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24.1.2005
Wenn das Gedächtnis uns einen Streich spielt
Warum Vergesslichkeit eigentlich gut ist
Von Caroline Michel

Prione stabilisieren das Gedächtnis (Bild: AP Archiv)
Prione stabilisieren das Gedächtnis (Bild: AP Archiv)
Das menschliche Langzeitgedächtnis kann zwar unbegrenzt viele Informationen speichern, für das Arbeitsgedächtnis - umgangssprachlich "Aufmerksamkeit" genannt - gilt dies aber keineswegs: hier können nur wenige Informationen gleichzeitig verarbeitet werden, die Kapazität ist begrenzt. Und dabei geht eben schon mal wichtiges Wissen verloren - und der verloren geglaubte Haustürschlüssel taucht plötzlich und unerwartet im Gefrierfach wieder auf. Wohingegen die neue Bank-Geheimzahl leider für immer im Gedächtnis-Nirwana verschollen bleibt....

Martina: Also, mir passiert also immer wieder was Blödes - indem ich Sachen einfach vergesse einzukaufen. Und zwar die gleiche Sache mehrere Wochen lang hintereinander, schaffe ich es nicht, diese Sachen einzukaufen. Beispielsweise ein Shampoo. Wochenlang versuche ich, dieses Shampoo zu kaufen und ich krieg es nicht gebacken!

Rike: Ich bin dann runter gegangen, wollte die Zeitung holen, hab dann statt der Zeitung den Kellerschlüssel mitgebracht, der im Briefkasten ist.

Karo: Und ich hab immer eh so 'n Zahlenproblem. Und diese Zerstreutheit macht sich dann meistens dadurch breit, dass ich die verdammte Pin-Nummer von meinem Handy und die Geheimzahl von meinem Konto halt durcheinanderbringe - ich geh dann schon rein in die Bank, bin total panisch, weil ich schon weiß: "Oh je, oh je: wie war jetzt noch die Nummer?" - und prompt fällt mir dann nur immer die Pin-Nummer vom Handy ein. Und dann bin ich immer am Überlegen: War das doch die Geldnummer? Und geb die dann ein - und ich musste schon zwei Mal meine Bankkarte wieder frei schalten lassen!

Martina, Karo und Rike sind noch keine 40. Sie gehen sonntags zur Arbeit und ohne Schuhe auf die Straße. Sie vergessen den eigenen Geburtstag und die Telefonnummer ihrer Eltern. Trotzdem arbeiten sie in verantwortungsvollen Positionen, haben viele Freunde und jede Menge Hobbys. Denn mit ihnen ist alles in Ordnung. Nur manchmal, da kapituliert ihr Gedächtnis.

Kein Wunder, denn wer viel behalten muss, der vergisst eben auch schon mal was. Und die "Vergessenskurve" steigt proportional zum Alter....

Günther Strahl: Da gibt's eben nur die eine Sache: dass ich gewisse Dinge aus der jüngsten Vergangenheit vergesse. Also ich vergesse Namen. Das ist ein ganz großes Manko, aber die anderen erzählen das noch in viel früherem Alter. Aber durch die lange Lebenserfahrung kann man das kompensieren. Wenn ich eine Rede halte, und mir fehlt das Wort "Reaktion", dann weiß ich das schon zwei Sätze vorher und suche mir einen Umweg und das geht auch.

Der 80-jährige Günther Strahl hat seinen ganz persönlichen Weg gefunden, sein schwaches Gedächtnis auszutricksen. Und auch sonst suchen Experten aller Fachrichtungen händeringend nach der ultimativen Lösung, die vielgepriesenen Thesen der "Simplify-your-Life-Bewegung" auch auf unser Denken zu übertragen. Wie genau wir aber unserem Gedächtnis beibringen können Unwichtiges auszublenden und Wichtiges der Reihe nach effektiv abzuarbeiten, das ist noch nicht endgültig geklärt...

Computerstimme aus dem Off: Achtung. Bitte prägen Sie sich die folgenden Begriffe gut ein. Wir werden Sie später danach fragen: Dichter, Kummer, Genuss, Vulkan, Papier,....

