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1.3.2005
"Es muss von Kopf und Herz her stimmen"
Verwandtenehe in der türkischen Community
Von Fritz Schütte

Türkische Hochzeit. (Bild: AP)
Türkische Hochzeit. (Bild: AP)
In der Türkei und auch in der türkischen Community in Deutschland werden nach wie vor viele Ehen arrangiert, häufig sogar innerhalb der Familie zwischen Cousin und Cousine. Die Ehe unter Verwandten wird oft als "Zwangsheirat" kritisiert und unter genetischen Gesichtspunkten abgelehnt. Sie ist aber in den meisten Kulturen der Welt eine uralte Tradition. Die Eheleute müssen sich in einem komplizierten Interessengeflecht zurechtfinden und manche Beziehungen scheitern daran.

Herr Uzun: Wir haben uns Ende 1991 kennen gelernt. Bin ich nach der Türkei geflogen zu Besuch meiner Tante, und da habe ich Birgel, also meine Frau, gesehen, und da hat sie mir gut gefallen, habe ich sie denn geliebt... Also, Birgel war doch, ich meine, sie war auch noch schön, hübsch. Also, ich habe mich einfach verliebt. Ich kann gar nichts anderes sagen. Dann sind wir geheiratet.

Herr Uzun ist ratlos. Was könnte er noch erzählen? Eine romantische Liebesgeschichte? Die hat es nicht gegeben. Seine Frau ist nicht nur seine Frau, sie ist ja auch seine Cousine.

Frau Uzun: Üc gün kaldi...

Frau Uzun lacht. Sie ist in der Türkei aufgewachsen, spricht nicht gut deutsch und lässt ihre Cousine Ilknur übersetzen.

Ilknur: Es war so, dass er drei Tage in der Türkei war. Dort war es nicht so, dass sie sich so extrem jetzt unterhalten hätten. Aber nach dem Abflug nach Deutschland war es dann so, dass er telefonisch den Kontakt nach drüben gesucht hat und auch schriftlich. Und bei uns gibt es ja auch noch das Versprechen, das heißt Um-die-Hand-Anhalten der Braut. Er wendet sich an seinen Vater und der Vater bittet in Gottes Beisein um die Hand der Braut.

Herr Uzun: Wir gehen also zu meiner Schwester, hat mein Vater gesagt, und da werde ich dann alles andere rechtfertigen.

Die Eltern waren sich schnell einig, erinnert sich Frau Uzun. Sie fand ihren Cousin aus Deutschland recht ansehnlich, aber heiraten, das kam doch überraschend.
Ilknur: Almanya'ya gelmek istiyor mudun?

Frau Uzun: Nein, istemiyordum ama....

Ilknur: Eigentlich hatte sie keinen Gedanken daran verloren nach Deutschland zu kommen, weil sie hatte ihr Leben innerhalb ihrer Familie, hatte ihren Job, na ja, aber was man dann so eingehen muss, oder in dem Sinne hat sie ja selbst entschieden, es hat sie ja niemand gezwungen.

Ilknur selbst ist Mitte zwanzig und in Deutschland aufgewachsen. Auch sie wird in Kürze heiraten - ebenfalls einen Cousin. Ilknur macht nicht den Eindruck, als ob ihr Tradition wichtig wäre.

Ilknur: Ich bin total tolerant. Aber einen Deutschen in dem Sinne zu heiraten, könnte ich mir nicht vorstellen, weil ich in bestimmten Situationen ganz anders handle. So wie ich mit mir und meiner Familie umgehe, gehe ich nicht mit meinen Freunden um. Das sind ganz andere Barrieren, die aufeinander treffen.

Nach türkischer Tradition sind die bevorzugten Ehepartner die Kinder der Schwester des Vaters oder des Bruders der Mutter. Die meisten Kulturen kennen Heiratsregeln. Heirat aus Liebe ist die Ausnahme.

Es gibt in der Türkei mittlerweile sogar Kampagnen gegen die Verwandtenheirat, weil das Risiko, ein fehlgebildetes Kind zu zeugen, höher ist. Dennoch ist die Cousinenheirat in ländlichen Regionen und auch unter Migranten der zweiten und dritten Generation in Deutschland immer noch häufig.

"Es muss vom Kopf und vom Herzen her stimmen", heißt es, dann werde sich Liebe schon einstellen - wie bei Familie Uzun.

