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16.2.2005
"Erzähl doch mal von früher!"
Wie Familiengeschichten weitergegeben werden
Von Christiane Zwick

Familiengeschichten sind en vogue. Wibke Bruhns "Meines Vaters Land" und Uwe Timms "Am Beispiel meines Bruders" erklommen in diesem Sommer die Bestsellerlisten. Beide Autoren stöbern in Tagebüchern, lesen Briefe, notieren Anekdoten. Sie recherchieren das Leben ihres im Krieg gefallenen Bruders, ihres Vaters …und erfahren dabei etwas über sich selbst. Auch die eigene Geschichte hat ja eine Vorgeschichte: die der Eltern und Großeltern. Es lohnt sich also, Familiengeschichten zuzuhören - wenn sie denn erzählt werden.

An diesem Wochenende packt Dorothee Sperber ihren Reisekoffer. Sie will mit ihrem 79-jährigen Vater in dessen Kindheit reisen. Ihr Sohn Tim kommt auch mit. Eine gemeinsame Fahrt in die Familiengeschichte. Die Erinnerungen des Vaters sollen auf Video aufgenommen werden.

Dorothee Sperber: Ich dachte mir das so, dass ich mit ihm zurückgehe an die Orte seiner Kindheit, das festmache an 5,6 Orten und da mal höre was da kommt.

Sie waren fast 20 Jahre lang eine Familie - trotzdem hat die Sozialpädagogin das Gefühl, fast nichts über ihren Vater zu wissen. Er hat für seinen Beruf gelebt. Und heute liegen 700 Kilometer zwischen ihnen. Die Gespräche am Telefon drehen sich um das Wetter und die Gesundheit.

Dorothee Sperber: Ich bin darauf gekommen, meinen Vater zu befragen, weil ich oft unsere Telefonate so ungenügend empfand. Wo er übers hier und jetzt so geklagt hat, was er alles jetzt nicht mehr kann, dass es ihm so schlecht geht.

Die ersten Versuche der 48-jährigen, nach Familien- und Lebensgeschichten zu schürfen, sind tatsächlich von Erfolg gekrönt. Sie hat einen günstigen Zeitpunkt gewählt und die richtigen Fragen gestellt.

Dorothee Sperber: Er war Marine-Soldat und ist immer an der adriatischen Küste hin und her geschippert und war auf so einem Versorgungsschiff. Und das Schiff ist wohl auch untergegangen. Er war da irgendwie 18 Stunden am Schwimmen in der Adria. Bis er dann gerettet wurde von nem anderen Schiff. Und das sind so Schlüsselerlebnisse. Und das war ganz schön, mal auf der Ebene miteinander zu reden und wegzukommen von den alltäglichen Leiden und Schmerzen und Beeinträchtigungen.

Diese Erfahrung bestärkt die Tochter: Das Erzählen scheint ihm und ihrer Beziehung gut zu tun. Wie Dorothee Sperber würden viele gerne mehr über ihre Eltern wissen - das Interesse an Familiengeschichten erwacht ab 30, 35 Jahren, oft wenn eigene Kinder da sind. Dass gerade noch in einem Prozent der Haushalte drei Generationen unter einem Dach leben, hat auch Konsequenzen für die Familien-Überlieferung.
Familie Brix ist eher die Ausnahme.

In ihrem breiten roten Backsteinbauernhaus werden regelmäßig sonntagnachmittags bei Kaffee und Kuchen "Geschichten von damals" zelebriert. Familientreffen und das gemeinsame Blättern im Fotoalbum sind die besten Anlässe, um im Nähkästchen des Lebens zu stöbern. Großmutter Dorothea Brix genießt es, wenn alle da sind und lauschen.

Dorothea Brix: Für mich war Familie immer: alle zusammenhalten. Die Kinder, die Kindeskinder, die Schwiegerkinder. Die Vetter und Kusinen, das ist mir wichtig.

Die 72-jährige ist auf dem Land groß geworden, in Ostpreußen. Geschichten von damals, als Oma klein war, klingen für die Enkel wie ein Märchen.

