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Kompass • Blicke in die Gesellschaft
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27.1.2005
"Ihr konntet ja nichts dafür!"
Wie reden deutsche Familien über die Zeit des Nationalsozialismus?
Von Christoph Fleischmann

Hitler wird 1933 von den Massen bejubelt (Bild: AP Archiv)
Hitler wird 1933 von den Massen bejubelt (Bild: AP Archiv)
Bombennächte, Evakuierungen, Kriegsgefangenschaft, die Angst vor den Russen - davon wird in deutschen Familien erzählt. Die eigenen Familienmitglieder kommen dabei fast nur als Opfer vor - aber wo waren dann die Täter? Wer hat Synagogen angezündet oder bei Judendeportationen zugesehen? "Die Nazis" waren immer die anderen. Und die Kinder und Enkel? Geben die sich damit zufrieden? Wollen sie die Wahrheit über die Väter und Großväter wissen - oder fragen sie lieber nicht so genau nach? Forscher entdecken ein Paradox nach Jahrzehnten erfolgreicher Aufklärung: Die Kinder und Enkel wissen viel über die NS-Zeit, aber die eigenen Eltern und Großeltern halten sie aus dem Grauen heraus.

Heer: Mein Vater war an der Kanalküste, Belgien-Flandern, bei der Küstenarttillerie […] ist 42 eingezogen worden und 44 gefangen genommen worden. Von seiner Kriegszeit wusste ich nur - er war Förster und leidenschaftlicher Jäger - er hätte für die Kompanie oder Bataillonsküche immer dafür gesorgt, dass die ein Wild im Topf gehabt hätten. Das war sozusagen die Legende, mehr wusste ich nicht.

Hesse: Als Kind habe ich das mehr so wie Abenteuer empfunden, was die Älteren da erzählten; und manchmal wurde das auch von den Älteren so erzählt. Es wurde weniger über das Leid oder über die Gefahren, die damit verbunden waren, erzählt, sondern - es ist ja genauso, wenn man heute in den Urlaub fährt, man erinnert sich an das Schöne, was man im Urlaub erlebt hat, und das nicht so Schöne vergisst man eher.

Petersen: Solche Geschichten hört man, finde ich, relativ häufig, [...] dass dann gesagt wird: Meine Oma mochte nicht wie Hitler redet, "das war ein Schreihals", so diese kleinen Geschichten, die einem den Eindruck vermitteln könnten, da sei irgendwo Opposition gegen Hitler gewesen, die werden ganz gerne erzählt. Aber der Rest, der Rest ist Schweigen irgendwie.

Birte Petersen, Raimund Hesse und Hannes Heer haben ihre Eltern und Großeltern über die Zeit des Nationalsozialismus befragt: Ihre Väter waren Soldaten im Zweiten Weltkrieg. In den Antworten, die sie bekommen haben, wurde aber nicht vom Töten gesprochen, es wurde nicht von Schuld und Verbrechen geredet, sondern von Abenteuern, von harmlosem Küchendienst, und dass man gegen die Nazis gewesen sei. Typische Reaktionen, meint der Sozialpsychologe Harald Welzer, der untersucht hat, wie in deutschen Familien über die Zeit zwischen 1933 und 1945 geredet wird. Typisch sei auch, dass die Kinder und Enkel kaum nachfragen:

Welzer: Gespräche zu dem Thema "Was hat Opa gemacht?" zeichnen sich genau durch dieses Muster aus: Wenn dann gesagt wird: "Der war ja sofort verletzt, der kann gar nichts gemacht haben" oder sie haben ohne Ende diese Erzählungen: "Naja, der war ja nur ein kleines Licht" oder "Der war im Osten, aber der hat in der Verwaltung gearbeitet" und sofort kommt immer der Satz: "Da war ja nichts, der konnte ja auch nicht." So, und es gibt in den Familiengesprächen niemand, der nachfragt, genau nach diesen Dingen: "Was hat er denn eigentlich genau gemacht?" Es gibt auch fast nie die Frage: "Wo war das denn eigentlich, wann war das?"

Solche Familiengespräche führten dazu, dass die Familien Vorstellungen tradierten, die im öffentlichen Diskurs längst nicht mehr politisch korrekt sind, so Welzer: Die Nazis waren immer die anderen, die Russen waren viel schlimmer und von Verbrechen habe man nichts gewusst.

