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31.1.2005
Grabmalpaten
Von Annegret Kunkel

Friedhof im Herbst (Bild: AP Archiv)
Friedhof im Herbst (Bild: AP Archiv)
Wenn man dort hingeht, und man hat Eimer und Putzlappen und Bürsten dabei, dann ist es schon so, dass manch ein Spaziergänger, der über den Friedhof geht, einmal stehen bleibt und sich seine Gedanken macht, was da wohl geschieht. Und so geht es mir auch manchmal, dass mich einer fragt: Was machen Sie da überhaupt mit dem Grabmal? Und ich sage: Ich schrubbe mein Grab. Wobei ein gewisses Zögern bei den Spaziergängern auftritt und die dann leicht kopfschüttelnd weitergehen.

Wenn Professor Dahlheimer auf den Friedhof in Hamburg Ohlsdorf geht, nimmt er meistens eine Bürste mit. Und dann schrubbt er sein Patenkind: eine Pilgerstatue aus Marmor. Seit über 80 Jahren steht sie dort - von Algen und Moos bedeckt. Das ist gar nicht so leicht wegzukriegen, weiß Frau Dahlheimer:

Weil Marmor ein relativ weiches Material ist, das heißt, man kann nicht mit irgendwelchen beliebigen Säuren rangehen und das mal kräftig schrubben. Deswegen haben wir uns auch bei einem Steinfachmann erkundigt, dass wir da nichts falsch machen. Es ist ein sitzender Mann mit einem Stab, hat den Kopf leicht geneigt, und was beeindruckend ist: jedes Mal, wenn wir vorbeikommen, hat er eine Blume in der Hand.

"Engel zu verschenken" - mit diesem Slogan machte der Ohlsdorfer Friedhof vor fast zehn Jahren auf sich aufmerksam. Denn die Meisterwerke aus Marmor, Stein oder Bronze sind zwar kostbar, aber verwaist. Die Gräber sind abgelaufen, die Engel verwittert. Die Grabmalpaten sollen sie retten - ein Grab ist der Dank, erklärt Friedhofssprecher Lutz Rehkopf:

Nun sind es nicht nur Engel, die wir zu verschenken haben, sondern auch Reliefs von bezaubernden Figuren. Wir haben auch einfache Bronzegrabstätten beispielsweise, die sich durch ihren symbolischen Wert auszeichnen. Ja, wir sind dankbar dafür zu beobachten, dass sich Leute dafür jetzt wieder interessieren. Nach dem Zweiten Weltkrieg und den vielen Ernüchterungen, die eingetreten sind, auch Nüchternheit sich gespiegelt hat auf den Friedhöfen - wir erinnern uns auch an dieses einheitliche Feld von nebeneinander stehenden, langweiligen Steinen - tritt jetzt wieder das Interesse für aufwendigeren Schmuck ein.

Eine Patenschaft, erklärt Lutz Rehkopf, ist meistens sogar billiger als ein neues Grab. Derzeit hat der Friedhof 100 Stück zu vergeben - von 3000. Die Paten dürfen ihre Namen auf den Grabstein meißeln lassen. Die Namen der Vorgänger kommen auf die Rückseite - ihre Gebeine bleiben da.

Und es wird so gehandhabt, dass wenn zum Beispiel noch Gebeine gefunden werden, man die tiefer einbettet und eine Erdschicht noch darüber legt, um einen Sarg oder eine Urne wieder darauf zu betten. Es werden keine Knochen irgendwie entsorgt, es bleibt jeder, der hier beigesetzt wurde, auch hier beigesetzt.


Wir haben uns natürlich auch dafür interessiert, wer hat sich ein solches Grabmal dorthin gestellt, aus welchem Hintergrund heraus? Dann bin ich ins Staatsarchiv gegangen, weil wir ja Geburts- und Todesdatum hatten, kam aber über die normalen Daten nicht weiter - außer dass er im Alter von 40 Jahren noch volles Haar hatte und dass er ein paar Jahre später dicker gewesen ist und eine Glatze hatte, das ging aus der Beantragung der Ausweise hervor. Ich wusste aber, dass er Kaufmann war. Und jetzt bin ich mit dieser Information zur Handelskammer gegangen und habe gefragt: wer ist Woldemar Schiller eigentlich gewesen? Und es stellte sich heraus, dass diese Familie ein Schiffsausrüster ist, also eine typische urhamburgerische Familie ...

... was uns erstaunt hat, dass jemand, der sich ein Marmorgrabmal hat aufstellen lassen, der musste ja Geld haben, denn das ist ja auch damals sicher sehr teuer gewesen, allein der Transport eines so schweren Denkmals. Und gewohnt hat er am Münzburger Damm, heute keine gute Gegend mehr. Finde ich schon interessant, da mal nachzuforschen: Wer steckt dahinter?

Ein paar Planquadrate weiter baut sich Bauunternehmer Werner Carstens sein eigenes Grab.

