Kompass
Kompass • Blicke in die Gesellschaft
Montag bis Freitag • 14:40
7.2.2005
Hausbau-Coaching
Damit der Traum vom Eigenheim nicht zum Alptraum wird
Von Silvia Plahl

Hausbau-Coaching hilft gegen Beziehungsstress bei Häusle-Bauern (Bild: AP)
Hausbau-Coaching hilft gegen Beziehungsstress bei Häusle-Bauern (Bild: AP)
Für einige kann der Traum vom Eigenheim schnell zum Alptraum werden: Immobiliensuche, Planung, Bauaufsicht und Bauarbeiten fressen Zeit und Energie. Manche Beziehung zerbricht daran. Um das zu verhindern, bietet ein österreichischer Psychologe Hilfestellung an: Das Hausbau-Coaching.

Jens: Vielleicht ist auch nächste Woche wieder was Interessantes in der Zeitung, wo wir denken: Na, wäre ja auch mal interessant zu kucken, aber im Moment wollen wir ein Grundstück.

Ines: Ich weiß nicht, aber ich glaub, ich hab sogar ein Stück weit Angst davor. Wenn man vor der Entscheidung steht, und sagt: So, das soll es jetzt also sein. Auf einmal fallen mir tausend Gründe ein, dass es dann doch nicht so sein soll.

Paar eins: Ines und Jens. Paar zwei: Michaela und Michael.

Michaela: So ein großes Haus mitten in der Stadt. Das dann zu bewohnen, macht dann schon euphorisch. Und die Überforderung ist dann schon, wenn man sieht, was alles zu machen, was alles noch nicht gemacht ist, wie lange das alles dauert, also da ist das Schwanken dann schon immer wieder mal da...

Michael: Ich hatte auch so gewisse Art von Zweifel. Weil wenn ich so überleg, aus dem Freundeskreis - die Leute, die ich kenne oder die Paare, die ich kenn, drei Stück, die ein Haus zusammen gebaut haben. Die sind jetzt alle nicht mehr zusammen, nachdem sie fertig waren. Wenn man drei Wochen für etwas gebraucht hat, was man sich für ein Wochenende vorgenommen hatte, dann ist man schon angenervt. Und wenn man dann sieht, dass der andere auch lange braucht, dann kann man das ja auch ein bisschen piesacken.

Paar drei: Mike und Manuela.

Mike: Ja sicher gab's Streit. Und nicht zu wenig. Weil ich hier in der Materie stand, dass ich wusste, wat gemacht werden muss, wat besorgt werden muss, welche Arbeiten anliegen - und man kann das nicht immer so vermitteln.

Manuela: Mich hat's geärgert, dass ich nicht mitmachen konnte. Ich hab dann gefragt: Wann kann ich mal? Dann war ich froh, wenn ich von der Arbeit mal herfahren durfte, um zu lüften... Ick hätte auch gerne was getan. Eigentlich war ich immer zu Hause und musste mich um die Kinder kümmern. Also ich hätte gerne mehr getan.

Mike: Und da nimmt man auch da keine Rücksicht. Und man erwartet da auch, dass zuhause, dass das dann auch entsprechend toleriert wird und dass man da auch den Rücken frei bekommt.

Manuela und Mike bewohnen schon ihr Häuschen im Grünen, Michaela und Michael leben in einer Baustelle, Ines und Jens denken an einen Neubau, an eine Hausgemeinschaft oder ein Loft. Sie alle sind 30, 40 Jahre alt, haben Kinder und fixierten ihr Leben plötzlich auf ein anstrengendes Projekt: das Eigenheim.

Herbert Reichl: Es is ja net gsagt, dass jeder, der a Haus baut, wirklich gröbere Probleme kriegen muss. Aber die Erfahrung zeigt natürlich, dass es viele Paare gibt, die Probleme kriegen.

Herbert Reichl, Bautechniker und Umweltpsychologe, hat zusammen mit einem Berater und Manager die Methode des Hausbau-Coaching entwickelt. Reichl lebt in der Nähe von Linz in Oberösterreich. Auf dem Dorf, in einer Siedlung, in einem selbst gebauten Holzhaus. Die Probleme der Bauherren hat er selbst erfahren.