Welzer: Wenn man auf einer Gedenkveranstaltung ist, wird man tunlichst nicht etwas sagen, was dort sofort zu einem Skandal führen würde. Aber man ist ohne weitres in der Lage in anderen familiären Kontexten [...] etwas ganz anderes zu vertreten: "Na ja, so schlimm war's ja gar nicht", oder: "Man muss ja auch mal die andere Seite sehen", oder man erzählt einfach Geschichten, die Gegengeschichten zu dieser offiziellen Geschichte sind: Was die Russen alles Böses angestellt haben, oder so was. [...] Insofern findet man gerade in der Bundesrepublik doch sehr ausgeprägte Unterschiede zwischen offizieller und privater Erinnerung.

Hesse: Einige sind so gelaufen, teils von Russland. [...] Ein Bekannter hat mir erzählt, als er zurückgegangen ist, schnell konnt er sowieso nicht, da ist er an dreien vorbei gekommen, die haben da gelegen mit ausgestochenen Augen. Und auch weitere Geschichten, also da habe ich ja das Grauen gekriegt.

Erzählt Elfriede Hesse, Mutter von Raimund Hesse. Die Geschichten, die in den Familien erzählt wurden, waren spannender und realistischer, als das, was er in der Schule erfahren konnte, meint Raimund Hesse:

Hesse: In der Schule kriegte man das wirklich nur so als Erzählung dargeboten: was ist da passiert. Es war wirklich nur sehr, sehr wenig, das wurde nüchtern dargestellt, was es da gegeben hat [...] und zu Hause hat man dann eben in der Verwandtschaft die Realität gehört, was denn da passiert ist.

Welzer: Sie haben eine ganz andere Verbindung zu dieser Art von Erzählung. Der Mensch, der das erzählt, von dem man das aus erster Hand gehört hat, steht [...] meistens in einer sehr positiven Weise in einer engen persönlichen Beziehung zu einem selbst. Das heißt, die Aussagen, die er macht, haben schon auf einer emotionalen Ebene viel höhere Überzeugungskraft und so was wie einen gefühlten Wahrheitsgehalt, als etwas, was man jetzt über eine beliebige Quelle, der Geschichtsunterricht, das Geschichtsbuch, eines der Guido-Knopp-Features oder sonst was, sich zu Gemüte führt.

Von den Massenvernichtungen in den  Konzentrationslagern wollen viele Deutsche nichts gewusst haben (Bild: AP Archiv)
Von den Massenvernichtungen in den Konzentrationslagern wollen viele Deutsche nichts gewusst haben (Bild: AP Archiv)
Es sei aber nicht so, dass die Aufklärung durch Geschichtsunterricht und Medien versagt habe; die Enkel der Tätergeneration wüssten viel über die NS-Zeit, bestätigt Harald Welzer, aber sie machten von diesem Wissen einen anderen Gebrauch, als sich die Pädagogen das wünschen:

Welzer: Jetzt habe ich auf der einen Seite dieses Wissen, was ich nicht bezweifle, und auf der anderen Seite habe ich meinen Opa; und zufällig überschneidet sich dessen Lebenszeit mit dieser Zeit des Schreckens: Was fang ich denn damit an, wenn ich beides in Einklang bringen will? Ich möchte ein positives Bild vom Opa haben, und ich möchte mein Wissen vom Opa nicht in Frage stellen oder anzweifeln. Dann bleibt nur als Lösung, dass ich Opa in eine Rolle packe, in der er dagegen gewesen ist und sein Sinnen und Trachten dafür eingesetzt hat, dass jemand gerettet wird, oder so, nicht? Also die Rolle des guten Deutschen in schlechter Zeit kriegt der zugewiesen. Und das vermeidet die Dissonanz, die darin liegt, dass man die Zeit des Schreckens in Verbindung bringt mit einem Menschen, den man lieb hat.

Damit man den Opa oder Vater nicht auf der falschen Seite platzieren muss, wollen viele lieber nicht so genau wissen, was ihre Großeltern oder Eltern getan haben. Birte Petersen über ihren Vater:

