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11.2.2005
Kinder von Karriereeltern
Von Stephanie von Oppen

Wie viel Zeit bleibt neben dem Job für die Kinder? (Bild: AP)
Wie viel Zeit bleibt neben dem Job für die Kinder? (Bild: AP)
Kinder kosten die Karriere oder aber: Karriere - das geht nur auf Kosten der Kinder. So denken viele und entscheiden sich für das eine oder das andere. Besonders bei Akademikern in Deutschland geht die Angst um, Kinder könnten das Ende des beruflichen Aufstiegs bedeuten. Mehr als 40 Prozent der Frauen mit Universitätsabschluss bleiben heutzutage kinderlos. Auch bei Männern steigt der Anteil der Kinderlosen. Es gibt aber auch andere Beispiele: Beruflich erfolgreiche Ehepaare, die auf den Nachwuchs keineswegs verzichtet haben. Wie blicken die Sprösslinge von "Karriereeltern" auf ihre Kindheit zurück?

Tanja Ziegler: Es gibt eine Geschichte da hat sie mich vor der Schule abgeholt und da hatte sie einen Wahnsinns-Hut, einen Hut mit einer riesigen Feder drauf und ich dachte nur oh Gott, da kommt meine Mutter, sie war sehr bunt und sah sehr wild aus und alle sagten guck mal wer ist das denn? Das ist meine Mutter.

Ulrich Schöntube: Ich erinnere mich, dass ich mal im Klinikum Buch da übernachtet habe, weil meine Mutter eben Nachtdienst hatte und da gab es früher diese schwarzen Telefone und die läuten unheimlich laut. Sie hatte ein Kissen darüber gedeckt und es schellte die Nacht und es war barbarisch laut und wir sind natürlich aufgewacht.

Daniel Limbach: Ein Kindermädchen, das tief in den siebziger Jahren verwurzelt war mit Flokatiteppich und Gitarre an der Wand, war wesentlich cooler zu Hause zu haben als die Mutter in der Schürze.

Annica Jürgens: Wenn ich krank war, durfte ich auch mal mit ins Büro und bei meiner Mutter bleiben statt zu Hause, aber Versuche, dass sie hier bleibt, habe ich nie gemacht, ich habe nur mal vorgeschlagen wie wär's, wenn du nur vormittags arbeitest, wenn wir in die Schule gehen.

Wenn Töchter und Söhne von "Karriere-Eltern" auf ihre Kindheit zurück blicken, dann gibt es eine Gemeinsamkeit: Sie sprechen viel von ihren Müttern.

Judith Diwell: Ich habe das gar nicht so empfunden, dass die so wenig zu Hause waren, ich war mit meinen Schwestern in einem Kindergarten, den meine Mutter mit auf die Beine gestellt hat, zehn Minuten von unserem Haus und da es keine Kindergartenplätze gab, haben sich mehrere Frauen zusammengetan und einen Kindergarten gegründet und später war das so nach der Schule bin ich auch noch 'ne zeitlang in einen Kindergarten gegangen. Es war ziemlich schnell, dass wir nach der Schule nach Hause gegangen sind und dadurch, dass ich zwei Schwestern noch habe, war das nie so, Schlüsselkind läuft alleine in die leere Wohnung, das ging halt gut und dann haben wir uns was zu Essen gekocht oder meine Mutter hatte das schon am Morgen gemacht und dann war das ganz witzig. Ich glaube, wir fanden das eher gut, dass wir so alleine waren und dann heimlich Fernsehen geguckt und so also ich habe das nicht als großartigen Verlust empfunden.

Die Studentin Judith Diwell ist 23 Jahre alt. Ihre Mutter ist Präsidentin des Deutschen Juristinnenbundes, der Vater Staatssekretär im Bundesinnenministerium.
Daniel Limbachs Vater ist Bundesbeamter in Bonn. Die Mutter war Berliner Senatorin für Justiz und Vorsitzende des Bundesverfassungsgerichtes in Karlsruhe. Heute ist Jutta Limbach Leiterin des Goethe Instituts. Um ihre drei Kinder hat sich früher ein Kindermädchen gekümmert, erzählt der Sohn Daniel Limbach.

