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Kompass • Blicke in die Gesellschaft
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9.2.2005
"Das böse Z-Wort"
Zwitter und ihr Alltag zwischen den Geschlechtern
Von Barbara Rosenberg

Man nennt sie Zwitter oder Hermaphroditen - die etwa 100.000 Intersexuellen in der BRD. Bei ihnen stimmen Chromosomensatz, Fortpflanzungsorgane und Geschlechtsorgane nicht miteinander überein, oder die Geschlechtsteile sind bei der Geburt nicht eindeutig. Ursache ist ein vererbbarer Gendefekt.

Da innerhalb einer Woche der Personenstand als männlich oder weiblich beim Standesamt eingetragen werden muss, drängten bislang Ärzte die Eltern zu geschlechtsanpassenden Operationen. Oft wurden Babys mit uneindeutigem Geschlecht zu Mädchen gemacht, weil es einfacher ist und billiger. Dabei wurde strikte Geheimhaltung mit den Eltern vereinbart, weil angeblich Babys keine Erinnerung an solche Operationen haben.

Zudem wurden die - meist verkümmerten - Hoden entfernt, die oft anfänglich als Leistenbruch diagnostiziert werden. Sie produzieren aber auch weibliche Hormone, so dass danach eine lebenslange Hormonsubstitution notwendig wird. Unter der Federführung der Universitätsklinik Lübeck werden jetzt die Ursachen der "testikulären Feminisierung" erforscht und neue Leitlinien für die Behandlung erarbeitet. Betroffene haben sich in Selbsthilfegruppen organisiert - wie zum Beispiel die XY-Frauen mit ihrer Webseite www.xy-frauen.de.


Ich hab mich natürlich tunlichst gehütet, irgendwelche Doktorspiele zu machen, weil ich ja auch schon meiner Meinung nach im frühen Kindesalter gemerkt habe, dass etwas nicht stimmt. Und es ist also auch nie aufgefallen.

Steffi ist 32 Jahre alt. Die Wirtschaftswissenschaftlerin leidet an 5-Alpha-Reductase Mangel - einem angeborenen Enzymdefekt: die männlichen Hormone können ihre volle Wirkung nicht entfalten. Steffi war bei ihrer Geburt äußerlich ein Mädchen, doch die Klitoris war vergrößert, die Vagina zu klein und verklebt, und in ihren Leisten waren Hoden verborgen. Sie produzierten Testosteron, das im Fettgewebe in Östrogen umgewandelt wurde.

In der Pubertät stieg der Androgenspiegel: Steffi bekam Haare im Gesicht, die Stimme veränderte sich, das Brustwachstum blieb aus und die Regel auch. Sie schämte sich, wenn Lehrer Anspielungen auf ihre tiefe Stimme machten, und Mitschüler sie "Mannweib" nannten. Mit 17 wurde sie das erstemal gynäkologisch untersucht.

Das war furchtbar. Es is also genau das eingetreten, was ich immer befürchtet habe, dass nämlich irgend jemand plötzlich dann vor mir kniet und sagt: "Da stimmt was nicht!" Bzw. erst war's ja betretenes Schweigen und das "Was ist das denn? Und das kenn ich nich. Und das müssen wir mal dem Chef zeigen."

Zweimal wurde Steffi nackt an die Wand gestellt und fotografiert. Sie nahm das hin als "Steine auf dem Weg zu einem normalen Leben" wie sie sagt. Ertragen konnte sie das nur, indem sie sich innerlich von ihrem "Körper verabschiedete". Ihre Gebärmutter ist verkümmert, Eierstöcke hat sie nicht. Mit 17 Jahren ließ sie die Hoden entfernen. Sie nahm Östrogen, damit die Brust wächst und die Vagina sich entwickelt.

Wie viele Hermaphroditen war Steffi sehr leistungsorientiert. Sie hatte große Angst vor ihrer schwachen Seite und begann vor fünf Jahren eine Therapie. Mit 30 besorgte sie sich die Untersuchungsunterlagen vom Gynäkologen: "46, XY Chromosomensatz" lautete die Diagnose. Erst jetzt sprach sie mit den Eltern darüber. Ihre ganze Wut, dass man sie im Unklaren gelassen hatte, brach hervor. Zwar hatte sie der Operation zugestimmt, doch sie dachte, es seien "irgendwelche Gewächse", die entarten können.

