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21.1.2005
"Einfach nur schwanger ist nicht"
Embryo-TÜV muss sein
Von Viola Simank

Schwangerschaftsberatung (Bild: AP)
Schwangerschaftsberatung (Bild: AP)
Eigentlich könnte sie die natürlichste Sache der Welt sein: die Geburt eines Kindes. Doch in Zeiten moderner Medizin ist Frau nicht einfach nur schwanger. Angesichts der zahlreichen Untersuchungen und vorgeburtlichen Tests fühlen sich viele mehr als Patientin denn als Schwangere. Alles im Namen der Sicherheit für Mutter und Kind. Viele Frauen bekommen schließlich nur noch ein Baby - und das soll möglichst mit Gesundheits-Garantieschein geboren werden. Zwar ist dank der Medizin die Säuglingssterblichkeit bei uns bis auf einen Minimum gesunken. Doch die lückenlose medizinische Betreuung hat auch ihren Preis.

"Sei willkommen" - Aus: "Menschenskind" von Gerhard Schöne:
Nahe unter Mutters Herzen schwebt er leicht der kleine Träumer,
bald beginnt die schwere Reise, bald betritt er den Planeten.


Doch vorher wird er buchstäblich auf Herz und Nieren geprüft. In Zeiten von Ultraschall und Feindiagnostik ist es mit der Ruhe für das Ungeborene schon früh vorbei. Ausgeklügelte Tests und modernste medizinische Technik versprechen Sicherheit für Mutter und Kind. Doch die Hightech-Rundumvorsorge hat auch unerwünschte Nebenwirkungen:

Ilona Herrmann: Eigentlich habe ich mich als Schwangere immer total wohl und gut gefühlt. Und man hat ja auch so ein Urgefühl und denkt, es ist alles bestens. Und das wird dann ein bisschen kaputt gemacht durch zuviel technische Geräte und Untersuchungen.

Ilona Herrmann ist heute Mutter von drei gesunden Kindern. Eigentlich hätte sie glückliche und unbeschwerte Schwangerschaften erleben können - sie war keine Risikopatientin, alles lief gut. Bis ihre Frauenärztin den so genannten Triple-Test bei ihr machen ließ, mit dem man unter anderem einen Neuralrohrdefekt, den so genannten offenen Rücken, entdecken kann.

Ilona Herrmann: Bei dem wurde wohl festgestellt, dass ein Wert wohl nicht in der Norm liegt und mir wurde einfach gesagt, es geht um das Neuralrohr und ich solle zur Feindiagnose. ... ich hatte einfach Angst, dass das Kind geistig behindert sein könnte und war dann bei der Feindiagnose und habe mein Baby dort in allen Einzelheiten gesehen, aber der letzte Kommentar des Arztes war halt, er könne zwar jetzt nichts finden, aber das wäre nicht auszuschließen, das ein Defekt trotzdem vorliegt, aber ich will das Kind wohl dennoch bekommen, auch wenn es eine leichte Behinderung hat. Und mit dem Ergebnis bin ich dann entlassen worden und hab mich natürlich völlig fertig gemacht.

Doch ihre Sorgen waren unbegründet - ihre Tochter kam vollkommen gesund zur Welt. In den vergangenen zwei Jahrzehnten verfünffachte sich die Zahl der Vorsorgeuntersuchungen. Die Möglichkeiten der vorgeburtlichen Diagnostik sind so groß wie nie: Trimester-Test, Chorionzotten-Biopise, Toxoplasmose-Test, Amniozentese - schon die Namen klingen wenig Vertrauens erweckend. Die Methoden sollen helfen, frühzeitig Krankheiten und Behinderungen zu erkennen. In Sorge um die Gesundheit ihres Babys nehmen die meisten der werdenden Mütter diese Möglichkeiten dankbar an. Doch das Warten auf die Testergebnisse ist für sie eine schwere Zeit. Christiane Lammert von der Schwangeren-Beratungsstelle der Diakonie in Löbau erfährt dies immer wieder in Gesprächen mit den betroffenen Frauen.