Dorothea Brix: Früher bei uns zu Hause gabs ja viel Schnee. Die Winter warn sehr schneereich. Kalt und schneereich. Dann kam jemand vorbei mit Klingelschlitten. Mit Klingeln an den Pferdchen dran am Geschirr. Und dann stellte ich mich zuhause an die Straße ans Tor, mit dem Rodelschlitten, und dann rief man "Mitfahren!". Dann hielt der kaum an, dann lief man hinterher, kam der Strick um den Schlitten rum und dann fuhr man ein Stück mit. Und wenn man dann meinte, man war genug gefahren, dann ließ man los und wartete, bis jemand aus dem anderen Ende kam
Sowas erzähle ich den Kindern. Das wollen sie dauernd hören.


Dorothea Brix fesselt ihr Sonntagnachmittagspublikum mit farbigen Details. Die Hauptperson ist immer jemand aus der Familie. Alle sind so Teil der Saga, jeder trägt etwas bei. Ein funktionierendes Familiengedächtnis lebt vom Austausch und umfasst drei bis vier Generationen, also 80 Jahre. Zuhören heißt Dazugehören. Schwiegersohn Holger Brehm findet, dass das auch reicht, das Zuhören.

Holger Brehm: Ich muss sagen, ich habe auch meine eigenen Geschichten, die erzähle ich dann nicht weiter. Das können ja auch negative Dinge sein, da schweige ich drüber.

Die Familie hat allerdings ihre Methoden, doch mehr zu erfahren, als eine einzelne Quelle hergibt.

Sabine Brix: Was für mich da immer sehr interessant war, ich bin mit der Schwester meiner Mutter früher öfter im Urlaub gewesen und da hatten wir ne Zweisamkeit. Und da hatte ich von meiner Tante Dinge erfahren, die ich von meiner Mutter nicht erfahren habe.

Der Austausch schafft ein gemeinsames Band. Aber das ist noch nicht alles. Der Soziologe Maurice Halbwachs sagt über die Erinnerungsgeschichten, die in Familien erzählt werden: "Sie sind Modelle für die allgemeine Haltung der Familie, ihre Wesensart und ihre Eigenarten. Sie definieren das "Wir"." Und auf dieses Wir-Gefühl will nicht einmal der Schwiegersohn verzichten:

Holger Brehm: Mein Vater hat mir ein kleines Taschenmesser hinterlassen. Das er immer benutzt hat, um mit mir Äpfel zu teilen. Nun wohnen wir ja noch im gleichen Haus meines Vaters und die Bäume mit den Äpfeln bestehen auch noch. Und ich benutze jetzt dieses Taschenmesser, um mit meinem Sohn die Äpfel zu teilen. Und wenn wir dieses Messer betrachten, dann erzähle ich diese Geschichte, wie das damals mein Vater mit mir gemacht hat.

Und welche Familiengeschichte hat den vierzehnjährigen Jannis am meisten beeindruckt?

Jannis Brix-Brehm: Oma jetzt? Die ist mal mit dem Schiff nach Heiligenhafen geflüchtet, dann sind sie da ausgestiegen. Die sind im Krieg geflüchtet und dann sind sie da in Heiligenhafen gelandet.

Soviel kommt zwei Generationen später an. Jannis Mutter Karin, also Dorotheas Tochter, erinnert vor allem die Dramatik der Flucht.

Karin Brix-Brehm: Meine Mutter ist mit dem Schiff bis Warnemünde gefahren, mit dem letzten Schiff. Es bestand immer die Gefahr, dass ein U-Boot dieses Schiff versenkte und alle Leute schwebten ständig in Lebensgefahr. Und sich das allein vorzustellen, fand ich schon immer unerträglich grausam.

Karins Bruder Axel identifiziert sich eher mit dem Großvater. Die versammelten Überlieferer von Familiengeschichte ziehen keineswegs an einem einzigen gemeinsamen Erzählstrang.

Axel Brix: Ich kenn nur die Sache, dass mein Großvater, dass der eingezogen werden sollte und dass der vom Wagen gesprungen ist und weggelaufen. (Dorothea: Volkssturm, nicht Soldat) Auf jeden Fall, in letzter Sekunde vom Wagen runter gesprungen ist und dann war die Sache erledigt für ihn. Und dann waren die alle zusammen auf diesem Schiff: Wobei dass es das letzte Schiff war, das erzählen ja sehr viele. Kaum einer hatte den Gesamtüberblick.

