KopfNuss
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7.10.2004
Harte Nuss
Gesucht wird ...
Von Susanne Billig

Eines Tages drängte es den Göttervater Zeus, IHN aufzuspüren im ganzen Erdenkreis. Also ließ er von zwei entgegengesetzten Orten aus je einen Adler fliegen. Sie schwangen sich in die Lüfte empor und verloren sich im Dunst des Himmels. Genau in Delphi geschah es, dass die Adler wieder zueinander kamen. Also errichtete man hier den heiligen Omphalos-Stein.

Nicht nur die Griechen waren überzeugt, dass ER bei ihnen - und nur bei ihnen - zu finden sei. Was den Griechen der Omphalos, das war den Römern ihr "Umbilicus orbis" auf dem Forum Romanum in Rom. Ob Babylonier oder Ägypter, Perser oder Inder, Japaner oder Araber - sie alle waren überzeugt, er sei in ihrem - und selbstverständlich nur in ihrem - Land zu finden. Das WO wäre also geklärt: Es gibt ihn nur einmal, aber das tausendfach. WARUM jedoch ist er in der Welt? Darüber rätselt die Menschheit seit Jahrhunderten. Geschichtsforscher wissen:

Die frühen Christen waren der Meinung, ER sei eine Hinterlassenschaft Gottes nach seiner Bemühung um die Erschaffung des Menschen. Laut einer alten türkischen Sage hat an DIESER Stelle ein Teufel dem ersten Menschen die Sünde auf den Leib gespuckt. Allah wischte den Speichel ab, er ging in seinem Zorn aber ein wenig zu heftig vor - seitdem ist ER da. Dem jüdischen Talmud zufolge mussten Adam und Eva ohne ihn auskommen.

Nicht, weil der Talmud an der Schöpfungskraft Gottes zweifelte, sondern weil er im Gegenteil sehr nüchtern die Biologie zu Rate zog. Für den griechischen Philosophen Demokrit war ER ein Ankerplatz für den umherirrenden Menschen, ein sicherer Zufluchtsort in den Brandungen des Lebens. Und in Indien bezeugten Lehrer und Schüler ihre Verbundenheit, indem sie IHN bei jeder Begegnung gesondert begrüßten.

Nicht nur im Orient, sondern auch bei den alten Indianervölkern Südamerikas wurde er mit goldenem Schmuck behängt und verehrt. Er galt als Symbol der Weiblichkeit, mitunter wurde ihm auch die Kraft zugestanden, neues Leben zu gebären. In der indischen Mythologie gehen sogar ganze Universen aus ihm hervor.

Wenn er in afrikanischen Kulturen im Rahmen eines Initiationsrituals für junge Männer mit Blut beschmiert wird, hat auch das eine tiefe Bedeutung. Eine "männliche Menstruation", eine magische Teilhabe an der weiblichen Gebärfähigkeit sehen Forscher darin. In Europa hingegen hielt man ihn Jahrhunderte lang im Verborgenen. Nun, das hat sich mittlerweile verändert - zurzeit ist sein Exhibitionismus kaum einzudämmen. Heute zeigt er sich auch in einer neuen Form: Der Verhaltensforscher Desmond Morris hat herausgefunden, dass er heutzutage genau sechsmal häufiger als in vergangenen Jahrhunderten länglich denn rund in der Malerei anzutreffen ist. Da sind wir also von den afrikanischen Kulturen gar nicht mehr allzu weit entfernt.

ER ist ein Paradox, zeugt gleichermaßen von der Abhängigkeit wie von der Autonomie des Menschen. ER ist der Ort, an dem der Mensch "Ich" sagen lernt, notgedrungen. Und da viele Menschen das so besonders gerne sagen, betrachten sie ihn täglich ausgiebig. Gesünder wäre es, sich hin und wieder einen Neuen anzuschaffen, ganz autonom. Das wollte vor einigen Jahren auch eine Frau in den USA, doch leider ging das Unterfangen im Wortsinne daneben. Die Frau verklagte den Arzt, der seine Arbeit nicht zentriert angelegt hatte. Und jetzt wissen wir auch, was er wert ist: 7000 Euro.
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