Emine ist eine selbstbewusste, energische Frau, allein erziehend mit zwei Kindern. Früher war sie schüchterner, erzählt sie, und so ist sie auch in die Ehe gestolpert.

Emine: Das war so. 1986 er kam nach Berlin. Seine Mutter und meine Mutter sind Geschwister. Und ich habe so ein bisschen Theater gemacht und gesagt: "Ich will mit ihm nichts zu tun haben." Und ich habe mit ihm gesprochen und gesagt: "Ich muss ganz gut überlegen. Ich kann nicht auf einmal ja sagen. Ich muss dich kennen lernen." Er war zwei Mal in Berlin. Ich wollte genau reden. Aber er war so arrogant. Da habe ich gedacht. Vielleicht ist das normal, er ändert sich später. Na ja, weil ich auch keinen Freund gehabt habe, wie das ist... Dann haben wir geheiratet. Da hat sich so schnell, automatisch so ergeben. Es war ja unter Familie.

Lange Zeit hat Emine vor den Problemen ihrer Ehe geduldig die Augen geschlossen. Die Kinder kamen zur Welt. Aber ihr Mann hat sie tagelang allein gelassen.

Emine: Vielleicht habe ich gedacht, er hat Probleme, Kummer, er kann mir nicht erzählen. Aber er… ich habe nicht gewusst, was ist er für ein Mensch. Gewisse Zeit habe ich das bemerkt auch, kommt er nicht zurecht mit sich selbst. Ich bin so zurückhaltend gewesen. "Vielleicht hat er schlechte Laune, Ist normal." Aber gewisse Zeit habe ich bemerkt, das ist nicht normal gewesen, weil er hat am Tag zwölf, vierzehn Stunden geschlafen.

Vielleicht kann eine Therapie helfen, dachte Emine. Aber als sie ihren Mann davon nicht überzeugen konnte, blieb als letzter Rettungsanker die Familie.
Emine: 1993 hat mein großer Sohn zu meinen Eltern gesagt. "Oma, Opa, meine Muter, Vater kommen nicht zurecht." Das hat mein kleiner Sohn, fünfjähriger hat das gesagt. Sonst hätte ich nicht sagen können. Er hat das alles gesagt. "Mama, ich muss es sagen." Ich habe meine Mutter und Bekannte von mir genommen und dann habe ich ihn geredet. Er stand auf, und meine Eltern haben ihm geglaubt und mir nicht. Ich war zu ruhig. Bis ich explodiert habe. Die haben alle Schock gekriegt. Es hat keiner erwartet, dass ich mit meinem Mann so mich scheiden lasse.

Ehen zwischen Cousin und Cousine sind statistisch gesehen nicht unglücklicher und Scheidungen nicht häufiger. Die Verantwortung der Eheleute ist höher, denn wenn sie sich trennen, kann das zur Spaltung der ganzen Familie führen.

Herr Günes ist in Deutschland aufgewachsen. Seine Eltern haben ihn ständig bedrängt, die Cousine aus der Türkei zu heiraten.

Herr Günes: Wir wurden auch irgendwie verlobt, also sie drüben, ich hier. Und ich wollte es eigentlich gar nicht. Sen istiyor mudun ?.. Ja richtig.. Sag doch... Sie war richtig verliebt. Ich war eigentlich auch gar nicht richtig so bereit zu heiraten, wollte ich eigentlich auch nicht.

Ich wollte meine Freiheit genießen. Es war alles zu früh für mich. Meine Eltern haben sie sehr geliebt, meine ganzen Geschwister eigentlich, haben sie sehr gerne gehabt und waren sehr traurig, verärgert. Es gab eigentlich immer Ärger. Da bin ich nicht mehr in die Türkei gefahren.


Damals, erzählt Herr Günes, habe er gehofft, der Wunsch seiner Eltern, er möge heiraten, werde sich schon erledigen, wenn er nur fest genug die Ohren verschließt.

Frau Günes: Und dann zwei Jahre später, Türkei Urlaub, dann kamen wieder unser Haus. Meine Eltern sprechen...

