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Kompass • Blicke in die Gesellschaft
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8.2.2005
"Du bist rot wie eine Tomate"
Über das Erröten
Von Kristina Michaelis

Manche werden dabei rot... (Bild: AP)
Manche werden dabei rot... (Bild: AP)
Eigentlich ist es eine von der Evolution vorgesehene sinnvolle Reaktion des Körpers, doch trotzdem ist es vielen peinlich, wenn es ihnen passiert: das Erröten. Manche haben eine derart krankhafte Angst vorm Rotwerden, dass sie sich nicht mehr vor die Tür trauen.

Mann A: Ich werd normal nicht rot. Werd ich rot? Nein, ne? Da war ich aber noch jünger… Na ja, vielleicht so mit 18, 19.

Schülerin A: Man merkt das auch richtig, dass man rot wird, weil, das ganze Blut steigt in den Kopf und, ja...

Studentin A: Das ist ein Wärmegefühl, klar, und ich hab das dann natürlich auch schon im Spiegel überprüft, wenn ich in 'nem Geschäft war oder so, man will dann ja auch sehen, wie rot ist man wirklich, und das ist natürlich nicht zu übersehen also.

Fast jedem ist es schon mal irgendwann passiert: Man ist rot geworden. Und das meist dann, wenn man es am wenigsten braucht. Mal ist es das furchtbare Gefühl, vor aller Augen Fehler zu machen…

Schülerin A: Wenn ich in der Schule was vorlesen muss oder vorne vor der Klasse stehe und irgendwas falsch ausdrücke oder falsch sage, dann ist es schon so, dass ich merke, dass ich rot werde. Und dann kann man, also ich kann da nichts gegen tun.

Mal sind es mehr oder weniger erklärbare Schamgefühle...

Ältere Frau A: Als ich Schülerin war und bin morgens um sieben oder um halb acht zur Schule gegangen, und wenn ich den Herrn Müller sah oder die Anneliese Möller, wurde ich knallrot. Und die haben mir nie irgendwie einen Anlass gegeben, es war eben so. Ich hab mich über mich gewundert, warum werd ich denn rot, es ist doch gar kein Anlass vorhanden. Die waren sehr hübsch, das muss ich sagen, die Frau war bildhübsch und auch der Mann sah sehr, sehr gut aus. War es wohl das? Ich weiß es nicht.

Frau A: Also ich werd auf der Arbeit ganz gern rot, wenn ich mich selbst in ein Fettnäpfchen katapultiere, aber das sind die Leute schon gewohnt, das gehört zu mir und, ja. Oder bei Komplimenten, wenn ich wirklich das Gefühl hab, das trifft zu, das ist ehrlich gemeint, dann werd ich auch rot.

Ein bisschen unwohl ist uns dabei trotzdem. Obwohl der Körper eigentlich nur seine ganz normale Arbeit macht. In Stresssituationen erhöht sich die Körpertemperatur, was der Körper auszugleichen versucht - die Gefäße erweitern sich. Je nachdem, wie dick unsere Haut ist - bei Frauen ist sie eher dünner, bei Männern eher dicker - erscheint sie nun mehr oder weniger rot. Klingt das Stressgefühl ab, verschwindet die Hitze im Gesicht in der Regel wieder von selbst.

Als Warnsignal, dass irgendwelche sozialen Regeln übertreten wurden, hatte das Erröten in der Evolution sogar eine nicht zu unterschätzende Bedeutung. Und doch ist da dieses ungute Gefühl.

Studentin B: Also wenn man jetzt mit irgendeinem Typen redet oder so, und man wird dann rot, ich werd dann immer nervöser, und dann fällt das ja auch auf, dass man wegen dem nervös wird oder rot wird, und das will man ja auch nicht, man will ja keine Schwächen zeigen vor dem.

