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Kompass • Blicke in die Gesellschaft
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24.2.2005
Schräge Vögel, bunte Hunde
Was Menschen tun, um aufzufallen
Von Rainer Untch

Von trendy zu "nur noch peinlich" geht's ganz schnell: Jacken mit Städteaufdrucken sind inzwischen Massenware. (Bild: AP)
Von trendy zu "nur noch peinlich" geht's ganz schnell: Jacken mit Städteaufdrucken sind inzwischen Massenware. (Bild: AP)
Es gab eine Zeit, in der es genügte, seine Jacke zu zerreißen und sich eine Sicherheitsnadel durch die Haut zu stechen, um aufzufallen. Heute ist Punk längst im Mode-Mainstream aufgegangen und selbst Banklehrlinge, Nachwuchspolitiker und Fußballprofis tragen gefärbte Haare oder einen Irokesen-Schnitt. Doch welche Wege gibt es heute aufzufallen, in einer Zeit, in der schon jeder fünfte in der Gruppe der 18 bis 35-jährigen sein Anderssein durch Tätowierungen auf der Haut nach außen trägt?

Robert: Also, es ist mir eigentlich ziemlich egal, was irgendwelche Leute über mich denken. Ich ziehe an, was mir gefällt oder was mir in den Kopf kommt und wenn ich denke, wow, weiße Cowboystiefel oder silberne Moonboots jetzt im Winter, mal schauen, ob ich welche finde ...

Evelyn: Klar wird man manchmal komisch angeschaut. Ich hatte mal eine Zeit lang immer so 'nen Leopardenfellmantel an, so 'n Imitat, von 'ner Oma. Aus dem Second Hand.

Rico: Der Anzug hier, der war mal 'n Stapel Jutetaschen aus Bangladesch, aber das sieht doch jetzt stark aus, oder?

Schräge Vögel allerorten. Auf der Straße, in der U-Bahn und in den Cafés wimmelt es von ihnen. In Schwärmen besetzen sie die TV-Kanäle.

Sie alle wollen auffallen, anders sein als alle anderen. Auch Rico und Robert, 37, Autor.

Robert: Die Idee mit der Tonsur, die kam, da haben wir uns mit einem Freund auf eine Lesung in einem Club vorbereitet und überlegt, wie könnte man da einen Punkt setzen. Und das sah dann natürlich unglaublich bescheuert aus, weil wir beide auch ziemliches Haar haben. Ich denk da waren wir doch ganz schön vorne dran.

Rico, 29, Grafiker in einer Berliner Werbeagentur

Rico: Ich hab da vor ein paar Jahren mal so zum Spaß ein Modelabel gegründet, Harakiri, mit aufgenähten Achselhaaren auf den T-Shirts, so unterm Arm, und das ging dann ganz schnell, dass dann ein Artikel im Prinz erschien und plötzlich bekam ich Anrufe von Viva und so.

Robert und Rico pflegen ihren eigenen schrägen Stil. Ein Stil, der bewusst mit gängigen Vorstellungen und Normen bricht.

Robert: ... letztendlich ist es doch vor allem auch schön, dabei eine bestimmte Rolle spielen zu dürfen. Und den anderen vielleicht auch manchmal ein bisschen eine Nase drehen, weil sie nicht wissen, auf welchem Level du jetzt spielst, wenn du einen Regenparka anziehst und einen Sticker mit SPD-Werbung von 98. "Zusammenhalten gegen Sozialabbau" oder so was. So Gerhard-Schröder-mäßig halt, als der noch rebellisch war oder was auch immer.

Rico: Es ist schon so, dass man dann ja doch oft Gefahr läuft, missverstanden zu werden. Also, je näher man sich da an eine umstrittene Vorlage ran begibt, desto größer werden die Fragezeichen bei den Leuten in den Augen, ist das jetzt cool oder einfach nur komplett daneben. Aber irgendwie ist das dann doch lustig.

Zitat und Ironie sind heute die wesentlichen Elemente im Spiel des Auffallens. Professor Hartmut Böhme, Geschichtsprofessor an der Berliner Humboldt-Universität:

Das Schräge oder das Oblique, der schielende Blick oder das schielende Ohr, wenn man so will, das ist eine besondere Form des Amüsements, nämlich jenes Amüsements, was nicht einfach in den Formen der Identifikation mit etwas verläuft, sondern mit gebrochenen Identifikationen operiert und damit vor allen Dingen Formen des Ironischen und damit auch der Distanznahme zelebriert.

