Kompass
Kompass • Blicke in die Gesellschaft
Montag bis Freitag • 14:40
22.2.2005
Das Steuer geb’ ich nicht mehr aus der Hand!
Viele Alte wollen fahren bis zum Ende
Von Ralf Bei der Kellen

Auch im Alter wollen viele das Auto nicht stehen lassen. (Bild: AP)
Auch im Alter wollen viele das Auto nicht stehen lassen. (Bild: AP)
Die Menschen in unserer Gesellschaft werden immer älter. Die Autofahrer auch. Laut Auskunft des ADAC stellt die Altersgruppe der über 70-jähigen Kraftfahrzeugführer augenblicklich zehn Prozent der Straßenverkehrsteilnehmer. Immer öfter wird deshalb die bange Frage gestellt, ob das Führen eines PKW mit über 65 noch vertretbar ist. Warum fahren unsere Rentner nicht mit den öffentlichen Verkehrsmitteln, sondern halten bis ins hohe Alter am eigenen Pkw fest? Und wozu benutzen sie ihn eigentlich?

Herr Prain: "Ich mache es gerne, auch heute noch. Ich fahre gern, also wirklich gerne."

Herr Ruhrmann: "Ich fahre im Jahr im Schnitt 15.000 Kilometer."

Herr Prain: "Obwohl ich schon viermal kleine Unfälle gehabt habe - kein Personenschaden, nur Blechschaden - zweimal im Winter bin ich hier auf Glatteis ausgerutscht, einmal gegen die Mauer gefahren und einmal halb in den Graben."

Herr Holewa: "Ich wird' jetzt bald achtzig, aber da merke ich noch keine Schwäche in mir. Also keine Unaufmerksamkeit auf der Straße, das läuft alles noch glatt."

Frau Lampante: "Ach, ich fahre gerne Auto - immer noch."

Die Menschen in unserer Gesellschaft werden immer älter. Die Autofahrer auch. Laut Auskunft des ADAC stellt die Altersgruppe der über 70-jähigen Kraftfahrzeugführer augenblicklich zehn Prozent der Straßenverkehrsteilnehmer. Wofür brauchen diese Menschen ihr Auto?

Herr Scheer: "Hier in der Stadt brauchte ich es fast gar nicht. Aber da wir sehr viel Verwandtschaft, Bekanntschaft im Umland haben und in den neuen Bundesländern, da brauchen wir es eigentlich ziemlich oft, da fahren wir sehr oft hin. Und es ist eben doch eine Erleichterung, weil man einsteigen kann und kann losjuckeln, kann was einladen, was man gerne mitnehmen möchte, ja?"

Herr Holewa: "Ich fahre viel in die Umgebung, mache meine Ferienreisen damit... und da ich so ein bisschen schwer beweglich bin, hat es natürlich eine größere Bedeutung für mich, ein Auto zu haben, nicht? Ich habe drei Knieoperationen gehabt, und da ist es schon wichtig, dass ich so auf diese Weise beweglich sein kann."

MdB Albert Schmidt: "Der Führerschein ist gerade für Menschen, die zwar noch sehr beweglich im geistigen Sinne sind, besonders wichtig, damit sie auch im körperlichen Sinne beweglich bleiben. Der Führerschein oder das Auto überhaupt eröffnet ja vielen Menschen eine Art Teilnahme am gesellschaftlichen Leben, das ist im flachen Land draußen noch wesentlich wichtiger als in der Stadt, wo man die entsprechenden U-Bahn-, S-Bahn-Angebote und dergleichen hat.

Das heißt, das Auto, der Führerschein ist für viele Menschen die Voraussetzung am gesellschaftlichen Leben weiterhin teilzunehmen und deshalb vielleicht sogar von größerer Bedeutung als für manche junge Menschen."


Was Albert Schmidt, Verkehrspolitischer Sprecher von Bündnis 90/Die Grünen hier anspricht, ist das zentrale Motiv der Auto fahrenden Rentner. Auch sie wollen beweglich bleiben in einer Gesellschaft, die immer stärker auf Mobilität ausgerichtet ist. Die zunehmende Beteiligung von Menschen jenseits der 70 am Straßenverkehr wird dabei von vielen kritisch beäugt - nicht zuletzt von den Medien.

Wenn ein betagter Verkehrsteilnehmer mit seinem PKW in einen schweren Unfall verwickelt ist, kommt immer wieder die Forderung auf, ältere Menschen sollten ab einer gewissen Altersgrenze den Führerschein abgeben oder sich zumindest einer Pflichtuntersuchung unterziehen. Dazu die Verkehrspsychologin Dr. Sylvia Marzei vom TÜV Berlin:

Tempolimit? (Bild: AP)
Tempolimit? (Bild: AP)
"Man kann an dem chronologischen Lebensalter, beispielsweise ab dem 75sten Lebensalter nicht pauschal jetzt über alle Personen vermuten, dass hier schon massive Leistungsdefizite da sind, sondern es wäre also wirklich überzogen, man würde einige wenige Personen ausfindig machen, die diese Eignungsvoraussetzungen nicht erfüllen und würde dafür aber gesellschaftlich einen gigantischen Untersuchungsaufwand betreiben müssen.