Doris Wolf: Diese Körperreaktion, die zeigt ja etwas an, also die zeigt an, wir sind in irgendeiner Form aus dem Gleichgewicht. Und das ist was, was wir eigentlich dem anderen nicht gerne mitteilen wollen. Der sieht zwar nicht, was genau in uns vorgeht, aber der sieht, dass etwas in uns vorgeht.

Folgt man der Mannheimer Psychotherapeutin Doris Wolf, die einen Ratgeber für Betroffene geschrieben hat, beginnt die Angst, sich dem anderen so schutzlos zu zeigen, meist schon in der Pubertät. Man weiß nicht so recht, wer man überhaupt ist, der Körper gibt seltsame Signale. Wir beobachten uns und merken, dass uns andere beobachten - und möglicherweise auch bewerten. Das Rotwerden gehört da fast schon zur Tagesordnung

Schülerin B: Ich denk, die denken dann irgendwas, irgendwie, jetzt hat derjenige irgendeine peinliche Vorstellung oder denkt an irgendwas Unangenehmes oder so, und dann lachen sie darüber oder so.

Studentin A: Ich kann mich noch erinnern, so Konfirmationsunterricht, da saßen wir immer in so 'nem Kreis, da war ich so 14, und das kann ich mich erinnern, das war schon ganz schlimm für mich, weil in diesem Kreis sitzen und jeder konnte mich sehen. Also in der Schule hab ich das ja immer so gemacht, dass ich mich in die erste Reihe gesetzt habe, deshalb kann ich das auch an 'nem Alter ungefähr festmachen, wo ich gemerkt habe, da hab ich dann auch mit 14 mich langsam angefangen zu schminken, weil ich das überhaupt nicht ertragen konnte, in diesem Kreis zu sitzen und alle Blicke, wenn ich irgendwas machen muss, was vorlesen oder so.

Irgendwann kommen dann auch die ganz großen Gefühle ins Spiel.

Schülerin C: 'Ne frühere Freundin von uns, die ist immer rot geworden, immer, also…

Schülerin A: Vor allem, wenn's um das Thema Jungs geht, immer! Man brauchte nur 'nen Namen sagen und sie wurde total rot im Gesicht.

Schülerin C: Das haben auf einmal auch alle dann gemacht, um sie so zu ärgern, haben sie sie dann so gefragt "ja, Du willst doch was von dem und dem", und dann sofort…

Hat man sich durch sein glühendes Gesicht erst einmal angreifbar gezeigt, folgen prompt die ätzenden Kommentare, die alles nur noch schlimmer machen.

Schülerin A: "Oh Du wirst rot, Du wirst rot", und dann wird man immer roter, weil einem das dann immer noch peinlicher ist.

Ältere Frau B: Ich weiß nur, dass mal einer gesagt hat "Du brauchst nicht rot werden deshalb!"

Was vielleicht sogar nett gemeint war. Und doch fühlt man sich entlarvt.

Doris Wolf: Wenn man sich vorstellt, der andere will alles dafür tun, um nicht diese Schwäche zu zeigen, und dann bohrt das Gegenüber ja genau an diesem Punkt. Das heißt, der Betroffene hat ja die Phantasie, dass der andere genau so fürchterlich über ihn denkt wie er über sich selber, was meistens nicht so ist. Also das Umfeld sollte, im Grunde genommen, im Alltag das ignorieren. Wenn's ein naher Vertrauter ist oder 'ne Freundin ist, dann, denk ich, kann man schon mal vorsichtig darauf ansprechen, dass man eben sagt, dass Du für mich eben nicht existierst nach dem Kriterium "erröten oder nicht erröten", sondern ich schätze an Dir das und das und das.

Ist die Pubertät erst einmal vorüber, steigt den meisten die Hitze nicht mehr ganz so schnell zu Kopf. Oder sie messen dem Rotwerden keine gar so große Bedeutung mehr bei. Bei manch einem aber wächst die Angst, schon bei der kleinsten Kleinigkeit die Gesichtsfarbe zu wechseln, bis ins Unerträgliche.