Petersen: Es gab einen Punkt, wo ich ihn nicht so gerne nachgefragt habe, weil er gesagt hatte, dass er als Student der Chemie mal während des Krieges auch arbeiten durfte in einer Chemiefabrik. Da hatte ich immer den Eindruck, das könnte ja sein, dass das einer dieser Gaslieferanten für Auschwitz gewesen sein könnte. Da hatte ich doch eine ziemlich große Scheu, ihn danach zu fragen und mich da genau rein zu vertiefen. Ich habe ihn da kürzlich noch mal danach gefragt, und er hat mir gesagt, wie der Name der Firma war, das muss wohl eine kleine Firma gewesen sein, die, wie er sagt, Gasmasken getestet hatte, ob die gegen Giftgase dicht sind. Und diese Firma muss wohl auch Giftgas produziert haben. Ich vermute mal, dass sozusagen vielleicht keine engere Verbindung war zur Judenvernichtung, aber es war sicher auch keine Firma, die eine ruhmreiche Vergangenheit hatte. [...] Und bei dem Thema merke ich schon, dass ich eigentlich nicht gerne eine Antwort erhalten würde, die sozusagen beweisen würde, dass mein Vater in solche Aktivitäten verwickelt war.

Welzer: Das weiß man [...], welche enormen Konflikte für die Kinder selber das beinhaltet, über die Verbrechen der Eltern etwas zu wissen und damit konfrontiert zu sein. Es ist sehr schwer, damit zurechtzukommen. Warum ist das so schwer? Weil die eigene Identität sehr, sehr stark an den familialen Zusammenhang gebunden ist, aus dem man kommt. Das ist sehr schwer zu ertragen, von einem Verbrecher abzustammen, weil das einen Verweis hat auf die eigene Identität.

Petersen: Dieser enge Kontakt zu jemandem, der an Tötungsmechanismen beteiligt war, das wäre mir irgendwie zuwider und unheimlich diese Vorstellung. [...] Ich müsste ihn vielleicht auch angreifen und ihm Vorwürfe machen und ihn vielleicht auch noch einmal dazu auffordern, sich damit mehr auseinander zu setzen, was er da vielleicht gemacht hat. [...] Warum muss ich das? Wär wahrscheinlich so eine Gerechtigkeitsvorstellung dahinter, dass man ihn auch zur Reue nötigen müsste, um nachträglich den Opfern [...] Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, dass wenigstens die Schuld eingestanden wird.

Niederlage oder Befreiung? - Ein sowjetischer Soldat hisst die Rote Fahne auf dem Berliner Reichstag (Bild: AP)
Niederlage oder Befreiung? - Ein sowjetischer Soldat hisst die Rote Fahne auf dem Berliner Reichstag (Bild: AP)
Hannes Heer hat sich mit der Geschichte, sein Vater sei nur Truppenkoch gewesen, nicht zufrieden gegeben und herausgefunden, dass er ein bekennender Nazi war. Heer war in der 68er Bewegung aktiv; und so galt ihm sein Vater als typischer "alter Nazi". Aber als Heer sich nach 68 intensiv mit der Zeit des Nationalsozialismus beschäftigte, lernte er auch seinen Vater und sich selbst besser verstehen:

Heer: Auf einmal kriegte ich eine Vorstellung davon, [...] dass der Nationalsozialismus nicht, wie ich immer geglaubt hatte, nur die eine Seite hatte, nämlich Terror, sondern auch eine andere Seite, die ich als Hoffnung bezeichnen würde, Faszination, Hoffnung, Ausbruch aus einer bürgerlichen Welt. Da war ne Verwandtschaft zu meinem eigenen Weg, den ich gegangen bin - völlig abgesehen von den unterschiedlichen Zielen und den unterschiedlichen Richtungen - das eine nannte sich links, das andere nannte sich rechts.

Hannes Heer wollte den Vater nicht aus der Zeit des Schreckens raus halten. Das sieht er heute als Gewinn:

Heer: Es ist immer die [...] Auseinendersetzung mit der Nazizeit und mit allen Versuchen, die Nazizeit umzudeuten, zu beschönigen, zu verharmlosen und zu verdrängen. Und auf der anderen Seite ist es der Kampf des Sohnes um die auskömmliche Beziehung mit dem Vater - das sind die beiden Ebenen. Und das ist ein Kampf, der hat vierzig Jahre gedauert. Und ich glaube, weil beide Ebenen da waren, ist es mir möglich geworden, auch in der Bewertung des Nationalsozialismus sehr viel gerechter zu sein, als ich das 68 gewesen bin und als es vielleicht viele meiner Generation heute noch sind.
Über diese Familienrecherchen kriegt man nicht nur ein klareres Bild von der Nazizeit, sondern man kriegt ein klareres Bild, wie man selber daran teilhat. [...] und je mehr Menschen wissen, was mit ihnen los ist, desto besser und wahrhaftiger, würde ich mal sagen, funktioniert eine Gesellschaft.



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