KopfNuss
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23.9.2004
Harte Nuss
Gesucht wird ...
Von Susanne Billig

Im Altertum war es noch unbekannt, oder anders herum betrachtet: ES war alles, das, in dieser Hinsicht, existierte. Außer der Haupt- gab es damals keine Nebensache. Was oben war, war gleichzeitig auch unten - so hielten es die Römer, die Griechen, die Ägypter und sämtliche orientalischen Völker. Und wenn man, aus klimatischen Gründen, mal mehr als eines brauchte, war das auch kein Problem: Augustus beispielsweise nahm immer gleich vier davon, gleichzeitig. Forscher vermuten, dass ES sich sozusagen aus seinem Nichtvorhandensein entwickelte - das, was weder Haupt- noch Nebensache war, wanderte nach unten, während sich oben andere Formen herauszubilden begannen. Ein Fachbuch berichtet:

Wahrscheinlich kam es aus dem Orient in die römische Kultur; es kann aber auch durch die Barbaren inspiriert gewesen sein. Es ist also möglicherweise germanischen Ursprungs oder jedenfalls doch so etwas wie die Vermählung einer germanischen mit einer orientalischen Idee.

Seit dem vierten Jahrhundert bestand es immer aus derselben Substanz, die zwar schlicht, aber in ihren Eigenschaften doch ideal für diese Aufgabe geeignet war. Nach und nach ließen die Vornehmen und Wohlsituierten es allerdings aus edleren Materialien herstellen, die man in der Ferne kennen gelernt hatte. Und weil die Vornehmen es auch gerne haben, wenn die Mitwelt gleichfalls von ihrer Vornehmheit in Kenntnis gesetzt ist, wurde es üblich, ES vorzuzeigen: An bestimmten Stellen musste es sich nun zeigen, ja, zu immer größeren Teilen wurde es sichtbar. Trügerische Kunstgriffe machten sich breit: ES wurde verziert und verschönert und erhielt Bestandteile, die man herausnehmen und wieder einsetzen konnte.

Die kostbaren Extra-Bestandteile hatten ihre Tücken: So widerfuhr es der Gemahlin des Königs René von Sizilien, dass sie - als Zuschauerin einem religiösen Schauspiel beiwohnend - einen Teil des ihren verlor: Es wurde ihr während des Schauspiels gestohlen, ohne dass sie es bemerkte.

So reich verziert wurde es nun, dass man vor einer Reinigung der Kostbarkeit zunehmend zurückscheute. Das Volk hielt es ebenso, weniger, weil das des Volkes kostbar, sondern weil die Reinlichkeitsvorstellung entsprechend war - einen Vorrat von zweien oder dreien legte man nicht an, befand dies auch nicht für nötig. Die Nachteile, die daraus - im wörtlichen Sinne - erwuchsen, galten als nebensächliche Unannehmlichkeit, die es mit Humor und Geduld zu ertragen galt. Mit Stolz ertrug der Edelmann die Unannehmlichkeiten seines Ehrenkodex. Auch hier spielte ES eine wichtige Rolle: Die Damen der höfischen Zeit pflegten das ihrige den Rittern zu übergeben, welche für sie schwärmten. Beim Turnier legten die Ritter ES dann über ihre Rüstung, um es hernach den Damen ihres Herzens blutig und zerstochen wieder überreichen zu können.

Erst mit dem Ausgang des Mittelalters verlor es seinen Nimbus als eigentlich überflüssiger Luxus, Italien spielte die Vorreiterrolle, der Rest von Europa zockelte hinterher. Während bis weit ins 17. Jahrhundert sechs Millionen Spanier nicht einmal bei hellichtem Tage von IHM etwas wissen wollten, hatte Italien längst einen neuen, nächtlichen Brauch eingeführt - und schuf zu diesem Zwecke eine voluminöse Kopie der täglichen Sitte. Etwa zu dieser Zeit erlangte ES auch eine neue symbolische Bedeutung: Im Wien des 17. Jahrhunderts musste jede Braut es ihrem Bräutigam als Brautgabe überreichen - als Zeichen für das neue Leben, das den jungen Mann erwartete. So wurde es Teil der Übergangsriten - ein Sinnbild dessen, womit der Mensch sein Leben betritt und es später wieder verlassen muß. Erst im achtzehnten Jahrhundert setzte es sich endgültig durch.

Sein Name geht zurück auf die indogermanische Silbe "Kem" - das heißt so viel wie "verhüllen". Die alte Silbe findet sich noch in dem Wort "verkamisolen". Verkamisolt haben früher die Räuber ihre armen Opfer - sie nahmen ihnen alles weg, nun, fast alles. In unserem Jahrhundert wurde, sicher, auch verkamisolt, aber auch Politik gemacht - mit IHM. Mit SEINER Hilfe ließ sich zeigen, wes Geistes Kind einer war. Gedanken wurden in Farben getaucht und nach außen gekehrt, so lange ist das gar nicht her.
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