Kompass
Kompass • Blicke in die Gesellschaft
Montag bis Freitag • 14:40
15.2.2005
Täglich die gleichen Gesichter
Früh im Regionalzug
Von Wolfgang Fabian

Täglich die gleichen Gesichter: Pendler bei der Bahn (Bild: AP)
Täglich die gleichen Gesichter: Pendler bei der Bahn (Bild: AP)
Stündlich fährt der Regionalexpress der Deutschen Bundesbahn von Lübeck nach Hamburg. In jedem Zug sitzen im Durchschnitt 500 Reisende. Ein Großteil davon Pendler, die in Hamburg zur Arbeit wollen. Jeden Morgen die gleichen Gesichter. Man kennt sich, obwohl man noch nie miteinander geredet hat. Gedanken und Vorstellungen sind verbunden mit dem Anderen gegenüber.

Der Sekundenzeiger der Uhr rückt systematisch vorwärts, erreicht die Zwölf, verharrt einen kleinen Augenblick. Schaut man ihm länger zu, möchte man ihn in diesem Moment anschieben. Dann springt endlich der Minutenzeiger erlösend eine Position weiter.

Fünf Uhr fünfundvierzig: Die ersten Gesichter zeigen sich oben an der Bahnhofstreppe. Es geht um die besten Plätze im Regionalexpress Richtung Hamburg.

Der beste Platz im Zug, das ist für jeden ein anderer. Man hat so seine Vorlieben, wie Gerd Murken:

Einen direkten Stammplatz habe ich nicht. Ich habe aber einen Wagen, einen Stammwagen, kann ich sagen. Und das liegt einfach daran, dass ich einen Wagen suche, in dem die normale Abteilaufteilung ist, wie früher in den Silberlingen. Ich sitze jetzt gerade in so einem. Der ist mir bequemer als die anderen Einzelsitze, diese Busform, die hier schon seit einiger Zeit auftaucht in den Zügen. Diese Wagen werden immer seltener, so einen suche ich eben, weil hier jeder rausgehen kann, ohne dass er den anderen stört. Bei diesen Zweiergruppen muss immer einer aufstehen, den anderen rauslassen. Hier kann sich jeder frei bewegen und der große Vorteil ist, dass es hier eine Kopfstütze gibt. Und das ist sehr angenehm.

Gerd Murken fährt diese Strecke jeden Tag. Er arbeitet beim Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie in Hamburg. Als Referatsleiter organisiert er dort den Innendienst. Bei seiner Wahl die Vierersitzgruppe mit zwei gegenüberliegenden Sitzreihen zu wählen sitzen ihm jeden Morgen andere Menschen gegenüber. Jeder Platz wird bald besetzt sein im Frühzug nach Hamburg.

Der Zug wird nachher, Reinfeld, Oldesloe ziemlich voll werden ... na ja, die Leute fahren eben zur Arbeit. Jetzt grüßen Sie schon ein paar Leute kennen sie die persönlich ? .... Ja., die kenne ich persönlich. Ich mach das jetzt über 30 Jahren. Das ist das Gute hier an dieser Fahrt, dass man hier Leute kennen gelernt hat, die man auch privat in Lübeck wieder trifft. Nach der Bundeswehrzeit bin ich nach Lübeck gezogen. Das war schon 1965/66. Und bei der Bahn bin ich 1971 angefangen, mit acht Jahren dazwischen im Fernverkehr, und seitdem fahre ich praktisch jeden Tag diese Strecke. Und daher kennt man sehr viele Leute. Das sind Reisende, ganz normale Reisende, die ganz einfach jeden Tag zur Arbeit fahren.

Uwe Davids ist der Zugchef im Regionalexpress nach Hamburg. An die 500 Menschen nutzen stündlich diese Strecke. Anders als Uwe Davids haben sie im Zug Zeit - eine dreiviertel Stunde liegt vor ihnen. Eine dreiviertel Stunde Nichtstun, Langeweile, eine dreiviertel Stunde geschenkte Zeit. Zum Beispiel für eine Verabredung mit sich selber.

