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19.1.2005
Meine beste Freundin ist ein Mann
Warum Freundschaften zwischen Mann und Frau im Kommen sind
Von Karin Lamsfuß

Platonische Freundschaften haben's schwer - Szene aus "Harry & Sally" (Bild: MGM)
Platonische Freundschaften haben's schwer - Szene aus "Harry & Sally" (Bild: MGM)
Wie im Filmklassiker "Harry und Sally" verläuft es häufig auch im richtigen Leben. Platonische Freundschaften funktionieren nämlich dann besonders gut, wenn ein gewisses erotisches Knistern in der Luft liegt - sagen die einen. Die anderen finden es extrem entspannend, wenn sie das Thema "Begehren" zu den Akten legen können.

Cordula: Wie haben uns kennen gelernt aufm Friedhof, und zwar bei Dreharbeiten für nen Tatort. Der Mike war Komparse in zivil und ich in Uniform, weil ich ja Polizistin bin und hab eben in Uniform dort Komparsin gespielt, und da haben wir uns während der Pause, wo wir nicht dran waren, unterhalten, und das war schon ganz beeidruckend faszinierend, weil das schon sehr innig war.

Mike: Als wir ins Gespräch miteinander kamen, da wusste ich, dass wir was miteinander zu tun haben.

Märchen-CD : Prinz: "Sie ist es! Das ist die rechte Braut! Ja, jetzt sehe ich es! Mein Mädchen!
Sie: "Mein Prinz!"
Erzähler: "An den schönen, leuchtenden Augen und am lieblichen Gesicht erkannte er das Mädchen!


Der Beginn einer wunderbaren Liebe. Ein tiefer Blick in die Augen. Wortloses Verstehen. Ein Gefühl, als ob man sich schon ewig kennt. Zwei Körper, die sich zueinander hingezogen fühlen.

Cordula: Also, wenn wir da im Bett liegen würden, ich könnte mir vorstellen, dass wir da furchtbar kichern würden! Ich kann mir's einfach gar nicht vorstellen
Mike (eingeschnappt): schöööön!

Moderne Märchen verlaufen eben anders. Eine Liebesgeschichte zwischen Mann und Frau muss nicht unbedingt in einer Liebesbeziehung enden. Weil einer von beiden gebunden ist, weil der Versuch einer Liebesbeziehung bereits kläglich gescheitert ist. Oder weil sich erst gar kein Herzrasen einstellen will.

Cordula: (...) Es war eher so was wie Seelenverwandtschaft. Oder wie Geschwister. Es hatte so was ganz Tiefes und Vertrautes, deswegen haben wir uns sehr früh auch schon innig berührt, ohne da eben diesen sexuellen Anspruch oder ne Lust und Leidenschaft zu haben. (...) Wir können ja uns berühren, kuscheln, massieren, Arm in Arm liegen, ausheulen, das können wir alles tun, wir können jeder Mann-Frau sein, ohne dass wir Lust, Leidenschaft empfinden oder Besitzansprüche haben, wie's oft dann so abgeht. Und das ist, was viele nicht nachvollziehen können.

Das, was Cordula und Mike seit mittlerweile sieben Jahren leben, wird von vielen in ihrer Umgebung höchst misstrauisch beäugt. Mann und Frau, so innig, so eng, so nah beieinander? Sie strahlen eine Harmonie aus, die andere Paare neidisch werden lässt. Und trotzdem läuft da nichts? So etwas passt weder ins traditionelle Wertesystem, noch taugt es als Vorlage für eine Herz-Schmerz-Schnulze.

Jenny: Also, die Freundschaft zu Peter und mir begann eigentlich damit, dass wir uns kennen gelernt haben und eigentlich schon verliebt waren, so ne Art "Versuchen-wir-doch-mal-ne-Beziehungs"-Affäre begonnen haben

Peter: und ich hab dann plötzlich gemerkt, dass ich das eigentlich gar nicht will, also dass ich sie schon total gern mag und auch sehr gerne Zeit mit ihr verbringe, aber halt doch nicht so ne richtig feste Beziehung will.

