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Kompass • Blicke in die Gesellschaft
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2.3.2005
Und was fange ich jetzt an mit meiner Kraft?
Wie man alt und zufrieden sein kann
Von Barbara Leitner

Rentnerinnen sitzen auf einer Parkbank (Bild: AP)
Rentnerinnen sitzen auf einer Parkbank (Bild: AP)
Es ist ein Fortschritt in der Menschheitsgeschichte, dass Menschen heute alt und hochaltrig werden. Doch noch müssen wir lernen, mit diesem Erfolg umzugehen - die Jungen wie die Alten. Alt zu werden verlangt, sich auf eine neue Lebensphase einzustellen und auch mit Beschränkungen umzugehen, aber auch, sich auf neue Herausforderungen einzulassen.

Platzek: Damit bin ich ganz zufrieden, wenn man jeden Tag eine neue Aufgabe hat.
Österreich: Mit dem Theaterspielen geben wir auch was - Anregung.
Müller-Stosch: Ich kenne auch Zeiten, in denen ich mich absolut überflüssig gefühlt habe und mich selbst krank gemacht habe und gar nicht umgehen konnte mit diesem: ich werde nicht mehr gebraucht. Und das habe ich - zu mindestens für jetzt fühle ich mich da ganz anders. Vielleicht bleibt es niemanden erspart, da durchzugehen, bis zu einem Punkt, wo ich dann sage, was mache ich jetzt mit meiner Kraft.

Bei Margot Platzek ist es zwölf Jahre her, dass sie in Rente ging. 40 Jahre arbeitete sie als Lehrerin an einer polytechnischen Oberschule in Falkensee, nahe Berlin. Im Wendejahr führte sie ihre letzte Klasse zum Schulabschluss. Da war sie 61 Jahre alt und fasste einen Entschluss:

Platzek: Und jetzt mache ich einmal, wozu ich bisher keine Zeit hatte. Und dann fiel mir ein, zum Beispiel Schwimmen. Und das mache ich noch bis heute. Wir gehen einmal in der Woche Schwimmen. Das habe ich früher nie gemacht. Ich konnte zwar schwimmen, wenn ich mit meinen Schülern auf Klassenfahrt unterwegs war, war ich zwar schwimmen, zwei, drei Mal im Jahr. Aber so intensiv wie heute nicht. Und das macht so viel Spaß. Eine Stunde Schwimmen hintereinander weg.

Vier Kinder hat die 73-Jährige geboren und erzogen und so wie sie einst deren Kinder betreute, ist sie heute auch für ihre Urenkel da. Außerdem pflegte sie ihre Mutter die letzten Jahre bis zu deren Tod. Der Ruhestand war für Margot Platzek von Anfang an ein Unruhestand.

Platzek: Das bedeutet für mich, dass ich nach dem Aufstehen irgendwas tue, was mir Spaß macht, was nach Möglichkeit, vielleicht auch für die Umwelt von Bedeutung ist. Und da ist den ganz Tag, sie können sich meinen Kalender anschauen, irgendwie wo was los. Entweder nur für mich selber, was mir Spaß macht, was mich in Schwung hält oder für andere zum Beispiel in der Sportgruppe, wo wir unterwegs sind, Auftritte und auch bei der Volkssolidarität, da bin ich auch noch, nicht so toll aktiv, weil keine Zeit übrig ist. Aber das ich einfach so in den Tag hinein lebe und nicht weiß, was ich machen soll, das kommt bei mir nicht vor.

Bei Georg Österreich diktierte der Beruf mehr als vier Jahrzehnte den Tagesablauf. Als Ingenieur war er in verschiedenen Unternehmen tätig - und immer eingespannt. Was im Alter sein würde, darüber dachte er nicht nach. Er fühlte sich fit und rüstig und hatte seine Arbeit. Ein Zufall half ihm, zu finden, was nun sein Rentnerleben erfüllt.

Österreich: Das war nach der Entlassung, als ich arbeitslos wurde und da wurde mir überall gesagt, verblümt oder unverblümt, eigentlich sind sie zu alt... und da begann die lange Weile. Ich habe zwar zwei Enkel, um die wir uns sehr kümmern und ein Grundstück, da habe ich meine Beschäftigung. Aber das füllt auch nicht aus. Man braucht auch was anderes, was Sinnvolles, wo man Befriedigung hat und was leisten kann. Und da hatte ich zufällig im Fernsehen, da wurde das Theater der Erfahrungen vorgestellt und die haben aufgefordert, die suchen noch männliche Darsteller. Da habe ich angerufen und gefragt, wie es aussieht. Und da haben sie gesagt, kommt mal her zu einer Probe.

