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Kompass • Blicke in die Gesellschaft
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28.2.2005
Self-Storage
Großstädter lagern ihren Wohlstandsmüll ein
Von Caroline Michel und Karin Lamsfuß

Hier könnten auch Ihre Möbel stehen... (Bild: dradio.de)
Hier könnten auch Ihre Möbel stehen... (Bild: dradio.de)
Das moderne Leben fordert fast permanente Flexibilität: Von heute auf morgen die Zelte abbrechen, um einen Job im Ausland anzunehmen, das schmucke Einfamilienhaus aufgeben, weil die Ehe letztlich doch nicht geklappt hat. Doch stets bleibt die Frage: wohin mit dem ganzen Krempel? Wohnraum ist teuer, wer hat heutzutage noch eine Abstellkammer? Einen Dachboden? Die Lösung schwappt aus Amerika herüber, die es dort schon seit über 30 Jahren und über 40.000 Mal gibt: Self-Storage. Abstell-, Stau- und Lagerraum, für jedermann anzumieten, flexibel kündbar, kameraüberwacht, staubtrocken.

Designerin: Das sind bei mir berufliche Dinge: ich bin Designerin und hab immer Stoffüberhänge oder zwischenzeitlich Ware zwischen zu lagern, die man auch kurzfristig mal auf 'ner größeren oder kleineren Fläche lagern muss.

Epping: Viele Familien, die erben, und dann ist immer die Frage: Will man wirklich alles wegschmeißen oder sind es liebgewonnene Stücke? Das kann einen emotionalen Wert haben, das muss nicht immer finanziell sehr Hochwertiges sein, Dinge, von denen man sich nicht sofort oder vielleicht auch nie trennen möchte, und das ist eben auch so ein zusätzlicher Bedarf, der da entsteht, das kann man dann zu Hause nicht mehr unbedingt lagern.

Marie: Ich verkleinere mich und da kann ich die Möbel jetzt nicht mitschleppen, und bekomme sie halt jetzt nicht verkauft wie gesagt und kann sie dadurch nicht in die neue Wohnung mitnehmen.

Telfonklingeln.
Shurgard Deutschland, Silvio Jander, guten Tag!

Silvio Jander vermietet Abstell-, Stau- und Lagerraum, für jedermann anzumieten, der einen Personalausweis vorlegen kann. Die größte Box misst 50 Quadratmeter, die kleinste nur einen.

Zelle an Zelle harren hier ganze Hausstände auf ihr weiteres Schicksal. Wer keinen Platz hat zu Hause, mietet sich welchen im Selbstlagerzentrum. Für die Dinge, die er nicht jeden Tag braucht. Das ist billiger als eine größere Wohnung. Er bekommt einen eigenen Zugangscode und eine garantierte Lagertemperatur zwischen acht und zehn Grad Celsius. Ein zusätzliches, trockenes Zimmer in einer anderen Straße.

Jander: Was genau wollen Sie denn einlagern, wenn ich fragen darf?

Unit 0146, Grundfläche 7 Quadratmeter, Höhe 2,70 Meter. Inhalt: Eine antike Schrankwand, die zum Verkauf steht. Ihre Besitzerin ist arbeitslos und will deshalb ihr chices Innenstadt-Loft gegen ein billiges Appartement eintauschen. Und ist als Zwischenlösung wieder mit Sack und Pack bei ihren Eltern eingezogen. Bei denen stapeln sich jetzt auseinandergebaute Möbel, Koffer und jede Menge Kartons. Nur für die 6 Meter breite Schrankwand reichte der Platz beim besten Willen nicht.

Marie: Ja, die war sehr teuer! Und die wirft man nicht gerne auf den Sperrmüll oder verschenkt sie halt nicht gerne! Und dann stell ich sie halt lieber für ein paar Euro pro Monat unter und gucke, was ich dann halt mal mache, ob ich sie dann vielleicht anderweitig noch gebrauchen kann und dann verkaufen kann und einen Käufer finde.

Die großzügige Lobby, der freundliche Rezeptionist - vieles erinnert an ein Hotel. Diese "Hotels für Waren" dehnen sich gerade über ganz Europa aus, und somit auch über Deutschland. Eingelagert werden kann fast alles - außer Drogen, Waffen, Sprengstoff, vergammelten Tomaten und der toten Schwiegermutter.