Jenny: Als Beziehung hat's halt nicht geklappt, aber so menschlich haben wir uns sehr gerne und haben uns viel zu sagen, haben uns viel auszutauschen und sind uns einfach sehr nah auch.

"Nur-Freundschaft", weil sich "das mit der Liebe" als Flop erwiesen hat? Tröstende Worte wie "Lass uns Freunde bleiben " oder "du bist für mich wie ein Bruder" - das verletzt die Eitelkeit. Und zerstört alle Hoffnungen auf ein Happy-End.
Trotzdem: Etwa 30% aller Mann-Frau- Freundschaften gehen aus Partnerschaften hervor, fand die Berliner Psychologin und Freundschaftsforscherin Ann-Elisabeth Auhagen heraus. Vor allem dann, wenn die Partnerschaft bereits durch viele freundschaftliche Elemente geprägt war: gegenseitige Hilfe, Vertrauen, Verständnis.

Peter: Dann stellte sich für mich die Frage: wie kann ich diesen Wechsel herbeiführen, ohne sie zu kränken, auch ohne sie ganz zu verlieren, weil das hätte ich gewollt, weil ich doch gemerkt hab: wir verstehen uns halt einfach total gut miteinander und können einfach viel Zeit sehr lustig miteinander verbringen, aber auch unheimlich viel Austausch haben.

Peter begann um Jennys Freundschaft zu werben. Er, als derjenige, der den Korb verteilt hat, musste sich nun ganz schön ins Zeug legen, um den Hebel umzulegen: Ein paar nette Telefonate, ein paar Essenseinladungen, und irgendwann begann für beide eine neue Zeitrechnung: vom Liebespaar zum Freundespaar:

Jenny: Ich schätze an Peter auf jeden Fall, dass er wirklich als Freund da ist, wenn man ihn braucht, dass ich mit ihm auch über alles reden kann, ja, und in gewissen Beziehungen ist er auch wie ne Freundin, ja und manchmal ist es auch noch ein bisschen was anderes dabei. (...) Ja, letztendlich ist es halt doch die Rolle des Mannes, die ihm zukommt; es ist halt ein Freund, der über Themen mit mir sprechen kann und dabei nicht die Rolle der verständnisvollen Freundin einnimmt, sondern schon mal die Kontra-Rolle einnehmen kann, als Mann, der die andere Perspektive sieht... ja, schon freundschaftlich, aber trotzdem aus der anderen Perspektive.

Männerwelten, Männeransichten. Gerade Single-Frauen genießen diese Horizonterweiterung. Vor allem dann, wenn weit und breit kein Liebespartner in Sicht ist. Wenn ihnen niemand mal wieder ganz praktisch lehrt "Männer sind anders, Frauen auch". Männliche Freunde sind das Salz in der Suppe, charmanter Begleiter für's Theater und - zumindest dann, wenn es um ihre Kavaliersqualitäten nicht allzu schlecht bestellt ist - auch Balsam auf der Frauenseele.

Jenny: Also, es war schon mal so, wenn irgendwelche Feste oder Partys anstanden, und man ist da zusammen hingegangen, hat den ganzen Abend getrunken und gefeiert und zusammen getanzt, dass da durchaus schon mal so ne gewisse erotische Atmosphäre entstehen (...) dann küsst man sich vielleicht auch oder so, aber grundsätzlich diese Sperre, diese Schranke ist dann schon bewusst, und das ist auch okay. Das ist jetzt nichts Schlimmes.

Peter: das war dann auch irgendwie total komisch, jedenfalls direkt danach, aber wir hatten auch schon was getrunken und sind wahrscheinlich beide mit so nem komischen Gefühl ins Bett gegangen, so hoppla, hat sich jetzt irgendwas verändert zwischen uns?

