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4.3.2005
Kaiserschnitt
Warum immer mehr Frauen nicht pressen wollen
Von Barbara Wiedemann

Egal, ob Kaiserschnitt oder natürliche Geburt: Hauptsache, das Kind ist gesund. (Bild: AP)
Egal, ob Kaiserschnitt oder natürliche Geburt: Hauptsache, das Kind ist gesund. (Bild: AP)
Jedes vierte bis fünfte Kind kommt zurzeit durch eine Operation zur Welt. Früher die Ausnahme und nur in medizinischen Notfällen angewandt, gehört der Kaiserschnitt heute zum Alltag in den Kliniken. Und ist zumindest in den großen Kliniken auch auf Wunsch möglich. Dabei sind die Operationsrisiken bei einem Kaiserschnitt genau so hoch, wie bei jeder anderen großen OP.

Frau: Ich hab die Geburt von meinem ersten Kind so traumatisch in Erinnerung gehabt, dass ich erst mal lange gar kein zweites Kind haben wollte und als das zweite dann unterwegs war, dachte ich, ach ja, wenn der Bauch immer dicker wird, brauchst du keine Angst haben, aber im fünften, sechsten Monat, als der Bauch anfing, richtig zu wachsen, dann hab ich doch so 'ne Angst bekommen.

Andere Mutter: Der erste Sohn ist spontan geboren, aber dann in letzter Konsequenz doch mit Zange und das war auch der Hauptgrund, das ich gesagt habe, beim nächsten kommt das nicht mehr in Frage, weil, das war schon sehr, sehr schmerzhaft und traumatisch.

Die Geburt eines Kindes ist ein tiefes emotionales Erlebnis, aber leider auch oft ein sehr schmerzhaftes. Um dem zu entgehen, möchten immer mehr Frauen ihre Kinder nicht mehr auf natürlichem Wege bekommen.
Prof. Friedrich - Karl Klöck, Chefarzt der Gynäkologie und Geburtshilfe eines Kölner Krankenhauses:

Vor etwa zwei Jahren hat es begonnen, dass Patienten einen Kaiserschnitt wünschten, früher gab es das sporadisch mal, aber in den letzten zwei Jahren ist es häufiger geworden, wir haben das etwa ein bis zwei Mal im Monat, das ist dann ja auch im Jahr etwa zwanzig Mal, das sind dann im Vergleich zu früher dann auch 20 Kaiserschnitte mehr, der häufigste Wunsch ist die Angst vor der Geburt.

Panische Angst vor der Geburt und den damit verbundenen Schmerzen, aber auch Angst vor Beckenbodenschädigungen, die im schlimmsten Fall zur Inkontinenz führen können, sind die Hauptbeweggründe der Frauen. Aber auch bei der operativen Geburt geht es nicht ohne Schmerzen, weiß Hebamme Daniela Erdmann:

Was die Schmerzen angeht, ist das leider ein Trugschluss, 'ne Frau hat nach dem Kaiserschnitt anschließend auch sehr große Schmerzen, ist einige Tage sehr immobil, kann ihr Kind in der Regel alleine nicht versorgen, ist auf Hilfe angewiesen, liegt in der Klinik, abhängig vom Klinikpersonal, das ist nicht unbedingt die sanftere Variante zum normalen Gebären.

Frau nach Kaiserschnitt: In den ersten Tagen nach der Geburt, nach dem Kaiserschnitt, waren da schon die ersten drei Tage starke Wundschmerzen, man kann zwar aufstehen, aber alles tut weh, also, das sind schon unangenehme Schmerzen und das geht halt nicht von jetzt auf gleich vorbei, und das dauert auch sehr viel länger, bis man wieder belastbar ist und alles so machen kann im normalen Alltag.

Tja, wenn man immer wüsste, wie 'ne spontane Geburt ist, ich mein, hätt ja auch sein können, dass der hier in 'ner Stunde raus gewesen wäre und dann wäre ich topfit.

Ohne Schmerzen geht beides nicht ab, bei der natürlichen Geburt war's zum Schluss so, dass der Damm geschnitten wurde, ohne Betäubung, das fand ich gruselig.

In den meisten Kliniken muss heute keine Frau mehr unter Schmerzen gebären. Die Peridual - oder Spinalanästhesie ist gang und gäbe geworden. Auch bei einem Kaiserschnitt wird die lokale Narkose angewandt. Doch diese Geburt ist im Gegensatz zur Spontangeburt mit allen Risiken einer Operation behaftet. Oberarzt Frank Lehmann:

Tatsächlich ist es so, dass es eine ganze Zahl von Frauen gibt, die auch unter der Kaiserschnitt-Operation leiden und Nachwirkungen haben, denn auch da wird eine Narbe entstehen, die verheilen muss, die Schmerzen machen kann, die Vernarbungen, Probleme machen kann, und eben auch langfristige Folgen haben kann.