Christiane Lammert: Das wird schon relativ häufig erlebt als eine Schwangerschaft auf Probe. Das bedeutet, dass Frauen wissen, dass sie schwanger sind, sich am Anfang auch eigentlich gefreut haben, das Kind durchaus annehmen aber im Grunde genommen mit angehaltener Luft leben in dieser Zeit. Und sobald klar ist, das Ergebnis ist zum Glück negativ ausgefallen - negativ heißt ja, es ist zum Glück kein Befund da - dann setzt eine große Erleichterung ein und dann kann erst die Freude aufs Kind Platz greifen.

Hinzu kommt: Nur allzu oft wird bei der pränatalen Diagnostik falscher Alarm geschlagen. So manches Baby, bei dem durch sie ein Verdacht auf eine Behinderung bestand, kam am Ende kerngesund zur Welt. Und: viele werdende Mütter fühlen sich schon allein durch die Existenz der Tests unter Druck gesetzt. Ilona Herrmann:

Ilona Herrmann: Diese Tests mit irgendeinem Ergebnis, wo man sich dann verpflichtet fühlt, dem ganzen näher auf den Grund zu gehen ohne wirklich akuten Anlass. Es ist sicher eine Entscheidung, wenn man in der Schwangerschaft erfährt, das Kind ist behindert oder schwerbehindert, das man vielleicht dann eine gewisse Entscheidungsfreiheit hat. Aber dass man von der Gesellschaft so aufgedrückt kriegt: Du könntest ja genauer hingucken und könntest dann vermeiden, dass dein Kind mit 'nem Handicap auf die Welt kommt, das setzt einen mehr unter Druck als alles andere.

Weg von der Technik und komplizierter Medizin hin zur natürlichen Geburt . Immer mehr werdende Mütter lassen sich deshalb schon während der Schwangerschaft durch eine Hebamme betreuen. Auch sie kann die vorgeschriebenen Vorsorgeuntersuchungen durchführen. Schließlich war sie schon immer die Fachfrau für Schwangerschaft und Geburtshilfe - und hat einen anderen Blick auf die werdenden Mütter als die Ärzte, meint Hebamme Esther Göbel:

Esther Göbel: Wir Hebammen haben nur die Schwangerenvorsorge und das macht vielleicht auch diesen besonderen Blick aus, den ich auf die Schwangere habe, weil das für meine Arbeit ist das gesunde, das natürliche, das ist sozusagen der Ausdruck höchster Gesundheit. Und das ist für mich ein Unterschied. Der Arzt blickt eher drauf, wenn er sich nicht ganz sehr Mühe gibt, als wär sie ne Kranke, weil er zuständig ist für die Kranken, für die Frauen, die sonst Probleme haben und kommt schneller in das Fahrwasser 'ne Frau als krank zu betrachten als 'ne Hebamme.

Nicht Patientin sondern einfach nur werdende Mutter sein - dieses Gefühl wollen die Hebammen den Schwangeren vermitteln. Dazu gehört auch das Vertrauen in den eigenen Körper. Manche Frau muss sich erst wieder daran gewöhnen:

Esther Göbel: Sicher fragen die schon: Schreiben wir heute gar kein CTG, also gucken wir gar nicht nach den Herztönen des Kindes, und da sag ich, na was macht denn dein Baby, na das strampelt, da sag ich, das ist doch in Ordnung, da hat es doch sicher Herztöne wenn's strampelt. Ja...

Ein Kind, was sich bewegt, das reagiert auf die Umwelt, da brauche ich das CTG nicht schreiben. Ein Kind was sehr ruhig ist, als wäre es nicht richtig da, als würde es sich wie ein Stein anfühlen, richtig schwer, für die Mutter nicht zugänglich, da würde ich zum Beispiel ein CTG schreiben. Und diesen Unterschied erkläre ich den Frauen - ach so, nur dann, dann brauchen wir es natürlich nicht, klar strampelt das.

Manche Schwangere entziehen sich der zum hoch technisierten Ereignis gewordenen Krankenhaus-Geburt auf ihre Weise - sie bekommen ihr Kind zu Hause. Michaela Schnur hat schon ihr erstes Baby im eigenen Wohnzimmer zur Welt gebracht. Und in wenigen Wochen steht dort die Geburt ihres zweiten Kindes bevor. Auf CTG oder Ultraschall hat die 33-Jährige ganz verzichtet.