Eine "gegengeschlechtliche Freundschaft" - so lautet der Fachbegriff - ist immer auch eine Gratwanderung. Eben noch fast geschlechtslose Kumpel, plötzlich wieder Mann und Frau.

Peter: Ja, so kurz danach hatte ich dann manchmal das Gefühl "ohwei, jetzt haben wir vielleicht doch irgendwie ne Grenze überschritten, die wir nicht hätten überschreiten dürfen, und das ist alles ein bisschen schwierig jetzt, was könnte sich ändern und was will ich jetzt von ihr und sie von mir? Also irgendwie war plötzlich alles so ein bisschen durcheinandergewirbelt, was so diese üblichen Raster unserer Beziehung betrifft. Aber das hat sich dann doch relativ schnell geklärt, als wir drüber gesprochen haben. Weil wir dann doch gemerkt haben, das ist eigentlich nicht die Richtung, in die wir unsere Freundschaft weiterführen wollen.

Mann-Frau-Freundschaften sind zerbrechlicher als gleichgeschlechtliche Freundschaften. Das zumindest besagt die Forschung. Zu viele Stolpersteine lauern am Wegesrand. Immer wieder die Frage: könnte aus uns nicht doch ein Liebespaar werden? Schließlich, auch ein Ergebnis der Freundschaftsforschung - begehren sich die Hälfte aller Harrys und Sallys. Die andere Hälfte will sich weder mit diesen eingefahrenen Mustern, noch mit doofen Sprüchen wie "Männer wollen sowieso immer nur das Eine, und Frauen sind auch nicht besser" zufrieden geben.

Cordula: Das, was wir hier leben, hat Mike letztens mal "Experiment" genannt. Und ich finde, das ist sehr treffend! Dass wir sehen, weil es eben frei ist von diesen ganzen Spielereien und Zwängen, wie es sein kann! Wie man eben Konflikte anders lösen kann und wie man seine Bedürfnisse und Rechte anders einfordern kann. Nicht so diese typischen Mann-Frau-Spiele. Also die haben wir gar nicht. 54: Warum das immer auch so ist, finden wir immer wieder merkwürdig und gibt auch Stoff für ne echte lange Diskussion, ich bin ganz sicher, dass das hier was gebracht hat, was uns beiden echt noch mal ne ganz andere Partnerschaft schenken wird.

Cordula und Mike leben mittlerweile zusammen. Wie ein altes Ehepaar, wie sie selbst sagen. Was, nachdem sich beide etwa zeitgleich von ihren Ex-Partnern getrennt haben, als Übergangslösung gedacht war, ist heute für beide die fast perfekte Lebensform:

Mike: Das geht von "wie decken wir den Frühstückstisch?" - also philosophieren über die Ästhetik eines Frühstückstischs bis hin zu "was ist der geilste Sex?" oder "was hab ich diese Nacht geträumt?"

Cordula: und wir können vor allem auch total viel lachen. Und das war in den ersten Wochen so fantastisch: ich bin aufgewacht, und dann war plötzlich jemand in der Wohnung da, der hat Kaffee gekocht, den Frühstückstisch gedeckt und hat hier schon Kabarett am frühen Morgen hingelegt, wir können zusammen lachen, wir singen ganz viel zusammen, wir schweigen auch...

Märchen-Erzähler: Lange lebte das Paar glücklich und zufrieden zur Freude aller Menschen und Tiere im Märchenland.

Das perfekte Bilderbuchpaar. Von dem sich viele andere eine Scheibe abschneiden können. Fast. Würde da nicht etwas Entscheidendes fehlen.

Cordula: Das Feuer! Und das ist eben nicht da!

Nach unzähligen durchgequatschten oder durchgeheulten Nächten, nach Offenbarungen, intimen Geständnissen und Einblicken in die tiefen Abgründe der Seele war der Zug wahrscheinlich irgendwann mal abgefahren. Denn Erotik braucht Spannung, Knistern, Geheimnis, Ungewissheit. Und damit konnten Cordula und Mike nach sieben Jahren inniger Freundschaft irgendwann nicht mehr dienen.

