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18.2.2005
Mythos Afrika
Von Antonie Kerwien

Afrika ist ein Kontinent der Extreme. Er steht für Hunger, Kriege, Krankheiten auf der einen Seite und faszinierende Landschaften, exotische Tiere oder unverfälschte Kulturen auf der anderen. Wer jenseits der Klischees nach dem "wahren" Afrika sucht, wird auf einen Kontinent stoßen, der so vielfältig ist, dass er uns Europäer in seiner Komplexität häufig schlicht überfordert. Dennoch scheint es, als gäbe es zwischen Kairo und Kapstadt Dinge, die gerade Europäer auf unvergleichliche Weise in ihren Bann ziehen.

Afrikaeindrücke hatte ich einfach schon durch viele afrikanische Bekanntschaften gesammelt, also durch Zuhören, durch Essen damals noch in der DDR - es roch anders, es schmeckte anders, es war anders gewürzt... Die Leute, die haben völlig anders gedacht. Das waren so die ersten Begegnungen, die mich schon fasziniert hatten./ Spannend fand ich, dass das halt ne ganz andere Kultur ist. Dass das was ganz anderes ist, was ziemlich fremd wirkt, aber gleichzeitig war es faszinierend genug für mich, um zu sagen: 'Das möchte ich mir mal angucken.'/ Es war eigentlich Musik, also dass ich durch Musik mich mit Afrika auf andere Weise außer Katastrophen und Ähnlichem beschäftigt habe und durch Konzerte Leute kennen gelernt habe./ Man kommt in Afrika an und man geht abends tanzen. Die Menschen sind fröhlich und das Leben packt einen, fasziniert einen, lässt einen plötzlich nicht mehr los - und das nennt man dann den Afrikabazillus.

Es gibt Hunderte von Gründen, sich in ein Land zu verlieben - und noch viele mehr, wenn es sich um einen ganzen Kontinent handelt. Wen Afrika packt, den packt es häufig zuerst einmal wegen seiner Sinnlichkeit. Für Annette Bokpe zum Beispiel brachten afrikanische Studenten in den 80er-Jahren eine willkommene Abwechslung in den eher grauen DDR-Alltag. Unvergesslich ihre erste Reise in das westafrikanische Benin:

Es ist alles so prall, alles in geballter Ladung. Du hast eigentlich alle Sinne erst mal überreizt. Also nicht nur, dass du laut hörst und wahnsinnig viel riechst und das Klima so auf der Haut... Dann kommen die Augen noch dazu: Es ist alles knallbunt. Schwarze Menschen in knallbunten Sachen. Die, die sich's leisten können in viel Gold, also Du siehst Buntes und die Frauen mit den Tüchern auf dem Kopf und diese megabunten Stoffe, jeder einen anderen. Es ist eigentlich unglaublich, das ist ein Fest der Sinne, da kannste fast ohnmächtig werden. /Das nennt man dann den Afrikabazillus...

Als einen wahren Jungbrunnen beschreibt Peter Beller den Kontinent. Der 61-Jährige reist seit einem knappen Jahrzehnt regelmäßig nach Afrika. Besonders angetan ist er von Kamerun:

Vielleicht auch aus meiner Biografie herleitend: Als Architekt mit Bandscheibenbeschwerden und Stress-Symptom, war ich plötzlich in einem Land, wo man wieder Zeit hat, wo man nicht auf das Alter angesprochen wird. Man geht also abends tanzen, man fährt auf Motorrädern - früher hatte ich Angst vor jedem Schlagloch - plötzlich ging alles wieder, die Bandscheibenvorfälle blieben aus. Es war einfach eine sehr gute Therapie. Wenn man abends in einem Tanzschuppen drei Stunden Bekuzi tanzt, ist das besser als jede andere Rückengymnastik.

Die Uhren in Afrika ticken im wahrsten Sinne des Wortes anders - langsamer. Das Leben im ersten Gang scheint reizvoll gerade für jene, die von Hause aus permanent auf Hochtouren laufen. Der Zeitungsredakteur Dietmar Stork hatte mit diese Erfahrung so nicht gerechnet als er auf seiner ersten Afrika-Reise an der Grenze zu Malawi hängen blieb:

Dann geht um sechs Uhr die Sonne unter und es ist dunkel. Man kann nichts mehr machen, man ist dort auf sich selber angewiesen. Ich glaube, wenn ich hier so lange warten müsste irgendwo, dann würde ich nach zehn Minuten, 'ner halben Stunde sagen, was passiert denn jetzt und auch irgendwann sauer werden, also ungeduldig sein. Das war vollkommen o.k. Wir saßen da drei, vier Stunden an dieser Grenze und es funktionierte. Und ich merkte, dass ich in dieses ganz andere Zeitgefühl, in diesen Takt, der da ist, dass ich damit gut klarkomme, dass der mir gefällt./ Afrikabazillus, Afrikabazillus, Afrikabazillus.