Und da plädiere ich doch dann eher für die Einzelfallbetrachtung und dass man wirklich erst wenn jemand im Verkehr aufgefallen ist, den einzelnen überprüft und jetzt nicht die Gruppe aller 75-Jährigen regelmäßig zu einer Pflichtuntersuchung schickt."


Sylvia Marzei bringt es auf den Punkt: Es gibt kein absolutes biologisches Alter. Das kann auch ihr Kollege von der DEKRA, Dr. Jürgen Rückert, mit einer Anekdote belegen.

"Wir hatten einmal mit einem Siebzigjährigen zu tun, der durch einen Unfall aufgefallen war. Und so ganz nebenbei erzählte er uns, dass er mit dem Auto gekommen ist. Wir haben gefragt: Wieso, sie haben doch gar keine Fahrerlaubnis? Ja, sein Vater hat ihn mitgebracht. Der Vater war neunzig oder knapp neunzig. Und der Mann hat sich dann freiwillig einem Test unterzogen, hat tiptop abgeschnitten - also, das Lebensalter alleine ist bei weitem kein Beleg, kein Argument dafür, ob jemand noch sicher am Verkehr teilnehmen kann oder nicht."

Die Unfallstatistiken belegen zudem, dass Menschen ab 65 ein wesentlich geringeres Unfallrisiko haben als die Klasse der 18- bis 24-jährigen Autofahrer. Dennoch beginnen Sehvermögen und Reaktionsfähigkeit im Alter natürlich irgendwann nachzulassen. Diese Defizite werden von den betagten PKW-Führern aber strategisch kompensiert, wie Albert Schmidt erklärt:

MdB Albert Schmidt: "Man fährt langsamer, man fährt vorsichtiger, man kompensiert auch körperliche Beeinträchtigungen - sagen wir beginnende Fehlsichtigkeiten oder Schwerhörigkeiten, indem man zum Beispiel gelassener reagiert auf Verkehrsereignisse - und das trägt wieder zur Sicherheit bei."

Frau Ramp: "Autobahn fahren - das mache ich nicht mehr. Ist ja furchtbar - wie die rasen! Das mag ich nicht. Und dann fahre ich nicht mehr nach Auswärts. Andere Städte und so, das fahre ich auch nicht mehr."

Frau Scheer: "Wenn das so regnet und das glitzert so auf den Straßen, dann werde ich ganz... nee, das is nischt."

Dr. Waldau: "Ich bin also vom langen Autofahren auf Autobahnen bin ich schon kuriert. Wenn ich mein Beispiel nehme: Ich fahre lange Strecken mit der Bahn, besorge mir dann allerdings am Zielort ein Auto. Weil ich mobil bleiben möchte. Und mit den Öffentlichen ist das eben sehr schwer."

Ihre defensive und vorsichtige Fahrweise bringt den älteren Verkehrsteilnehmern allerdings häufig den Ruf ein, ein Verkehrshindernis zu sein. Jüngere Generationen verspotten die Umsichtigkeit und Regeltreue der Älteren mit Sprüchen wie "Ich bin zwar 80, aber ich habe die Kraft der zwei Gänge!" Dazu Dr. Wolfgang Steichele, Verkehrsstatistiker beim ADAC:

Dr. Wolfgang Steichele: "Jüngere Verkehrsteilnehmer scheinen zu glauben, dass die Älteren nicht mehr in der Lage sind, vernünftig zu fahren, denn die jüngeren Menschen bevorzugen hohe Geschwindigkeiten. Die mittlere Generation steht oft unter Termindruck und versucht dadurch, schneller zu fahren und fühlt sich beeinträchtigt, was aber meines Erachtens im Verkehr kein Argument sein sollte."

Dr. Waldau: "Es ist natürlich unser Interesse auch, die Politiker davon zu überzeugen, dass die älteren Verkehrsteilnehmer kein Handicap sind, sondern eigentlich ein Beruhigungsmoment im Verkehr - dadurch, das sie langsamer fahren. Viele Unfälle passieren ja einfach durch Hektik, durch zu schnelles Reagieren, und das ist eben beim älteren Kraftfahrer ausgeschaltet, der überlegt vorher, was er tut.

