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25.1.2005
Alltag Traumhaus
Wenn ein Traum Wirklichkeit wird
Von Stefanie Jäckel

Für sein Traumhaus steigt man auch schon mal aufs Dach. (Bild: FH Lübeck)
Für sein Traumhaus steigt man auch schon mal aufs Dach. (Bild: FH Lübeck)
Wer kennt es nicht, das Traumhaus, jene schöne Spielerei nach Feierabend, wo alles möglich ist und alles erlaubt. Denn im Traum ist das Haus dehnbar wie eine zweite Haut. Es passt sich den Gewohnheiten an und repräsentiert maßgeschneiderte Identität.

Doch wo Träume Wirklichkeit werden, stoßen sie sich schnell an Details. Steckdosen, Bodenfliesen oder Küchenschränke wollen mit Gewohnheiten und Identität in Einklang gebracht werden, genauso mit den Träumen des Partners oder der Kinder und den Ideen des Architekten. Kompromiss oder Vision - was bleibt, wenn das Traumhaus Wirklichkeit geworden ist?


Bernd: "Für mich, wenn ich an ein Traumhaus denke, dann ist es kein Haus aus Stein, sondern ich stell mir dann vor irgendwie eine Plattform, die man auf Häuser aufsetzen kann, die schon stehen, und wo ein wunderschöner Blick ist, also, was Leichtes, nicht so etwas Verwurzeltes wie ein Schloss, wie ein Steinhaus, sondern was Transparentes, was Leichtes, was nicht statisch festgelegt ist."

Petra: "Ja, für mich ist diese Angebundenheit zum Boden etwas ganz Wichtiges. Also, das habe ich schon immer festgestellt, wenn ich mal irgendwo zu Besuch bin, und die haben ja oft auch 'ne große Wohnung mit einer schönen Dachterasse, das ist für mich immer ganz was anderes. Für mich muss das immer die Verbindung mit dem Erdboden sein. Und auch die Möglichkeit, immer wieder mal nach draußen treten zu können - dass ich das eben kann, ohne mich aus meiner vertrauten Umgebung wegbewegen zu müssen."

Christian Hamm: " ... grundsätzlich kann ich mir vorstellen, wünsch ich mir eigentlich, in einem neuen gebauten Haus zu leben, weil man ja meistens in älteren Häusern - und man muss immer mit der Geschichte von anderen umgehen, ..."

Barbara: "Also, meine Traumhäuser sind immer mindestens 100 Jahre alt. Ich finde, es gibt viele moderne Häuser, die ich sehr schön finde, aber wenn ich an mich denke in einem Haus, dann denke ich immer an alte Häuser. Ich finde es schön, wenn ich in Gebäuden bin, die von Menschen schon vor mir bewohnt worden sind, ich kann das nicht erklären, aber die Anmutung ist mir angenehm. Das sind meine Traumhäuser."

Haus (Bild: dradio.de/Andreas Diel)
Haus (Bild: dradio.de/Andreas Diel)
Christian Hamm: "Was ich eher immer feststelle, dass Wunsch und Wirklichkeit ganz weit auseinanderklaffen, dass man oft an bestimmten Dingen kapituliert, also um es genauer zu sagen, habe ich immer den Eindruck, sobald die Menschen mit Eigentum beginnen, werden sie viel enger und dieser Traum, den sie vorher ausgelebt haben, der wird immer weiter weiter eingeschränkt, und an allen möglichen Bedingungen, Anforderungen unterworfen. Also, Baukosten, Baugenehmigung, oder ich hab das Risiko, was Neues zu machen, dann haben die Leute sofort Angst, na, ist es auch das Richtige - also die Frage, ist es das Richtige wird dann total schwer."

Christian Hamm ist Architekt. Er selbst wohnt zur Miete, denn er will sich, was das Wohnen angeht, noch nicht festlegen. Barbara hat sich diese Frage erst gar nicht gestellt, sie ist ganz unversehens zu ihrem Traumhaus gekommen.

Barbara: "Ja, ich bin eigentlich als ganz junge Frau, ich glaube mit 20 Jahren, mit meinem damaligen Freund in ein Haus eingezogen, das der gekauft hatte. Das war ein winziges, kleines altes Fachwerkhaus, mitten in der Stadt hier gelegen, in der Kleinstadt, und dieses Haus - wir waren damals natürlich die allerallerersten im gesamten Freundeskreis, die sozusagen ein Haus hatten, bzw. er hatte das Haus, und dieses Haus war eine Art, ja, das war ein Traumhaus."

Während ihre Freundinnen das WG-Leben erproben, lernt Barbara das Haus in mittelalterlicher Bautechnik zu restaurieren. Ohne Vorkenntnisse nehmen sie und ihr späterer Mann das Haus wie eine Schachtel auseinander, um es dann - mit abgezogenen Böden, freigelegten Balken und frisch verputzt - Stück für Stück wieder zusammenzusetzen.

