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4.2.2005
Ich seh' heut besser aus als früher
Warum Älterwerden schön macht
Von Barbara Dobrick

Rentnerinnen sitzen auf einer Parkbank vor dem ehemaligen Bundestag in Bonn (Bild: AP)
Rentnerinnen sitzen auf einer Parkbank vor dem ehemaligen Bundestag in Bonn (Bild: AP)
Gutes Aussehen bringen die meisten vor allem mit Makellosigkeit und Jungsein in Verbindung, und immer mehr Zeitgenossen kasteien sich, setzen Geld ein und manchmal auch ihre Gesundheit aufs Spiel, um sich Jugendlichkeit zu erkaufen. Aber es gibt auch Menschen, die mit zunehmendem Alter feststellen: Ich seh' heut besser aus als früher.

Anna Kröger: All die Falten - ich denke, das sind natürlich auch Falten von nicht nur freudigen Erlebnissen, von schwierigen Erlebnisse und so, aber es sind vor allen Dingen auch eine ganze Menge Lachfalten und fröhliche Falten darin. Und heute ist mein Gesicht bewegter. Es war früher stiller. Es ist heute, ja, fast möchte ich sagen, lebendiger.

Christopf Mainzer: Als ich 20, zweite Hälfte 20 war, da wollte ich immer älter aussehen, hab mir ja dann auch einen Bart stehen lassen, um so auch in Verhandlungen mit Leuten, die über 40, über 50 waren, nicht so als völlig jung dazustehen.

Annelie Lenk: Ich hatte früher aschblondes Haar, so eine so genannte Straßenköterfarbe und immer eine Innen- oder Außenrolle, also das war sicherlich nicht sehr vorteilhaft. Im Ganzen war ich irgendwie farblos, finde ich.

Annelie Lenk war ein hübsches Mädchen. Aber in ihrer Jugend fehlte ihr, wie so vielen ganz Jungen, Ausdruckskraft.

Als ich nach 20 Jahren Klassentreffen hatte, und ich sah ganz passabel aus und war auch ganz hübsch zurechtgemacht, hatte eine andere Frisur als früher, eine andere Haarfarbe, da sagte eine Schulkameradin zu mir: Du siehst heute viel besser aus als in der Schulzeit, Annelie.
Also ich fand es auch.
Zu der Zeit, zu der ich zur Schule ging, waren alle nicht besonders aufgestylt. Also wir waren alle nicht geschminkt, aber wir hatten natürlich nicht viel Geld, und ich konnte nicht immer tolle, modische Sachen kaufen.


Ob man sich typgerecht kleidet, ob man seine Rolle im Leben gefunden hat - all das sehen wir, auch wenn es uns nicht immer bewusst wird.

Zum Teil sehe ich besser aus als mit 20 beispielsweise. So mit 30, finde ich, war ich schon ganz gut gestylt und hatte eine schöne Frisur manchmal. Zwischen 30 und 40 sah ich am besten aus.

Christoph Mainzer sah immer deutlich jünger aus. Heute, mit Anfang 50, ist das prima für ihn.

Da gab's auf jeden Fall Situationen, wo das nicht so attraktiv war. Auch als Jugendlicher so mit, sagen wir mal, 16 auszusehen wie zwölf, das sind zwar nur vier Jahre, aber es ist natürlich überhaupt nicht witzig.

Christoph Mainzer ist schon lange ein gut aussehender Mann. Er mag es nicht ins Mikrofon sagen, aber er hat mit zunehmendem Alter an Attraktivität gewonnen:

Ich hab den Eindruck, dass sich heute schon mehr Frauen für mich interessieren als das früher mal der Fall war.

Zunehmende Souveränität, beruflicher Erfolg steigern die Anziehungskraft bei Männern unbestritten. Aber das ist es nicht allein.

Ich glaube auf jeden Fall, dass es mir heute leichter fällt Kontakte herzustellen oder auch authentisch zu sein, einfach so wie ich bin. Ja, das ist heute für mich leichter als früher. Und wenn man sich auch über seine Persönlichkeit oder Intelligenz oder über Humor und solche Dinge definieren kann, dann hat man wahrscheinlich mit dem Aussehen etwas weniger Probleme. Und das ist nicht nur eine Frage, wie einen das andere Geschlecht sieht, sondern das ist, glaube ich, auch ganz stark eine Frage, wie man sich selber sieht. Wenn ich das heute sehe, wenn junge Mädchen schon anfangen, an Schönheitsoperationen zu denken und sagen, hier habe ich Falten, dann ist das einfach schlichtweg wahnsinnig. Das ist völlig die falsche Richtung.

