Kompass
Kompass • Blicke in die Gesellschaft
Montag bis Freitag • 14:40
20.1.2005
"Nichts hasse ich mehr als Laminat"
Von lebenden und toten Böden
Von Andreas Main und Susanne Luerweg

Laminat - oder doch besser Parkett wie hier in einem amerikanischen Schloss in Phoenix (Bild: AP Archiv)
Laminat - oder doch besser Parkett wie hier in einem amerikanischen Schloss in Phoenix (Bild: AP Archiv)
Es hat sich eine große Laminat-Verschwörung gebildet: aus Vermietern, Bauherren und Baumärkten. Wie bei der Geschichte vom Hasen und dem Igel: Das Laminat ist immer schon da. Manchmal auch auf Holzböden verlegt, die im Untergrund schlummern. Dann beginnt die große Schweinerei: das Abziehen der Böden.

Architekt Hartwig Kirchhoff: Es gibt keinen Bodenbelag, den ich ähnlich heftig hasse, wie Laminat.

Silke: Aber ich finde das einfach natürlicher auf Laminat rum zu laufen als Teppich. Irgendwie habe ich das Gefühl, dass das natürlicher ist, obwohl es Kunststoff ist, aber irgendwie gibt es mir das Gefühl, dass es natürlich ist.

Ein Boden: zwei Meinungen. Stichprobe in einem x-beliebigen Baumarkt. Im Angebot: 20 Sorten Parkett, von Eiche bis Kirsche, und dreimal so viel Sorten Laminat. Genau: 60. von Akazie Aragon bis hin zu Wildbirne LD.

Michael: Das ist einfach so eine Press-Kacke unten drunter. Pressholz. Und oben drüber ist das mehr oder weniger ne Holz-Tapete, die in Lack getunkt wird. Das ist also absolut künstlich.

Der Siegeszug des Laminats empört auch Marco Ferri. Dennoch gelingt es dem Schreiner, das Plastikholz nüchtern zu analysieren:

Laminat ist wie der Name schon sagt, eine Laminatschicht. Also es wird fotographisch reproduziert vom Holz, d.h. von dem Ursprungsbild, was es haben soll, und dann wird es aufgetragen auf einer fotographischen Schicht und mit einem Kunstharz dann versiegelt. Das Trägermaterial ist Spanplatte, d.h. verspantes Holz, und dann halt zusammengeleimt und dann letzten Endes Nutenfedern wird es dann zusammengesteckt.

Der billige Bodenbelag ist zur Massenware geworden. Preise von 5 Euro 65 bis zu 19 Euro 95 pro Quadratmeter lassen Vermieterherzen höher schlagen. Und auch manch ein Mieter ist geblendet. Ein neuer Laminatboden kommt auf den ersten Blick immer hell, freundlich und sauber daher. Aber Schreiner Marco Ferri empfiehlt die Schweißprobe:

Wenn man barfuß über den Boden läuft, was man zu Hause eben auch gerne tut, da merkt man sofort, das ist einfach Plastik. Das ist einfach eine Plastikschicht und, wenn man stehen bleibt, bildet sich Schweiß unter den Füßen.

Alles Unsinn, meint die Nutzerin. Laminat: ein haptischer Genuss.

Hans-Peter: Man wippt und es ist irgendwie weich, aber man hat trotzdem das Gefühl, man geht auf Plastik, und es ist trotzdem irgendwie hart, und richtiger Holzfußboden hat einfach eine warme Atmosphäre. Ist vielleicht ein bisschen härter, federt nicht ganz so, trotzdem geht es sich wesentlich angenehmer auf dem wirklichen Holzfußboden.

Michael: Mein Lieblingsboden? Das ist eigentlich der in meinem Zimmer. Das ist ein Dielenboden. Den habe ich selbst hergerichtet. Da war vorher so ein muffiger Teppichboden drauf. Und wer das schon mal gemacht hat, der weiß, dass das eine Schweine-Arbeit ist, Dielenböden abzuziehen. - Es steckt viel Herzblut drin? - Herzblut und Schweiß. Genau.

Herzblut und Schweiß sind auch bei seiner Freundin geflossen. Die beiden haben in ihrer Wohnung alles: Holzdielen, Laminat und Fertigparkett. Die Rangfolge:

Hanni: Also, am liebsten das, was ursprünglich in der Wohnung war. Also Diele oder Parkett, der ursprüngliche Zustand. Und wenn es das nicht mehr gibt, dann würde ich Fertigparkett legen - und als letztes: Laminat.

Der Durchmarsch des Laminats begann Anfang der 90er Jahre. Damals verlegten die Deutschen nur 500.000 Quadratmeter Laminat pro Jahr. Heute sind es 50 Millionen. Hundertmal so viel. Die große Verliererin im Kampf um Marktanteile: die Teppichindustrie. Denn in diesem Punkt sind sich Laminatfreunde und auch ein Laminathasser - wie Architekt Hartwig Kirchhoff - einig:

Irgendwie ist er immer dreckig, immer lausig, immer - weiß ich nicht - von irgendwelchen Keimen und sonst was behaftet. So oft kann ich den gar nicht shampoonieren und säubern. (...) Für mich sind Teppichböden nicht so wirklich richtig hygienisch.

Astrid: Ich find generell, es ist hygienischer als zum Beispiel Teppichboden, wobei ich natürlich immer Holzboden auch bevorzugen würde. Aber es ist halt einfach auch ne Kostenfrage.

