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Kompass • Blicke in die Gesellschaft
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3.3.2005
Ich bin für mich und doch mit ihr zusammen
Paare, die getrennt leben
Von Hans-Christoph Zimmermann

Willkommen und Abschied (Bild: AP)
Willkommen und Abschied (Bild: AP)
Fernbeziehungen haben Konjunktur. Fast zehn Prozent der Deutschen zwischen 20 und 55 Jahren leben in getrennten Haushalten und pendeln zwischen Stadtteilen, Orten oder Ländern. Die Soziologie sieht darin allerdings keinen neuen Trend, sondern eine Rückkehr der Vielfalt von Lebensformen.

Angelika: Also 1991 haben wir uns kennen gelernt, da gab es halt einiges an Hin und Her, bis sich dann eben herausstellte, dass wir zusammenbleiben wollen, und dann war die Frage, beide sind wir berufstätig, wer würde in welche Stadt gehen.

Keiner von beiden ist gegangen. Angelika behielt ihre Stelle als Dokumentarin in Köln und ihr Freund Rainer arbeitete weiterhin bei einer staatlichen Behörde in Berlin. Seit zehn Jahren pendeln die beiden zwischen Rhein und Spree und führen das, was Wissenschaftler eine "Fernbeziehung" nennen. Auch Klaudia und Christian, die als Bibliothekarin und Abteilungsleiter bei einer Rundfunkanstalt beschäftigt sind, leben in zwei Haushalten, wenn auch innerhalb Kölns.

Christian: Ich hatte ja in meinem Elternhaus, in dem ich jetzt auch noch wohne, ne eigene Wohnung, auf der einen Seite, ich hatte den Sohn, auf der anderen Seite, und meine Eltern lebten noch und für mich war das natürlich durchaus auch eine sehr angenehme Situation, dass, während ich arbeiten ging, jemand im Haus war und das Kind beaufsichtigte.

Klaudia: Am Anfang unserer Beziehung wollte ich auf keinen Fall in die Wohnung einziehen bei Christian, weil für mich aus jeder Ecke die vorherige Ehe guckte, und war auch vorsichtig am Anfang der Beziehung, weil ich nicht wusste, ob das eine langjährige Beziehung gibt.

Fernbeziehungen haben Konjunktur. Fast zehn Prozent der Deutschen zwischen 20 und 55 Jahren leben inzwischen in getrennten Haushalten und pendeln zwischen Stadtteilen, Orten oder Ländern. Der Soziologe Norbert F. Schneider von der Universität Mainz erkennt darin Anzeichen eines langwierigen gesellschaftlichen Wandlungsprozesses.

Prof. Norbert F. Schneider: In einer generellen Einschätzung würde ich sagen, die Entstehung und Verbreitung von Fernbeziehungen ist keine direkte Folge der sexuellen Revolution der 68er Jahre, sondern sie ist mehr eine Folge struktureller Veränderungen des Arbeitsmarktes, sie ist mehr eine Folge der veränderten Rolle der Frau und sie ist an dritter Stelle eine Folge des veränderten Partnerschaftsideals.

Frauenbewegung, die Kritik an der bürgerlichen Ehe und vor allem die Individualisierung des Lebensstils haben das romantische Ideal von der Verschmelzung des Paares entzaubert. Anstatt sich in einem gemeinsamen "Wir" aufzulösen, verstehen sich die beiden "Ichs" als selbstständige Partner, die Wert legen auf ihre persönliche Autonomie.

Angelika: Ich hatte keine große Lust, Köln zu verlassen, erstens. Und zweitens ist es nicht so einfach, eine neue gute Stelle zu finden, und ich habe einen guten Beruf, den ich gerne mache, wo ich auch gut verdiene. Und mein Freund, bei dem war klar, er würde hier keine Stelle finden. Vorteil für mich persönlich ist, dass ich im Prinzip in der Woche machen kann, was ich will, ich kann mich mit den Leuten treffen, wann und wie ich es will, Freunden und Freundinnen - das ist für mich eigentlich so der Hauptvorteil.

Die Ehe ist deshalb noch kein Auslaufmodell. Für Juliana und Konrad, die als Psychotherapeuten arbeiten und seit sechs Jahren in einer Fernbeziehung leben, hat sie nur ihre Funktion geändert.