Seit Jahren schon schleppt er Zementsäcke, spachtelt und mauert. Auf dem Dach hat er die Zinkplatten ausgetauscht und in die Fenster Plexiglas gesetzt. Denn wenn er mal tot ist, möchte er es gemütlich haben in seinem Mausoleum.

Ja, das Gebäude ist 1911 erbaut worden, ist aus Granitquadern erstellt, Jugendstil, ist ziemlich gewaltig, und nach meiner Ansicht hält das ewig. Und ich bin froh, dass ich da irgendwann mal drin liegen kann. Ich bin froh, dass ich dieses Gebäude habe und freue mich jedes Mal, wenn ich daran werkeln kann. Ich habe das in einem ganz miserablen Zustand übernommen, es war wie eine Tropfsteinhöhle, und ich musste das dann alles so nach und nach in Stand setzen, nicht.

Sogar Partys feiert Werner Carstens hier. Bei der Brahmfelder Feuerwehr spielt er die Tuba - und seit drei Jahren lädt er das Orchester am Totensonntag auf den Friedhof ein. Die Friedhofsverwaltung hat nichts dagegen - solange die Kameraden nicht zu viel Lärm machen, und sich, Zitat, "sachlich" benehmen.

Es wird natürlich Kirchenmusik gespielt und keine Jazz- oder Rockmusik. Und das kommt da sehr gut an. Teilweise sind da 100 Personen, die hören die Musik, kommen da hin und finden das sehr gut. Da wird dann vielleicht mal ein Glühwein ausgegeben, das wird angenommen, und die freuen sich, die Menschen, die da kommen, wir haben Spaß daran!

Ortswechsel. Der Friedhof Stahnsdorf im Südwesten Berlins ist nach Ohlsdorf der zweitgrößte Friedhof in Deutschland. Ihn gibt es seit 1909, in der DDR verfiel er. Auch hier werden dringend Paten gesucht. Eine der ersten war die Berliner Schulleiterin Heike Pieper. Zwischen riesigen Kiefern, Buchen und Ahornbäumen fand sie ein Grabkunstwerk, entworfen 1922 von Max Taut. Eine expressionistische Raumskulptur -gotisch geschwungene Bögen, filligran und doch mächtig, schweben über sieben Gräbern wie das Gerüst einer Science-Fiction Kirche. Die Pfeiler wirken wie abstrakte Engel, die im Stehen schlafen.

Darüber kann man an dieser Stelle interpretieren, dass durch die so leicht gotisch nach oben gezogenen Bögen nicht das Niederdrückende das erste Moment ist, das einen ankommt, sondern dass hier der Tod möglicherweise auch ein Stück Befreiung sein kann. Es ist nirgendwo eine Schwere zu erkennen. Also es hat doch etwas sehr garten-, kirchenähnliches und lässt einen den Tod nicht nur grausam erscheinen.

Vorerst aber bleibt das Grab eine Baustelle und verschwindet unter einem Dach. Denn es gibt einiges zu tun. Ein Architekt und eine Restaurierungsfirma, Denkmalschutzbehörden sind hier zugange. Materialgutachten des Betons müssen erstellt, ein Bogen muss nachgegossen werden. An den Tod denkt Heike Pieper dabei selten. Eher an das Leben. Das gilt übrigens für alle Grabmalpaten.

Diese Patenschaft bedeutet für meinen Mann und mich eine aktive Teilnahme am Erhalt kulturellen Erbes. Dieses ungewöhnliche Grabmal gibt es wirklich nur einmal bisher ... Ich glaube, wir würden einen gewaltigen Fehler machen, wenn wir unsere Wurzeln einfach verleugnen, wir würden von anderen kulturellen Elementen möglicherweise überrollt werden und würden unsere eigene Identität verlieren. Und wenn wir diese Traditionen nicht bewahren, dann werden wir auch keine Zukunft haben. Davon bin ich inzwischen fest überzeugt, je älter ich werde.

Kultur erhalten und dabei dem eigenen Tod ins Auge blicken. Einmal kommt auch für die Grabmalpaten der Tag, an dem sie ihre eigene Ruhestätte beziehen - den Platz zwischen den Engeln, hinter dem Pilger oder im Häuschen aus Granit.

Also, ich glaube, das Schwierige ist nicht der Tod, sondern das Sterben ... Es wäre für mich das Idealste, und man ist getroffen, und die Sache ist erledigt. Das kann eine ganz tolle Sache sein, oder es ist schwarzer Himmel, es ist nichts mehr. Ich wäre sehr überrascht, wenn da ordentlich was los ist auf der anderen Seite ... also, bei mir muss es nicht der Blitz sein, aber meine Vorstellung wäre, dass es blitzartig geht, also Herzinfarkt oder so etwas, möglichst spät und im Vollbesitz aller geistigen und körperlichen Kräfte. An ein Weiterleben nach dem Tod glaube ich nicht ... Wie immer man in Gedanken seiner Mitmenschen und seiner Kinder und Kindeskinder weiterlebt, das ist ja eine andere Frage. Aber ich habe schon sehr die Vorstellung, dass das, was ich jetzt als menschliches Erdenleben erfahre, dass das beendet ist.
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