Den Gesamtüberblick scheint es auch in dieser Erzählung nicht zu geben. Jeder hat seine eigene Version. So ist die gemeinsame Familiengeschichte eine Fiktion. Oder die Summe der Erinnerungen aller.

Sabine Brix: Wie der Großvater auf's Schiff gekommen ist, kann ich nicht sagen. Bei mir sind andere Sachen hängen geblieben. Dass der Hund zum Beispiel im letzten Moment durch's Fenster gesprungen ist und dann wahrscheinlich nicht überlebt hat.

Karin Brix-Brehm: Meine Version ist, dass mein Opa sich als Frau verkleidet hat, weil nur Frauen und Kinder auf's Schiff durften.

Dorothea Brix: Nein nein, die Wahrheit war: Auf der Deutschland waren, ich glaube, 16 000 Menschen. Unten waren verwundete Soldaten. Und wir waren auf dem Oberdeck. Weil mein Vater sagte: Bleibt bloß oben. Bloß nicht nach unten. Und wir saßen oben auf unseren Koffern oben auf dem Oberdeck. Es war wunderschönes Wetter. (…)Und dann kamen wir nach nach vier Tagen nach Warnemünde.

Daten und Fakten werden selten genau erinnert. Die Erzählerin teilt vor allem Gefühle mit. Das macht die Geschichten in den Ohren ihrer Zuhörer echt und lebendig. Ob eine Erinnerung "wirklich wahr" ist, darüber wird in der Familie Brix nicht gestritten. Die persönliche Wahrheit gilt.

Auch die aktuelle Forschung, beispielsweise der Psychologe John Koltre, spricht nur noch von der "narrativen Wahrheit", von Erzählungen, mit denen man Erlebtem Sinn verleiht. Die das eigene Leben für sich und andere verständlich machen.

Sabine Brix:Die Erinnerungen meiner Eltern, die ich jetzt all die Jahre gehört habe, das hilft mir natürlich, sie besser zu verstehen. Ich erleb sie ja als Erwachsene Menschen. Und wie sie als Kind gelebt haben, leben mussten teilweise, das hilft mir, sie zu verstehen. Und vieles zu akzeptieren, was man sonst vielleicht gar nicht könnte. Wenn man die Hintergründe kennt, ist es einfacher.

Nur einer ist in der Familiensaga nicht so vertreten, wie es seinem Platz als Großvater und Vater gebührt: Hans Brix:

Sabine Brix: Meinen Vater, den muss man so ein bisschen rauskitzeln, dem muss man sagen: erzähl doch mal endlich. Da passiert nicht so viel.

Hans Brix: Ich habe versucht, zu antworten, wenn ich gefragt wurde, aber ich wurde wenig gefragt, weil man von mir wenig wusste. Weil ich nicht so viel geredet habe.

Das kennen viele Kinder von Kriegsheimkehrern: Das Schweigen der Väter. Sei es ausgelöst durch Traumata, sei es besiegelt durch das Tabu, an den schlimmen Zeiten zu rühren.

Hans Brix: Ich bin ja in russischer Gefangenschaft gewesen und dadurch bin ich irgendwie geprägt worden. Dass ich nicht so viel erzählen möchte. Ganz einfach.

Keine zwei Minuten später beginnt Hans Brix doch zu erzählen. Erzählen stößt Erzählen an. Vielleicht ist sich der Großvater auch der Verantwortung für die Überlieferung seines Teils der Familiengeschichte bewusst geworden. Die Runde hört gespannt zu.

Hans Brix: Uns erzählten sie, die Amerikaner wollen aus Deutschland ein Agrarstaat machen - in Russland - Und Industriestaat sollte nicht mehr sein. Und da haben wir gesagt: Mensch da gehen wir zum Bauern. Und das habe ich wörtlich und ernst genommen.

Karin Brix-Brehm: Das wusste ich noch gar nicht, dass Du in Kriegsgefangenschaft gehört hast, wir sollen ein Agrarstaat werden. Und das höre ich zum ersten Mal.

Hans Brix:
Und das ist der Morgenthau gewesen, der das in Amerika gesagt hat, damals 1946.

Karin Brix-Brehm:
Ich wusste das bisher nicht. Du hast uns nie erzählt, warum du Landwirt werden wolltest. //

Draußen ist es dunkel geworden, trotzdem hat noch niemand das Licht eingeschaltet. Familiengeschichten können fesselnd sein.
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