Herbert Reichl: Aus dem Zeitmangel und aus dem Gefühl heraus, so schnell wie möglich das Ganze abwickeln zu müssen, um Kosten zu sparen, ergibt sich natürlich, dass man wenig Zeit hat, über die Bedürfnisse nachzudenken und zu sprechen. Man hat auch wenig Zeit, die Bauabwicklung vorzubereiten, d.h. Baumanagement zu machen Man hat wenig Zeit, Verträge oder die Kosten zu verhandeln und so weiter. Aus diesem Zeitproblem ergibt sich dann ein finanzielles Problem und möglicherweise dann ein Beziehungsproblem, wenn unterschiedliche Vorstellungen da san, die nicht kommuniziert worden san. Dann kommt des meistens in der Stressphase vom Hausbau. Wenn dann wirklich keine Zeit mehr da ist, dann kommt's raus.

Reichl trennte sich von der Frau, mit der er sein Haus gebaut hat.

Herbert Reichl: Wenn ein Paar sich unbewusst vorgenommen hat, zu trennen, dann kann man das Hausbauen dazu benutzen. Dann ist es auch meistens so, dass dieses Projekt einer der beiden Partner vorantreibt, und dann ist da irgendwo die Trennung vorprogrammiert.

Handwerker auf Baugerüst bei Hausbau (Bild: AP)
Handwerker auf Baugerüst bei Hausbau (Bild: AP)
Paare, die sich bemühen wollen, genau das zu vermeiden, können sich "Erfolgsstrategien für den Hausbau" erarbeiten. So hat der Coach sein Handbuch überschrieben, das er auch vor Ort in Hausbauseminaren einsetzt. Der Weg von der Traumvorstellung bis zur Innenausstattung ist weit und darf ruhig etwas länger dauern, sagt Reichl. Vor allem die Ideenfindung vor der Planung eines Hauses kann ein paar Jahre brauchen.

Ines und Jens haben davon schon anderthalb Jahre hinter sich. Sie hatten bereits ein Grundstück im Visier, haben sich für ein Loft interessiert und mit zwei weiteren Familien versucht, einen leer stehenden Diplomatenwürfel in Ostberlin zu ersteigern. All dies ist bislang fehlgeschlagen.

Jens: Wir sind sehr sprunghaft.

Ines: Wir waren eigentlich immer ziemlich schnell zu begeistern. Für irgend 'ne Form, also für 'ne Lebensform.

Jens: Im Moment suchen wir grad 'n Grundstück (lacht) Das Haus haben wir eigentlich auch schon im Kopf. Ein einfaches Haus. Rechtecktig, zwei Geschosse, und ein Flachdach.

Ines: Ja ja, also da sind wir uns einig. Ich mag irgendwie das Einfache Ohne Türmchen und Erker. Ohne Kreuze in den Fenstern. Und ohne Kitsch.

Sie ist Apothekerin, er Bautechniker und die gemeinsame Tochter drei Jahre alt. In ihrer Dreizimmerwohnung im sanierten Gründerzeitaltbau fühlen sie sich wohl. Kurze Wege, zentrale Verkehrsanbindung, nette Nachbarn. Ines und Jens lehnen sich im Wohnzimmer auf dem roten Ecksofa zurück.

Ines: Ich weiß noch nicht, wie's endet. Ich weiß wirklich noch nicht, wo's hingeht.

Jens: Na, ich hoffe nicht, dass wir fünf Jahre drüber nachdenken. Nee, so lange will ich nicht drüber nachdenken. Aber noch macht's Spaß. Ich hoffe, dass ich vorher ein Grundstück finde, bevor es nachher umkippt und ich sage, jetzt hab ich aber die Nase voll...

Ines: Wie ist es dann, wenn ich auf der Terrasse sitze, oder da in Gummistiefeln aus der Tür trete, weil's auf einmal regnet? Und eigentlich will ich das nicht (lacht).