Anna: Dass ich irgendwann nicht mehr bei Tageslicht raus gegangen bin, das war natürlich so ein langjähriger Prozess, der dann über die Jahre immer schlimmer wurde, dass man dann immer mehr Angst kriegt, immer mehr Sachen vermeidet.

Anna, 20 Jahre alt und Jurastudentin, leidet unter der so genannten Erythrophobie, der "Angst vor dem Erröten", die Psychologen seit einigen Jahren zu den Sozialen Phobien zählen. Noch nie ist sie gemeinsam mit ihrem Freund in der Stadt gewesen. Es könnte sie ja jemand in seiner Gegenwart ansprechen und was, wenn sie dann rot würde? Die Angst davor begleitet sie inzwischen fast überall hin. Ihre einzigen Waffen: Flucht und Versteckspiel.

Anna: Dass ich dann halt irgendwann angefangen habe, dieses Sicherheitsverhalten anzuwenden, weil ich halt nicht mehr wollte, dass das irgendjemand mitkriegt. Und dann, wie gesagt, starkes Schminken, wegdrehen, Gespräche abrupt abbrechen, dass die Leute gar nicht wussten, was hat die jetzt, und immer sofort fluchtartig irgendwie die ganze Situation verlassen.

Besonders schlimm wird es, wenn sie die Situation nicht verlassen kann. Beim Essengehen zum Beispiel, wenn nur das Ausweichen auf die Toilette bleibt.

Anna: Dann hab ich natürlich schon viel mehr Angst vorher. Du kannst denen nicht ausweichen, Du bist der Person und der Situationen ausgeliefert. Ich sitz dann, kann mich kaum auf mein Gegenüber konzentrieren, weil ich so in mir gefangen bin die ganze Zeit. Und dann braucht's natürlich nur den geringsten Anlass, um irgendwie dann gleich zu erröten oder so.

Anna leidet heimlich - wie die meisten, die die Angst vor dem Erröten plagt. Auch Männer. Etwa Herbert K., 41 Jahre alt, Polizist. Wie Stiche fühlt er die Blicke auf seinen glühenden Wangen, wenn er vor Gericht aussagen muss. Oder im Orchester, wenn er am Schlagzeug steht und vom Dirigenten korrigiert wird. Er hat keine Freundin, keine Familie, und auch im Beruf, glaubt er, wäre er weiter gekommen, wenn ihn die Angst vor dem Rotwerden nicht so gehemmt hätte. Seit seinem sechsten Lebensjahr. Seit ihm das Pausenbrot in die Schule nachgebracht worden war und er nach vorne zum Lehrerpult kommen musste.

Kaum ein Mann gibt allerdings zu, dass er ein Problem damit hat, denn richtige Männer werden eben nicht rot.

Doris Wolf: Also Männer haben von der Haut her 'ne dickere Haut, so dass man es nicht so sieht. Und dann ist es einfach auch so, dass Männer ja gefühlsmäßig in der Form nicht so stark reagieren, und von daher sind Frauen häufiger davon betroffen. Aber ich hab hier in der Praxis auch Männer, und da ist es dann umso schlimmer für diese Männer, also die erleben es umso schlimmer, weil sie dann ja quasi sich wirklich outen.

Herbert K. macht seit einem halben Jahr eine Verhaltenstherapie. Niemand weiß davon. Auch Anna hat sich in aller Heimlichkeit zu einer Therapie entschieden. Allerdings mussten sowohl Herbert als auch Anna bald erkennen, dass sie sich zu Beginn der Behandlung falsche Hoffnungen gemacht hatten.

Anna: Am Anfang, klar, war das Ziel natürlich, nicht mehr zu erröten. Wieder alles machen zu können. Nach dem zweiten Mal hab ich schon gedacht, o Gott, es hat sich ja nichts geändert, Du bist ein total hoffnungsloser Fall. Das musste ich dann natürlich feststellen, dass das nicht von heute auf morgen geht, dass ich höchstens irgendwie damit leben kann.