Juliana: Zum einen haben wir einen gemeinsamen Namen, das war damals so symbolisch, und ...

Konrad: Ich hab das auch so in Erinnerung, dass ich damals gesagt hab ein gemeinsames Kind war nicht geplant, wir können nicht zusammenziehen und dann können wir ja unserer Liebe dadurch einen Ausdruck geben, dass wir heiraten.

Häufig spukt die Ehe auch als Wechselbalg zwischen Normalitätsideal und abschreckender Erfahrung in der Beziehung herum.

Klaudia: Als eine Cousine und ein Cousin von mir am selben Tag geheiratet haben, da hab ich gedacht, so, jetzt möchtest du auch gerne mal heiraten und auch nur heiraten; aber Christian hat da leider nicht mitgezogen.

Christian: Ja, ich hab ja die Erfahrung schon mal gemacht und ich finde, dass unsere Beziehung ohne schriftliche Fixierung wunderbar funktioniert.

Klaudia: Aber ich wollte gerne einmal normal sein.

Paare wie Angelika und Rainer, Klaudia und Christian oder Juliana und Konrad, die mit Fünfzig in einer Fernbeziehung leben, haben meist langjährige Partnerschaften oder Ehen hinter sich. Sie wissen, dass die Sprengsätze häufig hinter einfachen Dingen wie hochgeklappten Toilettendeckeln oder Haargel am Wasserhahn lauern und sie versuchen deshalb, den Alltag aus der Beziehung fernzuhalten.

Konrad: Wir ersparen uns diesen Streit über die Küche, über das Badezimmer, über die Gestaltung des Flurs, über was im Kühlschrank ist, was im Kühlschrank nicht ist, sondern jeder hat die Hoheit über seine Wohnung und behält die auch. Ich für mich muss aber noch sagen, ich bin ein Alltagsflüchtling und ich hab so ein bisschen die Sorge oder die neurotische Angst, dass in einem gemeinsamen Leben, sich der Alltag verdoppelt.

Das Pochen auf Individualität hat allerdings seinen Preis.

Juliana: Ich denke, ich bin bei ihm zu Gast und auch wenn wir sozusagen gemeinsam Gäste haben, es ist immer so, es sind entweder seine Gäste oder meine Gäste und das ist auch etwas, was ich eigentlich sehr schade finde, also so kein gemeinsames Zuhause zu haben. Jeder hat sein Zuhause und ist bei sich Zuhause. Man kann vielleicht sagen, jeder führt im Grunde genommen ein Single-Leben.

Klaudia: Also am Wochenende sehen wir uns immer, nicht über beide Wochentage, also weil die Reiterei ganz wichtig ist für Christian und samstags hab ich immer so meinen Puzzletag und du auch, also sonntags sehen wir uns eigentlich immer und unter der Woche einmal, kann man sagen im Schnitt.

Christian: Je nach Bedürfnislage und festen Terminen, Sportterminen, die ich habe, und sonst setzen wir das spontan fest.

Ob Paare an einem Ort wohnen oder zwischen zwei Städten pendeln, das Wochenende ist die hohe Zeit der Liebe. Eine Art Idyll, in dem Freizeit und Partnerschaft zusammenfallen und alles vermieden wird, was die Zweisamkeit stören könnte.

Juliana: Das eigentliche Leben macht man alleine, oder man lebt eigentlich alleine, aber das mit dem Partner ist Ausnahmezustand; das ist etwas Besonderes, ich kleide mich besonders, wir überlegen, was machen wir Besonderes.

Konrad: Aber das finde ich auch schön. Wenn man an seine Beziehung denkt, hat man eine Vorstellung von etwas Besonderem, von etwas Schönem, von einem Fest, von einer Feier.

Angelika: Ein Nachteil ist auf jeden Fall, dass unsere Zeit sehr begrenzt ist, dass sich dann schon sehr viel aufs Wochenende konzentriert, und wenn ich mich dann zusätzlich noch mit einer Freundin treffe, wo er vielleicht nicht das große Interesse daran hat, geht es von unserer Zeit ab und das ist nicht immer so einfach.

Der damit verbundene Erwartungsdruck, so der Soziologe Norbert F. Schneider, kann jedoch auch zum Problem werden.