Es gibt nur eine Deadline für das Paar: Die Einschulung der Tochter. Spätestens dann wollen sie in der Nähe einer guten Grundschule wohnen. Er könnte sich mit einer Stadtrandlage arrangieren. Sie möchte ein Kino im Wohnbezirk haben und den Wocheneinkauf nicht mit dem Auto machen müssen. Andererseits:

Ines: Hat die Stadt wirklich alle Vorteile? Oder wenn man im Umkreis sieht: Alle anderen Leute, wo man denkt, die sind vernünftig, die ziehen auf einmal alle weg. Und man sitzt dann hier alleine. Dann ist es vielleicht auch nicht mehr so attraktiv.

Herbert Reichl: Man muss sich entscheiden: Ist es a Eigentumswohnung, ist es a verdichteter Flachbau, oder ist es ein Haus irgendwo im Grünen? In diesem Bewusstwerdungsprozess gilt es zu reflektieren: den eigenen Lebensstil, die eigenen Lebensgewohnheiten, und auch den partnerschaftlichen Dialog in den Familien.

Hausbautrainer Reichl fordert die Bauwilligen in seinen Seminaren auf, das eigene Heim mal anders zu planen:

Herbert Reichl: Geht's weg von den Bezeichnungen Küche, Esszimmer, Wohnzimmer, I mach dann den Vorschlag und sag: Es gibt Bedürfnisse der Aktivität, des Gemeinsamseins und der Gemeinschaft. Und es gibt Bedürfnisse des Alleinseins und der Ruhe. Ich seh sehr oft a Sofaecke mitten im Raum, und natürlich san die Kinder dann rundherum und die Bewegung ist rundherum, und die Ruhe ist hier nicht möglich.

Ein kleines Wohnzimmer schlägt Reichl vor. Dazu eine großzügige Wohnküche. - Dafür hätten Michaela und Michael noch mehr Wände einreißen müssen und dafür fehlte die Zeit. Es ging alles ganz schnell. Plötzlich war das ideale Haus gefunden. Der Makler drängte zum Kauf. Die Kosten stiegen höher als vorgesehen. Die Räume für den Großvater im ersten Stock wurden zuerst renoviert. Dann zog die Familie mit dem Hund, zwei Katzen, vier Kaninchen, zwei Meerschweinchen und einem Aquarium in eine Baustelle.

Michaela: Das ist jetzt also das Wohnzimmer. Das wird unser nächstes Schlaf- und Aufenthaltszimmer, und wird dann hoffentlich auch eine Rückzugsmöglichkeit für uns, weil damit auch wieder das Zimmer, das wir momentan bewohnen, für die Kinder frei wird...

Der alte Dielenboden des großen Salonzimmers ist mit Pappe abgedeckt. Die Wände müssen noch gestrichen werden. In einem warmen Terrakotta-Ton, möglichst genau der Farbe nachempfunden, die unter den abgezogenen Tapeten zum Vorschein kam. Michaela, Michael und die Kinder, 10 und 13 Jahre alt, wollen das alte Haus so bunt und strahlend haben, wie es einmal war. Dafür leben sie im Provisorium.

Michaela: Das Schöne dran ist, dass man dabei entdeckt, welchen Ort man auch wofür nutzen möchte. Also auf dem Papier sieht das ja oftmals ganz anders aus. Das kriegt man erst beim Rumwandern im Haus mit.

Bad und Küche sollen bald fertig werden, die Kinder warten auf die Badewanne.

Michael: Es soll eigentlich schon so werden, wie man sich's vorstellt. Und dann macht man's halt auch genau. Und dann dauert halt alles viel länger. Weil die Zeit, um alles wirklich genau zu machen, nicht so ganz da ist.

Michaela und Michael - sie ist Bibliothekarin, er Logistiker - machen die meisten Innenarbeiten selbst. Da sind sie eigen.

Michael: Die Handwerker ziehen ihr Ding durch. Aber sie haben einfach nicht im Kopf, dass du das anders geplant hast. Da bleibt dir nichts anderes übrig, als es selber zu machen. Oder was utopisch für uns wäre, 'nen Innenarchitekten hinzustellen, der das durchplant, daneben steht und es so machen lässt.

Michaela: Wobei ich auch nicht weiß, ob man jemanden findet, der genau auf dieser Vorstellung das auch umsetzen könnte.

