KopfNuss
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15.10.2004
O-Ton-Rätsel
Wir suchen eine Persönlichkeit aus der Kultur

Thomas Mann (Bild: AP)
Thomas Mann (Bild: AP)
Von 1940 bis 1945 redet der Literaturnobelpreisträger Thomas Mann den Deutschen in 58 Radioansprachen während des Krieges von Amerika aus ins Gewissen. Dabei war ihm der Gestus der eindeutigen politischen und menschlichen Ablehnung des Naziregimes, und damit der direkten Einmischung in politische Affären, zunächst fremd. Hätte man ihn in seiner ersten Lebenshälfte gefragt, ob er ein politischer Mensch sei, er hätte es wohl verneint. Er hat sich immer als einen Mann des Geistes begriffen, und nicht als einen der Politik. Nur deshalb zählt Thomas Mann, der sich selbst in der Nachfolge Goethes sah, wohl auch zu den bedeutendsten Schriftstellern, ja schon längst zu den Klassikern der deutschen Literatur.

Über seine Ablehnung des Politischen hat er sogar ein Buch geschrieben. "Betrachtungen eines Unpolitischen" hat er das 1918 erschienene Werk genannt. Darin pflegt er die Attitüde eines weltabgewandten Literaten, der dekadent den nichtpolitischen Status des geistigen Lebens betont und sich nur diesem verpflichtet fühlt. Mit seinem Bruder Heinrich kam es deswegen zum Streit. "Ich bin, im geistig Wesentlichen, ein rechtes Kind des Jahrhunderts, in das die ersten 25 Jahre meines Lebens fallen: des neunzehnten", sagt er in den Betrachtungen.

1875 in Lübeck geboren, fühlt er sich in der Tradition des Humanismus verwurzelt. Das hat er nicht seiner Heimatstadt zu verdanken, "wo man vom Humanismus nicht viel wusste", wie er schreibt, sondern eher der griechisch-römischen Sagenwelt, die sich ihm in einem Buch aus dem elterlichen Haushalt eröffnet. Dabei ist Humanismus für ihn nicht an Bildung oder gar Philologie geknüpft. Der Humanismus ist keine Frage von Griechisch und Latein. Er ist für ihn eine Gesinnung, eine menschliche Verfassung, auf der die gesamte europäische Kultur fußt. Das Christentum und die klassische Antike sind die Pfeiler, auf denen diese Kultur ruht, die in seinen Augen für Werte wie Gerechtigkeit, Freiheit, aber auch Milde, Heiterkeit und Duldsamkeit steht. All diese Werte sah er sehr früh durch die Nationalsozialisten offenkundig bedroht.

In den 20er Jahren ändert sich deshalb sein Sinn. Er macht seinen Frieden mit seinem Bruder Heinrich und der neuen Staatsform der Demokratie - und äußert sich zunehmend politisch.

Die Familie Mann bei ihrer Ankunft in New York 1939. In der Mitte Erika Mann. (Bild: AP Archiv)
Die Familie Mann bei ihrer Ankunft in New York 1939. In der Mitte Erika Mann. (Bild: AP Archiv)
Als die 58 Sendungen an "Deutsche Hörer!" über die BBC in London versendet werden, ist Thomas Mann längst kein deutscher Staatsbürger mehr. Nach der Machtergreifung Hitlers 1933 war Mann von einer Vortragsreise nicht nach Deutschland zurückgekehrt. Er lebte zunächst in der Schweiz. 1936 wurde ihm die deutsche Staatsangehörigkeit aberkannt und er wurde vorübergehend tschechischer Staatsbürger. 1939 siedelte er in die USA über, deren Staatsbürgerschaft er 1944 annahm.

Der Verlust seiner deutschsprachigen Leserschaft im Exil trifft ihn schwer. Umso willkommener ist ihm das Angebot der BBC, die Radioansprachen an die deutschsprachige Hörerschaft zu verfassen. Ihn verlockt die Aussicht, "dass das Geschriebene in seiner angeborenen Gestalt, auf deutsch werde wirken dürfen." Die Sendungen werden in Los Angeles auf eine Schallplatte aufgenommen, nach New York geflogen, von dort aus übers Telefon nach London geschickt, wo sie erneut auf Platte aufgenommen und dann vor einem Mikrofon abgespielt werden.

Als Warner und Freund eines in die Irre geleiteten Volkes tritt er an seine deutschen Hörer heran. Auch Hitler selbst hat seine Stimme auf dem verbotenen Feindsender vernommen, wie Mann erheiternd feststellt, nachdem der Diktator sich in einer Rede unmissverständlich auf ihn bezogen und ihn zu denen gezählt hatte, die eine Revolution gegen ihn anzuzetteln versuchten.


Schriftsteller und Literaturnobelpreisträger Thomas Mann, 1955 (Bild: AP)
Schriftsteller und Literaturnobelpreisträger Thomas Mann, 1955 (Bild: AP)
Selbst das Bombardement seiner eigenen Heimatstadt Lübeck rechtfertigt Mann, indem er auf die Greuel der deutschen Kriegsführung hinweist und anmerkt, dass alles bezahlt werden müsse.

Obwohl er nach dem Krieg gebeten wird, wieder nach Deutschland zurück zu kehren, kann Mann sich nicht dazu entschließen. Zu fremd ist ihm das Land geworden, zu tief sitzt der Schock der Entwurzelung, den dieses Land ihm zugemutet hat. Erst 1949, anlässlich des Goethe-Jahres, betritt er wieder deutschen Boden. Er stirbt 1955 im Exil in der Schweiz.


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