Prof. Norbert F. Schneider: Und in dieser Situation wird das gemeinsame Wochenende nicht selten mit Erwartungen überfrachtet, die im Prinzip gar nicht erfüllbar sind. Und die Enttäuschung ist schon am Bahnsteig vorprogrammiert, wenn der Partner nicht mit strahlendem Gesicht einen erwartet. Und ein zusätzlicher Aspekt, der problematisch sein kann, kommt hinzu, wenn die Paare nämlich während des Wochenendes an der einen oder anderen Stelle Probleme miteinander haben und dieser unaufgelöste Konflikt in die Woche mitgenommen wird.

Bei Paaren, die regelmäßig pendeln, wie Angelika und Rainer, kehrt der Alltag allerdings häufig durch die Hintertür zurück - mit entsprechender Rollenverteilung und den bekannten Konflikten.

Angelika: Wir pendeln schon so lange hin und her, dass das Wochenende doch überwiegend einen Alltagscharakter angenommen hat. Also wenn mein Freund fährt, ist es klar, dass ich zum Beispiel fürs Wochenende einkaufe, weil er hat die Fahrt, die Arbeit; wobei wir uns eigentlich nicht immer so ganz einig sind, reicht es denn, wenn jemand am Wochenende hier ist, nur zu spülen oder sollte es nicht doch etwas mehr sein. Ja und wenn ich dann bei ihm bin, muss er sich natürlich dann um das Drumherum kümmern, weil ich halt fahre.

Doch trotz regelmäßiger Treffen, trotz sonntäglicher Eintracht, es bleibt bei vielen Paaren ein Unbehagen zurück.

Juliana: Man muss auch klar sagen, dass ein ganz großer Bereich eben auch aus der Beziehung ausgeschlossen ist, das ist nämlich die ganze Woche und das, was dort an Leben stattfindet und an Entscheidungen, die getroffen werden müssen, ja oft auch vielleicht an Diskussionsbedarf, das muss man dann erst mal mit sich alleine ausmachen.

Die Fernbeziehung gehört längst zur Lebensrealität vieler Paare. Unternehmen fordern den mobilen Mitarbeiter; Wohnungsmarkt und Konsumgüterindustrie haben sich auf die neue Klientel eingerichtet. Nur konservative Kreise warnen nach wie vor inbrünstig vor dem "Untergang der bürgerlichen Ehe" - auch wenn dies historisch grundfalsch ist.

Prof. Norbert F. Schneider: Wir können, wenn wir weiter zurückblicken als in die 1960er Jahre feststellen, dass es eine große bunte Vielfalt von Lebensformen immer gegeben hat und dass es ein historischer Ausnahmezustand war in den 1960er Jahren, die Dominanz und die Monopolstellung eines Lebensmodells, nämlich das der bürgerlichen Ehe, und wir sprechen eher von einer Rückkehr der Normalität der Vielfalt. Wir gehen mittlerweile davon aus, dass sich die Fernbeziehung als eigenständiges Partnerschaftsmodell neben anderen, der Ehe, der nichtehelichen Lebensgemeinschaft zum Beispiel, etabliert hat und weiter etablieren wird.

Einige Privilegien der traditionellen Ehe wurden inzwischen zwar abgeschmolzen; doch die Debatten um Ehegattensplitting, doppelte Haushaltsführung oder die Besteuerung von Zweitwohnungen zeigen, wie schwer sich die Politik mit grundlegenden Änderungen tut. Die meisten Paare sehen die Fernbeziehung dagegen ganz pragmatisch als Lebensmodell des Übergangs. Ein später Berufswechsel, die Pensionierung oder die Volljährigkeit des Kindes aus einer früheren Partnerschaft setzen meist den Endpunkt unters Getrenntleben. Doch auch das muss noch lange nicht heißen, dass man nun für den Rest des Lebens Tisch und Bett teilt.

Klaudia: Aber dann hätten wir auch nicht vor, in eine Wohnung zu ziehen, sondern jeder hätte eine eigene Wohnung.

Christian: Also das kann ich mir gut vorstellen, hier in das Haus zu ziehen, und die Tatsache, dass wir dann sozusagen übereinander wohnen, würde unserer Beziehung vielleicht sogar nochmal so einen Kick geben.
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