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17.2.2005
Warten mit der Angst - Aids-Test
Von Anja Kempe

Veranstaltung am Welt-AIDS-Tag in Shanghai, 2003 (Bild: AP)
Veranstaltung am Welt-AIDS-Tag in Shanghai, 2003 (Bild: AP)
Gerade unter jungen Leuten steigt die Gefahr einer Infizierung mit dem Aids-Virus wieder. Viele verdrängen die Gefahren und verzichten auf den notwendigen Schutz. Nur wenige lassen sich zum Beispiel nach einem "One-Night-Stand" auf eine Ansteckung untersuchen. Für sie beginnt dann das bange Warten auf das Ergebnis.

Mann: Das warten auf das Ergebnis ist schon so ein Gefühl, man sitzt auf der langen Bank. Ja. Man wartet wie ein Abiturient auf die Ergebnisse. Furchtbar.

Gemütlich ist es nicht. Die Stühle zum Warten stehen auf dem Gang und in kleinen Nischen vor den Untersuchungs- und Beratungszimmern. Gerade kommt eine schick gekleidete Frau um die 40 zur Eingangstür herein, sucht herum, schaut auf die Uhr und setzt sich schließlich auf die erstbeste Stuhlkante.

Sozialarbeiterin: Ganz interessant ist, dass man die Menschen aufgrund von Äußerlichkeiten nicht unserer Beratungsstelle zuordnen kann. Es sind Menschen da wie Sie und ich. Jedes Alter ist vertreten, von 16 bis 86. Die sitzen auf dem Flur, und das kann manchmal sehr, sehr voll werden.

Im Moment sitzen da acht Leute, fünf Männer und drei Frauen. Die Sozialarbeiterin, die die Beratungsgespräche vor der Blutabnahme durchführt, hat den Frontjob hier, während zur Abteilungsleiterin die Anrufe weitergereicht werden.

Abteilungsleiterin: Es kann sein, dass der Handwerker im Bordell war, hier anruft und sich Sorgen macht, er könnte sich angesteckt haben.

Mann: Also im Prinzip war es ein klassischer One-Night-Stand. Und danach war eigentlich kaum noch Kontakt. Und da wollte ich einfach mal wissen, ob ich mir da leichtsinnigerweise was geholt hab in den Momenten, wo man nicht so viel drüber nachdenkt.

Der junge Mann, beruflich stellvertretender Abteilungsleiter in einem Kaufhaus, Alter 26, sitzt schon zwanzig Minuten, er bekommt heute sein Ergebnis mitgeteilt. Er hat für diese dumme Geschichte einen halben Tag Urlaub genommen.

Mann: Ich hatte ein mulmiges Bauchgefühl, als ich dort reinkam, das hat sich aber relativ schnell gelegt, weil die Mitarbeiter sehr professionell waren. Und als ich dann im Labor war, war ich dann froh, als ich dann wieder draußen war, letztlich doch.
So ein Spannungsbogen baut sich auf.
Es ist zwar nicht so, dass man permanent darüber nachdenkt, aber abends beim Einschlafen oder wenn man in der Bahn sitzt, ich hab sehr häufig drüber nachgedacht, auch gefiebert, das war schon etwas aufreibend das ganze. Einfach diese unerträgliche Warterei. Wann ist es endlich da das Ergebnis. Das ist schon zermürbend.
Aber das kann man sich ja selber noch schönreden. Nach dem Motto, die armen Leute in Afrika oder Osteuropa, dann vielleicht noch Drogenabhängige, Prostituierte und Schwule, aber ansonsten grenzt man das von sich selber aus.


Auf dem Flur kommen und gehen die Leute. Der junge Mann mit dem One-Night-Stand sitzt jetzt eine halbe Stunde. Die schicke Frau auf der Stuhlkante wird aufgerufen von einer Sozialarbeiterin im roten Kleid. Die Mitarbeiterinnen der Aidsabteilung sind bunt gekleidet, man muss ein bisschen Farbe reinbringen hier, meinen sie, bei so einem ernsten Thema jeden Tag.

Abteilungsleiterin: Grundsätzlich ist es natürlich auf der Welt sehr ungleich verteilt. Sowohl die Zahl der Menschen, die mit der Infektion leben, als auch die Zahl der Menschen, die sich neu anstecken, ist über die Welt sehr ungleich verteilt. Natürlich kann es in Deutschland auch, wenn wir nicht sehen, dass es die Infektion gibt, eine langsame weitere Ausbreitung geben.

