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1.2.2005
Schwester Blattschuss auf der Pirsch
Immer mehr Frauen werden Jägerinnen
Von Eva Mayer-Wolk

Die moderne Frau jagt. Und zwar modisch gekleidet. (Bild: AP-Archiv)
Die moderne Frau jagt. Und zwar modisch gekleidet. (Bild: AP-Archiv)
Vielen Platzhirschen schmeckt es zwar nicht, aber auch Frauen gehen auf die Jagd. Dabei gab's Jägerinnen schon immer - aber eben eine verschwindend geringe Zahl. Das ändert sich seit einigen Jahren: Laut Deutschem Jagdverband sind heute zehn Prozent der bundesweit insgesamt 340.000 Jäger weiblich - 1980 waren es nach Schätzungen erst zwei bis drei Prozent. Was treibt die Frauen auf die Pirsch? Jagen sie anders als Männer? Und wie stehen sie zu diesem nach wie vor bei Nichtjägern umstrittenen Hobby?

Jägerin 1: "Sie sitzen und sitzen und sitzen, und auf einmal: Ah! - da kommt was. Dann kommt natürlich die Frage: Mensch, was isses, darf ich's überhaupt schießen. Also: Bock, okay, passt. Jetzt: Baum - Bock - Baum - Bock - Sie können nicht. Er muss stehen, weil als Anfänger auf flüchtiges Wild zu schiessen, also ich würde es mir nicht zutrauen. Also gut, dann stand er. Jetzt fängt natürlich das Herzklopfen an: Mensch, hoffentlich treff' ich den auch richtig. Und was Sie alles in der Ausbildung gelernt haben, wenden Sie jetzt natürlich an mit klopfendem Herzen: und BUMM!

Und in der Sekunde darf nicht passieren, dass der Bock sich dreht, sonst ist die ganze Mühe umsonst, dann ist er entweder weg oder angeschossen, und das will ja niemand. So, ich hatte aber Glück oder Können, wie Sie das nennen wollen: Er lag. Und das ist natürlich dann schon… Sie gehen dann mit Herzklopfen hin, weil Sie haben ja letztendlich wirklich etwas getötet."

Ute Haas ist Mitte 30, Mutter von zwei Kindern - und Jägerin.

Jägerin 1: "Es hat mich einfach gereizt, mehr über "die Jagd" zu erfahren, denn landläufig kennt man ja "die Jäger" nur als diejenigen, die "Wild schießen". Und schon in der Ausbildung hat man gesehen, welche Aufgaben und Ziele die Jagd eigentlich verfolgt - ich mein', die Jägerschaft ist ein anerkannter Naturschutzverband, das heißt angefangen vom Naturschutz, also Biotophege bis hin über Wildtierbiologie; Recht, sei es jetzt Waffenrecht, sei es Zivilrecht - es spielen so viele Sachgebiete mit hinein, die mich einfach fasziniert haben."

Jägerin 2: "Wir haben in Schweden eine kleine Hütte, die liegt mitten im Jagdrevier, 1500 Hektar Wald. Es isch so: Die Schweden, die machen 'ne Art Drückjagd auf Elch, weil sonst kommt man auf die Entfernungen gar nicht an das Tier dran. Die ham auch keine Ansitzleiter, also man jagt meistens vom Boden aus.

Und ich trag' immer 'ne Kotze, das ist ein Cape, ein großes, grünes Cape, und wenn man das so über sich hat, dann erkennen einen die Tiere nicht als Mensch. Also ich sitz'da an, schau so mit'm Glas meinen Horizont ab, und da seh' ich, ah, da kommt was. Kam 'ne Elchkuh. Guck' mir die Elchkuh so an, auf 300 Meter, guck weiter, denk', da kommt doch noch was: Kommt 'n Kalb. Das war so klein, das hat grad unterm Bauch der Mutter durchgepasst. Die Elchkuh, die Nase im Wind, äugt zu mir rüber, hm, denk' ich, muss aufpassen. Dann fängt die an zu äsen, so 100 Meter, 200 Meter - wird immer ein wenig schneller, wirft auf, äugt mich - und fängt an zu traben.

