Kompass
Kompass • Blicke in die Gesellschaft
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21.2.2005
My name is Arthur - I am four
Frühspracherwerb im Kindergarten
Von Lena Kuntze

Frühförderung in der Vorschule - Wie sinnvoll und notwendig ist sie? (Bild: AP-Archiv)
Frühförderung in der Vorschule - Wie sinnvoll und notwendig ist sie? (Bild: AP-Archiv)
Seit ein paar Jahren kann man überall neue Sprachangebote für Kinder entdecken. Vor allem Englischkurse findet man auf CDs, in Zeitungen annonciert und an Bäume angeschlagen. Es geht hier aber nicht um Schulkinder und Nachhilfeunterricht, sondern um Englisch fürs Kindergartenalter. Helen Dorons early-english-Kurse gibt es seit 1987. Das Konzept ist international und kann auf der ganzen Welt angewandt werden. In Deutschland gibt es vor allem in den alten Bundesländern und in den großen Städten wie Hamburg und München Multiplikatoren, die Kurse vom ersten Lebensjahr an anbieten.

I am Mela
I am Charlotte
I am Marian
What´s that?
A running
Running
Ja, aber was ist denn da drauf? A boy or a girl?
A girl
A boy
A duck
O.K. mal gucken wie viel ihr gewusst habt:
One, zählt mal mit
Two, three, four, five, six, seven.


Kirschner: Das Programm beinhaltet Themen, die aus der natürlichen Umgebung des Kindes eigentlich stammen sollten, die die man auch im Deutschen am Anfang beibringt, das sind Farben, das sind Tiere. Bei den älteren dann kleine Sätze, bisschen Grammatikeinheiten, die die Kinder aber so nicht wahrnehmen, aber das sie einfach lernen zum Beispiel: one dog, two dogs. Wir arbeiten ja sehr viel auch taktil, es wird sehr viel gebastelt, sehr viel mit anfassen, mit flashcards usw.

What was this?
Hard.
Hard, hard. Is that hard? Yes that´s hard. Ah hard. Wer kann schon hard sagen?
Hard, hard?
What´s this?
Hard.
Hard. That´s hard. A hard, hard, yes hard. Charlotte come on. Hard, hard.


"Early english" wird in Kindergärten angeboten, aber auch in privaten so genannten learningcenters. Die Begründerin des "early english" heißt Helen Doron. Sie hatte in Israel an ihren Nachbarskindern beobachtet, dass diese plötzlich die englischen Kinderlieder ihrer eigenen Kinder mitsingen konnten. Aus dieser Entdeckung entwickelte Helen Doron über 20 Jahre ein Kursprogramm, das eine wöchentliche Unterrichtsstunde, sowie ein Übungsset für zu Hause mit CDs und Übungsheften enthält. Die Kinder sollen spielerisch, so zusagen nebenbei eine Fremdsprache lernen. Wolfgang Zydatiss, Professor für Anglistik, hat sich mit dem Frühspracherwerb beschäftigt und unterstützt die early-english-lessons - mit kritischem Unterton

Zydatiss: Die größte Leistungsfähigkeit von Kindern besteht sicherlich in der Imitation. Kinder haben ein phänomenales Gedächtnis für solche Dinge, für sprachliche Sachen für Lieder und so weiter, sie können das wunderbar erinnern und auch wiedergeben. Das Problem ist natürlich, wenn das Vorbild, des Lehrers, der Erzieherin, also im Kindergarten oder in der Schule nicht so optimal sind, dann wird das Kind natürlich auch das schlechte Modell entsprechend wiederholen und lernen, darüber sollte man sich ganz klar sein. Das ist eine zweischneidige Angelegenheit.

Immer mehr Eltern entscheiden sich für die early-english-lessons. Warum ist es so wichtig, schon im Kindergarten mit einer Fremdsprache zu beginnen?

Zydatiss: Ein Phänomen was eigentlich so seit neunziger Jahren sehr viel wichtiger geworden ist, ist, dass man ja mit seiner primären Sozialisation und dann mit der sekundären, also die Familienerziehung und die Erziehung in der Schule man sich sagen wir mal von seiner Wahrnehmung in Bezug auf die Kultur und die Sprache unbewusst verengt, ja? Das ich eigentlich immer ethnozentrischer werde, wie man das so nennt, nich? Und wenn ich dem entgegen arbeiten will, dann sollte ich möglichst früh an -fangen, so, dass eben die Wahrnehmung der Kinder, die dann glauben es ist alles so wie in ihrer Muttersprache oder in ihrer muttersprachlichen Kultur oder Umgebungskultur möglichst aufgebrochen wird. Und deshalb würde ich sagen, sollte man möglichst früh anfangen, also das ist mehr ne pädagogische, anthropologische Begründung.

Kirschner: Hinzu kommt, dass ein Kind in frühen Jahren einfach die Begabung hat, sag ich's mal die natürliche Begabung, leicht zu lernen, mit Freude zu lernen und anders zu lernen als es Erwachsene tun, die dann wirklich die Fremdsprache in einer anderen Gehirnhälfte abspeichern und immer hin und her schalten müssen, dass ist bei dem Kind nicht so, das sagt Katze, dann sag ich cat und dann sagts cat und dann ist es parallel in der gleichen Gehirnhälfte da und das ist der große Vorteil.

