Kompass
Kompass • Blicke in die Gesellschaft
Montag bis Freitag • 14:40
28.1.2005
"Der Wiener Schmäh"
Ein Führer durch die österreichische Seele"
Von Irene Binal

"Küß' die Hand, gnä' Frau, wie geht's dem Herrn Gemahl?" Das Wienerische ist in Deutschland ebenso bekannt wie unverständlich. Denn nicht nur die Sprache ist es, die den Wiener Schmäh ausmacht. Vielmehr handelt es sich um eine spezielle Art der Umgangsform, hintergründig, indirekt und voller versteckter Anspielungen.

Zum einen halt irgendwie der schwarze Humor, der ja auch in den Wiener Liedern vorkommt, das andere ist eine Form von Sprachwitz, die man schwer erklären kann und die Deutschen völlig unzugänglich ist.

Also für mich ist der Wiener Schmäh wahnsinnig facettenreich, genauso wie der Wiener Dialekt, da gibt's ja dann hunderttausend Formen etwas auszudrücken.

Dinge auch, die gar nicht so nett sind, sagen können, ohne dass es so negativ letztendlich ankommt.

Ich weiß gar nicht, ob wir Wiener uns dessen so bewusst sind, es wird halt immer davon geredet, ja, Wiener Schmäh und so und halt charmant und alles, ich glaube, dass es viel auch von außen eben so bezeichnet wird.



Der Wiener Schmäh: Oft beschrieben und besungen, in zahlreichen Filmen strapaziert, angesiedelt irgendwo zwischen Sprachwitz, Umgangsform und Lebensart - und eine Weltsicht, die für den Nicht-Österreicher oft unverständlich bleibt:

Also ich verbinde damit die angebliche Schmierigkeit zum Beispiel der Wiener Kellner oder Ober oder wie man die nennt. So. Also mehr kann ich mir darunter nicht vorstellen, wenn ich ehrlich sein soll.

Wiener Schmäh ist für mich ein für Deutsche nur schwer zu kopierender Ausdruck einer gewissen Leichtigkeit des Seins.

Wahrscheinlich beschreibt man damit diese merkwürdige Aussprache von dem Hans Moser und diese komischen billigen Weinlokale, aber ich bin Norddeutscher: Keine Ahnung.

Ich hätte es nicht sofort mit Humor in Verbindung gebracht, allerdings mit einer gewissen Frechheit. Wiener Schmäh ist frech. Würde ich mal sagen.

Der Durchschnittsdeutsche weiß nicht, was Wiener Schmäh ist und er interessiert sich auch nicht dafür.



Es herrscht also eine gewisse Ratlosigkeit in Deutschland, was den Wiener Schmäh angeht. Dabei kennt ihn im Grunde jeder - schon allein aus unzähligen alten Filmen, in denen Schauspieler wie Hans Moser und Paul Hörbiger das Wienerische unsterblich machten.

Und auch im modernen Österreich wird der Schmäh nach wie vor gepflegt. Kabarettist Josef Hader befasst sich beruflich mit den Feinheiten des Wiener Schmähs und hat auch in Deutschland Erfolg mit seinen Programmen. Er kennt die Wiener Umgangsformen ganz genau:

Das beste Beispiel für Wienerisch, das mir einfällt, ist immer diese Bestellung am Würstelstand, ein Sechzehner-Blech und eine Eitrige mit einem Buckel. Sechzehner Blech ist eine Aludose mit Ottakringer Bier aus dem 16. Bezirk, eine Eitrige, das ist eine Käsekrainer, das ist diese Wurst, wo quasi der Käse drinnen herumrinnt und wie Eiter herausquillt, und ein Buckel ist einerseits eine Kante Brot, andererseits ist ein Buckel aber auch ein Zuhälter. Kein Chefzuhälter, sondern so ein Leibwächter, der heißt Buckel, weil er immer so ein bisserl gebückt dasteht, weil der Chef ja neben ihm steht.

