Kompass
Kompass • Blicke in die Gesellschaft
Montag bis Freitag • 14:40
3.2.2005
"Ich glotz nicht mehr"
Immer mehr Menschen schaffen den Fernseher ab
Von Heike Ularich

Fernsehunterhaltung am Sonntag: Der Tatort (Bild: dradio.de)
Fernsehunterhaltung am Sonntag: Der Tatort (Bild: dradio.de)
Patrizia: Ich hatte Angst vor dem Fernsehgucken. Ich musste mir Vergewaltigungen, Mord und Totschlag angucken, und war danach alleine. Und ich habe eine ziemlich große Phantasie, und das ging dann also weiter. Ich habe davon geträumt. Ich habe einfach Angst gehabt vor dem Fernsehgucken.

Köhler-Azara: Die Frage ist wie immer: wo liegt denn der goldene Mittelweg, und wo ist das richtige Maß?

Sebastian: Ich bin oft sehr geschockt davon. Also wie viel das ist. Und ich kriege ziemlich schnell auch Kopfschmerzen davon, weil ich das nicht gewohnt bin, und da ist einfach auch wahnsinnig viele Werbung und sehr viele Schnitte. Da komme ich nicht mehr mit. Also wenn ich wirklich mal Fernseh gucke, dann merke ich, ich klebe davor, auf der einen Seite. Auf der anderen Seite werde ich auch sehr, sehr müde (… ) und auch aufgewühlt.

Inzwischen ist das Fernsehgerät wie ein Möbelstück - ähnlich der Couch, dem Tisch, Stühlen, Sessel oder Schränken in nahezu jedem deutschen Haushalt zu finden. Viele Tagesrhythmen unzähliger Bundesbürger gleichen sich: die tägliche Arbeit irgendwo, und am Abend die Entspannung vor dem Fernsehgerät. Bei mehr als 30 Programmen, die inzwischen angeboten werden, wird irgendwo schon etwas Passendes sein.

Patrizia: Ich weiß, dass mich Bilder sehr stark beeinflussen. Ich bin unter anderem ein visueller Mensch, und ich kann auch davon süchtig werden. Ich habe auch mal erlebt, wie ich drei Wochen in einem wunderschönen Bergdorf allein in einer Wohnung mit Fernseher saß. Ich habe die Hälfte davon vor dem Fernseher verbracht. Ich konnte mich nicht von den Bildern lösen auf der anderen Seite und war wie verhext davor gesessen. Und kam in so eine Lethargie, in eine Art Depression, ich kam nicht hoch, ich wurde nicht kreativ.

Sebastian: Wir haben letztens einen "Tatort" mit einer Riesenmeute, das wurde auch als ein Event mehr oder weniger gefeiert, geguckt. Das ist eine ganz andere Erfahrung, als das zum Beispiel alleine im Fernseher zu sehen. Und zu sowas kommt man dann. Und im Kollegenkreis, da haben alle einen Fernseher, da passiert zum Beispiel sowas, dass ich dann bei meiner Kollegin eben Fußball gucke. Wir sitzen dann mit ihrem Mann alle zusammen, und gucken dann das Fußballspiel. Und man hat eine Sonderstellung, aber die wird verstanden. Das ist das Schöne daran. Also die Sonderstellung so, dass meine Kollegen sagen: ach, du hast ja kein Fernsehen, na dann gut, okay, und dann passiert sowas, dass wir dann sagen, könnt ihr mir das aufnehmen, ihr wisst doch, ich hab keinen Fernseher, ich würde es aber gern sehen, ja, machen wir. So passiert das auch.

In diesen Zeiten modernisiert sich gerade das Medium Fernsehen. Das digitale Fernsehen löst das analoge ab, das alte Röhrengerät wird vom "Flat-Screen-TV" und so genannten "Multi-Media-Platforms" verdrängt. Zudem sind noch mehr Programme zu erwarten, und die nächste Gebührenerhöhung ist schon da. Doch unter den allabendlichen Zuschauern regt sich inzwischen eine Art Gegenbewegung, die kaum radikaler sein könnte. Das Fernsehgerät wird abgeschafft. Stellvertretend für diese Gruppe "TV-Unwilliger" steht das Berliner Ehepaar Sebastian und Patrizia.