Es gibt auch Bereiche, in denen ich überhaupt keine Errötungsangst habe, zum Beispiel im Schwimmbad. Aber das ist ein Bereich, wo ich noch nie errötet bin, wo ich sonst wen treffen kann, wo sonst was passieren kann. Da merk ich natürlich, wenn man dieses latente Angstgefühl nicht hat, dann wird man auch nicht rot, da kann mir sonst was passieren.


Doris Wolf: Das Erröten ist ja nicht das Problem, sondern die Angst vor dem Erröten. Und da sind alle Leute gefährdet, die Perfektionisten sind. Dass ich von mir fordere, ich muss perfekt funktionieren, dass ich sehr große Angst davor habe, wie denken die anderen, die anderen könnten mich ablehnen, und auch die Eigenschaft, sich sehr sorgfältig zu beobachten. Weil, je mehr ich nach innen schaue und meine Körperreaktionen studiere, desto sensibler bin ich auch, und desto schneller fällt mir auch auf, wenn was passiert.

Doch nicht jeder, der errötet, leidet zwangsläufig unter einer behandlungsbedürftigen Krankheit. Sobald man aber merkt, dass das tägliche Leben so stark eingeschränkt ist, dass man keiner Arbeit mehr nachgehen, keine Freunde mehr treffen oder im schlimmsten Fall nicht einmal mehr das Haus verlassen kann, ist eine Behandlung zu empfehlen.

Der Weg aus der Angst führt allerdings erst einmal direkt in sie hinein. Anna musste bereits mit rot geschminktem Gesicht durch die Stadt laufen, um die Reaktionen anderer abzulesen. Und um ihre negative Selbsteinschätzung an der Wirklichkeit zu prüfen.

Anna: Also lachen die, grinsen die, zeigen die mit Fingern auf mich, wie wirkt das? Das war natürlich im Nachhinein interessant, weil wirklich kein Mensch irgendwie groß mir Aufmerksamkeit geschenkt hat.

Hat man erst einmal gelernt, die Wirkung des roten Gesichts anders zu beurteilen, kann allmählich auch das Selbstvertrauen wachsen.

Doris Wolf: Das heißt, dass ich mir klarmache, das Erröten ist erstens mal 'ne ganz normale körperliche Reaktion. Zweitens sagt das Erröten nur ein ganz kleines Teilchen von mir aus, ich hab tausend andere Fähigkeiten, ich hab Erfolge in meinem Leben, und die werden überhaupt nicht in Frage gestellt davon, ob ich erröte oder nicht.

Die nächste Strategie ist, dass ich, wenn ich in Situationen gehe, mir keine Erwartungsangst mache, sondern mir ausmale, ich gehe in die Situation, ich darf in der Situation erröten. Der Weg raus ist sich zu sagen, okay, ich spüre, mir wird wärmer, ich spüre, da kommt das Erröten, das ist in Ordnung, mein Körper macht seine Arbeit, er funktioniert, andere dürfen das erkennen. Das heißt, ich lerne, die Situation anders einzuschätzen.


Und es gibt sie ja auch, diese Momente, in denen dem Gegenüber das eigene Rotwerden ganz willkommen ist.

Mann B: Ja, wenn Du mir Komplimente machst, genau. Wenn ich von 'ner schönen Frau Komplimente bekomme, da wird man halt auch als Mann, oder ich jedenfalls, ab und zu mal rot.

Frau A: Ja ich sag dann auch, ach, jetzt wird er rot, wie schön…

Wer sich nämlich das Rotwerden hin und wieder zugesteht, der hat schon eine Menge gewonnen. Denn so paradox es auch klingen mag: Je weniger wir uns gegen das Erröten wehren, desto seltener wird es uns überkommen.
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