Infektionen nach dem Eingriff, Thrombosen oder - da bei der Operation die Gebärmutter geöffnet werden muss - eventuelle Schwierigkeiten bei nachfolgenden Schwangerschaften, sind zwar sehr selten, aber können nicht ausgeschlossen werden.

Dennoch, eine vor kurzem weltweit durchgeführte Studie, die so genannte Torontostudie, hat ergeben, dass die Risiken bei einem geplanten Kaiserschnitt nicht höher sind als bei einer Spontangeburt. Das gilt allerdings nur für den geplanten Kaiserschnitt.

Professor Klöck: Wenn ich den planbaren Kaiserschnitt mache, ist er nicht risikoreicher hinsichtlich Erkrankung und auch Todesrisiko als eine normale, vaginale Geburt, alles ist nicht Null, aber in dem Augenblick, wo ich einen sekundären Kaiserschnitt mache, auf Grund von Fieber, irgendwelchen Komplikationen Seiten des Kindes und, und, und. Dieser Kaiserschnitt ist in Hinblick auf Erkrankung oder auch Todesrisiko eindeutig höher.

Über die Risiken einer operativen Geburt werden die Frauen aufgeklärt. Was dabei aber oft außer Acht gelassen wird, sind die Risiken, die eine geplante Geburt für das Kind mit sich bringt.

Werdende Mutter: Ich dachte, es ist besser für das Kind vielleicht, wenn es halt geholt wird, das viele Dinge einfach ausgeschlossen werden, die dem Kind passieren können, ich hab aber jetzt wieder auch Contrameinungen gehört.

Ich hab auch gehört, das Kinder dann fünf Tage brauchen, bis sie überhaupt geschnallt haben, das sie in 'ner anderen Welt sind, weil sie einfach nicht diesen natürlichen Vorgang mitgemacht haben, den sie instinktiv in sich einprogrammiert haben, und wenn sie einfach daraus geholt werden, denk ich schon, das ist einfach nicht natürlich.


Die jähe Vertreibung aus dem Paradies, ein Schnitt und das Baby ist da - eine Sache von Minuten. Allerdings hat das Kind sich dabei noch gar nicht auf den Weg gemacht. Ganz schön unfair, meint eine werdende Mutter, die kurz vor der Geburt ihres Kindes steht.

Frau im neunten Monat: Auch so ein bisschen das Gefühl, Kaiserschnitt heißt eigentlich das Kind rauszuholen und das hätte vielleicht grad noch zwei Tage warten wollen, oder als würde ich einen Eingriff machen, der vielleicht doch für das Kind von größerer Bedeutung ist, als es auf den ersten Blick hin scheint.

Hebamme Denise Heidecke: Es ist wichtig, dass das Kind den Geburtstermin selber festlegen kann, was anderes ist, ein Kaiserschnitt nach Geburtsbeginn, also wenn man schon Wehen hatte, einfach wegen des Kindes, das hat durch die Hormone schon Stress erlebt und ist damit vorbereitet auf die Geburt.

Denise Heidecke ist Hebamme und wie viele ihres Berufes steht sie dem geplanten Kaiserschnitt eher skeptisch gegenüber. Nicht nur, dass sie es unnatürlich findet, es gibt auch gute medizinische Gründe für eine natürliche Geburt.

Denn das Oxytoxin, ein Hormon, das die Wehen auslöst, sorgt auf hormonellem Wege dafür, dass die Lungen des Kindes bei der Geburt entwässert werden. Bei einem Kaiserschnitt entfällt das und es können - zwar selten - Probleme mit der Atmung auftreten.

Prof. Klöck: Es ist auch in den letzten beiden Jahren in Köln insgesamt jetzt vier Mal vorgekommen, dass ein Kaiserschnitt etwas zu früh gemacht worden ist und dass diese Kinder eben nicht wirklich reif waren, das sie Atmungsprobleme hatten, in die Kinderklinik verlegt worden mussten.

Um dem vorzubeugen, wird eine verantwortungsbewusste Klinik keinen geplanten Kaiserschnitt mehr vor der 40. Schwangerschaftswoche durchführen. Denn erst dann kann man davon ausgehen, dass die Lungen des Kindes wirklich ausgereift sind.

Um den Frauen die letzten Schwangerschaftswochen zu ersparen, waren manche Ärzte da früher großzügiger, auf Wunsch wurde auch schon ab der 38. Woche operiert.