Angesteller: Ich seh grad: eine Kleinere könnten wir auch dafür nehmen, ist etwas günstiger, 7,56 m für 324 Euro im Monat. Da würde dann diese Schrankwand so reinpassen, die ist auch direkt anfahrbar diese Einheit, 'ne Schrankwand dieser Größe würden wir jetzt nicht über 'nen Fahrstuhl in den 1. Stock kriegen, so dass man da direkt mit dem Auto an die Einheit ranfahren kann, mit dem LKW und vom LKW direkt in die Einheit rein und ohne irgendwelche Umwege über irgendwelche Trolleys oder sonstige Hubwagen.

Unit 1015, Grundfläche 10 Meter, Höhe 2,70 Meter. Inhalt: ein riesiger Esstisch und 12 dazu passende Stühle. Ein französisches Doppelbett. Relikte einer großen Liebe.

Michael: Das Kind hat sehr viel verändert: Als wir relativ frisch zusammen waren, war meine Frau recht schnell schwanger und es war dann so, dass sie natürlich klassischerweise zuhause blieb, ich bin arbeiten gegangen, musste plötzlich für zwei verdienen - bzw. zweieinhalb - und dieses hat natürlich massiven Druck auf mich ausgeübt - zumal ich selbständig bin, und die Wirtschaftslage ja im Moment sowieso nicht so gut ist und ich in einem Sektor bin, der gerade nicht so gut läuft - das hat dann Druck ausgeübt auf mich, den ich mitgebracht habe, der sich dann auch auf unsere Beziehung sehr negativ ausgewirkt hat.

Und meine Frau, die mit unserem Kind - was auch sicherlich nicht ganz so einfach ist - auch ihre Schwierigkeiten hatte, und am liebsten das Kind immer in die Hand mir gedrückt hat, wenn ich nach Hause kam, ich aber lieber mal in aller Ruhe durchatmen wollte - und das hat zu Spannungen geführt, die sich nicht auflösen ließen, durch beengte Räumlichkeiten. Und das hat sich dann irgendwann so hochgesteigert, dass um unsere Ehe, Beziehung zu retten, wir erst mal eine räumliche Trennung brauchen.


Michael und seine Frau haben jetzt zwei kleine Appartements in unterschiedlichen Stadtteilen gemietet. Jeweils mit Kochnische und Single-Bett. Und die großzügige Eigentumswohnung steht zum Verkauf, obwohl sich die beiden inzwischen wieder besser vertragen. Der ungelöste Konflikt wurde vorübergehend "in die Box" verlagert. Alle Hoffnungen auf einen Neuanfang lagern auf zehn Quadratmetern in Unit Nummer 1015.

Jander: Zehn Quadratmeter - und das, meinen Sie, brauchen Sie auch, oder kann man das ein bissl zusammenpacken, dass man da mit weniger auskommt?

Graue fensterlose, aber blitzblanke Betonwände, die bis zur Decke reichen. Kein Staubkörnchen liegt herum. Die größeren Lagereinheiten erinnern an Garagen, die kleineren an einen engen Aufzugsschacht. Geruchsneutral, farbneutral, anonym. An der Hallendecke surren Überwachungskameras, die dem Besucher. Hinterher spionieren. Ansonsten ist es totenstill. Die Gänge entlang der kleinen Boxen sind zwei Schritte breit. Im Inneren des Selbstlagerzentrums sieht es aus wie im Hochsicherheitstrakt eines Gefängnisses. Doch es ist ein Ort der Freiheit.

Jander: Jeder Kunde bekommt seinen eigenen Zugangscode - den kann er sich selber aussuchen. Ich geb jetzt mal meinen ein (tippt ein) - das Tor öffnet sich dann, der Kunde kann reinfahren und es schließt sich wieder, so dass gewährleistet ist, dass wirklich auch nur die Kunden reinkommen, die auch bei uns mieten, und nicht irgendwelche Zuschauer.

Unit 0039, Grundfläche 9 Quadratmeter, Höhe 2,70 Meter. Inhalt: Nichts. Noch nichts. Nur ein junger Mann, der sich schon mal im Auftrag umschaut. Der komplette Hausstand seiner Freundin Laura muss irgendwo unterkommen.

Sven: Warum? Weil meine Freundin in Lübeck ihre Wohnung gekündigt hat - und hat innerhalb der Frist keine neue Bleibe in Bonn gefunden. Ja, das war so 'ne Entscheidung es ist ja immer dieses Frist-Ding, dass man sich drei Monate vorher entscheiden muss zu kündigen, aber die Wohnungen kriegt man meistens nicht drei Monate im voraus.