Ich: mein Gewehr, mein Glas, mein Ansitz, alles stehen lassen und bin den Acker runter gerannt - ich hab' ausgesehen wie Batman! Als ich dann unten an der Straße war, war ich heilfroh, muss ich ehrlich sagen, gell."

Jägerin 2: "Ich bin in der Entwicklung, in der Industrie tätig, und das ist halt 'ne ganz andere Welt, gell. Ich mach's mit meinem Mann, weil es uns einfach beiden Spaß macht, und ich find's unheimlich toll. Ruhe, Entspannung, und einfach da sein, wo man dem Himmel am nächsten ist."

Jäger 1: "Ich hab es sehr gewünscht und mich hat es sehr gefreut, dass meine Frau zur Jagd gegangen ist, vielleicht auch aus einem gewissen Egoismus auch heraus. Denn wenn ich draußen sitz und sie zu Hause sitzt, dann ist ein Spannungsfeld gegeben. Und in dem Moment, wenn sie nicht weiß, was abgeht, dann kann sie mich auch nicht verstehen."

Jägerin 2: "Ich hatte damals, als ich den Jagdschein hatte, ganz große Schwierigkeiten, akzeptiert zu werden. Die Jäger, die haben immer auf mich g'schaut und ham g'sagt, mal gucken, was sie will: Will sie wirklich Tiere jagen oder sucht sie sich 'n Mann?"

Jägerin 3: "Also ich seh überhaupt keinen Unterschied, ich hab' von Anfang an nie Probleme gehabt, bin immer akzeptiert gewesen."

Jäger 2: "Es tun sich natürlich schon Spannungen auf, wenn die Frau daheim sitzt und der Mann ist auf der Jagd. Und dann find ich des gut, wenn sich die Frauen dran beteiligen. Jede Feuerwehr hat heute Damen dabei, warum sollten 's die Jäger nicht haben!"

Jägerin 4: "Die Jagd ist eigentlich ein hartes Handwerk. Und ich denke, dass einige Männer Bedenken haben, dass wir dieses harte Handwerk ausüben können."

Direktor Jagdmuseum: "Die ersten Jägerinnen traten schon in der Steinzeit auf. Es gibt ein Grab an der Ostsee, da ist ein weibliches Skelett gefunden worden, und die Grabbeigaben bestanden aus Pfeilspitzen der Jungsteinzeit. Also ein deutlicher Hinweis, dass eine Jägerin bestattet wurde."

Aufklärung durch Bernd E. Ergert, dem Direktor des Münchner Fischerei- und Jagdmuseums, dass die Jägerin mitnichten eine moderne Erscheinung ist. Wie denn auch - da doch der Gott der Jagd weiblich ist!

Direktor Jagdmuseum: "Die bekannteste Jagdgöttin ist natürlich die Artemis…"

…eine griechische Göttin; Diana heißt ihr römisches Pendant.

Direktor Jagdmuseum: "Es war anfangs so, dass es reine Muttergottheiten waren, die für die Fruchtbarkeit zuständig waren, aber es hat sich sehr schnell gezeigt, dass mit der Entwicklung der Jagd es eine Jagdgöttin war, die vor allen Dingen für die Jagdfeste, für die Tänze und natürlich auch für die Tiere verantwortlich war. Denn der Mensch hat ja in den frühen Kulturen noch sehr viel von den Tieren profitiert, die er erlegen musste.

Und das war natürlich wieder das Problem, denn diese Tiere standen alle unter dem Schutz dieser Muttergottheiten, und der Jäger musste sich immer wieder bei diesen Muttergottheiten entschuldigen, er musste Opfer bringen, um diese Gottheiten nicht zu erzürnen auf der Jagd. Also Jagd und Fruchtbarkeit hängen seit Urzeiten ganz eng zusammen."