Seit sechs Jahren spielt der 70-Jährige inzwischen bei der Gruppe "Ostschwung" des Berliner "Theaters der Erfahrungen", einer Laiengruppe von Senioren. Mit ihren selbst verfassten Stücken erzählen sie von ihrer Kindheit im Krieg oder darüber, wie viele Vorurteile Ost- und Westdeutsche auch fünfzehn Jahre nach der Wende noch trennen. Immer mittwochs treffen sich ein Dutzend Frauen und Männer, um an den Texten zu arbeiten und die Stücke zu proben. Doch auch zu Hause übt Georg Österreich weiter, probiert, wie er eine Szene stärker zuspitzen und einen Charakter deutlicher zeichnen könnte:

Man hat ein Ziel, man hat eine Aufgabe. Da arbeitet man dran. Nicht nur während der Probe, sondern zwischendurch ja auch. Man feilt noch ein bisschen an seiner Rolle rum, es kommen bestimmte Einfälle, wie man bestimmte Gesten anders macht, wie man sich bewegt auf der Bühne und das ganze wird gekrönt durch die Aufführung.

In Rente, aber nicht wehrlos: Rentner demonstrieren in Berlin am 13. Oktober 2003 gegen die Rentenpolitik der Bundesregierung (Bild: AP)
In Rente, aber nicht wehrlos: Rentner demonstrieren in Berlin am 13. Oktober 2003 gegen die Rentenpolitik der Bundesregierung (Bild: AP)
Längst ist es normal geworden, dass viele Frauen und Männer 75, 80 und älter werden. Doch das ist noch nicht lange so. Noch bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurden die Leute durchschnittlich nur 47 Jahre alt und einen erholsamen Lebensabend kannten sie nicht. Selbst bei nachlassender Kraft arbeiteten sie auf ihrem Feld, waren Pförtner oder kehrten den Hof in ihrem einstigen Werk und starben nach kurzer Krankheit. Erst als die Rente eingeführt wurde und sich allmählich erhöhte, wurde das Alter zu so etwas wie einer Restzeit, für die eigentlich nur Freizeit und Reisen vorgesehen sind. Und tatsächlich - wenn sich die aktiven Alten in ihrer Nachbarschaft und in ihrem einstigen Freundeskreis umschauen, merken sie auch: Nicht allen Rentnern gelingt, die gewonnene Lebenszeit als eine erfüllte Zeit zu gestalten. Viele ziehen sich zurück, statt den neuen Raum für sich zu nutzen, fällt dem Theaterspielenden Georg Österreich auf.

Österreich: Die trauen sich nicht. Ach, da muss ich so viel lernen. Das behalte ich doch alles nicht mehr und dann auf der Bühne stehen und dann so viele fremde Leute. Da fühle ich mich unwohl. Alles so Ausreden und der eine hat schon ein Hobby - Briefmarken sammeln... Die waren ja alle berufstätig, haben mehr oder weniger Verantwortung getragen, mussten Entscheidungen treffen. So dass man plötzlich so einen Schnitt macht und ins Nichts fällt, das kann ich nicht begreifen. Ich kenne welche, die machen nichts. Die gehen zwar ein bisschen spazieren, lesen ihre Zeitung regelmäßig und gründliche vielleicht. Aber außer Fernsehen bleibt da kaum was.

Doch genau dieser Rückzug bestimmt noch immer das Bild vom Alter. Gefragt wird, wo versagt der alte Mensch und nicht, wo unsere Kultur des Umgangs mit dem Alter und den Alten. Deren Leistungsfähigkeit wird verglichen mit der von jungen Erwachsenen. Deshalb müssen sich die 60-,70-,80-Jährigen mit ihrem Nicht-Mehr-Können und Nicht-Mehr-Gebraucht-Werden auseinander setzen. Gefühle, die krank machen. Christine Müller-Stosch kennt das. Sie erblindete fast, als sie mit 60 Jahren für ihr eigenes Maß viel zu früh in Rente gehen musste:

Müller-Stosch: Ich habe viele Jahre gebraucht, um von dieser eigenen Abwertung weg zu kommen und zu sagen, ich habe jetzt die Zeit. Ich bin in gewisser Weise privilegiert, auch wenn meine Rente gering ist. Aber ich bin gesund, ich habe Zeit und das ist eine unwahrscheinlich große Ressource und da habe ich gesagt, jetzt fange ich noch mal neu an. Lesen, schreiben, malen, auch das, was dann immer schwieriger wurde.