Michaela Schnur:
Ich finde, es ist ja auch ein Geheimnis, was da so in einem passiert. Und solange man sich gesund fühlt und keine Vorgeschichte ist, ist die Frage, ob man da in alles reingucken muss, reinleuchten muss.
Weil ich vielleicht auch so 'ne Anschauung hab, dass solche Sachen natürlich passieren sollten und dass ich den Fähigkeiten der Hebamme vertraue und eben denke, gewisse Dinge, die sind eben doch Schicksal. Also wenn mein Kind mit einer Hasenscharte zur Welt kommt oder mit einem Down-Syndrom, dann würde ich ja nichts ändern, wenn ich das jetzt schon wüsste.

Doch Frauen wie Michaela Schnur sind noch die Ausnahme. In der Regel ist das Sicherheitsbedürfnis aller Beteiligten sehr hoch - der Schwangeren und der Ärzte. Die Liste der Risikofaktoren während einer Schwangerschaft ist dementsprechend lang. In den letzten 15 Jahren kamen mehr als 30 Punkte hinzu. Von Allergien bis krummer Rücken, alles wird genauestens erfasst - immerhin bei etwa zwei Dritteln der werdenden Mütter sind Schwangerschaftsrisiken im Mutterpass angegeben. Nur nichts übersehen, heißt die Devise. Denn entgeht den Ärzten ein möglicher Defekt oder eine Behinderung, drohen ihnen hohe Schadensersatzklagen. So ist aus Schwangerschaft und Geburt ein komplizierter medizinischer Prozess geworden. Umso mehr, wenn tatsächlich Komplikationen auftreten. Wie bei Antje Schneider. Sie hat bereits mehrere Fehlgeburten hinter sich.

Antje Schneider:
Da war es halt so, obwohl ich sehr gut betreut worden bin, dass man innerhalb von einer Woche achtmal Ultraschall gemacht hat, weil das kleine Herz hat geschlagen und man hat gesehen, es ist irgendwas nicht in Ordnung .... und noch mal Ultraschall und noch mal Ultraschall und noch mal - das war so schwer für uns alle, ich glaube auch für die Ärztin, aber die Ärztin hatte, glaube ich, auch keine andere Wahl, sie wollte auch so auf Nummer sicher gehen. Aber es war für uns alle, so traurig das war, eine Erlösung als feststand, nee jetzt ist das kleine Herz stehen geblieben und wir können einfach diese Maschinerie abschalten und die Natur nimmt ihren Lauf. Ich hab das Kind dann auch verloren, das war irgendwie, so paradox das klingt, das war fast wie ne Befreiung.

Glücklicherweise hat Antje Schneider auch eine gesunde Tochter zur Welt gebracht. Doch nach der quälenden Erfahrung von drei Fehlgeburten und dem Wunsch nach einem weiteren Kind sieht auch sie die Hightech-Medizin mit gemischten Gefühlen.

Antje Schneider:
Im Nachhinein... ist es so, dass ich jetzt der Meinung bin, ich hab es satt, ich hab's einfach satt, ich will diese Sonographietermine, diese Blutabnahmen, dieses Ganze, diese Maschinerie, die dann losgeht, wenn man schwanger ist und Fehlgeburten hatte .... Also mir geht es so, ich hab die Nase voll, eigentlich will ich den Dingen seinen Lauf lassen.

Im vergangenen Jahr kamen in der Bundesrepublik etwa 700.000 Kinder zur Welt. 96 Prozent von ihnen rundum gesund.

Esther Göbel:
Geburt ist wirklich eine absolute Grenzwanderung. Das ist ein Stück zwischen Himmel und Erde sag ich immer. Das geht nicht locker aus dem Ärmel, das schüttelt man nicht einfach so raus, sondern das ist ne Aufgabe, vor der es einem wirklich gruselt, weil ich weiß, die wird wahrscheinlich das erste Mal mich an meine Leistungsgrenze führen und ich muss darüber hinaus. ... Und das ahnt die Frau bzw. dann weiß sie es irgendwann und da muss sie sich drauf einlassen, das ist ihr großer Mut. //
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