Das nicht ganz Ernste, dieses, dass man etwas, was man tut zugleich als das tut, wovon man sich auch wieder zurückzieht, das ist ja auch eine Anforderung, die heute an uns gestellt wird. Denn in einer so schnell rhythmisierten und ständig sich beschleunigenden Gesellschaft ist es ja auch notwendig, dass wir eine Fähigkeit entwickeln, uns ununterbrochen neu anzupassen. Also, man befindet sich ja mit dem rechtzeitigen Wittern und Wahrnehmen des Neuen immer auf der Höhe der Zeit und kriegt dafür sehr viel positive Gratifikation.


Durch die Aufmerksamkeit, die uns dabei geschenkt wird, vergewissern wie uns unsrer selbst als Individuen in einer Massengesellschaft. Doch in einer Zeit des Anything goes fällt es immer schwerer, seinen eigenen schrägen Stil zu entwickeln und zu pflegen. Jeder will auffallen, mit welchen Mitteln auch immer.

Evelyn, 32, gelernte Kostümbildnerin, betreibt eine kleine Galerie auf der Kastanienallee im Berliner In-Bezirk Prenzlauer Berg.

Evelyn: Wenn man hier von richtig schräg redet, da fallen einem natürlich gleich diese Typen ein, die auf internationalen Vernissagen rumhängen mit Glatze und rosa Kunstpelzjacke. Aber da hab ich oft nicht mal mehr Mitleid, weil das so mit Ansage kommt, das sind doch Gefangene ihres eigenen Abziehbilds in Boulevardblättern und Stadtmagazinen und so. Da seh ich dann kaum einen Unterschied zu den ganzen Vollkunstmenschen im Fernsehen, den Superstars wie dieser Daniel, der sich da schon eine ganze Zeit lang prostituiert, oder wer auch immer gerade zum Kult gehypt wird.

Claudia, 27, ist Schneiderin

Claudia:
Also, ich find das eher unappetitlich, heute die Leute angucken zu müssen, mit ihren Pilotenbrillen und engen Pullundern und Anzughosen und Turnschuhe und wie die alle rumlaufen. Und alle Frauen so London-mäßig Vokuhila. Das hat doch nichts mehr mit eigenem Stil zu tun, auch wenn die hier mit ihrem Ford Capri vorgefahren kommen.


Als sicherer Weg des Auffallens gilt heute das Bekenntnis zum Verfemten, dem schlechten Geschmack, dem Trash. Chris, 35, Journalist:

Wer so heute rumliefe, fiele vielleicht schon unter die Kategorie "so schlecht, dass es wieder gut ist" und wäre damit - Kult: Vorkämpfer der trendy Stricker im Jahre 1981. (Bild: AP)
Wer so heute rumliefe, fiele vielleicht schon unter die Kategorie "so schlecht, dass es wieder gut ist" und wäre damit - Kult: Vorkämpfer der trendy Stricker im Jahre 1981. (Bild: AP)
Chris: "So schlecht, dass es schon wieder gut ist", so sagt man ja da immer, und ich find zwar den Spruch bescheuert, aber ich praktiziere das natürlich jeden Tag. Ich würde nie sagen, dass ich italienische Vorstadtrestaurants im Grottendesign "kultig" finde, aber ich gehe genau aus den Gründen gern dahin, für die andere das Wort "kultig" verwenden würden. Ich will natürlich Avantgardist sein im "schon-wieder-gut-finden", und kein Herdenvieh, also ich versuche, die Sachen "schon-wieder-gut" zu finden, bei denen die anderen immer noch schreien "iih", oder bei denen ich mit einer elitären Gruppe Eingeweihter sage, hihi, wie geil.


Schlagermove-Jingle:
Sonnige Rhythmen, heiße Klamotten, glühende Plateau-Sohlen und buntgeschmückte Schlagertrucks erwecken an diesem Wochenende die 70er Jahre erneut zum Leben. Bereits zum 7. Mal erlebt die Hansestadt ihren wohl verrücktesten und buntesten Tag des Jahres und Sie können dabei sein. Also, rein in die Schlaghose und ab geht's!

Robert: Das ist doch nicht ernst zu nehmen, das ist doch so was wie Pflaumenbaum, das total völlig unmöglich verrückte Wirtshaus, wo die Getränkekarte total schräg getextet ist, mit diesem dauernden blöden Augenzwinkern, Sekt Orange als Schlüpferstürmer und so. Immer dieses Augenzwinkern, bis auch der letzte Depp es verstanden hat.

Irgendwann war es tatsächlich schräg, Schlaghosen zu tragen und deutschen Schlager zu hören. Doch das ist schon eine ganze Weile her. Die angesagte Rehabilitierung des Verpönten gleicht dem Rennen Hase gegen Igel. Kaum hat sich einer wieder etwas getraut, sind die anderen schon hinterher gehüpft.

