Kompass
Kompass • Blicke in die Gesellschaft
Montag bis Freitag • 14:40
10.2.2005
Unter uns Pastorentöchtern
oder: Was zeichnet Pfarrerstöchter aus?
Von Stefanie Pütz

Wohl die bekannteste Pastorentochter: Angela Merkel. (Bild: AP)
Wohl die bekannteste Pastorentochter: Angela Merkel. (Bild: AP)
Woher wissen wir eigentlich, dass das vielbesungene Ännchen von Tharau eine Pfarrerstochter war? Oder die Mutter von Friedrich Nietzsche? Oder Henriette Tiburtius, die erste deutsche Zahnärztin? Wir wissen es zum Beispiel aus dem Buch "Deutsche Pfarrerstöchter", in dem ein Familienforscher das Wirken dieser Frauen nachgezeichnet hat. Ein Buch über die Töchter von Schreinern oder Ingenieuren hat dagegen noch niemand geschrieben.

Wie erklärt sich diese besondere Aufmerksamkeit? Wird eine Frau allein dadurch interessant, dass sie von einem Pfarrer gezeugt wurde? Die 33-jährige Margit hat diese Frage lange Zeit mit "ja" beantwortet.

Margit: Ich glaube, früher habe ich einfach gedacht, ich denke, das ist auch was Pfarrer von sich selber denken, dass sie halt so den direkteren Draht zu Gott haben und von daher auch auf dieser Erde eine besondere Stellung haben, und ich als die Tochter des Pfarrers dann natürlich auch. Mir war das auch lange nicht bewusst, dass ich so denke. Das ist mir eigentlich erst viel später bewusst geworden. Als mir dann irgendjemand mal sagte, du bist gar nix Besonderes (Lachen).

Imke, 65 Jahre alt, berichtet vom umgekehrten Fall: Ihr wurde eher von außen signalisiert, dass man sie für etwas Besonderes hält.


Imke: Es war insofern zeitweise schwierig, dass die Dorfkinder nicht zu uns ins Haus mehr kamen. Weil wir angeblich was Besseres waren. Wir sind auf höhere Schulen gegangen, dadurch gab es schon die Trennung, und weil mein Vater eben Pastor war. Ich fand das blöde, ausgesprochen blöde. Ich war doch nichts Besseres. Ich war doch genauso doof oder nicht so doof wie die. Das war doch gleich. Das haben unsere Eltern uns auch sehr gut beigebracht, dass wir nichts Besonderes sind.


Pfarrerstöchter müssen sich mit hartnäckigen Vorurteilen herumschlagen, angefangen damit, dass man grundsätzlich davon ausgeht, sie hätten eine unbeschwerte Kindheit erlebt - eingebettet in Harmonie und Gottvertrauen, abgeschirmt von allen Übeln dieser Welt. Und tatsächlich hört man Geschichten, die wunderbar in dieses Klischee hineinpassen. Zum Beispiel von der 46-jährigen Bettina, die mit fünf Geschwistern in Sachsen-Anhalt aufgewachsen ist.

Bettina: Also wir wohnten in einem sehr großen, alten Pfarrhaus oben auf dem Berg und blickten so auf die Stadt, und was morgens immer so zum Ritual gehörte war, im Bett der Eltern haben wir uns alle getroffen, und es wurde, wie das in vielen Pfarrhäusern üblich war, eine kleine Andacht gehalten, zu der sowohl das Singen gehörte als auch das Gebet und die Lesung des Tagestextes. Was für uns Kinder, je älter wir wurden, auch ein bisschen absurd war, aber das gehörte so zum Morgenprogramm, die ersten zehn Minuten des Tages im Ehebett unserer Eltern, uns da zu treffen.


Eine Insel der Seligen, könnte man meinen. Auch die anderen Befragten berichten von wohliger Geborgenheit und einer fröhlichen Atmosphäre in ihrem Elternhaus. Besonders als kleine Kinder haben sie es genossen, dass ihr Vater einen Teil seiner Arbeit zu Hause erledigte und dadurch sehr präsent war. Doch anders als viele vermuten, dringt die reale Welt zuweilen sehr fordernd in die vermeintliche Pfarrhaus-Idylle ein. Margit, die aus einer westfälischen Kleinstadt stammt, empfand dies vor allem während der Pubertät als große Belastung.

Margit: Ich meine, gut, solche Sachen wie Anrufe von Selbstmördern dann entgegennehmen, die dann sagen, ja, ich springe gleich von der Brücke, und du bist da dreizehnjährig und weißt überhaupt nicht, was du dem antworten sollst, das ist dann auch wieder eine andere Sache. Aber, ach, immer dann Telefondienst, dann aufschreiben, weiterleiten, dann Türdienst, die Penner, die halt immer vorbei kamen, Butterbrot schmieren, und auch da wieder Gespräche und so was, also das war manchmal dann schon nervig, vor allem in den Streitphasen mit den Eltern.