Fahrgast Gerd Murken: Oft ist es so, dass der Zug schon da steht. Manchmal kommt er erst aus Kiel, dann steht man am Bahnsteig und wartet dann eben und guckt eben ob der Zug nun kommt, guckt die Mitreisenden an, die man meistens schon kennt vom Ansehen her. Ansonsten starrt man ein bisschen in die Gegend.

Uwe Davids, der Schaffner, arbeitet und er ist fleißig. Der Zug ist voll und er muss bis Hamburg durch sein, durch "seine" sieben Wagons.

Wie Gerd Murken sitzt Norbert Fritsch im Regionalexpress nach Hamburg. Jeden Morgen, fünfmal die Woche kommt er so zu seinem Arbeitsplatz in Hamburg. In Hamburg hat er einmal gewohnt. Seit sechs Jahren ist er jetzt in Lübeck zu Hause. Gerd Murken hat er nie kennen gelernt, denn sein Stammplatz ist das Raucherabteil.

Im Regionalexpress finden sich Gemeinschaften. Menschen, die der gleiche Weg jeden Morgen verbindet. Arnold Schröder und Jutta Spar gehören zur Clique. In der Vollbesetzung sind sie zu acht.

... hier kommen die nächsten …
Ja, wie lange kennen wir uns jetzt schon? Seit viereinhalb Jahren, seit fünf Jahre fahre ich ... ja, dann viereinhalb Jahre. Ja, wir sind einfach so ins Gespräch gekommen, weil wir da zusammen gesessen haben und man sieht sich jeden Tag.
... die beiden Mitreisenden, die kenne ich gut. Sehr sympathische Leute. Da kann ich nur bestätigen was Herr Schröder und Herr Fritsch gesagt haben.
... und das hat sich schon so eingebürgert, dass wir selbst nachmittags mit dem gleichen Zug zurückfahren.

Die drei haben mit der Kontaktaufnahme keine Probleme. Der volle Zug ist dabei kein Hindernis, im Gegenteil, meint Schaffner Uwe Davids:

Gerade wenn die Züge voller sind und da Platzmangel ist, da fragt der eine dann, darf ich mich dazusetzen. Da entsteht natürlich schon ein Gespräch.

Ja, das ergibt sich so. Man steigt das erste Mal als Pendler in einen Zug ein, nimmt sich vor ein Buch zu lesen. Und so nach 14 Tagen kommt man mit anderen Leuten ins Gespräch, selbst wenn man, ich sag mal, ein ganz ruhiger Typ ist oder so, wird man einfach in diese Clique reingezogen, ohne dass da irgendwelche Zwänge auftauchen oder so. Wenn jetzt einer reinkommt und hält einfach den Mund, dann ist das auch so. Man der hat schlechte Laune oder so! Man weiß, der braucht seine Ruhe heute.

Vor zwei Jahren haben wir bei Arnold dann ein schönes Fest gemacht, zum Sommerabschluss und so. Das ist eine ganz prima Angelegenheit.

Da Uwe Davids viele Reisenden kennt und in Lübeck auf der Straße trifft, ergeben sich auch für ihn als Schaffner viele private Gespräche.

Man kennt sich eben im Frühzug.

Ein ganz privater Kontakt hat ihn damals zur Bahn gebracht.

Davids: Da ich gelernter Bäcker bin und mein Nachbar Zugbegleiter war und mich das sehr interessiert hat, hat sich das mal so ergeben, das ich durch den Fußball zur Bahn gekommen bin. Ich bin damals von dem Vorsitzenden im ESV Hansa, das ist also der Eisenbahnersportverein. Dass der gesagt hat, pass auf, wir hätten da, wenn Du Lust hast eventuell einen Job für dich! Und so ist das mal 1971 entstanden. Die Zukunft, das konnte man damals schon sehen war nicht der Bäckerberuf.