Die beiden versuchen, jedes zweite Wochenende die Arbeit ruhen zu lassen, ins Kino zu gehen und aus den Fehlern von Freunden zu lernen.

Michael: Die Gefahr ist einfach, dass einfach so 'ne gewisse Gemeinsamkeit, die man sonst so hat, verloren geht. Dass man sich nur noch über das Bauen, Streichen, Tapezieren, Mauern oder sonst wie identifiziert und unterhält. Und wenn das wegfällt, merkt man plötzlich: hoppla, es gibt keine Gemeinsamkeit mehr. Die ist irgendwie verloren gegangen.

Nur diejenigen Gewerke übernehmen, die man tatsächlich beherrscht! So rät der Coach. Sonst drohen Frust und Zusatzkosten. Und weiterer Beziehungsstress. Und ist das Haus erst fertig, sind auch die Beziehungskonflikte auf Jahre zementiert.

In seinem Handbuch hat Herbert Reichl Arbeitsblätter entwickelt, die verfestigte Rollenverteilungen offenbaren sollen. Doch warnt der Psychologe: Hausbau-Coaching ist kein Therapieprozess. Sein Tipp: Streitpunkte nicht über die Personen austragen, sondern über die Gestaltung lösen. Vorwürfe vermeiden, umplanen.

Herbert Reichl: Indem I sag, okay, diese Form des Wohnraumes oder der Küche, Esszimmer, Wohnraum, was a sehr neuralgischer Punkt is, würde möglicherweise diesen oder diesen Konflikt heraufbeschwören. Indem es nicht möglich ist, die Kinder zum Beispiel zu betreuen und gleichzeitig Hausarbeit zu machen. Und dann kann man sozusagen gestalten. Und damit gestaltet man natürlich die Beziehung.

Manuela und Mike haben ihr Eigenheim ganz klassisch gebaut: Unten ein großer Raum mit Küche, Essplatz, Wohnzimmerecke, im ersten Stock die Kinder- und das Schlafzimmer.

Manuela: Man muss dann doch Einschränkungen machen und sagen: Gut, zwei Kinderzimmer reichen, Arbeitszimmer brauchen wir nicht unbedingt...

Sie wollten mehr Platz, mehr Grün, aber keine große Veränderung

Mike: Wir sind keine großen Sparer, wir fahren dreimal im Jahr in Urlaub. Und da haben wir eben gesagt: Es soll alles so bleiben, wie es ist.

Ein halbes Jahr hat alles gedauert. Das meiste lief glatt. Manuela und Mike arbeiteten im Schichtdienst, sie als Krankenschwester, er als Polizeibeamter. Nach Feierabend war er dann am Bau. Sie hütete die Kinder, drei und sechs Jahre alt. Das bedauert sie ein wenig.

Manuela: Weil er auch mehr hier war, kamen von ihm auch mehr die Ideen.

Mike: Najj, also, besprochen haben wir natürlich sehr viel. Aber im Endeffekt - besorgt… ich hab die Sachen angebracht, Muster angebracht, hab gesagt: so könnt's aussehen. Und ich muss sagen, da hat sie sich also sehr auf meinen Geschmack verlassen...


Manuela: (lacht) Nee, nee, ja, also mir war et nun egal, welche Toilettenbrille da rauf kommt oder wie auch immer. Mit dem Kamin, der Terrasse, da hat er sich dann auch mal meine Wünsche angehört, da haben wir das auch mal so gemacht, wie ich die wollte. Wir kennen uns lang genug, eigentlich müssen wir uns nicht groß so absprechen.

Mike wird demnächst den Kamin einbauen, dann wird das Sofa gegenüber wohl sein Lieblingsplatz. Manuela will keine ruhige Ecke, weil sie sie nicht nutzen kann. Dafür sind die Kinder noch zu klein, sagt sie. Die Küche ist toll geworden, finden alle beide.

Mike: Ick bin ja hier der, der auch viel kocht, und auch große Sachen kocht, und auch mal die Röhre benutzt, ich find diese Küche hervorragend und da kann ich mir nur selbst auf die Schulter klopfen. Ick würd schon sagen, dass ich mehr koche als meine Freundin.

Manuela: Nee. Stimmt nicht mehr.



-> Kompass
-> weitere Beiträge