Rentner mit Gehilfe (Bild: AP)
Rentner mit Gehilfe (Bild: AP)
Eine Operation hatte ihr das Augenlicht zurückgegeben. Gleichzeitig machte sie sich bewusst, dass noch ein Lebensdrittel vor ihr liegt. Wie will ich es gestalten? Viele Jahre war Christine Müller-Stosch als Lektorin in einem Verlag tätig, hatte gemalt, gesungen und einen großen Freundinnenkreis um sich aufgebaut. Nun, mit 60 befragte sie sich selbst: Wie war mein Leben, was ist gelungen, was nicht und wo möchte ich noch etwas korrigieren. Gerade durch diese kritische Rückschau entdeckte die heute 66-Jährige eine neue Haltung für ihr Alter:

Müller-Stosch: Ich habe in meinem Erwachsenenleben sehr häufig viele Sachen gleichzeitig gemacht und mir sehr wenig Pausen gegönnt. Ich habe gearbeitet und im Chor gesungen. Und ich habe gearbeitet und gemalt und habe sehr viel vor gehabt, neben der Arbeit. Einmal, was ich tun musste, um mein Leben zu erhalten und das, was ich "eigentlich" tun wollte. Und das hat mich dazu gebracht, pausenlos zu leben und auch gehetzt, um das zu haben, was ich eigentlich wollte. Und ich habe dann später festgestellt, dass es kein guter Weg war und habe es doch sehr lange so praktiziert. Und ich bin inzwischen dazu übergegangen, dass ich anders leben will. Und oft bin ich sehr traurig, dass ich das nicht vorher gewusst habe, dass die Dinge die ich tue, im Augenblick, dass darin die Kraft liegt.

Dieses Leben im Augenblick - davon ist zugewandte, freundliche Frau überzeugt - könnten auch andere an ihr beobachten. Und sei es bei einer einfachen Tätigkeit wie dem Laubharken im Herbst:

Müller-Stosch: Früher hab ich das vielleicht mürrisch getan, ach, wenn ich doch fertig wäre und auf die Uhr geschaut und jetzt, ich habe mich dahin gebracht, dass ich es genieße, dass ich das Laub zusammenfegen kann. Dass ich es überhaupt noch kann, dass ich mich bücken kann, dass ich die Kraft habe, es zu machen und mit der Schubkarre über den Hof zu gehen. Aber dass ich auch in einer Landschaft lebe, die mir das erlaubt, so nah an die Erde, an den herbstlichen Geruch, an älter Blätter kommen zu lassen.
Wenn ich jetzt im Sessel sitzen würde, vielleicht auch klagen, würde ich mich unfähig machen zu handeln und würde vielleicht auch viel mehr Zuwendung auch einfordern und die Zuwendung hat ja einfach auch mit Zeit zu tun. Und die jungen Frauen, die sind jetzt um die 40 rum - das ist die Generation, die jetzt am allerwenigsten Zeit hat. Und ich richte mich darauf ein und es gibt ab und an Treffen und die sind ein, zwei Stunden lang und das hält dann wieder ganz lange an.


So kehrte mit ihrem Rentnerdasein eine neue Art von Genügsamkeit und Gelassenheit, vielleicht auch Weisheit in ihr Leben ein.
Alte Menschen unterscheiden sich sehr darin, wie sie diese Rückschau glückvoll und befriedigend bewerkstelligen. Und den zufriedeneren Menschen gelingt es auch im Alter dem Leben noch offen zu begegnen.

Österreich: So lange man gesund ist, sich bewegen kann vernünftig, Texte behalten... Ich hoffe, dass ich so an die zehn Jahre noch mitmachen kann.
Müller-Stosch: Solange ich gesund bin, habe ich einfach Lust am Tun und mich ausdrücken, Lust am Ausdruck und jetzt kann ich mir die Aufgaben selber stellen und kann aber auch bis an die Grenze gehen. Und ich glaube aber auch, dass ist wichtig in meinem Alter. Ich möchte bis an die Grenze gehen, aber nicht über die Grenze hinaus.

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