Barbara: "Irgendwann haben wir dann geheiratet, und weil sich unsere finanzielle Situation natürlich geändert hat - wir waren mit unserem Studium fertig und wir verdienten auch beide Geld - da haben wir dann begonnen, einen Architekten zu suchen, weil dieses Haus natürlich zwar sehr schön und in der Art auch unser Traumhaus war, aber es war natürlich auch winzig klein. Also, das war eben ein Arme-Leute-Haus, da konnten zwei Personen ganz gut leben, aber wir stellten uns natürlich auch vor, eine Familie zu gründen, und wollten dann eben aus dem kleinen Traumhaus ein größeres Traumhaus machen."

Anders Petra und Gero: Sie träumten von Anfang an von einem großen Haus, denn beide laden gerne Gäste ein - und unkonventionell sollte es sein. Tatsächlich fällt ihr Haus in der Einfamilienhaussiedlung, in der es heute steht, sofort ins Auge. Außen kontrastiert verwitterter Backstein mit glatten Betonwänden, innen gehen die Räume so ineinander über, dass großzügige Flächen entstehen. Vor einem Jahr herrschte allerdings noch Chaos.

Petra: "Man vergisst auch ganz vieles im Nachhinein wieder. Aber wenn ich mich da noch mal dran zurückerinnere, dass es dann Phasen gibt, wo man alles aussuchen muss: man muss entscheiden, nimmst du Kunststofffenster, nimmst du Holzfenster, nimmst du Metallfenster? Dann gibt es die ästhetischen Überlegungen, aber auch die finanziellen. Gleichzeitig musst du aber auch die Türgriffe und die Wasserhähne und was weiß ich, die Fliesen im Badezimmer, die Fliesen in der Küche, das sind dann so viele Sachen, das war mir manchmal einfach zuviel. Und dann hatte ich das Gefühl, ich hatte total die Leistung vollbracht, indem ich mich für eins entschieden hab, und es war schon wieder klar, jetzt müssen aber die Dinge geklärt werden. Jetzt müsst ihr euch das schon wieder überlegen. Das fand ich sehr anstrengend."

Gero: "Man kann es sich nicht vorstellen. Ein schönes Beispiel ist das Aussuchen von Fliesen. Man rennt durch Geschäfte, nach hier und dort und da, und wenn man dann Glück hat, sind ein oder zwei Meter ausgestellt, in ganz anderen Lichtverhältnissen, und dann muss man sich dann vorstellen, wie sieht das im eigenen Haus aus? Das ist vollkommen unmöglich."

Mit den Fliesen hat es schließlich geklappt. Doch die Entscheidung für Kirschholzparkett erwies sich als Fehler. Das dunkle Holz ist zu dominant für die hellen Möbel. Steffen Domalski kennt solche Probleme, wenn auch von der anderen Seite. Er ist Architekt und weiß oft nicht, wie weit seine Kunden seinen Entwürfen folgen können:

Steffen: " Also, ich bin immer wieder erstaunt, dass - obwohl ich dachte, es ist jetzt wirklich gut aufbereitet und verständlich aufbereitet - dass der Bauherr sagt, das versteh ich aber nicht und das macht's mir natürlich sehr schwer, weil ich einfach diesen Punkt nie weiß, jetzt isses oder jetzt isses noch nicht. Bei allem was nicht verstanden ist, da muss man durch Überzeugung sagen, dass bauen wir jetzt mal und du wirst schon sehn, dass es passt, der Spruch funktioniert nicht, der will's vorher wissen, der Bauherr.

Kommunikation ist ein Schlüssel zum Traumhaus. Da gibt es auch einige Überraschungen. Vor allem Paare lernen sich oft noch einmal ganz neu kennen:

Nina: "Ich hab zum Beispiel festgestellt, dass mein Mann jemand ist, der immer auffällt dadurch, dass er ganz mutige Kravatten trägt, die so einen Touch davon entfernt sind, daneben zu sein. Die sind aber nie daneben, die sind einfach klasse. Und diese Fähigkeit erstreckt sich bei ihm auf ein unglaublich gutes Farbgefühl, denn alles was hier in der Wohnung drin ist, und wo jeder sagt, 'Ah, Nina, das hast du aber schön gemacht', das hat alles Thomas gemacht. Er hat einen Blick für Räume und ich hab ein gutes Händchen für's Möbelrücken und es hat sich wahnsinnig gut ergänzt, und das hat uns noch näher zusammen gebracht."

Nina war gerade mit dem Studium fertig, als ihr Großvater ein Stadthaus für sie und ihren Mann kaufte. Ein großes Geschenk, das noch größere finanzielle Belastungen mit sich brachte. Denn erst beim Renovieren zeigte sich, wie marode das Haus war. Panikattacken und Krisensitzungen mit dem Architekten waren an der Tagesordnung. Dennoch zieht Nina eine positive Bilanz. Ihr Traum hat sich erfüllt.

Nina: "Als ich das erste Mal hier im Haus gestanden hab, hab ich gedacht, hier ist mein zu Hause. Das war das erste Mal in meinem Leben, dass ich dieses Gefühl hatte. Das ist dein Zuhause. Und gleichzeitig habe ich furchtbare Ängste gehabt, Existenzängste, ich dachte, um Gottes Willen, wir sind gerade erst am Anfang, und wo sollen wir das ganze Geld hernehmen."