Zum einen wird immer argumentiert, dass ja Hoden, wenn sie im Bauchraum des Mannes bleiben, durch die erhöhte Temperatur entarten können. Nun stell ich Ihnen die Frage: "Sind wir wirklich Männer?" Wir sind eigentlich von der Natur so gemacht, dass auch die Hoden da bleiben, wo sie sind. Und bis heute gibt es nicht wirklich den medizinischen Beweis, dass bei intersexuellen Frauen dann die Hoden auch entarten, wenn sie im Bauchraum bleiben. Ich meine OK, wie auch, wenn 90% der Frauen alle operiert sind?

Vor zwei Jahren fand Steffi die Selbsthilfegruppe unter www.xy-Frauen.de im Internet: endlich Frauen, die ein ähnliches Schicksal hatten wie sie. Steffi bezeichnet sich selbst als Zwitter. "Das böse Z-Wort", sagt sie lächelnd. Viele Intersexuelle mögen das nicht. Aber sie findet es für sich richtig, auch weil andere sich etwas darunter vorstellen können.

Bis 25 hatte sie eine Beziehung zu einem Mann. "Da war ich schwul", sagt sie. Jetzt lebt sie mit einer Frau zusammen - also in einer "heterosexuellen Beziehung".

Ich war ein kräftiges Kind. Ich war groß mit großen Augen. Und jeder, der in den Kinderwagen guckte, sagte: "Oh hast Du einen schönen dicken Jungen da im Wagen!" (lacht) Was meine Mutter dann immer natürlich auf die Palme gebracht hatte und: Nein! Das ist ein Mädchen!

Freya ist auch heute noch kräftig - mit roten Wangen und einem runden, sehr weiblichen Körper. Als Kind war sie "ein richtiger Rabauke", wie sie sagt. In der Pubertät bekam sie Brüste, aber die Regel blieb aus. Der Gynäkologe stellte fest, dass sie eine rudimentäre Gebärmutter hat und keine Eierstöcke. Freya wurde nur mitgeteilt, dass sie keine Kinder kriegen könnte. Erst später erfuhr sie, dass sie einen XY Chromosomensatz hat und an CAIS leidet, an kompletter Androgen Resistenz - wie auch die Schwestern der Mutter. Ein Familiengeheimnis: der Gendefekt vererbte sich. Mit 17 lernte Freya ihren Mann kennen. Drei Jahre später heirateten sie. Dann bekam sie plötzlich eine Blutung.

Eigentlich hatt ich mich gefreut, als ich diese Blutung hatte. Ich war da mit so einem positiven Gefühl hingegangen. Ich hab gedacht: "Die ham sich geirrt." Mein Uterus wäre gewachsen. Ein ganz tolles Gefühl: "Die ham sich alle geirrt. Jetzt kannst Du eventuell sogar Mutter werden!"

Es folgte darauf der blanke Horror.

Ich bin dann ins Krankenhaus, und man hat mich untersucht. Es ham mich insgesamt im Minimum - ich hab ne Zeitlang mitgezählt - bis zu 27 Ärzte warn's wohl, also, 25 hab ich gezählt, und dann hab ich's aufgehört zu zählen, die mich alle vaginal, anal untersucht haben. Ich hab nackend vor denen gestanden. Jeder musste das noch mal sehen. Die liefen in Scharen zusammen, und ich war auf einmal nicht mehr in der Lage mich da zu wehren.

Diese Situation rief ihr eine andere Traumatisierung in Erinnerung: sexuelle Übergriffe durch zwei ihrer Onkel mit 10 und 11 Jahren. Dann sagte ihr der Arzt, sie habe das falsche Geschlecht.

Ich war ne verheiratete Frau, und ich lebte in einer ganz normalen heterosexuellen Beziehung für mich, und dann sagt man mir: "Du bist gar keine Frau. Du bist ein Mann." Das war unerträglich. Mir ging durch den Kopf: "Was soll ich meinem Mann sagen? Wie soll es weitergehen, und ja, ob ich überhaupt noch leben möchte. Geh ich überhaupt noch nach Hause?" Also, dieser Suizidgedanke war sehr sehr nahe. Also, da war ich am Ende... .

Später eröffnete man ihr, dass sie Hoden hatte. Mit 25 Jahren ließ Freya sie entfernen, weil man ihr Krebsangst machte. Nach der Operation fühlte sie sich "leer" und wie kastriert. Mit der Hormontherapie als Ersatz für ihr körpereigenes Östrogen aus den Gonaden kam Freya nie zurecht. Außerdem setzte sie "Kastratenspeck" an, wie sie sagt.

