mit den zehn Prozent zu merken, weil das sich immer so schnell zu merken ist.


Blumenladen: Das ganze Jahr über gibt's tolle Blumen wie Rosen, Gerbera, Lilien.... und die machen sich für alle Anlässe gut. ...

Verkäuferin: Im Blumenladen heutzutage ist es nicht üblich, dass Trinkgeld von den Kunden übergeben wird.
Es wird nicht gesehen, dass es eine Handwerkskunst ist, dass man individuell etwas für den Kunden macht, genauso wie beim Friseur, die Friseusin ist für einen da. Wir kümmern uns ja auch um den Strauß, den der Kunde für sich oder verschenkt, aber es wird nicht so gesehen, dass es extra für ihn gemacht ist. Er schaut ja auch zu. Ist ja auch interessant. Es wird nicht so wahrgenommen. Wie in jedem anderen Geschäft, in dem einfach nur abkassiert wird.


Während die Blumenverkäuferin in der Großstadt kaum mehr Trinkgeld bekommt, ist es bei Taxifahrern durchaus üblich. Für sie gilt:

Taxifahrer: Je besser meine Leistung ist, desto mehr Trinkgeld kriege ich auch.

Sie sehen das Trinkgeld als eine Anerkennung ihrer Arbeit.

Taxifahrer: Man gibt sich ja Mühe. Andererseits kalkuliert man's auch ein, weil ohne das würde das keiner mehr machen, den Job. Das würde sich nicht rechnen.
Wenn man mal nicht so gut drauf ist, kriegt man weniger als wenn man nett und freundlich ist. (...) Außerdem dass man den kürzesten Weg fährt und keine Umwege. Und auch der Fahrstil spielt ne Rolle. Wenn ich rasant um die Kurven heize, kriege ich weniger als wenn ich vernünftiger fahre.


Zlotowitz: Der Zusammenhang wird häufig betrachtet, dass Trinkgeld eine Belohnung für einen guten Service darstellt. Aber empirische Befunde haben gezeigt, dass das nicht auf diesen einfachen Zusammenhang zurück zu führen ist.

Die 29-jährige Julia Zlotowitz ist Betriebswirtschaftlerin und hat sich in ihrer Diplomarbeit mit dem Thema Trinkgeld auseinander gesetzt. Die meisten Studien, die sie gelesen hat, stammten aus den Vereinigten Staaten. Dort ist das Forschungsinteresse an dem Thema besonders groß. Denn Amerikaner geben jährlich schätzungsweise fünf Milliarde Dollar in Trinkgeldern aus. Die Studien zeigen: Es ist nicht alleine der Service, der sich auf die Höhe des Trinkgeldes auswirkt:

Zlotowitz: Wenn ein männlicher Gast die Rechnung bezahlt, ist es tendenziell höher, als wenn ein weiblicher Gast die Rechnung bezahlt. Oder auch das bargeldlose Bezahlen hat sich trinkgelderhöhend ausgewirkt, oder auch die Anzahl der Gäste, die an einem Tisch essen. Weil die Gäste das Gefühl haben, sie müssten den anderen übertrumpfen und etwas großzügiger sind als wenn sie alleine essen würden.
Aber auch das Wetter hat sich als trinkgelderhöhend herausgestellt.


Überhaupt ist das mit dem Trinkgeld eine merkwürdige Sache. Ich gebe für eine Leistung außer der vereinbarten Entlohnung einen zusätzlichen Betrag zur "Belohnung". Entrichte also Geld für einen Service, den ich schon bezahlt habe. Wirtschaftlich gesehen gibt es keinen Grund dafür. Die Sozialpsychologie gibt da mehr Aufschluss: Mit dem Trinkgeld kann der Kunde seine Schuldgefühle verringern.

Zlotowitz: Er hat eine Dienstleistung in Anspruch genommen und fühlt sich dadurch in einer gewissen Schuld dem Dienstleister gegenüber und indem er Trinkgeld gibt, hat er das Gefühl, dass er diese Schuld verringert. Aber es ist so, dass der Kunde sich selbst etwas gibt, indem er Trinkgeld gibt. Er macht es nicht, um dem Dienstleistenden eine Belohnung zukommen zu lassen, sondern um das Schuldgefühl, das sich da aufgebaut hat, zu verringern.

Stadtrundfahrt: Rechts neben uns die Baustelle vom Lehrter Bahnhof, ich möchte mich recht herzlich bedanken.

Die dreistündige Stadtrundfahrt durch Berlin nähert sich dem Ende. Annika Kupsch bringt die Gruppe zum Hotel zurück.

Stadtrundfahrt: Vergessen Sie nichts, vergessen Sie auch mich nicht ganz. Tschüß.

Die Stadtführerin steigt aus dem Bus, stellt sich neben die offene Tür und verabschiedet die Gäste aus Stuttgart. Der entscheidende Moment.

Kupsch: Tschüß, schönen Dank.

Ganz unauffällig drückt ihr der Gruppenleiter einen Umschlag in die Hand.

Kupsch: Freut mich, danke schön. Schönen Dank. Danke schön. Tschüß, danke schön.

Es sei eine Anerkennung, sagen die Gäste.

Gäste: Das war spontan, weil ne gute Leistung dahinter stand und deswegen haben wir gesagt: das wollen wir auch honorieren. Das haben wir kurz abgesprochen und einer hat das dann übernommen.
Ich persönlich hatte Angst, wenn ich hierher komme, ah, jetzt kommen die Schwaben, die Geizigen und hier und da. Das war gar nicht so, wir wurden hier als Menschen behandelt und nicht als Schwaben. Und das war, was mir optimal gefallen hat.
Das war nicht nur ne Stadtführung sondern auch die Berliner Schnauze mit dabei. Und das fand ich sehr gut. Ein bisschen Späßle immer. aufgelockert, sehr gut.


Die Gruppe verschwindet im Hotel. Annika Kupsch ist zufrieden.

Kupsch: Der Gruppenleiter hat nen Scheinchen abgegeben. Besser als nichts. Für'n Kaffee wird's reichen.

Anfangs hatte sie erzählt, es hinge auch von der Nationalität der Gäste ab, wie viel Trinkgeld sie bekommt. Den Zusammenhang zwischen dem Trinkgeld und ihrer Leistung herzustellen, ist für sie weitaus schwieriger.

Kupsch: Wenn ich finde, die Tour war nicht so gut, die Leute haben nicht reagiert, gibt es meistens mehr als wenn die Leute in Applaus ausbrechen und toben, da gibt's dann meistens gar nichts. Das ist ganz komisch. Je schlechter die Stimmung desto besser das Trinkgeld - vom Gefühl her.

Zlotowitz: Es entsteht eine Beziehung zwischen dem Dienstleistenden und dem Kunden und diese Beziehung ist dem Kunden scheinbar mitunter unangenehm und er möchte dem Dienstleistenden nicht nur die reine Dienstleistung vergüten, sondern auch das Verhältnis, das entstanden ist in der Zwischenzeit.

Doch wenn die Beziehung zu eng ist, dann erscheint es unangebracht, jemandem Geld als Anerkennung zu geben. Das wäre fast so, als würden wir unsere Freunde für einen schönen Abend bezahlen. Obwohl, sagt die Britin Lisa Gornick, vielleicht sei das ja ein ganz interessantes Experiment.

Britin: Everybody would love a tip. Tipping your friend. You were lovely today. Here is your fiver.
Jeder mag doch ein bisschen Extrageld. Du sagst zu deinem Freund: Hey, du warst wunderbar heute. Hier ist ein Scheinchen.
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