Ist hier wirklich ein Traumhaus dabei? (Bild: AP)
Ist hier wirklich ein Traumhaus dabei? (Bild: AP)
Barbara: "Wir hatten ja auch immer Geldschwierigkeiten, das ist ja mit einer riesigen Kraft realisiert worden und mit einem großen Elan, und wenn das dann ermüdet, und das Paar in diesem Fall wieder auf sich selbst besinnen muss, weil das Projekt in der Endphase bzw. im Abschluß ist, dann treten vielleicht Dinge wieder in den Vordergrund, die man über Jahre und Jahre nicht so wahrgenommen hat. Und dann wird das Leben im Traumhaus ganz schnell zur Hölle."

Was als gemeinsames Projekt begann, endete für Barbara mit der Scheidung. Ein häufiges Phänomen, wie ihr Architekt sie zu trösten suchte. Denn während des Bauens kommt das Leben zu kurz: die Freizeit wird ins Haus gesteckt, Streit auf später verschoben. Diese Erfahrung musste auch Ulla machen.

Ulla: "Also, wir haben's nicht geschafft. Wir sind dann nicht so richtig aus diesem Hamsterrad rausgekommen und wir hatten da so in gewisser Weise so einen Perfektionsanspruch, wir mussten auch aus der alten Wohnung nicht raus und so hat sich das irgendwie hochgespult."

Ulla wollte überhaupt nicht bauen, doch als ihr zweites Kind unterwegs war, ließ sie sich von ihrem Mann für ein Häuschen im Grünen begeistern. Und weil man nur einmal im Leben baut, wurde aus dem Häuschen ein Haus. Vor sieben Monaten haben sich Ulla und ihr Mann getrennt.

Ulla: "Ich denk heute, wir hätten uns Zeit nehmen sollen, uns richtig auseinanderzusetzen, und die Vor- und Nachteile und erst mal zu sagen, das wollen wir jetzt. Das war so ein Kreisen umeinander. Und das war auch in gewisser Weise eine Ersatzdiskussion. Weil ich glaube, es hatte auch was mit Lebensentwürfen zu tun. Wie will ich leben, wie will der andere leben? Das muss man überhaupt erst mal erkennen, dass es darum geht. Das haben wir, glaub ich, nicht wirklich erkannt."

Barbara: "Also gerade das Haus war dann eben auch eine Ursache für großes Leid - also auf meiner Seite ganz bestimmt. Also ich habe sozusagen um das Haus und um die Ehe getrauert und manchmal weiß ich gar nicht, ob ich das Haus mehr geliebt habe oder den Mann. Das muss man eben auch konstatieren. Das Haus war so sehr Teil von mir geworden, im Laufe der Jahre, und als eben deutlich wurde, dass ich, als die finanziell Schwächere das Haus verlassen musste, da war das schon so, als würde mir ein Teil meiner Persönlichkeit weggerissen.

Es gibt einen Traum, den ich habe. Das ist aber so etwas, was ich so in meinem Herzen hege, das wird sich nie realisieren lassen, aber das wäre ein Ferienhaus auf einer holländischen Insel, das ist so was, wovon ich träume, was sich aber aus finanziellen und anderen Gründen nicht realisieren lässt, aber was sich vielleicht, selbst wenn es sich realisieren ließe, gar nicht leben ließe. Aber das wäre so das absolute Traumhaus, was so in meinem Kopf rumspukt. "

Träume retten uns aus dem Alltag. Bauen ist dagegen eine existentielle Erfahrung. Wer ein Haus baut, träumt davon, seinen Alltag zu verändern. Das Resultat ist so unsicher wie die Träume selbst. Sicher ist nur eins: Wir träumen weiter. Jeder bei sich zu Hause.

Petra: "Also, das ist, wie wenn ich beim Frisör sitze und immer noch sage, ach jetzt schneiden Sie hier noch ein Eckchen weg und da noch ein Eckchen weg und im Grunde, der Frisör, der im Vorfeld so sein Konzept hat, und wenn ich den in Ruhe gelassen hätte, dann hätte der mir vielleicht eine viel schickere Frisur geschnitten, als wenn ich ihm da immer reingequatscht hab. Und dann am Ende so ein Gestückele hab. Und das denke ich manchmal, ja, dass da 'ne Gefahr besteht und dass das hier manchmal auch so war. Dass das auch ein sehr interessantes Haus geworden wäre, wenn wir die in Ruhe gelassen hätten."

Ulla: "Für mich kann ich sagen, dass ich auch ganz ganz viel gelernt habe aus dieser Situation, ja, einfach jetzt versuche, bewusster zu leben oder mich nicht mehr so leicht von solchen Äußerlichkeiten einfangen zu lassen. Denn ein Hausbau ist letzten Endes eine Äußerlichkeit."

Gero: "Also viele sagen ja, bauen ist Horror und bauen ist Stress. Das stimmt. Aber mir hat das totalen Spass gemacht."


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