Die geplante Geburt: Woche, Tag, Stunde - alles kann vorher genau festgelegt werden. Überschaubar, praktisch und sicher mit ein Grund für den Wunschkaiserschnitt, meint Hebamme Erdmann:

Ich glaube, dass eine, was es sehr attraktiv macht, ist diese Planbarkeit, wir sind ja gewohnt, dass wir unser ganzen Leben im Griff haben und die Möglichkeit, ein festes Datum zu finden, einen festen Zeitpunkt, absehbar auch, was passiert, und einfach auch die Möglichkeit, dem aus dem Weg zu gehen, dass sie Schmerzen haben, das sie sich selbst außer Kontrolle erleben müssen, ich glaub, dass ist das, was das so attraktiv macht.

Viele Ärzte stehen diesem Wunsch aber noch skeptisch gegenüber. Auch wenn die operative Geburt in vielen großen Kliniken inzwischen zur Tagesordnung gehört.

Oberarzt Lehmann: Wenn man von der alten Schule, Geburtshilfe, kommt, dann ist man immer noch ein bisschen befremdet, wenn so ein Ansinnen an einen herangetragen wird, weil man von der Vorstellung ausgeht, dass die Geburt ein natürlicher Vorgang ist und nicht durch einen völlig unnatürlichen Vorgang wie eine Operation, mit entsprechenden Risiken, einfach ersetzt werden muss.

Bei Falschlage des Kindes oder wenn eine schwere Geburt bevorsteht, fällt es leichter, einem Wunschkaiserschnitt zuzustimmen. Auch eine ausgeprägte Angst vor der Geburt ist ein nachvollziehbarer Grund, der von den meisten Ärzten anerkannt wird. Schwierig wird es für Oberarzt Lehmann nur...

Also, ich tue mich dann schwer, einen geplanten Kaiserschnitt durchzuführen, wenn der Wunsch nicht fundiert begründet werden kann, einfach weil das jetzt im Moment sehr modern ist und in den Medien von manchen Menschen propagiert wird, dass jeder, der es wünscht, sich einen Kaiserschnitt machen lassen kann.

Hinzu kommt, dass ein Kaiserschnitt teuerer ist, als eine normale Geburt. Egal ob psychische oder medizinische Indikation, zurzeit wird der Eingriff noch von den Krankenkassen bezahlt.

Die planbare Geburt ist machbar geworden, aber die werdenden Mütter machen sich die Entscheidung trotzdem nicht leicht.

Also, ich hatte mir das überlegt, weil mein Freund hat mal Zivildienst gemacht in einer Behindertenschule und da sind einige Schüler leider durch die Geburt behindert geworden und dann hab ich mir überlegt, das Risiko will ich nicht eingehen, ich mach `n Kaiserschnitt und hab dann mit meiner Frauenärztin drüber gesprochen, über die Vor und Nachteile und hab mich dann entschlossen, doch keinen Kaiserschnitt machen zu lassen.

Prof. Römer: Es hat sich da doch ein gewisser Trend gezeigt, wobei mit dieser Aufklärung, die man jetzt doch etwas gewissenhafter betreibt und mit der Erkenntnis, dass die Kinder eben doch nicht alle hundertprozentig fit sind nach 'nem Kaiserschnitt, dass doch einige Frauen von dem Wunsch dann doch Abstand nehmen und eine Spontangeburt anstreben.

Prof. Thomas Römer, Chefarzt der Gynäkologie und Geburtshilfe, hält eine gründliche Aufklärung für unbedingte Voraussetzung. Aufklärung, die Ärzte liefern können, aber die werdenden Mütter müssen die schwere Entscheidung fällen - planbar und medizinisch oder natürlich und spontan.

Es ist schon irgendwie reizvoll, sich um die Schmerzen herumdrücken zu können, weil ich auch so ein sehr schmerzempfindlicher Typ bin, aber ich glaub, für mich käm das trotzdem nicht in Frage, weil ich jetzt während der Schwangerschaft gelernt habe, was für unglaubliche Sachen sich die Natur ausgedacht hat und ich glaube, dass es das Beste wäre, ihr einfach freien Lauf zu lassen und es so zu machen, wie es natürlich ist.

Mutter nach der Beratung: Seufzer...ach, nachdem er es so beschrieben hat, dass auch ein Kaiserschnitt ein operativer Eingriff ist, bin ich verunsichert. Und von daher würde ich jetzt schon einen Termin für 'nen Kaiserschnitt anpeilen, fänd's aber gar nicht schlecht, wenn's vielleicht doch vorher käme.
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