Ein abgedunkelter Kellerraum. 20 Computerbildschirme, davor 20 Senioren um die 70. Die Uni Göttingen hat die Teilnehmer der Seniorenstudiengänge zum Gedächtnistest geladen. Einer von ihnen: Theo Lonnenkämper , 69.

Theo Lonnenkämper: 5: Na ja, ich merke schon, dass jetzt im Alter so einiges schwieriger wird , aber bis jetzt ist es nicht so, dass es echt problematisch ist. Man stellt sich noch etwas mehr drauf ein, man prägt sich dann Dinge, die man unbedingt wissen muss, ganz bewusst ein, und dann geht das halt auch noch.

Computerstimme aus dem Off: Kirche, Palast, Keller, Getreide, Boden, Pianist...

Die Aufgabenstellung ist einfach: Jeweils für wenige Sekunden erscheint auf dem Computerbildschirm ein Begriff, den sich die Probanden möglichst gut merken sollen. Dann der Trick: ein fingierter Computer-Absturz!

Dr. Behrendt: Der Bildschirm wird plötzlich schwarz und der Versuchsleiter muss dann 'ne kleine schauspielerische Leistung abliefern, muss sagen, dass er jetzt einen Fehler gemacht hat, dass es ihm leid tut, und dass sie am besten diese Liste noch mal vergessen, die ganzen Wörter, die sie bisher gelernt haben, damit sie sich die folgenden besser einprägen können.

Der Psychologe Dr. Jörg Behrendt ist Vergessensforscher. Sein Spezialgebiet: Absichtliches Vergessen. Vor einiger Zeit hatte er bewiesen, dass sich die Fähigkeit dazu erst im Alter von 5, 6 Jahren einstellt. Jetzt will er herausfinden, ob sie im Alter auch wieder verloren geht.

Er präsentiert seinen Test-Senioren also scheinheilig eine neue Liste von Begriffen und fragt am Ende - Überraschung - doch nach allen Wörtern. Egal ob aus der alten oder aus der neuen Liste.

Theo Lonnenkämper: Wobei dann für mich hinterher eigentlich entspannend gewirkt hat, als ich dann gewahr wurde: "Sie können aus beiden Gruppen die Wörter wiedergeben", denn das wäre für mich schwieriger gewesen, jetzt auch noch festzustellen "Mensch, war das nun eins davon, was ich nun vergessen sollte, oder war das nun eins davon, was ich behalten sollte?" Das war also jetzt im Nachhinein gesehen für mich leichter so.

Das Testergebnis: Die Senioren erinnern sich an Begriffe aus beiden Listen. Und zwar: gleich schlecht. Die jüngere Vergleichsgruppe hatte den gleichen Test eindeutig besser bestanden: Sie konnten auf Kommando vergessen und hatten so mehr Luft für die Begriffe der wichtigen Liste. Das heißt: Im Alter lässt die Fähigkeit nach, Unwichtiges aus dem Gedächtnis wieder zu löschen. Das Risiko, Wichtiges zu vergessen, steigt immens.

Theo Lonnenkämper: Ja, das leuchtet mir eigentlich ein. Wobei das im praktischen Leben sich wahrscheinlich so stark nicht auswirken wird. Weil: wer sagt einem schon was und sagt anschließend: "Das vergiss mal gleich wieder!"

Rainer: Ich bin am Geldautomaten, steck die Karte ganz normal rein, normal diesen Zifferncode eingeben ...

Dr. Behrendt: Man kann sich ja da vorstellen, dass da immer ganze Episoden damit zusammenhängen: Ich muss die Karte aus meinem Portemonnaie ziehen, steck sie in den Schlitz und dann kommt der Moment des Abrufens der Geheimzahl, und diese Episoden sind in so 'ner Form im Gedächtnis abgelegt, manche merken sich ja auch die Nummern nicht direkt als Nummern, sondern als Abfolgen, wie man halt mit den Fingern die Tastatur betätigen muss, das ist halt ein hoch automatisierter und stark verankerter Prozess...