Trotz der verbreiteten Abkehr vom christlichen Glauben halten viele Menschen einen Pfarrer für eine moralische Instanz. Sie erwarten, dass er christliche Werte wie Mitmenschlichkeit und Aufrichtigkeit nicht nur predigt, sondern auch lebt. Die Glaubwürdigkeit eines Pfarrers hängt allerdings auch von seinen Kindern ab. Denn die werden als lebende Beweise dafür betrachtet, ob er seinen eigenen Ansprüchen gerecht wird oder nicht.

Margit: Ich wollte schon immer so einen guten Eindruck auch bei den Leuten hinterlassen. Ich glaube, das ist auch was, was bei vielen Pfarrerstöchtern dann auch weiterwirkt. Wobei ich dann natürlich auch in meiner rebellischen Zeit dann so mit 15, 16, ich dann auch immer drauf geachtet habe, dass ich ja nichts Gebügeltes an habe, sondern alles musste ganz knittrig aussehen, damit sich die Leute auch schön ordentlich ärgern können.

Imke: Wir sollten immer nett und adrett sein.

berichtet auch Imke, die mit acht Geschwistern in einem ostfriesischen Dorf aufgewachsen ist. Und hat sie dieses Gebot befolgt?

Imke: Ach. Nix. Wir haben mal unseren Nichten und Neffen erzählt, was wir früher gemacht haben. Da hat eine Nichte ganz empört zu ihrer Mutter gesagt, ihr wart ja kriminell. Wir haben mit Munition geschossen. Und einer hat das dann mal ins Gesicht gekriegt. Ja, wir sind ja Kriegsprodukte und Nachkriegskinder, das lag ja überall rum. Allerdings haben wir das dadurch gelernt, dass wir das lieber nicht noch mal tun.

Eine besonders prekäre Angelegenheit scheint das Sexualleben einer Pfarrerstochter zu sein - zumindest in den Augen ihrer Beobachter. Wie kaum eine andere Frau scheint sie sich als Symbol für christliche Askese zu eignen. In Gedichten, Romanen und Filmen taucht sie immer wieder als personifizierte Unschuld, als Inbegriff von Sittsamkeit auf.

Den Berichten der realen Pfarrerstöchter zufolge ist es aber - wie in allen anderen Familien auch - eher eine Generationenfrage, wie streng oder freizügig ihre Erziehung in puncto Sexualität war. Dennoch scheint das Bild der züchtigen Pfarrerstochter fest in unserem kulturellen Gedächtnis verankert zu sein. Allerdings betrachten Männer ihre vermeintliche Keuschheit nicht mehr als unüberwindbar.

Margit: Wenn ich das so bewusst eingesetzt habe, dann habe ich meistens eine recht überraschte Reaktion bekommen. Aber in Richtung freudig überrascht. Also es war jetzt nicht, dass die irgendwie sich dann gleich zurückgezogen hätten, sondern im Gegenteil. Das war schon interessant für sie, und es hat sie auch gereizt.

Bettina: Also bei Männern war ich sehr begehrt als Pfarrerstochter. Also zwischen sechzehn und achtzehn, ich war damals in Jena, und das war ja eine Uni-Stadt- ich wurde sehr umworben. Und ich hatte etwas, was für DDR-Mädchen in dem Alter nicht so typisch war, dass ich auch was sehr Romantisches noch hatte. Und das hat Männer auch sehr fasziniert.

In der DDR bildeten aktive Christen eine Minderheit. Da die Kirchen als einzige Institutionen nicht gleichgeschaltet waren, formierten sich in ihrem Umfeld immer wieder Opposition und Widerstand. Die meisten Pfarrer und ihre Familien standen den staatlichen Organisationen ablehnend gegenüber. So war Bettina als einziges Kind in ihrer Klasse nicht Mitglied der FDJ.

Bettina: Was das Schwierigste für mich immer war, nicht dazu zu gehören. Es gibt so eine Situation, an die ich mich erinnere, wir hatten ja immer Fahnenappell, also am Wochenanfang, montags, war das erste in der Schule der Fahnenappell, wo alle Jungpioniere und alle FDJler in Reih und Glied standen, und wir Geschwister alle ohne Blauhemd oder ohne das Pionierhemd und das Pionierhalstuch, und ich hatte meine schönste Bluse angezogen, und wir hatten ja nicht viel zur Auswahl, eine zartrosane Bluse. Und mein Klassenlehrer, den ich sehr mochte, der sagte dann zu mir beim Antreten: "Eine Dorne unter so vielen Rosen". Und das hat mich total verletzt, das hat mich so gekränkt. Das hat mich jahrelang verfolgt.