Hanni: Das Laminat ist halt so dicht, da bleibt der Staub so - ich bin ja sehr pragmatisch - und pflege eher selten. Und beim Laminat bleibt der Staub halt oben liegen, und überall hat man nach einem Tag so Knüddel. Und bei Dielen setzt sich das so schön in die Ritzen rein. Und ist dann weg. Insofern sind für mich die Dielen praktischer. Aber für einen klinisch reinen Haushalt ist wohl Laminat besser.

Doch den Wischmopp, den lässt man beim Laminat am besten direkt in der Ecke stehen.

Silke: Da hat mir mein Vermieter auch sehr in den Ohren gelegen, dass ich das natürlich auch nur mit einem sehr ausgewrungenen Tuch machen darf und auf keinen Fall einen Eimer Wasser drüber gießen darf.

Hanni: Ne, das habe ich noch nicht erlebt. Aber ich arbeite auch nicht mit so viel Wasser. Lacher.

Also: Bloß kein Wasserglas umkippen und nicht zu heftig Blumen gießen. Denn dann zeigt das Laminat seine unschönen Seiten.

Hans-Peter: Also diese Fototapete, die man sich auf den Boden legt, das Laminat, verträgt eigentlich keine Gebrauchsspuren. Und obwohl das eigentlich ein sehr hartes Material ist, und obwohl das auch so angepriesen wird, kommen dann natürlich trotzdem Spuren hinein und das sieht unansehnlich aus. Die Stoßkanten, obwohl man die gut verklebt, nach einer gewissen Zeit, auch wenn man das immer nur feucht wischt und nicht nass, quillt das eben auf, und das gibt dann so unansehnliche Fugen. Und das macht einfach nach einer gewissen Zeit keinen Spaß mehr, das anzugucken.

Und auch der Schreiner warnt vor den Folgekosten, von denen im Baumarkt niemand redet.

Marco Ferri: Wenn ich manchmal bei Freunden bin, und die haben Laminat oder bei dem Vater eines Freundes, der hat eben sich ne Wohnung gekauft und hat Laminat rein gemacht, wo ich mir gedacht habe: Oh Gott, oh Gott, wollte Kosten sparen. Einmal feucht gewischt, da war es mit den Kosten hin. Da quillt eben das Laminat.

Wer wirklich auf Holz laufen will, kommt mit einem einfachen Holzboden oder mit abgezogenen Dielen billiger davon als mit einem teuren Laminat.

Silke: Das Geld halt. Es ist halt eine Geldfrage. Mein Vermieter hat halt das Laminat bezahlt, und ich habe auch vorher auch mit ihm diskutiert, ob wir nicht Parkett legen, und er sagt, er hätte das ein Mal im Haus gemacht, und das war halt auch so superteuer, und das würde er nicht noch Mal machen wollen.

"Mosaik-Parkett" für rund 13 Euro contra "Laminat Eiche Umbria" für knapp 20 Euro. Und Dielenabziehen kostet 12 Euro aufwärts pro Quadratmeter, wenn man es nicht selber macht. Diese Zahlen sind bis zu manch einem Vermieter offensichtlich noch nicht durchgedrungen.

Totes Material, das ist nicht schön. Aber wenn es so richtig lebt, das Material, das muss vielleicht auch nicht jeder haben.

Hanni: Also, hier zum Beispiel: Würmer. Oder so was zum Beispiel, da hat man dann immer was davon. Und in Philipps Zimmer zum Beispiel sind so alte Dielen. Im ersten Stock oder Parterre sind die gerne modrig oder zerfressen von Würmern. Wir sind da ja nicht so perfektionsliebend, aber das bleibt dann. Und ist schon schade, wenn man da hängen bleibt. Und das größer reißt, wenn man das nicht vorsichtig behandelt.


Michael: Hier siehst du das. Erstmal war hier offensichtlich der Wurm am arbeiten, der dann aber mittlerweile oder hoffentlich abgehauen ist. Und da haben wir dann ordentlich viel Lack reingepfeffert. Und damit hatte die sich die Sache erledigt.

Dielen haben eine Geschichte, und erzählen Geschichten. Holzparkett auch. Der Unterschied zum Laminat: Holzböden liegen in Gründerzeithäusern bereits seit rund 100 Jahren. Das Laminat dagegen erlebt vielleicht gerade mal seinen 10. Geburtstag.

Kirchhoff: Das sind so Zeiterscheinungen. Im Moment ist Laminat auch beliebter als Teppichboden, der auch mal rasend spannend war. Am liebsten Nadelfilz, billig, sechs Mark der Quadratmeter, oder was auch immer, wo du dir, wenn du barfuß gelaufen bist, Brandblasen geholt hast. Das müssen wir leider Gottes als Architekten, mussten wir das auch tun. Und daran wird sich so lange nichts ändern, so lange sich in den Köpfen der Bauherren, Wohnungseigentümer nichts ändert. Ich bin ein bisschen ratlos.

Marco: Raufaser ist auch ne Seuche. Es ist eine Mode und es ist nichts vergänglicher als Mode.

Hans-Peter: // Auch in den Prospekten, wenn man guckt, das ist quasi die erste Wahl, und da gibt sich sozusagen das Interesse der großen Hersteller und das Nichtwissen der Käufer geben sich gegenseitig die Klinke in die Hand, und dann verstärkt sich das selbst, und Laminat ist überall und das handwerkliche Abendland geht unter.

-> Kompass
-> weitere Beiträge