Rainer: - und dann plötzlich in dem Moment klingelt halt das Handy und dann hatte ich erst mal auch - weil ich so abgelenkt war - die Nummer falsch eingegeben, musste noch mal auf "Korrigieren" drücken, und hab's dann noch mal neu eingegeben und der Anrufer wurde auch ein bisschen nervig, ich konnte den aber irgendwie nicht richtig abschütteln....

Dr. Behrendt: D.h., es ist schon wichtig, dass das Gehirn über aktive Mechanismen verfügt, nicht mehr relevante Informationen möglichst gut von einer aktiven Verarbeitung auszuschließen.

Rainer: - Ja, und dann steh ich halt am Automaten und zieh die Karte noch raus und geh. Und plötzlich ein paar Minuten später fällt mir ein: verdammt, du hast ja das Geld da vergessen!

Vergessene oder verwechselte Geheimzahlen sind das Eldorado für Vergessensforscher wie Jörg Behrendt. Denn die Arbeitsersparnis durch Ritualisieren stößt schnell an ihre Grenzen. Denn das Arbeitsgedächtnis kann kein "Multi-Task" - die Aufmerksamkeit kann zwar schnell von einem zum anderen wandern, aber nie mehrere Aufgaben gleichzeitig bearbeiten. Versuchen wir also, besonders effizient zu sein, und alles gleichzeitig zu erledigen, geht das mit ziemlicher Sicherheit in die Hose.

Dr. Behrendt: Versuchen Sie schon im Vorfeld möglichst sich nur auf Wichtiges zu konzentrieren! Also: schon im Vorfeld gut auswählen, was sind die Sachen, mit denen möchte ich mich beschäftigen, die machen mir Spaß, was sind Sachen, die sind jetzt nicht wichtig für mich? Die möglichst früh sozusagen schon zu selektieren. Also möglichst früh eine sinnvolle Auswahl zu treffen, damit man gar nicht erst in den Umstand kommt, dass man sich mit zu vielen Informationen verzettelt.

Das bedeutet in letzter Konsequenz: Verzweifelte Trainingsversuche, die nach dem Motto "viel hilft viel" dem Gedächtnis auf die Sprünge helfen sollen, sind möglicherweise nicht nur sinnlos, sondern sogar kontraproduktiv. Sinnloses Auswendiglernen führt schlimmstensfalls sogar zum Totalausfall. Denn je weniger Bedeutung wir in etwas erkennen, was wir behalten müssen, desto mehr Speicherplatz im Gehirn wird gebraucht.

Rike: Das ist vielleicht ein bisschen albern, aber ich mach es so, wenn mir irgendwas einfällt und ich bin vielleicht auf der Arbeit und denke "das ist 'ne Sache, die muss ich nachher noch erledigen", dann mache ich mir ein Kreuz auf die Hand. Dieses Kreuz ist dann mit Kuli und das bleibt natürlich ein paar Stunden drauf, und da werde ich dann halt dran erinnert, das ist für mich so 'ne Erinnerungshilfe. Das funktioniert sehr gut. Und wenn ich jetzt zwei Dinge mir behalten möchte, oder drei, dann mach ich halt das Kreuz und die Zahl: wenn's drei Sachen sind, 'ne 3 dahinter, dann weiß ich "ah, ich muss jetzt an drei Dinge denken" - das funktioniert super.

Theo Lonnenkämper: Wenn man alle Dinge noch wüsste, die man in seinem Leben gelernt hätte, dann wär's so schwierig, die wichtigen daraus zu sortieren, und ich vermute, dass dieses Vergessen eben auch dazu da ist, dass Dinge, die man wirklich häufiger braucht im Leben Vorrang gewinnen gegenüber anderen, die eben nicht so wichtig für einen sind - oder vielleicht sogar falsch oder schädlich.

Wenn man sich an alle negativen Dinge - das ist ja so'ne Sache, die gerade bei Älteren häufig festgestellt wird: dass die sich an schöne Ereignisse besser erinnern als an hässliche Ereignisse - und für manche wär das vielleicht gar nicht zu ertragen das Leben, wenn die sich an diese auch all noch dauernd erinnern würden.

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