Sebastian: Wir hatten zwar einen Fernseher, aber keinen Empfang, und dann hatte sich das so ergeben, dass wir schlicht und ergreifend zwar einen Fernseher hatten, aber kein Fernsehgucken konnten. Und von daher ist es dann dabei geblieben. Und seitdem mein Sohn da ist, ist es auch noch mal ein bisschen bewusster keinen Fernseher zu haben.

Also bei der Privatfernseharie (…) wenn ich jetzt noch mal Fernsehen gucke, mich nervt es also wirklich definitiv, dass ich keinen Film durchsehen kann. Und wenn ich dann gucke, dann liebe ich die ersten beiden Programme. Oder auch die dritten Programme oder auch Programme, die kulturell oder eben auch mehr Dokumentarfilme liefern. Weil alles andere ist so unterbrochen, und ich merke immer mehr, wie viel Zeit für Werbung draufgeht, definitiv, die mich langweilt, im Grunde genommen, mich nervt. Und das ist fast genau - wenn es gute Filme, also Blockbuster sind - wo das mindestens genauso viel Zeit in Anspruch nimmt. Und das möchte ich nicht.


Patrizia: Mitleidige Blicke, fällt mir grade ein, kenne ich auch. Mitleidige Blicke, und dann: können die sich das vielleicht nicht leisten? So, und dann sehen die in der Wohnung, die haben nicht viel Möbel, und naja, vielleicht können die sich keinen Fernseher leisten? (…)Wir haben ja den Fernseher geschenkt bekommen von der Oma, mitleidigerweise, weil sie dachte, wir können uns das nicht leisten. Na, und dann hat sie uns den geschenkt, sonst hätten wir noch nicht einmal einen Video hier stehen.

Sebastian: Auf einer Kassette war letztens noch die Reality-Show, diese Dschungel-Show da drauf, und ich dachte, um Gotteswillen, das ist so unglaublich niederträchtig eigentlich. Wo ich denke, nee, das kann nicht sein.

Sich allabendlich in die Bilderwelt einzuzappen, ist nicht nur für die meisten Bürger ein Muss zur Entspannung. Für manche wird der Klick auf der Fernbedienung zu einer Befriedigung. Vielleicht weil die Situation um einen herum bedrückend ist, weil die fremden Bilder die unangenehmen eigenen Bilder perfekt verdrängen. Nicht wenige Medienwissenschaftler und Kulturforscher sprechen heute von einer zunehmend um sich greifenden Fernsehsucht.
Christine Köhler-Azara arbeitet im Drogenreferat der Berliner Senatsverwaltung für Gesundheit, Soziales und Verbraucherschutz, bei der Landesdrogenbeauftragten. Sie ist zuständig für Suchtprävention.

Köhler-Azara: Es gibt immer wieder Auseinandersetzungen darüber oder Meinungsverschiedenheiten, welchen Suchtbegriff man zugrunde legt. Es besteht Einigkeit darüber, dass Sucht sich nicht nur entwickeln kann in Abhängigkeit von Stoffen, von chemischen Substanzen, sondern dass es auch eine Abhängigkeit gibt bei bestimmten Verhaltensweisen. Zum Beispiel Spielsucht, also wenn es darum geht, dass man eine Leidenschaft hat an Spielautomaten zu spielen oder in Casinos zu gehen, oder ähnliches. Und genauso gibt es (…) Leute, die Verhaltensweisen entwickeln im Fernsehkonsum, die man als abhängig bezeichnen würde.

Patrizia: Und die Gefahr sehe ich für mich auch. Also dass ich meinen Arsch nicht hochkriege, und selber überlege, was will ich, was ist mein Thema heute, oder überhaupt, und dass ich Angst habe, auch süchtig zu werden. Ja, wie man von Kaffee, Zigaretten, Schokolade von Gewohnheiten süchtig wird.

Besonders der Fernsehkonsum von Kindern, die zum Teil schon im frühesten Alter stundenlang täglich vor dem Gerät sitzen, macht Frau Köhler-Azara Sorgen. Zumal es ja auch zum Beispiel Sendungen gibt, die sich schon direkt an Einjährige wenden.