Etwa zwei Mio. Deutsche reisen pro Jahr nach Afrika, schätzt die Kieler Forschungsgemeinschaft Urlaub und Reisen. Sonne und Natur sind dabei wichtig, aber auch die Begegnung mit Menschen, denen es anscheinend glückt, voll und ganz den Augenblick zu leben:

Das Leben nicht schwer nehmen, nicht. Also wir denken schon immer an die Zukunft, und wenn wir nicht an die Zukunft denken, dann jammern wir über die Vergangenheit. Und in Afrika hatte ich immer das Gefühl, dass die Leute sehr im Jetzt leben. Also jetzt scheint die Sonne und jetzt wird getanzt und jetzt wird gelacht, jetzt haben wir was zu essen und zu trinken und wie es dann weiter geht, das wird sich dann schon finden. / "Wenn ich schon weiß, dass es mir morgen schlecht geht, warum soll ich nicht heute feiern", das ist so ein Grundsatz der Afrikaner. Die sind wirklich arm, aber abends treffen sich die Männer in kleinen, schummrigen Holzhütten, es wird Palmenwein getrunken, die Männer holen ihre alten Instrumente - und es wird gesungen und getanzt.

Essen, Tanzen, Singen - das heißt in afrikanischen Ländern: zusammen sein mit Freunden, Bekannten, Familie. Wer es sich dort gut gehen lässt, ist nicht allein, sondern in Gemeinschaft. Je größer die Gruppe, desto intensiver das Gefühl, bestätigt Simone Gleißner, die Vorsitzende der "Deutsch-Afrikanischen Fraueninitiative" in Berlin.

Wenn ich mit Freunden zusammensitze, zum Beispiel meine beste Freundin kommt aus der Elfenbeinküste, dann sitzen wir oft mit vielen Ivorern zusammen, und dann ist es einfach gemütlich und nett. Da essen wir toll und lachen einfach. Es ist glaub ich so was Tiefes in mir, was einfach da ist, was ich aber auch nicht so richtig erklären kann, es ist schon ein Teil von mir. Ich lese afrikanische Literatur, ich koche zum Teil selber mal, also weiß ich, so Kochbananen oder Süßkartoffeln - und freue mich, dort auch wieder hinzufahren, weil es ja dort auch so ne, also ich finde, so ne Herzlichkeit gibt, auf die ich mich freue.

Was mich immer wieder umgehauen hat, was mich fasziniert hat an Afrika ist der Wille oder die Bereitschaft der Menschen, jemanden als Teil einer Gemeinschaft zu akzeptieren. Wenn man in einen Bus einsteigt, ist es so, dass man Teil dieser Gemeinschaft ist. Das war als wir mal in Tansania 24 Stunden mit 'nem Bus unterwegs gewesen sind schon so, dass wir auch unsere Pflichten gehabt haben, in Anführungsstrichen. Sprich man musst auch mal auf'n Kind aufpassen. Andererseits ist es aber auch so, dass jeder Dich als Teil des Ganzen sieht, dass die Leute dir Sachen anbieten und so weiter. Es ist also so ne Art Geben und Nehmen. / Afrikabazillus, Afrikabazillus...

Wer solche Gastlichkeit erlebt, will häufig auch etwas zurückgeben. Die 32-jährige Simone Gleißner engagiert sich beispielsweise in Entwicklungsprojekten in Mali. Annette Bokpe wiederum veröffentlichte ihre afrikanischen Eindrücke in dem Buch "Der Kuss des Voodoo":

Ich möchte die Leute schon darüber informieren oder sie anregen, wahrzunehmen, was dieser Kontinent eigentlich wirklich ist, was ihn ausmacht. Den Kontinent macht nicht aus, dass es Löwen und Giraffen und ein paar Nationalparks gibt. Und den Kontinent macht auch nicht aus, dass es da in 'nen paar Ecken mörderische Kriege gibt. Und ich möchte einfach, dass die Leute wissen: Die Menschen dort, sie fühlen, sie lieben, sie essen, sie trinken, sie feiern, sie haben ne Kultur, sie machen Kunst. Das möchte ich hier auch alles rüberbringen.

Peter Beller begeisterte die Kunst so, dass er die Architektur an den Nagel hängte und heute eine Galerie mit Objekten aus Westafrika betreibt.

Wenn man da einen kleinen Blick hat, kann man unter den tausenden von Kitschdingen doch die eine oder andere gute Figur entdecken. Und das fasziniert einen, jede Reise von neuem: Ich weiß ja nie, was finde ich unterwegs. Finde ich noch eine alte Fang-Maske oder einen guten Bronzeguss aus Benin, Nigeria...