Als sie die Selbsthilfegruppe der XY-Frauen kennenlernte, "kam die Wiedergeburt" so erzählt sie strahlend. Die 48-jährige ehemalige Bankkauffrau machte eine Therapie, wurde Künstlerin, brach die Östrogentherapie ab und begann Testosteron zu nehmen. Sie nutzt jetzt ihre männliche Energie, um für das "Recht auf körperliche Unversehrtheit" zu kämpfen und für die Anerkennung eines dritten Geschlechts.

Sie lag im Brutkasten, und habe immer gedacht: "Ist das nun ein Mädchen? Oder ist das ein Junge?" Das war sehr seltsam. Und ich hatte dann auch erfahren, dass sie möglicherweise keine inneren Geschlechtsorgane hat, dass sie möglicherweise keine Scheide hat, keine Gebärmutter, keine Eierstöcke. Und ich weiß noch: ich war dann spazieren in der Stadt und sah so ein Pärchen, 17, 18, eng umschlungen, und hab dann so gedacht: "Wird sie das jemals erleben können?" Also, da war so ne große Traurigkeit erstmal da. Aber dann hat der Alltag mit all den Problemen, Krankenhaus, ihren vielen kleinen Krankheiten, die sie hatte, hat einfach das wieder weg gedrückt. Da hab ich mir auch selber gesagt: "Das is nich akut."

Katharina Mayers Tochter kam per Kaiserschnitt auf die Welt und hatte verschiedene "Schwierigkeiten", unter anderem konnte sie nicht atmen. Als man ihr sagte, die Tochter habe einen männlichen Chromosomensatz, war das ein Schock für sie. In der Universitätsklinik Lübeck, die spezialisiert ist auf Hermaphroditen, wurde festgestellt, dass ihre Tochter keine Vagina hatte und eine sehr große Klitoris. Man riet der Mutter, das so zu belassen, in der Pubertät könne man weiter sehen. Katharina Mayer hatte Glück: ihre Tochter wuchs unbehelligt auf - bis zum Kindergarten.

Da hatten die so Toiletten mit so Art Saloon Türen davor, so Schwingtüren, die man auch nicht abschließen konnte. Und da ham das wohl Kinder aus dem Kindergarten mitbekommen. Und wenn sie zur Toilette ging, wurde sie gehänselt: "Du hast ja einen Penis!" oder "Du hast ja einen Pimmel." Und da wurde es dann wirklich zum Problem.

Die Fünfjährige litt unter den Hänseleien und wollte operiert werden. Die Spitze der Klitoris mit ihrer hohen Empfindungsfähigkeit blieb bei der Operation erhalten, nur der Mittelteil wurde herausgenommen. Die Tochter empfand das - trotz Schmerzen - als Befreiung.

Doch jetzt haben ihre Klassenkameradinnen die Regel, sie aber nicht. Die Zwölfjährige sagt ihnen "Ich bin mit allem später dran. Wahrscheinlich kriege ich meine Tage erst mit 18." Sie nimmt weibliche Hormone, und der Busen wächst.

Eine Neovagina möchte sie zurzeit nicht. Für sie ist es wichtiger, sich die abstehenden Ohren operieren zu lassen. Seit zwei Jahren fahren Mutter und Tochter alle vierzehn Tage nach Berlin zur Therapie bei dem Psychologen Knut Werner-Rosen. Er ist der einzige, der sich mit Hermaphroditen befaßt. Katharina Mayer war kürzlich auf einem Kongress über Intersexualität. Dort wurde ihr bewusst, dass die Operation ihrer Tochter auch etwas zu tun hat mit Klitorisbeschneidung.

Im Nachhinein würde ich mir wünschen, dass ich's rückgängig machen könnte und ihr sagen könnte: "Nee, das lassen wir mal. Lass es lieber! Lass sie reden! Lass sie dumme Sprüche machen! Du bist so wie Du bist, und das ist OK." Ich würde heute sagen: "Lass uns durch diese blöde Kindergartenzeit durchgehen! Wir sprechen mit den Erzieherinnen und sagen: Macht bitte keine dummen Sprüche und lasst es nicht zu, dass die Kinder sich in dieser Form äußern." Aber leider war damals in dem Kindergarten das sogar so, dass sie einmal musste sie ohne Unterhose laufen. Und das ist nicht gut gelaufen.

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