Herr Günes: Also, meine Eltern, das war 1980, dann war wieder Gespräch, Urlaub, dann wurde ich auch wieder gezwungen mitzukommen. Ich habe gesagt: "Nee, ich fahre nach Amsterdam." Dann waren sie in Urlaub, und dann waren sie wieder bei ihr zu Besuch, und dann kam es wieder ins Gespräch, und meine Eltern haben dann gesagt, also, sie möchten sie mitnehmen, damit wir heiraten. Und ihre Eltern haben gesagt: "Okay." Sie hatten ja nichts dagegen. Und dann kam ich nach Hause, habe ich die Tür aufgemacht, da stand sie vor mir.

Irgendwie habe ihm seine Cousine auch leid getan. Er konnte den Gedanken, dass sie wie ein Gegenstand in die Türkei zurückgeschickt werden soll, nicht ertragen

Herr Günes: Wir haben dann geheiratet nach langem Hin und Her. Als Streit war, habe ich gesehen, wie meine Eltern gelitten haben, und dann habe ich gesagt: "Wenn sie damit glücklich werden, dann machen wir das halt so."

Das waren natürlich denkbar ungünstige Vorraussetzungen für eine Ehe, wie Herr Günes heute weiß, und das, obwohl er seine Cousine wirklich gemocht hat.

Herr Günes: Ich habe mich eigentlich mit dieser Ehe nicht abgefunden. Ich habe das zwar gemacht... Und das ist ja auch eine tolle Frau, und das habe ich ihr auch immer wieder gesagt, aber ich wollte frei leben. Sie hatte ja immer die ganze Verwandtschaft... Jetzt noch, meine ganzen Verwandten, meine Geschwister standen hinter ihr. Bei ihr war immer jemand. Ich war allein. Ich war immer draußen. Ich habe im Auto geschlafen. Ich habe bei Freunden geschlafen.

Sie hat dann gesagt, sie akzeptiert das auch. Ich kann rausgehen, gehen, kommen, wann ich will. Aber irgendwie, sie hat dann versucht mich so richtig zu klammern, und das hat dann so eine Wirkung in mir ausgelöst, dass ich gesagt habe: "Ne, das geht nicht." Und dann -- bosaldik… Dann haben wir uns scheiden lassen. Sie wollte erst nicht, aber dann, dann haben wir uns scheiden lassen.


Die Scheidung war ein trauriges Kapitel. Es fällt Herrn Günes immer noch schwer, darüber zu reden, besonders, wenn die Tochter daneben sitzt und gespannt zuhört.

Frau Günes: Zwei Jahre --- ne diyorlar...

Herr Günes: Zwei Jahre haben wir dann so gelebt. Wir waren zwar geschieden, aber wir waren doch trotzdem noch zusammen.

Frau Günes: Ich bin seine Eltern gelebt. Er ist oben, eine Etage...

Herr Günes: Die erste Zeit, ja, stimmt. Sie hat bei meinen Eltern gewohnt und ich habe eine Etage höher dann eine Wohnung gehabt. Wir haben das heimlich gemacht.

Und es hat keiner locker gelassen. Es hat jeder reingeredet. Also: "Du wirst nie wieder so eine Frau finden." Und: "Überlege dir das noch mal!" Und auf sie haben sie natürlich auch eingeredet.

Und dann sind wir doch auch, äh, ich sage mal, eher überreden lassen erst mal, und ich habe natürlich auch an meine Eltern gedacht und ihre Eltern, und was dann alles so kaputt geht. Obwohl das eigentlich Quatsch ist. Aber in dem Moment war ich nicht glücklich und sie auch nicht. Und damit die anderen glücklich sind, haben wir uns dann wieder überreden lassen.


Heute ist Herr Günes glücklich, dass er seine Cousine noch einmal geheiratet hat. Es habe zehn Jahre gedauert, bis sie zusammengekommen sind. "Menschlich, im Kopf", wie er es audrückt. Seine eigenen Kinder werde er auf keinen Fall unter Druck setzen.

Herr Günes: Dass wir jetzt glücklich sind, ist eine andere Frage. Wir haben wirklich sehr lange gekämpft. Wir haben wirklich Nächte lang geredet. Es gibt Ehen, wo ich weiß, dass zwei Menschen sich treffen, aber sich nichts zu sagen haben.

Obwohl wir auch so viel Probleme hatten, wir können reden, wir konnten damals auch schon, reden. "Was haben wir durchgemacht? Wieso haben wir das durchgemacht? Und wieso kommen wir nicht auf eine Linie? Wir können ja Abstriche machen, und wir können uns irgendwo treffen." Und dann geht das auch.

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