Josef Haders Berufskollege, der österreichische Kabarettist Reinhard Nowak, hat sich ebenfalls mit dem Wiener Schmäh auseinandergesetzt und ihn als derb-liebenswerte und meist nicht ganz ernst gemeinte Form des Miteinander identifiziert:

Wenn man jetzt zu jemandem sagt, du bist so deppert, dann meint man das oft überhaupt nicht ernst, sondern einfach liebenswert, und man ärgert sich über jemanden und sagt aber jetzt nicht wirklich böse "Depperter, hörst, komm lass mich in Ruhe, was ist mit dir". Der Wiener kann aber andererseits auch sehr grantig sein - also grantig ist schlecht aufgelegt - wenn man jetzt im Supermarkt halt von einer Kassiererin grantig angemacht wird, dann versucht man das halt irgendwie zu umspielen und sagt, was ist mit Ihnen und ich hab eh genug eingekauft oder so.

Natürlich ist es vor allem die Sprache, die beim Wiener Schmäh eine große Rolle spielt. Das Österreichisch-Weiche lässt selbst Unfreundlichkeiten irgendwie liebenswert klingen und die blumige Ausdrucksweise verleiht den banalsten Bezeichnungen noch eine gewisse Komik:

Ein Bröselteppich mit Chinesenschotter, das ist ein Wiener Schnitzel mit Reis.

Dieses Gezogene, so Liebevolle, jö servus, wie geht's dir denn, gut schaust aus! In Wirklichkeit - na, die schaut überhaupt nicht gut aus. Aber diese Art zu sprechen und dieses Langgezogene macht es besonders charmant.

Der Wiener spricht auch langsamer. Ich verstehe manchmal einen Deutschen nicht, weil er zu schnell spricht.


Aber ist er denn tatsächlich so charmant, der Wiener Schmäh? Ja, meint Kabarettist Josef Hader, wobei sich Charme und eine gewisse Unfreundlichkeit nicht ausschließen:

Wenn jemand charmant ist, dann wäre das ja fast langweilig, wenn da nicht ein bisserl eine Schlitzohrigkeit auch dabei wäre. Also jemand, der nur charmant ist, den würde man ja nicht aushalten. Das sind Geschwisterpaare, das Charmante und das Verlogene, die, behaupte ich jetzt einmal, ohne einander gar nicht existieren können.

In Deutschland freilich sind die Meinungen darüber geteilt, wie viel Charme dem Wiener Schmäh tatsächlich innewohnt:

Also bei Wiener Schmäh denke ich an Peter Alexander und Waltraud Haas und solche Leute, also das hat für mich einen sehr positiven Beigeschmack.

Du fühlst dich verarscht, weil du einfach denkst, so nett kann keiner sein. Und du reagierst automatisch darauf, dass du sagst, okay, das ist jetzt zu überkandidelt, das kann nicht ernst gemeint sein...

So was wie die Unfreundlichkeit der Berliner, die einen gewissen Charme haben in ihrer Unfreundlichkeit, und so was stelle ich mir bei den Wienern dann auch vor.


Tatsächlich ist gerade der Berliner Humor dem Wienerischen nicht ganz unähnlich. Josef Hader hat oft in Berlin gespielt - und sich dort immer fast wie daheim gefühlt:

Diese fast zwanghafte Neigung zu ironischen Formulierungen, die ja der Berliner genau so hat wie der Wiener, das ist schon wirklich eine interessante Parallele. Auch dass man einfach im Taxi sitzt, mitten in der Nacht, und plötzlich fangen Taxifahrer an, Lebensgeschichten zu erzählen, so Losergeschichten, aber dabei mit einer Art Galgenhumor, das ist so typisch Wien und so typisch Berlin, ganz seltsam.