Allein im Kunstbereich passiert so viel. Und damit meine ich nicht diese institutionalisierte Kultur und Kunst, wie wir sie von hier kennen, sondern jede Familie dort hat ihre eigenen Kunstwerke, die sie braucht für ihre Rituale. Und Theater. Also Theateraufführungen haste da zu jeder Festivität. Aber nicht: 'Wir machen jetzt Theater. Vorhang auf und jetzt geht's los.'. Nein! Dieses Theater besteht darin, dass die Leute Musik machen, miteinander tanzen nach bestimmten Themen, plötzlich aus'm Stegreif Lieder erfinden, die der Situation angemessen sind. Es gibt ständig Improvisationstheater. Wir sind da und die Leute erfinden ein Lied über uns, alle lachen, alle spielen mit, und jeder erfindet ne Strophe dazu. Ist doch gigantisch.

Nicht jeder muss gleich Entwicklungshelfer, Fan afrikanischer Skulpturen oder Autor von Afrikabüchern sein. Aber ein bisschen mehr allgemeines Interesse und eine kleine Afrikanisierung des deutschen Alltags würden sich die Afrikabegeisterten wünschen:

Allgemein hab ich das Gefühl, dass die erst mal positiver an Vieles rangehen. Obwohl ihre Lebenssituation oft bei weitem schlechter ist als unsere. Dass sie trotzdem optimistischer sind. Und ich denke, da könnten wir meckernden Deutschen uns oft was abschneiden. Uns geht's eigentlich nicht wirklich schlecht und wir jammern schon rum, wenn ich weiß nicht was kommt. / Wir können doch viel lernen. Ich merk das immer, wenn ich zurück komme von Reisen, unsere grauen Menschen auf der Straße, kein Lachen... Doch, eine sehr ernste Gesellschaft sind wir, fast schon humorlos im Vergleich zu Afrikanern. Dort wird viel gealbert, gelacht und auch fröhlich gesprochen. Die Menschen sind wirklich kommunikativ.

Wenn ich ankomme, bin ich immer wieder fasziniert. Du kommst hier aus deinem deutschen Alltag und wenn Du hier diesen Alltag lebst, hinterfragst du den ja nicht. Aber spätestens, wenn du da ankommst, machst Du das. Dann hinterfragst du die Geschwindigkeit, in der Du hier arbeitest, dann hinterfragst du jegliche Lebensstruktur. Ich hinterfrage auch einige Lebensstrukturen Benins, ich setz das schon ins Verhältnis, also, ich liebe auch sehr viele Dinge, die ich aus Deutschland mitbringe. Aber was eben so schön ist: Wann immer du hinkommst, du bist erst mal am Fragenstellen./ Das nennt man dann den Afrikabazillus.

Afrika erlaubt keine einfachen Antworten. Und was aus der Ferne lockend glänzt, ist auf den zweiten Blick durchaus nicht golden.

Ich möchte da auch nichts idealisieren. Ich denke, wenn man dort lebt, ist man sicherlich irgendwann auch von ganz vielen Sachen genervt. Ich will jetzt nicht sagen, das ist alles viel besser dort. Aber, mich reizt es einfach, Dinge zu sehen, die komplett anders sind. / Ich glaub, es ist eher was in mir drin, was ich auch nicht erklären kann, was ich daran wirklich schön finde, weil ich eben auch sehr Vieles kritisch sehe. Also, was da politisch passiert, da kann man einfach auch nicht nur voller Begeisterung leben, wenn man guckt, was in vielen Ländern passiert. Aber, wenn ich mir die Menschen angucke, ist es eben wieder anders. / Afrikabazillus.

Und wenn es aus irgendeinem Grund mal nicht mehr klappen sollte, mit dem deutsch-afrikanischen Kulturaustausch?

Da würde ich schon leiden. Da würd' ich wahrscheinlich ne Bürgerinitiative oder ne Partei gründen: "Der Kampf um die Freiheit nach Afrika reisen zu können".../ Also da würde mir schon was fehlen. Mir hat schon in dem Jahr, in dem ich im Iran gewesen bin was gefehlt. Da hab ich auch gesagt, das war toll, die Menschen sind so freundlich wie in keinem anderen Land, in dem ich je gewesen bin, also auch definitiv in keinem afrikanischen Land. Aber da hatte ich schon das Gefühl: Irgendwie fehlt mir Afrika trotzdem, irgendwie muss ich da trotzdem hin./ Ich merke, wie gut es mir in vielen Dingen tut. Also, diese andere Herangehensweise ans Leben, dieses ein bisschen lockerer manchmal rangehen. Ich wüsste auch nicht, warum ich auf die Musik, auf das Essen und auf die Leute verzichten sollte, solange ich es nicht muss. Und bis jetzt sehe ich keinen Grund dafür.
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