Daniel Limbach: Die war Ansprechperson für die seelischen Nöte und dadurch, dass sie nur zehn oder 15 Jahre älter war als wir, war sie uns eigentlich auch wesentlich näher, meine Mutter war schon als Schülerin und Studentin sehr ehrgeizig und mit jemandem, was ja auch seelisch sein kann, über schulische Nöte zu reden, war dann mit jemandem wie den Kindermädchen, die nicht unbedingt immer die besten Schülerinnen waren, dann wesentlich angenehmer und verständnisvoller, so hat sich das aufgeteilt.

Annica Jürgens: Ich hatte dann mehr Bindung zu meinem Kindermädchen, also die war halt da und ich konnte ihr alles erzählen. Wie es in der Schule war. Wenn man Kostüme brauchte, hat sie mir das gemacht, meine Mutter war mir nicht weniger wichtig, aber das Kindermädchen hat mit mir mehr Zeit verbracht als meine Mutter und das ist immer noch so.

Annica Jürgens ist 15 Jahre alt. Sie hat vier jüngere Geschwister. Beide Eltern arbeiten in einer erfolgreichen Rechtsanwaltskanzlei.
Tanja Zieglers Mutter hat eine renommierte Produktionsfirma aufgebaut.

Tanja Ziegler: Ich habe meine Mutter entweder frühmorgens oder abends gehabt und die Zeit, die sie da war, haben wir immer gespielt, klar es gab es auch, dass ich, wenn ich das bei meinen Freundinnen gesehen habe, gedacht habe, warum meine Mutter nicht immer zu Hause war, sie hat mir dann erklärt, dass sie einen Job hat, den sie gerne macht und da auch was aufbaut, dann war das O.K.

Ulrich Schöntube: Wir sind aufgewachsen, mein Bruder und ich in einem Plattenbau, wir haben in einem Zehn-Geschosser gewohnt und meine Eltern hatten ein sehr anstrengendes Berufsleben insofern als sie sehr viele Nachtdienste machen mussten und die betrafen auch das Wochenende, aber die haben es trotzdem hingekriegt, dass wir irgendetwas gemacht haben zusammen. Das haben meine Eltern von klein auf praktiziert, dass Abendbrot gegessen wird und früh auch das Frühstück, also diese Mahlzeiten, das waren ganz wesentliche Schnittpunkte so für gemeinsame Stunden. Am Tag und am Wochenende wurde raus gefahren oder in Ausstellungen gegangen und dann gab es ein Nachmittags-Kaffeetrinken. Mein Vater rauchte dann Pfeife, das sind so Stunden, so Familienstunden gewesen.

Ulrich Schöntube wuchs im Ostberlin der DDR auf und promoviert derzeit in Theologie. Sein Vater war Professor an der Berliner Charité, die Mutter leitet die Kinderklinik in Berlin-Buch. An klare Strukturen im Familienalltag mit ihren vollberufstätigen Eltern erinnert sich auch Judith Diwell.

Judith Diwell: Also später, auch wenn man keine Lust hatte, da musste gemeinsam gegessen werden und abends war das auch so, da war um sieben Abendbrot und da führte auch kein Weg dran vorbei und haben uns dann vom Tag erzählt. Und die Wochenenden sind so ein Ritual, also sonntags war und ist auch heute noch Familientag, da haben wir früher immer Ausflüge gemacht wir wurden gequält durch Radfahren und Laufen gehen und sonst irgendwas, aber es war schon echt schön und jetzt heute es so, dass wir den Sonntagabend, da treffen wir uns alle zusammen zum Essen und dann halt alle erzählen können was die Woche über war.

Bei den Limbachs ging das nicht, zu oft war die Mutter am Wochenende unterwegs. Das störte Daniel Limbach wenig. Druck bekam seine Mutter von anderer Seite.

Daniel Limbach: Wir wussten nur, wenn sie weg ist am Samstag dann gab es ein Paket mit Süßigkeiten und darauf haben wir uns auch gefreut, aber ich denke, es ist ihr sicher nicht leicht gefallen. Dem gesellschaftlichem Druck hat sie immer standgehalten, aber es ist natürlich schon unangenehm bei Elternsprechstunden in der Schule darauf angesprochen zu werden und gerade auf das Wort Mütterlichkeit reagiert sie dann allergisch, obwohl sie das sicherlich genauso hat wie andere Mütter auch.