Jägerin 5: "Im Grund genommen hat's mich immer schon als Kind fasziniert, wenn bei uns im Dorf der Jäger zur Jagd gelaufen ist - der hat's ja nicht weit gehabt, der brauchte kein Auto - mit seinem Hund, das hat mich schon immer fasziniert. Wenn's zu meiner Zeit schon Berufsjäger oder Försterin gegeben hätte, hätt' ich bestimmt diesen Beruf gewählt."

Hedwig Kühnle hat ihren Jagdschein seit fast 30 Jahren. Damals war sie weit und breit die einzige Frau unter misstrauischen Männern. Aber sie hat sich Respekt erworben - durch ein scharfes Auge und sorgfältiges Abwägen beim Schießen.

Jägerin 5: "Frauen jagen bewusster, gewissenhafter, weil sie's besser machen können - müssen, ned können. Denn da gibt's immer noch so alte Jäger, die sagen, die hat ja nix getroffen, das ist ja 'ne Frau. Aber dass die mehr Fehlschüss' haben wie 'ne Frau, das ist eins, was sicher ist."

Auch das zu schnelle Drauflosschießen ist ein Vorwurf, den Kritiker manchen unter den Jägern machen. Die erfahrene Jägerin wiegelt ab - und gesteht dennoch ein:

Jägerin 5: "Man darf ned alle über einen Kamm scheren. Des darf man nedde. Aber - ja, es gibt Schießer. Wenn man da ein Gebüsch hat und hebt zwei Finger in d'Höh', dann schießen sie auch noch drauf."

Jägerin 1: "Die gibt es auch unter den Frauen. Es gibt solche und solche, da würde ich unter Männerjägern und Frauenjägerinnen keinen Unterschied machen. Nur: Weil es ja weniger Frauen sind, fallen die nicht so auf."

Jägerin 5: "Es gibt ja viele Jagdunfälle nur durch's schnelle Schießen. Es heißt: "Es ist des Jägers höchstes Gebot: was Du nicht erkennst, das schieße nicht tot." Und wenn's in 'nem Maisacker drin wackelt oder in 'nem Fruchtacker, dann kann ich nicht da rein schießen. - Und dann muss ein Stückle Wild auch noch 'ne Chance haben."

Direktor Jagdmuseum: "Also ich bin überzeugt, dass Frauen anders jagen als Männer. Sicher steht für Männer die Trophäe und das Männliche im Vordergrund. Bei einer Frau wird's so sein, dass vor allem die Beobachtung und das Abwägen im Vordergrund steht. Was nicht heißen will, dass auch Männer... die wägen natürlich auch ab. Aber ich könnte mir vorstellen, dass sich Frauen etwas schwerer tun beim Erlegen von jungem Wild, denken Sie nur an die Kitze.

Der Jäger schöpft ja eigentlich immer nur das ab, was nachwächst, und es ist eben meistens junges Wild, was geschossen werden muss, und da werden es Frauen vermutlich etwas schwerer haben als Männer, denn bei der Frau wird vieles vom Gefühl ausgehen."

Jäger 1: "Ich hab' den Eindruck, sie jagt zuverlässiger. Die Risikofreude, die ist - mir geht es jedenfalls so - da trägt man dann doch mal 'nen Schuss an und klatscht sich dann vor Freude auf die Schenkel, wenn's geklappt hat, und Gott sei Dank hat es bis jetzt immer geklappt. Aber wenn man sich dann doch ehrlich frägt, dann sagt man: ja gut, eigentlich hätte man auch warten können. Die Gelegenheit kommt immer wieder."

Stimmt. Denn es gibt ja so viel, oft zu viel Hochwild - also vor allem Rehe. Andere Wald- und Feldbewohner kriegen auch die Jäger immer seltener zu Gesicht.

Jägerin 5: "Niederwild ist ja fast gar keins mehr da. Has, Fasan, Karnickel (...) - Rebhühner gibt's in unserer Region fast gar keine mehr."