Er ist zwar in seinen Handlungen vielleicht ein bisschen langsamer und er fährt eben auch nicht, wenn auf der Autobahn 100 vorgegeben sind, 120, sondern er fährt dann eben 95 oder 100. Und wird dadurch natürlich ein Moment für die Jüngeren, die sagen "Um Gottes Willen, da ist schon wieder so ein alter Sack!" Aber wir müssen da einfach in ein vernünftiges Miteinander kommen."


Was Dr. Eberhard Waldau, Vorstandsmitglied des ADAC Berlin-Brandenburg hier anspricht, ist ein gesamtgesellschaftliches Problem. Denn die Langsamkeit älterer Menschen sorgt gelegentlich auch an der Supermarktkasse für Unruhe. Es gibt aber auch Rentner, die dem Fahrstil ihrer Altersgenossen kritisch gegenüber stehen.

Herr Holewa: "Also mir geht's so: Man begegnet ja ungeschickten Fahrern. Und wenn man dann reinguckt: Da ist ein Alter drin. Ich bin ja nun auch 80, nicht, aber irgendwie kommt mir das so vor. Also in der Beziehung bin ich auch kritisch. Auch gegenüber Älteren noch oder Gleichaltrigen, oder vielleicht sind sie ja auch noch ein bisschen jünger, ich weiß es nicht. Also irgendwie scheint das schon zu stimmen."

80 Jahre und kein bisschen leise - auch die Alten wollen fahren. Und dass nicht nur in Kleinwagen mit 50 PS - schließlich hat man lange genug gearbeitet, um im Alter stilvoll aufs Gas treten zu können.

Das denken sich auch die älteren Verkehrsteilnehmer. (Bild: AP)
Das denken sich auch die älteren Verkehrsteilnehmer. (Bild: AP)
Herr Holewa: "Ich wollte mir eigentlich etwas Bequemeres noch für mein Alter leisten. Und da ist auch noch ein bisschen mehr dran und drumrum, also wenn schon, denn schon, das ist sicherlich mein letzter Wagen, warum mal nicht? Auch die 150 PS, das war mal ganz was Neues."

Frau Lampante: "Das ist ein total modernes Auto mit tausend Knöpfen. Mein Sohn hat mir das gekauft, mein altes musste ich leider hergeben, das hatte ja schon viele, viele tausend Kilometer auf dem Rücken. Und ich habe mich mit diesem Auto dann sehr vertraut machen müssen, also diese vielen Knöpfe... das habe ich schon lernen müssen. Es gibt auch heute noch Knöpfe, von denen ich nicht ganz genau weiß, wofür die da sind. Aber: Die, die mir wichtig sind und das, was ich unbedingt gebrauche, das weiß ich."

Den Führerschein abgeben - für viele Rentner eine Horrorvision. Verständlicherweise.

Dr. Sylvia Marzei: "Es ist für sie auch letztenendes eine enorme Einengung und Aufgabe ihrer persönlichen Mobilität. Insofern kann ich sehr gut nachvollziehen, dass die Betroffenen älteren Kraftfahrer, unsere Senioren, sich verständlicherweise damit sehr schwer tun. Und es grenzt schon an Altersweisheit, wenn man sich zu diesem Schritt freiwillig entscheidet."

Herr Ruhrmann: "Ja, das wäre für mich ein Freiheitsentzug. Denn wenn ich jetzt sage, wir fahren Kaffee trinken oder wir besuchen da ein Kind oder Bekannte - das wäre dann alles nicht mehr drin."

Zwar bieten ADAC und TÜV spezielle Beratungsprogramme und freiwillige Tests an. Diese werden von älteren Autofahrern aber nur zögerlich angenommen, da sie fürchten, dass ihnen bei einem negativen Ergebnis die Fahrerlaubnis entzogen würde - eine unbegründete Befürchtung, da z.B. das Ergebnis einer freiwilligen medizinisch-psychologischen Untersuchung der ärztlichen Schweigepflicht unterliegt.

Die Verantwortung für das Überwachen der Fahrtüchtigkeit älterer Autofahrer liegt vor allem im persönlichen Umfeld, beim Hausarzt oder bei den eigenen Kindern. Dem stimmt auch Dr. Eberhard Waldau zu:

Dr. Waldau: "Ich habe also folgendes Agreement mit meinen Kindern: Wenn meinen Kindern auffällt, dass ich beim Reagieren im Verkehr, dass ich da komisch reagiere, sollen sie sofort laut schreien. Meine Frau hat den Auftrag, Kollegen haben den Auftrag, man merkt es ja oftmals selber nicht, wenn man ein bisschen komisch wird.

Wenn die anderen den Eindruck haben, man wird komisch, dann ist der Zeitpunkt erreicht. Und ich habe ihnen auch gesagt, dann sollen sie auch keine Rücksicht auf mich nehmen und sollen dann tatsächlich sich mit Gewalt durchsetzen und sollen sagen: Alter, gib den Führerschein ab."


-> Kompass
-> weitere Beiträge