Annica Jürgens: Meine Mutter ist so, ja Familie und so, sie ist aber auch voll fokussiert auf ihre Arbeit und dann fühlt man sich schon ein bisschen vernachlässigt und wenn man manchmal fragt, warum hast du dich nicht für die Arbeit entschieden und hast es mit den Kindern nicht sein lassen, ich meine mit einem Kind, aber es sind fünf Kinder, um die du dich auch kümmern musst, das ist son bisschen hmm. Ich habe schon oft darüber geredet, dass ich es scheiße finde, dass meine Eltern nicht zu Hause sind und vergessen, dass ich da irgendwie 'ne wichtige Aufführung habe oder sie kommen nicht zum wichtigen Tennisspiel. Ich sage denen in der Woche was und dann gehe ich zum Tennisspiel und sie fragt, wo gehst du hin, und ich sage, habe ich dir doch gesagt und dann gehe ich eben, weil ich denke, es ist nicht meine Schuld.

Tanja Ziegler: Ich habe dann auch begriffen, dass es Vorteile hat, ich konnte sehr früh schon eigene Sachen machen, einfach bei meinen Freunden sein, hatte so ein bisschen Freibrief, da hat mich keiner gefragt, ob ich denn meine Schulaufgaben gemacht habe, sondern ich habe sie dann gemacht, wenn es sein musste.

Daniel Limbach: Es hat einen natürlich angespornt, wenn die Mutter erfolgreich war und der Vater, das war dann auch das Modell, das wir uns für unsere eigene Zukunft vorstellten, wir waren natürlich auch stolz auf unsere Eltern und das wurde mir besonders bewusst, als unsere Mitschüler sich rechtfertigten dafür, dass sie eine Mutter hatten, die Hausfrau war.

Tanja Ziegler: Ich habe sehr früh begriffen, dass man viel arbeiten muss, um das zu schaffen, was man schaffen möchte. Ich habe nochmals die Chance gehabt zu studieren und es anders zu machen als jemand der mit 21 zum SFB ging, mit 28 sich selbständig gemacht hat, aber sie ist für mich ein großes Vorbild im Menschsein, Ich find die 'ne tolle Mutter.

Tanja Ziegler ist inzwischen gemeinsam mit ihrer Mutter Geschäftsführerin bei Ziegler Film und hat nun, mit Ende dreißig, selbst eine kleine Tochter.
Annica Jürgens, reich gesegnet mit Geschwistern, träumt manchmal davon, das einzige Kind zu sein. Noch geht sie an eine internationale Schule und will einmal studieren. Berufswunsch: Gerichtsmedizinerin - auf keinen Fall Rechtsanwältin wie ihre Mutter. Im Moment empfindet sie das Vorbild der Mutter eher als abschreckend.

Annica Jürgens: Ich will nicht wie meine Mutter werden und dann irgendwie im Büro arbeiten und nichts für meine Kinder tun, auch wenn ich denen helfen würde, indem ich den ganzen Tag arbeite und genug Geld bekommen, aber ich glaube, die Liebe zu den Kindern ist viel wichtiger als das Geld, und deswegen würde ich mich reduzieren bei der Arbeit und mehr für meine Kinder da sein.

Auch bei Daniel Limbach hat die Karriere-Mutter ihre Spuren hinterlassen.

Daniel Limbach: Wenn ich mir überlege, es ist tatsächlich so, dass in den Partnerschaften bei mir und meinen Geschwistern es auch wirklich jeweils der Fall ist, dass immer die Frauen die beruflich sehr stark engagierten sind - bei meiner Schwester sie selber, bei meinem Bruder und mir jeweils die Frau.

Judith Diwell: Ich kenne niemanden, der sagt, Karriere über alles und Familie hinten dran, da ist es wirklich so, dass bei mir zumindest eher die Leute alle sagen, mir ist die Familie wichtiger. An sich kann ich mir so ein Konzept wie meine Mutter es gelebt hat schon vorstellen, aber ich denke, es ist nicht mehr möglich in der Form. Natürlich habe ich den Ehrgeiz, mein eigenes Geld zu verdienen irgendwie und auch was zu leisten im Job, aber so wie die das gemacht hat, das würde ich glaube ich gar nicht hinkriegen.

Ulrich Schöntube: Das Leben hatte einen ganz klaren Rhythmus, und das ist wahrscheinlich so ein Punkt weswegen man heute denkt, das geht nicht mehr, weil viele Menschen denken, dass sie diesen Rhythmus nicht mehr haben. Ich glaube, das hat was mit der viel beschworenen Flexibilität zu tun, dass man in vielen Kontexten gleichzeitig was Tolles hinkriegen muss.
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