KopfNuss
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28.9.2004
Redewendungen
Von Laf Überland

"Die Sonne tauchte ins Meer", fuhr Odysseus nach einer Pause fort, den horchenden Phäaken zu erzählen, "als wir, von einem wunderbaren Fahrwinde vorwärts getrieben, am Ende der Welt beim Gestade der Kimmerier, das in ewigem Nebel liegt."

Naja, Homer pflegte recht ausschweifend zu reden. Kurz gesagt jedenfalls: Es war der Vater des Odysseus, auf den die heut' gesuchte Redensart sich seither mit Beklemmungen bezieht: Zwar hatte der die große Stadt am Isthmus gegründet, jedoch wird er auch als der verschlagenste aller Menschen bezeichnet: verriet die Pläne der Götter - und überfiel und tötete Reisende! Von Theseus ward er deshalb in Athen erschlagen: dem Veteranen der Argonautenfahrt, der auch das Schwein Phäa erschlug. Im Tartaros ward er fortan dazu verdammt, nur immerzu denselben Unsinn zu vollführen.

Übrigens war der Protagonist der Redensart des Tages - man kennt das aus den Mafia-Sagen unserer Epoche - wahrscheinlich ohne Alternative in diesen Sog des Bösen rein geraten. Denn sowohl seine Vorfahren waren vom Schicksal der Verdammnis und Strafe der Götter geschlagen - wie auch so mancher seiner Nachkommen! Und seine Biografie wirft ein Licht auf den vergeblichen Kampf, seinem Schicksal und Fluch zu entrinnen.

"Er ist der Held des Absurden," so bejubelte Albert Camus unseren traurigen Helden: "Dank seiner Leidenschaften und dank seiner Qual. Seine Verachtung der Götter, sein Hass gegen den Tod und seine Liebe zum Leben haben ihm die unsagbare Marter eingebracht, bei der jedes Wesen sich abmüht und nichts zustande bringt."

Früher - als noch der Mensch auch hierzulande sich nicht zu schade war für proletarischen Erwerb des Lebensunterhalts - waren derartige Tätigkeiten, wie sie die Redensdart umschreibt, für viele Menschen ganz normal: Zum Beispiel der Heizer - ob im Palast oder auf einer Lokomotive - verdiente doch sein Geld damit, stets Brennmaterial in den Kessel zu werfen, auf dass es doch beim nächsten Nachgucken verbrannt war und er von Neuem anzufangen hatte.

In der modernen Volkswirtschaft wird übrigens mit dieser Redensart das System derjenigen Nationalökonomen bezeichnet, welche die Arbeit um ihrer selbst und nicht um ihres Erfolgs willen als schätzenswert bezeichnen. Der Hauptdarsteller sei, so kriegen heutige Entrepreneurs zu hören, ein Vorbild für die Zuversicht, es immer wieder von Neuem zu versuchen - egal, wie sinnlos es der tapferen jungen Ich-AG auch scheinen mag! Trotz höchster Anstrengung nicht genug!! Nicht genug! - Niemals genug!
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