Köhler-Azara: Also ich sage mal aus dem Blick der Suchtprävention halte ich das nicht für ein förderliches Verhalten, ganz eindeutig. Die Suchtprävention, die schon ganz früh einsetzt, also zum Beispiel im Kindergarten oder in der Vor- und Grundschule, hat grundsätzlich das Ziel, Kinder zu bewegen ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen. Also initiativ zu werden, selber was zu tun, und nicht passiv irgendwo zu sitzen und etwas zu konsumieren. Ich denke, das Fernsehen ist auf die Dauer hinderlich, wenn es darum geht, Konzentrationsfähigkeit zu entwickeln, sein Gedächtnis zu schulen, zu lernen, ganz allgemein. Wir kennen alle die Klagen von Lehrern, was den Montagmorgen anbelangt, wenn Kinder am Wochenende wieder nur vor dem Fernseher gesessen haben. Kinder haben von Natur aus einen Drang sich zu bewegen, und dem sollte man nach Möglichkeit auch nachkommen. Die Entwicklung des Gehirns und der Motorik hängen miteinander zusammen. (…) Und es ist ganz wichtig, wenn Kinder lernen, sich zu bewegen, ihre Feinmotorik zu entwickeln, ihre Bewegungskoordination, und das hat auch mit ihrer geistigen Entwicklung zu tun. Fernsehkonsum stundenlang steht dem absolut entgegen.

Sebastian: Ich weiß nicht, wie es meinem Sohn geht, wenn er dann in die Schule kommt im nächsten Jahr. Wie die Kinder dann mit ihm umgehen. Das ist eine andere Sache. Wobei wir auch die Variante fahren, zum Beispiel bei Oma gibt es Fernsehen, das weiß er auch genau, das kostet der auch aus bis zum letzten. Und ist in Ordnung. Der ist ja nicht jeden Tag bei der Oma, und wir sind auch nicht dogmatisch und sagen, überhaupt nicht. Soll er auch machen, aber eben in einer anderen Form, darauf achten. Sich bewusst sein darüber, wenn ich nach Hause komme, da gibt es keinen Fernseher. Aber einen Videorecorder, und da vielleicht einen Kinderfilm, der grade nicht eben im Fernsehen läuft. Und da eben eine Videokassette.

Und das ist schön bei Kindern auch: du kannst sie drei-, vier-, fünfmal zeigen, und das ist viel, viel besser, als einmal gezeigt, dann schnell, und dann die Fragen, was ist denn da passiert? Und dann hast du es nicht aufgenommen oder musst es noch mal besorgen. Das ist wirklich eine ganz, ganz schöne Sache eigentlich.

Köhler-Azara: Das Fernsehen kann ja auch ein Medium sein, was selber Lernen vermittelt. Ich denke, auch Kinder haben ein Bedürfnis nach Unterhaltung, und auch Kinder haben ein Bedürfnis nach Entspannung. Die Frage ist wie immer: Wo liegt denn der goldene Mittelweg, und wo ist das richtige Maß?

Patrizia: Ich meine, so die Zeit, die (…) verbringe ich einfach mit anderen Sachen. (…) Ich lasse mich nicht bestimmen von dem, um viertel nach acht muss ich jetzt schnell das Telefongespräch beenden, ja, ich kann auch noch nicht mal auf die Toilette gehen, ich halte mich dann zurück, ich kann auch nicht essen oder was auch immer, sondern ich muss dann diesen Fernsehfilm gucken, der dann anfängt. Ich habe keine Zeit dann mehr für das, worauf ich dann eigentlich Lust habe. Das heißt, ich kann mein Kind ganz in Ruhe ins Bett bringen, ich kann dann auch noch auf die Toilette gehen, und ich kann dann auch noch ein Buch lesen, und ich kann mich dann auch erstmal gemütlich umziehen, und was auch immer machen. Und dann kann ich diesen Abend gestalten, so wie ich möchte.

Vielleicht ist der radikale Weg, überhaupt nicht mehr fern zu sehen, auch nicht der richtige. Dennoch sagen die, die das Gerät abgeschafft haben, dass sie wieder mehr mit anderen Menschen, mit Freunden, Bekannten und vor allem mit ihren Kindern reden, und dass sie aktiver geworden sind, sich mehr bewegen. Eines ist auf jeden Fall sicher: Wer nicht mehr fernsieht, stellt nach und nach sein Leben um.
-> Kompass
-> weitere Beiträge