In vielen deutschen Regionen jedoch stößt das Wienerische auf Unverständnis - vor allem wegen seiner Unverbindlichkeit, meint Schauspieler Hans Brückner:

Dazu ist der Deutsche zu geradlinig. Weil dieser Wiener Schmäh, der ist ja etwas unverbindlich, etwas Weiches, etwas, man kriegt es, man kriegt es nicht, manchmal kriegt man etwas mehr, manchmal etwas weniger, während der Deutsche da - mit diesen Schmeicheleien ist er sehr negativ besetzt, glaube ich.

Ein bisschen morbid ist er natürlich auch, der Wiener Schmäh, im Hintergrund schwingt immer die Melancholie des Daseins mit und verleiht dem vordergründigen Witz eine schwermütige Note. Ganz im Gegensatz zum deutschen Humor, der sich meist offener und direkter präsentiert:

Ich glaube, der Deutsche hat ein Problem, es fehlt ihm an Spontaneität, würde ich sagen, es gibt aber auch viele Deutsche, die sehr wohl in der Lage sind, einen gewissen Schmäh zu haben, es ist hilfreich, sich mit Österreichern zu umgeben, um perfekter darin zu werden.

Also wenn der Wiener Schmäh führt, muss der Deutsche immer lachen. Wenn der Deutsche Schmäh führt, also unterhaltsam sein will, dann staunt der Wiener. Und findet das gar nicht komisch.

Bei den Deutschen hat man doch eher den Eindruck, staubtrocken, Bismarck'sche Vorgangsweisen, der Österreicher ist doch eher der Lavierer.



Und so ist im Wienerischen immer alles ein bisschen unbestimmt, ein wenig vage und für den Nicht-Österreicher oftmals verwirrend:

Beispielsweise sagt ein Wiener "I komm a bisserl zu spät". Was ist das jetzt, ist es jetzt zu spät, wie viel zu spät ist es, und wie viel ist das bisserl? Aber der Wiener weiß eben, was damit gemeint ist.

Es ist teilweise tief, also eben unter der Gürtellinie, aber nicht wirklich bös gemeint, also man hat immer ein Lächeln auf den Lippen.

Wien ist doch sehr morbid und war mal das Zentrum eines großen Reiches und das schwingt in jedem Wienerherz noch mit und jedes Wienerherz tut sich leid, dass das nicht mehr so ist.


Tatsächlich ist der Wiener Schmäh untrennbar mit der Geschichte Österreichs verbunden - einer Geschichte, die von zahlreichen Völkern getragen wird und in der sich die verschiedensten Einflüsse vermischen. Kabarettist Josef Hader hat diesbezüglich seine eigene Theorie:

Man merkt schon, dass hier eine Residenzstadt war mit einem Kaiser und einem Lakaiensystem, das bedeutet, dass die Menschen das offene Wort nicht besonders schätzen. Und dass sie im Lauf der Jahrzehnte oder auch Jahrhunderte entwickelt haben eine Art verschlüsselten Code, ja, womit man unangenehme Dinge aussprechen kann, ohne sie direkt anzusprechen.

Und so bleibt der Wiener Schmäh etwas nicht ganz Greifbares, bestehend aus sprachlichen Kabinettstückchen und einem Lebensgefühl, in dem sich östliche Schwermut mit südlicher Leichtigkeit verbindet und zu ganz eigenen Ausdrucksformen findet. Liebenswert ist er allemal, der Wiener Schmäh, wenn man ihn nicht allzu ernst nimmt, die Komik darin erkennt und auch das Ungesagte zwischen den Zeilen herauslesen kann:

Es ist der Rettungsanker innerhalb einer relativ negativen Lebensart.

Mit den Unpässlichkeiten der Welt und den Aussichtslosigkeiten des eigenen Lebens irgendwie mit Ironie, Zynismus, Selbstironie umgehen zu können.

Der Wiener Schmäh... Das Leben mit Leichtfüßigkeit zu ertragen.

-> Kompass
-> weitere Beiträge