Christoph Mainzer setzt auf andere Mittel:

Jung aussehen, da finde ich ist immer ganz besonders wichtig, dass man zum Beispiel im Bad Dimmer hat, und wenn ich einfach nur so mich nehme und nicht in den Spiegel schaue, dann denke ich auch, Donnerwetter, bin ich jung. Und wenn ich dann in den Spiegel schaue, dann relativiert sich das schon ein wenig. Und so ein Dimmer macht viel aus. Und ich finde auch, dass ich zum Beispiel auch kaum Falten habe, vor allem, wenn ich keine Brille aufhabe, nur mit Brille, dann macht sich das auch schon ein bisschen anders bemerkbar.

Anna Kröger wir nächstes Jahr 80 Jahre alt. Kürzlich feierte sie ihre goldene Hochzeit.

Senioren (Bild: AP)
Senioren (Bild: AP)
Kröger: Wenn ich Fotos, jetzt auch gerade von der Hochzeit, ansehe, dann bin ich, wenn ich es sarkastisch sage, ein altes faltiges Weib. Jedenfalls habe ich unverhältnismäßig viel Falten. Wenn ich meine Kinder- und Jugendlichenfotografien dagegen sehe, dann habe ich ja grundsätzlich ein glattes Gesicht, aber auch ein sehr viel ausdrucksloseres Gesicht. Da ist einfach noch nicht Leben und Lebenserfahrung - das alles ist da noch nicht drin. Da ist Neugier zwar drin und eine gewisse Offenheit, aber auch eine gewisse Schüchternheit und auch eine gewisse Zurückhaltung. Die habe ich heute in dem Maße nicht mehr. Heute bin ich direkter.

Mainzer: Wenn man das als Gesamtkomposition versteht, dann spielen nicht nur ein paar Fältchen eine Rolle, sondern auch zum Beispiel Humor, so ein inneres sich Freuen, oder eine gewisse Gelassenheit, oder dass man einfach lebendig sich fühlt oder zeigen kann. Das kann man vielleicht auch in den Augen sehen.

Bei Anna Kröger sieht man all das nicht nur in den Augen, sondern auch in jeder ihrer schwungvollen, graziösen Bewegungen. Man hört es an ihrem Lachen, erkennt es an ihrer farbenfrohen Kleidung, an ihrer Präsenz als Person. Als eine Schulkameradin bei einem Klassentreffen sagte: Du siehst heute besser aus als früher, hat sie geschmunzelt und gedacht:

Ja, wahrscheinlich stimmt das. Und ich hab so die ganze Spannung, die darin war in diesem Satz, eigentlich miterlebt mit dieser Botschaft. Und auch die Blässe meines Auftretens, nicht nur meines Aussehens, auch meines Auftretens einschließlich Schüchternheit und Unsicherheit von früher und des mehr Daseins von heute.

Als junges Mädchen, als junge Frau hat sie sich eher unscheinbar gefühlt:

Ich hab so von meinem äußeren Auftreten, auch wenn ich so Schüleraufnahmen und so etwas sehe, eigentlich nie gedacht, ach ja, sieht ja gut aus. Das hab ich nie gehabt. Das hab ich vom Kleinkind eher gehabt als vom Backfisch so bis Mitte 20. In der Zeit, in der es eigentlich darauf angekommen wäre, habe ich es nicht gehabt.

Daraus erwuchsen manchmal Selbstzweifel. Aber Anna Kröger wusste schon früh, worauf es in ihrem Leben ankommen sollte:

Du kannst dein Leben nicht verlängern und verbreitern, nur vertiefen. So in diese Richtung hab ich schon als Kind, als Jugendliche auf alle Fälle gedacht.

Als Teenager erlebte Anna Kröger, wie ein Freund ihres Vaters ihr Aussehen kommentierte:

Der Freund meines Vaters, der sagte: Ach, die hat sich ja, Anna hat sich ja richtig zurecht gewachsen. Das hab ich so als abschätzend und als Objekt sein erlebt. Das habe ich sehr unangenehm empfunden. Und so einfach Objekt sein, für jemand anderen, das heißt es ja, das ist ja nicht Lebenssinn. Das ist ja widerwärtig geradezu. Ich wollt schon ich selber sein.

Dieser Lebensmaxime ist Anna Kröger gefolgt. Sie hat zwei akademische Ausbildungen absolviert und war bis vor kurzem berufstätig. Sie hat zwei Kinder groß gezogen, interessiert sich für philosophische Fragen, für Kultur im weitesten Sinne, und sie ist sehr reisefreudig.
Man könnte die These wagen, Menschen, die in jungen Jahren gar nicht so zufrieden sind mit ihrem Aussehen, sich aber auf ihre persönliche Entwicklung konzentrieren, steigern damit ihre Attraktivität nachhaltig und dauerhaft, während die ganz besonders Schönen irgendwann anfangen, den Verlust ihrer Jugendlichkeit zu betrauern und große Probleme mit dem Altwerden haben.

Kenn ich einfach nicht. Tut mir Leid. Ich hab ‘ne Weile zum Beispiel meine Haare mal gefärbt. Das ist ja so ein Indiz dafür. Und das hab ich aber relativ bald gelassen und dachte: Quatsch, und wenn du weiß bist, bist du weiß. Fertig.

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