Die Freundin hat gepokert und verloren. Bei ihrem Freund Sven darf sie erst mal unterkommen, aber für den Inhalt einer Drei-Zimmer-Wohnung ist in seiner 50 Quadratmeterwohnung kaum Platz.

Sven: Also, in meinem Keller jetzt z.B., für meine Freundin wäre nur ganz wenig Platz gewesen, und der ist auch wasseranfällig. Also gerade hier in der Rheingegend hat man das häufig. Und deswegen ist das natürlich hier ganz viel besser als in meinem Keller.

Jander: Keller ist feucht? Oiii, das ist schlecht!

Ganz billig ist der Spaß mit Preisen um die 43 Euro pro Quadratmeter pro Monat allerdings nicht. Ein Vielfaches des örtlichen Mietspiegels.

Sven: Ja, das Ausschlaggebende ist, wenn man keine Wohnung hat, dann spart man ja letztlich die Miete. So dass die Miete, die man für jetzt eingeplant hätte, ja eigentlich auch frei ist. So dass man dann diesen Service, dass es sicher ist und dass man 24 Stunden hier ran kann oder diese Sachen, ganz gerne schon mal mitnimmt.

Was wären die Alternativen gewesen? Garage? Einlagern in der Spedition? Die Geschäftsidee "Self-Storage" hat nur deshalb eine Chance, weil Platz in Großstädten absolute Mangelware ist.

Unit 1013, Grundfläche 15 Quadratmeter, Höhe 2,7 Meter.

Frank Vossen: Das sind halt Scherengitter, die außen rumgestellt werden, das sieht man dort hinten jetzt, und die bestehen aus fünf Stücken, die werden auseinandergezogen und bilden dann halt einen Kreis. Dann gibt es Dachlatten, die das Dach bilden, die werden zusammengesteckt und bilden einen Dachkranz, der auf zwei Stützen steht, und über das Ganze kommen dann Filzbahnen, die sieht man dort dahinten.

In Unit 1013 lagern vielleicht die sonderbarsten Dinge des örtlichen Lagerzentrums. Monströse, graue Filzbahnen, 5 cm dick, von der Größe eines Pfadfinderzeltes, daneben stapeln sich verschiedene leuchtend-orangefarbene Holzteile mit bauernmalereiähnlicher Verzierung. Eine Mischung aus Schleiflackmöbeln und China-Restaurant-Interieur. Frank Vossen lüftet das Geheimnis: Er verkauft mongolische Jurten. Schon etwa 50 Europäer meinten, so ein Ding unbedingt haben zu müssen:

Vossen: Dass das Künstler als Atelier nutzen, dass es Leute als Seminarraum nutzen, Selbsterfahrungskurse zu machen, für Managerseminare, dass die Manager dann diese Jurte zusammen aufbauen müssen, dass Mongolei-Liebhaber die Jurte nutzen, dass auch Schäfer in Deutschland die Jurte als Wohnung, als mobile Wohnung nutzen, also ganz unterschiedlich.

2.900 Euro kostet das zerlegte, mobile Mongolenheim, in dem in seiner Heimat bis zu 20 Nomaden Platz finden. Die Jurte fährt mit dem Zug erst nach Ulan Bator, dann nach China und kommt dann mit dem Schiff nach Hamburg und von dort aus ins jeweilige Lagerzentrum.

Unit 0034, 1187 und 1153 werden geschäftlich genutzt. Von einer Baufirma, die ihre Box als Zwischenlager nutzt und einer jungen Designerin mit dem winzigen Atelier in Altstadtlage, die dort keinen Platz für ihre riesigen Stoffballen hat - und sich je nach Auftragslage im Lagerzentrum ihren Tagesbedarf abholt.

Kurz vor Mitternacht schließt sich das letzte Tor. Es ist ruhig geworden im Lagerzentrum. Einsam in seinem neuen Appartement sitzend macht sich Michael Gedanken, wann er endlich das französische Bett auslösen kann. Marie hat schon den soundsovielten Krach mit ihren Eltern hinter sich und findet, dass 30 wirklich zu alt ist, um noch mal zu den Eltern zurück zu gehen. Und Svens Freundin kann bald ihren Hausstand im Lagerzentrum auslösen. Sie hat eine Wohnung gefunden.

Jander: Ich danke Ihnen für den Anruf! Bis morgen dann. Tschüüüüs!
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