Kompass
Kompass • Blicke in die Gesellschaft
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14.2.2005
Wer schreibt noch Liebesbriefe?
Ein Kompass zum Valentinstag
Von Arna Vogel

Ein zärtlicher Kuss (Bild: AP)
Ein zärtlicher Kuss (Bild: AP)
Anette Runge: Für mich stellt sich die Frage gar nicht mehr. Ich weiß gar nicht mehr, was Liebesbriefe sind... Ich gehöre zu den Frauen, die vielleicht gerne Liebesbriefe bekämen, aber noch nie einen erhalten haben.

Gregor Mirwa: Es gab eine Weile, da habe ich so genannte Libbesgedichte geschrieben, wo ich sozusagen über den Begriff der Liebe gespottet habe, wahrscheinlich, weil ich auch unerfüllt geliebt habe, ich weiß es nicht.

Miriam: Also man redet da nicht so großartig drüber über Liebesbriefe.

In den Momenten größter Leidenschaft versagt uns die Sprache oft ihren Dienst. Wir werden rot, stammeln und bringen kaum ein Wort über die Lippen. "Je t´aime" oder "I love you" klingen dann wie Floskeln und verbreiten so viel Charme wie eine abgeleierte Langspielplatte.

Monira: Ich glaub, der schlimmste Liebesbrief, ist der erste, den man immer kriegt, in dem steht: Willst du mit mir gehen? Kreuze bitte an: ja / nein / vielleicht.

Ein Liebesbrief ist vermutlich die schönste Form, Worte aneinander zu reihen. Zumindest die mit weitem Abstand emotionalste. Und damit fangen die Probleme auch schon an: Wie formuliert Frau oder Mann einen Text, der nicht gleich in den Sprachgebrauch von Kitschromanen abdriftet? Zum richtigen Liebesbriefschreiben braucht es gewiss etwas Übung. Noch mehr aber den Mut zum Bekenntnis.

Monira: Also ich schreibe selber sehr gerne Liebesbriefe, nicht oft, und hab selber gemerkt, dass ich in bestimmten Situationen schreibe, wenn Klärungsbedarf ist oder wenn ich den Eindruck habe, dass grade in der Beziehung zum Beispiel eine bestimmte Phase eingetreten ist, wo man so den Alltag vor sich herlebt und so die wichtigen Sachen nicht mehr gesagt werden, kaum Zeit dafür da ist oder kaum Raum, und dann finde ich, dass Schreiben eine ganz schöne Form ist, weil ich einfach weiß, der andere freut sich drüber, weil ein Liebesbrief meistens auch überraschend kommt und es auch eine gewisse Form von Offenbarung ist.

Anette Runge: Ich habe schon welche geschrieben, aber nie abgeschickt. Aus Furcht vielleicht oder aus Stolz, so intime Gedanken abzuschicken, ohne eine sofortige Reaktion zu bekommen. Man muss ja die Distanz zwischen dem Abschicken des Briefes und der Antwort aushalten und diese Geduld ist mir nicht gegeben. Deshalb hat vielleicht niemals jemand geschrieben.

Nicht jeder ist darin geübt, seine Gefühle zu Papier zu bringen. Zahlreiche Ghostwriting-Agenturen haben diese Marktlücke entdeckt und bieten ihre Dienste für 30 bis 300 Euro im Internet an. Unter Slogans wie "Love Letter - Der Schlüssel zum Glück" oder "Liebesbriefe können Leben verändern" versprechen sie, sich der bzw. dem Liebsten ins Herz zu schreiben. Diskretion und Anonymität garantiert. Beim Liebesbriefgenerator Evita-Love-Amor zum Beispiel hat der Kunde unterschiedliche Stile für sein individuelles Bewerbungsschreiben zur Auswahl: "Zaghaft", "Dezent" oder "Express" und "Frech":

Claudia!
Hey, du Liebesbombe! Gerade hatte ich einen Kurzanfall von Sehnsuchtszittern und musste dabei unwillkürlich an dich denken, und daran, wie du beim m@ilen aussiehst. Ich habe große Lust, einfach alles zu berühren. Wann gehen wir endlich zusammen rumflippen? Honeypie, bitte betöre mich und schreib mir heiße Liebesbriefe! Ich möchte lustvoll in Edel-Champagner mit dir baden. Dein linkes Ohr setzt ungeahnte Fantasien in mir frei.
Bis ganz bald, mein knackiger Feger.
Es begehrt dich dein Tiger Gerald


Seit dem Einzug von PC und Internet in jeden Haushalt ist der schriftliche Austausch wieder populärer geworden. Die Dynamik des Mediums hat auch die Sprache verändert. Im Unterschied zum Brief entfällt bei der E-Mail der Zwang zu einem bestimmten Stil und zu wohl formulierten Sätzen. Man schreibt wie man spricht und pendelt spielerisch zwischen verschiedenen Ebenen, zwischen Dialog und Monolog. Das baut Hemmungen ab.

Rainer: Ja, sie und ich mochten beide mit diesem Medium E-Mail zu spielen, das praktisch ganz in dem Sinne zu nutzen, wie man eben früher einen Brief geschrieben hat. Hat sich dann weiter ergeben, dass man, indem da diese neutrale Computerschrift ist, da kann man alle möglichen Figuren auf einmal annehmen, alle möglichen Rollen und damit haben wir wahnsinnig zu spielen angefangen, was extrem prickelnd werden konnte. Eben wegen dieser Uneindeutigkeit der Aussage in dem Spielen mit historischen Briefstilen, klassischen Liebesbriefen und großen Szenen, Liebesszenen des Theaters und solchen Dingen.