Mann: Dadurch, dass ich 78 geboren wurde und diese ganze Hysterie mitbekommen hab, die bei dem Aidsvirus ablief, hat das bei mir dazu geführt, dass die Notwendigkeit von der Benutzung von Kondomen schon präsent war, ansonsten hat es noch dazu geführt, dass man irgendwann auch ein bisschen abgestumpft ist. Irgendwann war man es glaube ich auch leid, das zu hören. Mit 19, 20 nahm dieser Abstumpfungsfaktor immer mehr zu, und ich hab's nicht mehr regelmäßig verwendet.
Und wie das dann mit Sex ist, so was ist alles andere als planbar, so was passiert einfach.
Man geht ja nicht raus und weiß, was passiert. Und das ist ja auch eigentlich gerade das spannende an der Sache.
Meine persönliche Erfahrung ist, dass jüngere Frauen eher dazu geneigt sind, ein Kondom zu nehmen - oder fragen danach. Mit jünger mein ich jetzt Anfang zwanzig. Das ebbt dann irgendwann ab. Vor allem Frauen Anfang dreißig, die Affären suchen, sind eigentlich zu allem bereit. Und die Generation, die jetzt so 17, 18 ist, also ich hab eine jüngere Schwester, die ist 17 Jahre alt, und in ihrer Generation wird schon ziemlich viel rumgevögelt, ohne darüber nachzudenken. Das ist ziemlich krass dann doch. Dann vögeln wir mal quer drauflos. Mal gucken, was passiert.
Ein Grund, warum man das Thema Aids mehr und mehr verdrängt, ist sicher, dass mit den ganzen Terroristen, mit dem fanatischen Islam, mit den chemischen Einflüssen, die wir haben, dass man einfach das Gefühl hat, man wird sowieso nicht wirklich alt. Dass das das ganze Thema Aids in ein anderes Licht rückt.


Auf dem Flur ist immer was los. Ein Mann geht mit einer Kanüle vorbei, die bekommen alle in die Hand gedrückt für die Blutabnahme nach dem Beratungsgespräch. Ein anderer Mann, in den besten Jahren und mit einem beeindruckenden Bauch, hält sich den Magen. Mich hat's erwischt, sagt er zu der Sozialarbeiterin, die gerade mal eben den Kopf aus ihrer Tür steckt.

Abteilungsleiterin: Die Leute haben Sorge, dass sie sich angesteckt haben könnten. Es kann sein, dass der Handwerker im Bordell war und sagt, wissen Se, ich war da und hab das und das gemacht, und was kann denn da passiert sein. Oft ist die Angst eher unberechtigt, weil gar nicht so viel passiert ist, was zu einer Ansteckung hätte führen können. Aber es kann gut auch sein, dass er zu viel getrunken hat und nicht mehr so genau wusste, was passiert ist, und dann kommt er drei Monate später hier zum Test.

Sozialarbeiterin: Männer, die aus ihrer Ehe ausgebrochen sind und eine Prostituierte aufgesucht haben und da kein Kondom verwendet haben und dann bei uns anrufen, wo ganz schnell im Vordergrund steht, dass weniger das Risiko für diese Männer ein Problem ist, sondern das schlechte Gewissen. Dass sie ein großes Problem haben, das drei Monate lang, bis der HIV-Test gemacht werden kann, das vor der Ehefrau geheim zu halten. Es muss gar nicht die Prostituierte sein, es kann auch ein klassischer One-Night-Stand sein, der zu so einem schlechten Gewissen führt. Selbst wenn die Situation gar nicht risikoreich gewesen ist, stellen wir immer wieder fest, dass es Männer gibt, die mit ihrem schlechten Gewissen dann gar nicht umgehen können und hier immer und immer wieder anrufen. Das ist manchmal sehr krass.

Frau: Da sitzen Leute wie du und ich. Ganz normale Leute halt. Jetzt war neben mir auch so ein junger Typ, wir haben uns dann einmal angegrinst, weil jeder weiß, der andere denkt sich so seinen Teil, und jedem geht's da so ein bisschen ähnlich, man solidarisiert sich ein bisschen, aber ganz normale Leute halt.

Die junge Frau, 22 Jahre alt und von Beruf Bankkauffrau, hat sich gerade eben einen Sitzplatz auf dem Flur gesucht. Der Mann mit dem One-Night-Stand, der schon eine halbe Stunde gewartet hat, ist vor zwei Minuten aufgerufen worden. Und der Herr mit dem Magen und dem dicken Bauch, der jetzt doch ganz brav auf seinem Stuhl sitzt und wartet, bis er dran ist, fragt die hübsche Bankkauffrau, ob sie auch Pech gehabt hat.