Evelyn: Ich würd sagen, es gibt da drei Kategorien, also die wirklichen Freaks, Individualisten, die an die Grenzen gehen und mit den Grenzen spielen, dann, könnt man vielleicht sagen, die erste Generation, die einen Style übernimmt und sozusagen als Trend gesellschaftsfähig macht und dann eben die Masse, das Volk. Obwohl dadurch das Ganze natürlich ad absurdum geführt wird, wenn alle gleich schräg rumlaufen, als schräge Masse. (lacht)

Der Mainstream vereinnahmt den Underground. Nicht nur in der Ökonomie der Aufmerksamkeit. Denn Kult, das Bekenntnis zum Trash, ist eine boomende Wirtschaftsbranche, bei der die Anhänger, sprich: Konsumenten, bestimmte Produkte - wie Badelatschen ("Flip Flops"), Gewürzgurken ("Die Kult-Gurke aus dem Spreewald") oder Orangenlimonade ("Bluna!") - aus quasi-religiöser Perspektive bewerten und, um den gemeinschaftlichen Kult überhaupt erst zelebrieren zu können, geradezu kaufen müssen.

Chris: Die Mode funktioniert ja so, dass man irgendwann etwas eklig findet, eben 80er-Jahre-Nackenspoiler oder 70er-Jahre-Schlaghosen, und dann rehabilitiert man das im Nachhinein und macht einen Kult daraus, und wertet sich und die eigene Kindheit im Nachhinein auf. Hihi, ich, wir, meine Generation, wir haben damals "Brauner Bär" gegessen, wie kultig, und jetzt bringt Langnese "Brauner Bär" wieder raus.

Professor Böhme: Die Integration von Kultformen, von Fetischismus und Idolenkult in der modernen Gesellschaft heißt sowieso, dass das alles in der Ökonomie seine Wurzeln findet, und im Wesentlichen zur Zirkulationsgeschwindigkeit der Ökonomie eingesetzt wird. Insofern kann man sagen, dass wir damit nicht in einem Widerspruch zur Ökonomie treten, sondern das Kultige ist eine Funktion der Steigerung ökonomischer Prozesse.

Claudia: ... Es wird einem vorgegaukelt durch dieses "Kult", dass es irgendwie mehr wäre, also nicht einfach so, das ist jetzt hier trendy, sondern das ist kultig und das heißt, das ist halt so 'n bisschen "huh, it's magic". Und das muss man erst mal begreifen. Eben irgendwie so 'ne Kultgemeinde, so wird man dann vielleicht mit aufgenommen.

Den wirklich schrägen Vögel ist die Vorstellung einer Kultgemeinde hingegen ein Gräuel.

Rico: Da hört dann der Spaß auf, wenn aus irgendwelchen Spinnereien nach 'ner Weile plötzlich Glaubensbekenntnisse werden, also dass es irgendwann zum Beispiel nicht unter den Allround von Adidas geht, diesen kruden weißen Tretern aus den 80ern. ... Oder wenn man nicht mal mehr auf 'ner Party Dancing Queen auflegen kann, ohne dass dich die Girls gleich umarmen wollen für deinen ausgefallenen Musikgeschmack. Das ist irgendwie schon deprimierend.

Sind die schrägen Vögel also eine aussterbende Spezies in einer Welt, in der alles schräg ist?

Robert: Natürlich weiß man, dass man der eigentliche Motor der ganzen Geschichte ist. Oder vielleicht eher der Keilriemen. ... Aber es ist dann doch ganz beruhigend, dass man eigentlich ganz schnell merkt, ob jetzt jemand wirklich ein Anliegen hat, oder nur so auf den Schrägen-Vogel-Zug aufspringt.

Rico: Oft sind es ja kleine Nuancen, also wenn einer heute einen Vollbart trägt, kann das durchaus Absicht sein, ich mein richtig schräg. Denn so läuft doch keiner freiwillig rum, wenn er es irgendwie vermeiden kann. Ich mein Koteletten, gut, das sah ja in Wirklichkeit auch schon ganz schön doof aus und 'ne Zeit fingen auch schon wieder welche mit Backenbart an, oder 'n Schnauz, das kam auch schon mal, obwohl man da gleich für vollschwul gehalten wird, aber so 'n richtiger Vollbart, das würd 's doch mal bringen.

Robert: ... dann ist mir erstmal egal, ob einer dann mit "Kult" anfängt und mir unaufgefordert zuzwinkert.

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