Mike: Ja, gut. Also ich war damals schon ein bisschen verknallt. Ach, ich weiß es nicht. Ich hab mich nicht getraut, ich hab's nicht gewagt, ich dachte auch: wenn du jetzt Gas gibst, dann kriegste vielleicht auch ne blöde Antwort oder vielleicht hält das dann auch die Freundschaft nicht aus - keine Ahnung - und irgendwie haben wir's dann auch so - sind so um den Brei herumgeschlichen.

Ein ganzes Jahr lang sind sie um den heißen Brei rumgeschlichen. Ein Jahr, in dem keiner so richtig wusste, was der andere wollte. Dann die Aussprache.

Mike: Für mich war das schon schwer. Also, ich hatte schon nen Kloß im Hals, und ne halbe Stunde später war's irgendwie gut. Also, dann konnte ich das so nehmen, und dann wusste ich: das ist auf jeden Fall ne Freundschaft, die bleibt.

Peter und Jenny blicken auf vier Jahre Freundschaft zurück, Cordula und Mike auf sieben. Für beide Jahre, in denen Partner gekommen und gegangen sind. Was blieb und alle Wogen überstanden hat, war die Freundschaft. Wenn es auch, das geben alle vier zu, nicht immer ganz einfach war, den neuen Partnern zu stecken, dass mit dem Freund bzw. der Freundin wirklich "nichts läuft". Bei aller Innigkeit, bei aller Vertrautheit.

Mike: Wenn jetzt natürlich ne Frau kommt für mich, die ich also begehre, dann ändert sich irgendwie auch mein Art Mann zu sein. Dann wird's anders. Und da hab ich schon ein bisschen Schiss vor ... oder nicht Schiss... auf jeden Fall hab ich Respekt vor diesem Neuen. Aber wer nichts riskiert, gewinnt nichts!

Jeder, der sich auf eine Freundschaft mit einem potentiellen Liebespartner einlässt, betritt zwischenmenschliches Neuland. Es fehlen Erfahrungswerte, wie solch eine Freundschaft funktionieren kann. Eine Mann-Frau-Freundschaft ist - zumindest in ihren Anfängen - ein heilloses Durcheinander aus Erwartungen, Hoffnungen und Befürchtungen, aus Abgrenzungen und falsch interpretierten Signalen.

Mike: Sie ist natürlich ne Frau. Da kann sie nichts dran ändern, und ich kann nichts dran ändern, aber sie ist halt für mich ein Kumpel. Sie ist ein Freund. Es ist mir egal, ob da jetzt ein Mann oder eine Frau vor mir steht. Es ist einfach die Herzlichkeit, die Menschlichkeit, also die Menschlichkeit, die dahinter steht. Also das ist das, was mich an ihr reizt. Was ich an ihr habe. Und nicht das Frau-Sein.

Manche Verliebte suchen nur so lange die Nähe des anderen, bis sie Mut zur Liebeserklärung haben. Und das ist dann nicht selten der Anfang vom Ende.
Andere schaffen sich einfach ein neues Wertesystem: sie ersetzen die Kategorie "Mann/Frau" durch die Kategorie "Mensch". Sie gewinnen eine Menge - darin sind sich alle Freundschaftspaare einig. Sie ignorieren einfach die misstrauischen Blicken ihres Umfeldes und kämpfen sich weiter durch dieses Abenteuer hindurch.

Mike: Mir ging's ja genau so! Ich hab mir das auch so nicht vorstellen können, dass es passiert. Und das ist halt ne Lebenserfahrung. Darüber kann man nicht philosophieren, darüber kann man nicht nachdenken. Wir haben, glaube ich, für uns bewiesen oder jeder für sich selbst, dass es geht! Dass es geht und dass es schön ist!
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