Frau: Ja. Ich hab letzte Woche Blut abnehmen lassen und muss jetzt warten auf das Ergebnis.
Ich hab' jetzt nicht bei jeder festen Beziehung gesagt, wir machen jetzt auch'n Aidstest - aber ich habs jetzt schon dreimal gemacht. Bei meinem ersten Test war ich auf jeden Fall sehr nervös, weiß ich noch, dass ich da die Zeit, bis ich das Ergebnis hatte, auch viel darüber nachgedacht habe und auch wirklich das Gefühl hatte, ja, da ist jetzt was, und schon dieses ganze Szenario durchgespielt hab.
Dass ich ein positives Ergebnis bekomme, und ja, wie ich dann halt damit umgehe, auch mit dem nahenden Tod, auf jeden Fall mit der Krankheit. Und dann automatisch auch Symptome bei sich bemerkt. Es natürlich schon eine schreckliche Vorstellung, zu denken, man wäre vielleicht positiv - ob das Risiko jetzt überhaupt sein musste.


Abteilungsleiterin: Zu wenig erreichen wir Männer, die Sex haben im Ausland. Weil die sich für unverwundbar und wunderschön stark halten und sagen, mir passiert ja nichts, egal ob ich mich schütze oder nicht. Und bei denen geht auch weniger durch den Kopf, wenn sie Risiken gehabt haben, dass sie sich untersuchen lassen sollten.
Und junge Mädchen, die einen schlechten Schulabschluss haben, die keine Lehrstelle bekommen und die für sich eine Perspektive nur darin sehen können, möglichst rasch in eine Partnerschaft zu gehen, möglichst rasch schwanger zu sein, und die dann nicht 'nein' sagen können in riskanten Situationen. Und da gibt's sicherlich noch Bedarf.


Der Herr mit dem Bauch ist nun doch lieber wieder gegangen, er will nächste Woche noch mal kommen, und der Mann, der eben mit seiner Kanüle über den Gang lief, hat gerade die Blutabnahme hinter sich und ist blass wie die Wand. Alter: 24, Jurastudent.

Mann: Man hängt so zwischen zwei Fronten. Der gute Engel sagt, nein da is nix, also der beruhigt mich, der gute Engel, und der böse Engel sagt, na ja, du hattest ungeschützten Verkehr und fühlst dich ein bisschen schlapp in letzter Zeit.
Wobei man sagen muss, bei diesem ungeschützten Verkehr ist insofern nichts Dramatisches passiert, als dass derjenige in mir gekommen wäre, das beruhigt mich dann doch noch, so weit kam es nicht, und darauf hab ich geachtet, dass kein Austausch von Flüssigkeiten im Körper stattgefunden hat.
Der Mensch, mit dem ich ungeschützten Verkehr hatte, den hab ich beim Weggehen kennen gelernt. Wir haben uns wiedergesehen, ein, zweimal zum Kaffee, und uns gegenseitig gerügt, dass es so eigentlich nicht geht. Ob er zum Aidstest gegangen ist, weiß ich nicht. Ich bin gegangen und bin auch froh darüber.
Aber ich mach mir keine Gedanken über das Ergebnis, solange ich es nicht kenne. Weil, wenn ich mir darüber Gedanken machen würde, dann könnte ich mir mein ganzes Leben Gedanken machen, weil, es gibt immer ein Risiko bei dem, was man macht, auch im Bett macht, die nie ausschließen können, dass man sich infiziert. Es gibt ja auch Begegnungen mit Partnern, die nicht sagen, dass oder ob sie HIV positiv sind. Es wird auch nicht angesprochen in der Regel. Vielleicht gibt es Leute, die sind HIV positiv, wissen es nur nicht, und wenn es dann zu Begegnungen im Bett kommt, dann kann man nie sicher sein, dass man sich nicht infiziert hätte. Also die Gefahr besteht immer.
In Amerika gibt es sogar Gruppierungen von Leuten, die sich bewusst infizieren, um unter einander ungeschützten Verkehr haben zu können. Das kann man als eine Art Trend bezeichnen. Und das hat mich ganz schön erschreckt. Whow. Ich werde nie den Punkt in meinem Leben haben, dass ich sage, ich lass mich bewusst darauf ein.
Also für mich hab ich gesagt - Geschlechtsverkehr mit Gummi ein absolutes Muss, wobei ich mir das wirklich eingestehen muss, Oralverkehr mit Gummi kann ich nicht haben.
Oralverkehr mit Kondomen, wer macht das schon! Ich denke keiner, so wirklich.


Und was geschieht, wenn jemand positiv ist? Dann wird er, berichten die Mitarbeiterinnen, an die psychologische Beratung weitergegeben. Aber jetzt ist gleich Feierabend in der Aidsberatung. Die Bankkauffrau und der Mann mit den One-Night-Stand sind längst nach Hause gegangen, noch mal Glück gehabt; und auch der Jurastudent, der für Geschlechtsverkehr mit Gummi plädiert, hat hier für heute alles hinter sich gebracht.

Mann: Mittwoch bekomme ich das Ergebnis. Nächste Woche Mittwoch.
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