Die modernste Form der romantischen Korrespondenz ist zweifellos die Liebesbotschaft über Mobiltelefon. Ob auf der Strasse, im Büro oder Cafe - per SMS lässt sich überall und zu jeder Zeit eine Herzensbotschaft versenden, mit angehängter Klangfile und Bilddatei.

Alexe: Ja ich hab damals mit einem Ex-Freund von mir Liebesbriefe sozusagen über SMS ausgetauscht, weil wir halt in so 'ner blöden Situation waren, er lebte halt in Hamburg, ich in Berlin. Ja also, er wohnte am Rande von Hamburg, er war mit 'nem Wagen unterwegs, hat darin gewohnt, hatte also keinen Festnetzanschluss, wir konnten also nicht vernünftig telefonieren. ... Das ist halt noch mal so 'ne ganz andere Ebene wieder als jetzt E-Mail oder so, weil in der SMS hast du nur ganz wenig Raum was zu sagen, das heißt, du musst dann ziemlich konkret werden. Da hast du eigentlich genau dieses "Ich liebe dich" viel, viel eher auf den Punkt gebracht. Du denkst eigentlich nicht drüber nach, ich glaub', das ist der Unterschied, also die SMS empfinde ich als eine extrem emotionale Mitteilungsebene, weil bei den Briefen jetzt auch über E-Mail oder so ist halt auch ganz viel Zeug zum Nachdenken, da musst du dich mit auseinandersetzen, du musst irgendwie nochmal reflektieren und beantworten usw. und es geht eigentlich irgendwie bei den SMS eigentlich weniger um die Antwort, da geht's mehr um die Message und um den Moment so, ist eigentlich ganz schön.

Mirwa: Ich habe einmal einen sehr langen Brief geschrieben, der war glaub ich über 30, 40 Seiten lang, auch der hat mir die Geliebte nicht zurück gebracht. Das ist vielleicht eine interessante Sache, dass das Bedürfnis, einen Brief zu schreiben an die Geliebte ... auch wenn sie sozusagen die ferne Geliebte ist oder die nicht mehr Geliebte ist, ist irgendwie meistens stärker als aus der Liebe heraus einen Brief zu schreiben.

Gregor Mirwa: Manchmal ist es auch so, dass man anonyme Briefe bekommt, die eine Dringlichkeit haben, der man schlecht entkommen kann. Wie zum Beispiel "cherie - take me now". Ausgeschnitten aus einer Pralinenpackung mon cherie …
Auch das ein Beispiel dafür, was passiert, wenn die Liebe entweder am Zerbrechen ist oder vorbei ist. Sie schreibt: "Du warst sehr lange sehr tief in mir und dort sind es einsame Plätze."


Lettre d´amour markieren die entscheidenden Stationen einer Liebe, von der ersten Liebeserklärung bis zum Abschiedsgruß. Gesprochene Worte sind flüchtig und vergänglich. Briefe sind noch da, wenn die Liebe längst erloschen ist. Doch nicht nur das Verfassen, sondern auch das Empfangen von Liebesbriefen will gelernt sein. Wie geht man zum Beispiel damit um, wenn das Begehren unerwünscht ist?

Anette Runge: Den ersten Liebesbrief, den ich erhalten habe, das erklärt vielleicht auch, weshalb ich nicht so auf Liebesbriefe stehe, das war in der sechsten Klasse. Ein von mir angebeteter Mitschüler hat doch die drei Worte Ich liebe Dich." auf einen offenen Zettel geschrieben und den zusammengefaltet zu mir schicken lassen. Alle Mitschüler hinter mir lasen ihn, und als er bei mir ankam, dachte ich, das ist ein böser, böser Scherz. Und habe seit dem diesen Jungen nie wieder angesehen, es sei denn nur über die kalte Schulter. Auf einem Klassentreffen, fünfzehn Jahre später sogar, stellt sich heraus, der Brief war echt. Es hätte eine so wunderbare Liebe sein können.

Liebesbriefe schreibt man in Schönschrift, auf rosa Papier oder mit dem Lippenstift, sie werden parfümiert, mit Herzchen, Kussmund oder Blumen verziert. Man schreibt mit der Feder, ritzt sie in Stein oder sprüht sie als Graffitti an die Mauerwand. Manchmal gibt es ihn auch als Gegenstand gemeinsamer Erinnerungen. Sehr beliebt ist seit Nick Hornbys Roman "High Fidelity" das aufwendig zusammengestellte Mixtape.

Monira: Also zum Beispiel Sachen, wenn ich merke, jemand hat mich genau beobachtet, jemand hat Eigenschaften von mir erkannt, jemand hat Situationen erkannt bzw. gehört, was ich sagen wollte, was nicht ausgesprochen wurde, also wenn dieses blinde Verständnis da ist ...

Ein Gesetz des Liebesbriefs scheint das ausgleichende Geben und Nehmen zu sein. Wer selber fleißig schreibt, bekommt auch viele Antworten. Die werden dann sorgfältig aufbewahrt, als kostbares Gut und innigstes Geheimnis, als Zeugen längst verflüchtigter Augenblicke.

Gregor Mirwa: Hab' heute noch mal... in meinen Briefen herumgestöbert und das war wie so eine Berg- und Talfahrt, so eine Achterbahnfahrt der Gefühle und der verpassten Chancen und der Dummheiten und einfach auch dem großen Glück, dem man einfach sehr nahe war, dass man einfach auch in den Händen gehalten hat.
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