Jeden Morgen geht er seitdem zum Zug. Der Ablauf ist vorgegeben. An erster Stelle steht die Sicherheit der 500 Reisenden.

Die acht aus der Clique um Norbert Fritsch gehören zusammen. Das ist allen, dem Schaffner, aber auch den Mitreisenden klar.

Fritsch: Da setzt sich auch keiner mehr hin. Wenn jetzt hier irgendwelche Leute kommen. Die wissen ganz genau, hier müssen wir zwei bis drei Plätze freihalten, weil die nächsten kommen oder so. Da muss man nicht sagen, hier ist besetzt oder reserviert. Irgendwo, wo frei ist, - bumms - wir sind nachher zu dritt oder zu viert, die Bank gehört uns, - fertig!

Der Pendlerverkehr funktioniert mit festen Regeln und Ritualen. Die fangen oft zuhause schon an. Jeder Morgen nach einem festen Schema.
Wie bei den dreien von der Raucherclique.

Ich steh sehr früh auf um viertel nach Vier. Muss aber erst um zehn vor sechs aus dem Haus. Versorge meine Katzen, koch mir Kaffee, setzt mich hin, guck das Fernsehgericht. Um fünf ist dann zu Ende. Dann sehe ich zu, dass ich in die Hufe komme.

Kaffeemaschine anstellen damit man seinen Kaffee hat, frühstücken, ab ins Auto bis zum Bahnhof und dann los.

Kaffeekochen für die Frau, Kaffee kochen für mich unter die Dusche und auf dem Fahrrad zum Bahnhof. Rein in den Zug fertig! Zigarette wird erst im Zug geraucht.

Ein Ritual für seine Fahrt im Frühzug hat auch Fahrgast Gerd Murken:

Nun bin ich ein ziemlich zurückhaltender. Ich konzentriere mich im Zug auf die Zeitung. Ich habe mir extra eine Zeitung bestellt, die ich morgens mitnehme und im Zug lese bzw. dass ich auch ein Buch lese. In den letzten Jahren ist es auch so, dass ich dann auch ein kleines Nickerchen mache im Zug.

Die Strecke Lübeck Hamburg gehört zur meist befahrensten Bahnstrecken in Deutschland. Auf zwei parallelen Gleissträngen schießen die Nachverkehrszüge und Güterzüge im Schnitt mit 80 Stundenkilometern aneinander vorbei. Meist ist die Strecke kerzengerade und es gibt viele Brücken. Ein Anziehungspunkt auch für Menschen, die sich das Leben nehmen wollen. Das kommt auch hier immer wieder vor.

In 35 Dienstjahren bei der Bahn macht man so seine Erfahrungen, meint Schaffner Uwe Davids:

Also ich habe das mit dem Personenunfall 15 Mal gehabt. Es gibt ja Personenunfall, ...wo die das von sich aus wollen ... und dann gibt es, ... ja ... wo das Unfälle sind. Also ich hab das ..., das ist jetzt zwei Jahre her ... . Die Reisenden mit dem Hund ..., die nach Berlin wollten, in den falschen Zug eingestiegen waren und die haben dann mit Gewalt die Tür geöffnet ... . Er hat es geschafft und die Frau ... .Sie ist tödlich verunglückt! Das belastet einen schon, weil das so unsinnig war. Man hätte nur eine Station zurückfahren können nach Reinfeld, aussteigen können und wäre auch nach Berlin gekommen. Das ist schon belastastend.

Trotz allem Uwe Davids fährt gerne diese Strecke, vor allem wegen der Menschen im Frühzug nach Hamburg.

Davids: Ja, das ist mittlerweile Routine. Sie sehen man geht locker um auch im Zug. Jedenfalls habe ich ein gutes Verhältnis zu den Reisenden zu 99,9 Prozent.

... in Kürze erreichen wir Hamburg Hauptbahnhof ... Achten Sie bitte auf die Ansage am Bahnsteig. Meine Damen und Herren ich verabschiede mich von Ihnen. Auf Wiedersehen !
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