Astrid Becker und Simon Möller sind Eltern von vierjährigen Söhnen, Arthur und Joram. Die besuchen seit einem halben Jahr einen Englischkurs. Was hat die Eltern dazu veranlasst, ihre Kinder in Englischkursen anzumelden, bevor sie in die Schule gehen?

Becker: Arthur hat, also mein Sohn, hat immer, wenn er Englische Popsongs gehört hat und er hat, er liebte eine Zeitlang Kylie Minogue, immer die Texte in seinem Phantasieenglisch mitgesungen und deswegen dachte ich, Englisch ist die richtige Sprache für ihn.

Außerdem hat man ja auch überall lesen können, dass gerade Kinder zwischen drei und vier so besonders aufnahmefähig sind und, dass man diese Zeit unbedingt nutzen wollte und da kam einfach die Information, dass es 'nen solchen Englischkurs gibt, wie gerufen und da haben wir natürlich sofort zugegriffen.


Möller: Jorams Freund Arthur hat Englisch gelernt in der Sprachschule für Kinder und Joram wollte dann auch Englisch lernen. Und dann haben wir ihn dort angemeldet und seitdem macht er das, und das macht ihm auch großen Spaß und er hat auch diese Kassetten und CDs mit englischen Liedern und hört sich die gerne an. Hey Baby let´s Rock´n Roll zum Beispiel, das singt er auch mit und seine kleine Schwester Lucy hört das auch schon ganz gerne, die ist bald zwei.

Kirschner: Ja, die Lieder sind natürlich insofern sehr wichtig, als sie so der direkte Zugang zu ner Fremdsprache sind, ohne jetzt den Kopf einzuschalten und Kinder natürlich auch durch Lieder auch sehr empfänglich sind, Lieder mögen und man zu den Liedern auch kleine Tänze machen kann, sich bewegen kann, man kann sich das ja auch, man muss sich das so vorstellen, das n Kurs geht ne halbe Stunde bei Zweijährigen, ab drei in 45 Minuten und die Kinder können natürlich in dem Alter noch nicht 45 Minuten stillsitzen, das heißt, es läuft so ab, das immer kleine Unterrichtseinheiten stattfinden, mit irgendwelchen props, also Materialien, kleine Spiele und dazwischen dann Lieder zum auflockern, zum rumrennen …

Eine Stunde in der Woche in der Gruppe Englisch lernen - was bleibt hängen bei den Kindern? Der Anglist Wolfgang Zydatiss warnt vor allzu hoch gespannten Erwartungen:

Zydatiss: Nicht, wenn sie nur mal rechnen, von , sagen wir mal, wenn der Spracherwerb richtig losgeht, so mit 18 Monaten bis zu fünf/sechs Jahren, bis zur Einschulung, und das Kind sagen wir mal fünf Stunden mit Erwachsenen zusammen ist, dann haben sie tausende von Stunden von Input, wie man das so nennt, also Begegnung, Kontakt mit der Sprache. Und wenn dieser Kontakt dann auch noch qualitativ hochwertig ist, also zum Beispiel, dass die Eltern was vorlesen und man stellt Fragen und das Kind benennt Sachen, und man expandiert, man paraphrasiert die Äußerungen des Kindes so, dass man genauer wird, dann kommt eigentlich sehr viel mehr daraus. Dass muss man sich mal, denk ich schon mal rein quantitativ klar machen, das vielleicht eine Stunde in einem Sprachkurs im Kindergarten sehr sehr sehr wenig Begegnung mit der Sprache ist.


Was kann man von einem Sprachkurs erwarten? Erfüllt er die Vorstellungen von Eltern? Und, ganz abgesehen von der Nützlichkeit, haben die Kinder überhaupt Spaß?

Zydatiss: Ich denke mal, das Wichtigste mit ist, das sie merken, dass die meisten Dinge mehrere Bezeichnungen haben, das ist schon mal auf einer ganz elementaren Ebene eine Erkenntnis. Damit lernt man ja eigentlich, das Sprache eben symbolisches Werkzeug ist.

Möller: Schwierig ist es nur, dass meine Frau und ich wir können uns jetzt nicht mehr auf Englisch unterhalten, damit mein Sohn das nicht versteht. Also er versteht ja noch nicht so viel, aber neulich wollten wir absprechen, ob unser Sohn Joram jetzt ins Bett geht und wer ihn bringt und dann hat er gelacht und meinte, das versteht er doch. Und jetzt müssen wir uns vielleicht auf Französisch unterhalten.

Becker: Also ich bin immer wieder erstaunt, wenn er auf einmal anfängt auf Englisch zu zählen, oder irgendein Wort sagt, wie zum Beispiel hedgehog, was Igel heißt, und ich hatte überhaupt keine Ahnung was das heißt und dann kann ich von ihm lernen, was Igel auf Englisch heißt, das finde ich schon sehr bemerkenswert.

Arthur: Mir macht es sogar Spaß, das ich sogar noch länger als unsere Englischstunde ist, bleiben möchte.

Joram: Und ich auch. Mir macht das Spaß.
Am meisten macht mir das Reden Spaß.
Bye, Bye.
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