In ihrer Jugend träumte Bettina davon, einmal Ärztin oder Psychologin zu werden. Doch obwohl ihre schulischen Leistungen sehr gut waren, wurde sie nicht zum Abitur zugelassen. Erst nach der Wende konnte sie sich den Traum zu studieren erfüllen. Sie entschied sich für die Fächer Sozialpädagogik und Sozialarbeit und arbeitet heute in einem Brandenburger Frauenzentrum. Die 65-jährige Imke ist Krankenschwester und Logopädin. Damit bestätigen die beiden ein gängiges Vorurteil - ebenso wie ihre Geschwister.

Imke: Wir sind alle in irgendwelchen sozialen Berufen tätig geworden, ne. Lehrer, Arzt, Kapitän, Kindergärtnerin, Krankenschwester, Diakon, Säuglingsschwester, Lehrer, Pfarrer. Wir können eine ganze Gemeinde versorgen, ist alles da (Lachen).

Bettina: Einer meiner Brüder ist Arzt geworden, einer Pfarrer, eine Schwester ist Physiotherapeutin, die andere Krankenschwester. Ich denke, das ist wirklich eine Gabe, die wir da auch mitbekommen haben, und ich empfinde mich auch als reich beschenkt, muss ich schon sagen.

Margit arbeitet als einzige nicht in einem sozialen Beruf. Sie hat Kunstgeschichte studiert und schreibt zurzeit an ihrer Dissertation - über den Marienkult des Mittelalters. Wobei ihr Interesse für Kirchengeschichte ein rein wissenschaftliches ist, sagt sie. Durch den Einfluss ihrer Mutter, die Religionslehrerin und feministische Theologin war, hat Margit sich schon früh vom kirchlichen Gott abgewendet.

Margit: Wo mir einfach plötzlich klar war, wieso bete ich eigentlich zu einem Mann, wo doch meine engsten Bezugspersonen Frauen sind. Ich würde nur meiner besten Freundin oder meiner Schwester oder meiner Mutter ganz intime oder private Dinge erzählen, aber nie irgendeinem Mann. Und dann wurde mir plötzlich klar, das mache ich in jedem Gebet. Und plötzlich ist mir klar geworden, dass ich das so überhaupt nicht will und auch nicht vertreten kann. Und da habe ich in der Kirche keinen Platz für mich mehr gefunden.

Bettina: Aber ich hatte immer gesagt, ich heirate nie einen Pfarrer. Das wäre das allerletzte gewesen. Und der erste Mann, der mich wirklich zutiefst begeistert hat, ist ein Pfarrer gewesen (Lachen), mein jetziger Mann.

Bettina ist seit 25 Jahren mit einem Pfarrer verheiratet. Die private Nähe zur Institution Kirche bedeutet für sie allerdings nicht Kritiklosigkeit. Im Gegenteil. Von Anfang an hat sie sich geweigert, die traditionelle Pfarrfrauenrolle zu spielen und sich nur um ihre Familie und die Gemeinde zu kümmern. Und auch in ihrer Berufstätigkeit macht sie einen großen Bogen um kirchliche Einrichtungen. Zu häufig hat sie beobachtet, dass Menschen dort klein gehalten und gedemütigt werden, sagt sie. Imke hat durch ihre beruflichen Erfahrungen ebenfalls eine skeptische Haltung zur Kirche entwickelt.

Imke: Wenn man manchmal hintenrum guckt, ist es nicht alles so erfreulich. Sag ich es mal so rum. Wobei ich ganz sicher sehe, dass da auch ganz gute Arbeit geleistet wird, ne.

Eines steht fest: Mit dem Klischee einer weltfremden Betschwester haben die drei Pfarrerstöchter nicht einmal entfernte Ähnlichkeit. Vielleicht kann man daraus den Schluss ziehen, dass gerade die Atmosphäre in einem Pfarrhaus besonders wache und kritische Geister hervor bringt. Und vielleicht ist das auch der Grund dafür, dass die Frauen trotz aller Kritik eine gewisse Anhänglichkeit an die christlichen Traditionen zeigen.

Imke: Heiligabend war ich in der Kirche (Lachen).

Margit: In die Kirche gehe eigentlich nicht mehr, nur zu Weihnachten. Wobei ich sagen muss, dass ich schon fast jeden Sonntag mir im Radio den Gottesdienst anhöre. (Lachen) Mittlerweile wieder. Meistens ist es dann eh so, dass ich mich fürchterlich aufrege über die Predigten, die man da zu hören kriegt, weil ich mir denke, mein Gott, diese Pfarrer sind doch alles studierte Leute, wie kann man denn so einen Unsinn erzählen, ja. Aber es macht mir schon Spaß, mir das anzuhören.

-> Kompass
-> weitere Beiträge