Jägerin 1: "Das hat aber nichts damit zu tun, dass die Jäger jetzt die Tiere erschossen hätten und die deshalb ausgerottet wurden, sondern gehen Sie mal raus in die Landschaft, was da eigentlich wirklich Sache ist. Sie haben beispielsweise, wenn Sie jetzt entlang der Autobahn fahren hier bei uns, Maisfelder, so weit das Auge schaut. Und wenn Sie dann mal so einen Maisacker betreten, ist Ihnen schlagartig klar, warum da nichts leben kann - da ist einfach nichts, da ist 'ne Mondlandschaft.

Wenn Sie sich jetzt so ein funktionierendes Biotop angucken: Da ist ja einfach eine artenreiche Tierwelt, wie es sein soll, und eben nicht nur der Fuchs und die Krähe, die jetzt so besonders unter gesetzlichen Schutz gestellt wurden, die Sie eben nicht mehr erlegen können.

Sie werden aber nie erreichen, dass die Jägerschaft Rabenkrähen ausrotten kann, denn die sind so schwierig zu bejagen, da gehen Sie wirklich zwanzig Mal raus und die Rabenkrähe kennt Sie schon. Wenn Sie es mal schaffen, eine Rabenkrähe zu erlegen, da sind Sie schon gut. So, und die Rabenkrähen holen sich natürlich auch die kleinen Häschen und die kleinen Fasane, die sind weg!"

Fazit bis hierher: Jägerinnen scheinen sehr verantwortungsbewusst und gut informiert zu sein. Und offenbar verhalten sie sich auf der Jagd - zumindest in der Regel - vorsichtiger, zurückhaltender, umsichtiger als die männlichen Jagdgenossen. Bleibt die Standardfrage fast aller Nicht-Jägerinnen an die Geschlechtsgenossinnen, die mit geschultertem Gewehr auf die Pirsch gehen: Wie kann frau nur so schöne niedliche und vor allem lebendige Tiere wie Rehe, Hasen und Füchse totschießen?

Jägerin 7: "Also ich hätte mehr Probleme jetzt meinetwegen, mit 'nem Beil einem Huhn den Kopf abzuhacken. Also das hätt' ich."

Jägerin 1: "Irgendwo kann man ja nicht Fleisch essen und sagen, es ist mir egal, wo das herkommt. Und speziell im heutigen Zeitalter - ich sag' jetzt mal Rinderwahnsinn oder Schweinepest oder ähnliches - hat man doch noch die Gewähr, dass das Wild, das Sie schießen, einigermaßen gesund ist. Sie wissen, was Sie schießen, Sie wissen, was Sie zerwirken, Sie wissen dann, was Sie kochen und letztendlich, was Sie essen."

Jägerin 6: "Ist eigentlich auch immer ein ganz gutes Argument, den Vergleich zu bringen zu den Zuchttieren, zu den Schlachthöfen, zu den Hühnerfarmen und einfach mal die Frage zu stellen, welches Tier hat denn bis dahin besser gelebt?"

Jägerin 5: "Ich kann den Schuss verziehen, das Wildtier kann abspringen - das hat immer eine Chance. Ein Tier, wo in den Schlachthof kommt, hat keine Chance."

Jägerin 3: "Man hört immer von den Leuten, des soll man ned töten oder ned schießen und so weiter. Und jetzt kommen die Leute immer zu uns und sagen, Ihr seid's doch Jäger, der Marder hat mir im Auto die Schläuche angefressen, fangt's mir den oder schießt's mir den und so weiter.

Dann muss ich den Leuten manchmal sagen: Jetzt ist zum Beispiel die Zeit, wo die Marder Junge haben. Wenn man das Muttertier erwischt, müssen die Jungen elendig eingehen. Dann hör' ich von Leuten, die vielleicht sonst immer sagen, "die Jagd…" und so weiter: Des is mir wurscht, ob der Junge hat oder ned, er hat mir mein Auto z'ammgfress'n, der g'hört weg, der g'hört erschossen!"
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